Brief aus der Zukunft (V)

Meine liebe Leni,

einen wunderschönen Gruß aus der frohen Zukunft!

Ich habe vor kurzem einen deiner Aufsätze gelesen – ja, wir lesen Bücher aus eurer Zeit! Es ist sehr spannend, anhand von Texten zu erforschen, wie die Menschen im Laufe der Zeit dachten, wie sich ihr Blick auf die Zukunft verändert hat und welche Rolle dabei optimistische und pessimistische Erzählungen spielen – du weißt ja, ich bin Wissenschaftlerin.

Du schreibst darin von der Schwierigkeit, dir einen Planeten Erde vorzustellen, dessen Bewohner:innen nett zu sich und ihrer Umwelt sind und die nicht die Gier nach mehr Geld und Macht, sondern Mitgefühl, Nächstenliebe und Solidarität walten lassen. Du schreibst, wie sehr euch eine positive Zukunftsvorstellung fehlt, weil euch der Glaube an das Gute im Menschen verloren gegangen ist und Gemeinschaften sich eher durch Hass und Ausgrenzung bilden als durch die Besinnung auf Gemeinsamkeiten. Verzeih, wenn ich heute mal nicht korrekt zitiere.

Mir hingegen fällt es manchmal schwer, dir mein Jetzt zu beschreiben, weil es sich so selbstverständlich anfühlt. Ich sage mal so: Die Menschen brauchen Regeln, sie gewöhnen sich an alles. Und es geht alles, wenn wir nur wollen. Eine große Floskel, aber sie ist so wahr. Wir mussten wollen, dass es allen Menschen auf der Erde gut geht, sie zu essen haben, nicht in ständigem Krieg leben, sie nicht an in anderen Ländern ausgerotteten Krankheiten sterben, die Ungleichheit nicht immer größer wird und so fort. Wir mussten ein besseres Leben für alle wollen.

Es war ein Kampf, das ist auch wahr. Viele Menschen gaben den Widerstand erst spät auf, weil sie lange meinten, wir wollten ihnen „alles“ wegnehmen. Das wollten wir nicht. Aber wir mussten ihnen auch klarmachen, dass eine gerechte Welt nicht beinhaltet, sich alles jederzeit und an jedem Ort verfügbar, sich alle Lebewesen der Erde untertan zu machen, ohne Maß und nur weil man es kann.

Das ist auch das Stichwort und Motto unserer Zeit: Maß. Wir können nicht mehr zu jeder Zeit alles konsumieren, nach dem uns gerade gelüstet. Diese Gelüste, diese Begierden haben uns damals fast in den Ruin getrieben, an besagten „Abgrund“, von dem ich dir einst erzählte. Ich muss es so sagen, aber der Konsum damals grenzte an Perversion. Jetzt gibt es weniger von allem, aber dafür genug für alle, besser verteilt.

Ich weiß, in eurer Zeit denken viele noch: Aber das werden sich viele niemals gefallen lassen, viele machen da eh nicht mit, dieses Modell kann gar nicht funktionieren, ideelles Gelaber. Du siehst es nicht, aber wenn ich manche Artikel und Bücher aus eurer Zeit lese, muss ich lächeln. Wenn ihr wüsstet, wie einfach es sein und wie gut man sich fühlen kann.

Du schreibst von dem Schmerz, den eine immer stärker leidende Welt in jedem von euch auslöst, an dem immer mehr Menschen erkranken. Ich sage dir: Es wird alles wieder gut, ihr werdet wieder gesunden. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht morgen, und es wird euch sehr viel Kraft kosten. Vielleicht auch nicht du selbst, vielleicht deine Kinder, oder die Kinder deiner Kinder. Aber ist das nicht Lohn genug? Zu wissen, dass diese es mal besser haben werden?

Das Problem ist, einer muss anfangen. Ein farbenfrohes Bild in der Ferne aufzumalen und in dessen Richtung zu gehen. Und weil ich von der Hoffnungslosigkeit in deiner Zeit gelesen habe, wage ich es immer wieder, dir zu schreiben. Wenn ihr nicht für uns loszieht, wird es mein Jetzt nicht mehr geben.

Liebste, Hoffnung bringende Grüße aus der Zukunft
Deine Lenka Lewka

Brief aus der Zukunft (IV)

Liebe Lenka,

verzeih, dass ich mich so lange nicht meldete. Manchmal muss ich Abstand zur Vergangenheit nehmen, im Hier und Jetzt leben und für die Menschen meiner Gemeinschaft da sein.

Der Grund, warum ich dir heute schreibe: Mir fiel ein, ich habe dir noch nicht von etwas sehr Wichtigem erzählt. Na gut, ich habe dir vieles noch nicht erzählt, weil es noch unpassend ist oder ich die richtigen Worte nicht finde.

Das Thema des heutigen Briefes ist: Für die Zeit, in der du lebst, ist es wichtig, ein Ziel zu kennen und in dessen Richtung mutig vorwärtszuschreiten. Einige Dinge werdet ihr hinter euch lassen müssen, aber das ist nicht schlimm, je weniger Gepäck, desto besser. Vieles in eurer Zeit ist sowieso veraltet und erschwert eure Reise. Manche werden aufgeben, es werden sich verschiedene Gruppen bilden aufgrund von Uneinigkeiten über den „richtigen“ Weg.

Viele sind erschöpft, weil das Gepäck schwer ist, die Vielzahl der Wege zum Ziel unübersichtlich und letzteres oft nicht mehr sichtbar oder sogar ganz vergessen. Sie können nicht mehr, bleiben lieber stehen, machen es sich an Ort und Stelle bequem, dort ist es ja gerade ganz gut auszuhalten, so schlecht geht es niemandem. Aber hinter euch droht Feuer und Wasser abwechselnd mit eurem Untergang, alte Gespenster tauchen auf, flüstern euch schaurige Geschichten ins Ohr, sie kennen eure Urängste genau, denn davon ernähren sie sich.

Die Menschen werden beginnen, hohe Mauern um sich herum zu bauen, die ihnen das Gefühl von Sicherheit geben, doch jede Mauer ist überwindbar. Und während sie die Bedrohung vermeintlich draußen hält, ist diese schon längst in die Menschen gekrochen, denn in Wahrheit kommt sie von drinnen. Sie wird sie von innen heraus auffressen, und eingemauert durch Wände an Toten werden sie von der nächsten Flut überrollt, unfähig, auszubrechen und zu fliehen. Wer um sich herum Mauern baut, wird selbst zum Gefangenen. Gruselig, oder?

Es ist auch eine sehr beängstigende Zeit, in der das Gegenteil von Mauern und Angst wichtig ist: Das, was deine Zeit so dringend benötigt, ist Mut und vor allem Hoffnung. Euch fehlt noch die entscheidende, alle vereinende Erzählung, das Ziel, in dessen Richtung ihr laufen könnt.

Was gerade mit euch passiert: Ihr werdet von der Angst in tausend verschiedene Richtungen zersplittert, blind getrieben in Richtung Abgrund. Ich kann dir sagen, es gibt da tatsächlich einen, ich verrate nicht, wo, aber ich weiß, dass er da ist. Lasst euch nicht von den alten Geistern jagen, und wenn, dann nur zu mir, in Richtung Hoffnung.

Voll Verzweiflung fragst du, wie eine solche Erzählung aussehen kann? Seid optimistisch. Stellt euch eine Welt vor, wie sie euch gefällt. Geht davon aus, dass Menschen gut sind, dass sie rücksichtsvoll im Hinblick auf die gesamte Menschheit handeln. Nehmt all eure Intelligenz zusammen, mit der ihr so viel Unheil anrichtet, immer nur mit dem Gedanken an mehrmehrmehr, und entwickelt Technologien, die euch helfen, nicht zerstören. Oder zerstört die Technologien, die euch kaputt machen, das geht auch (meistens entstehen diese ja in guter Intention). Besinnt euch eurer Verbindung mit Allem, eures Einsseins, denn die Getrenntheit eurer Zeit hat euch krank gemacht. Nutzt die Kraft, mit der ihr zerstört, zum Wiederaufbau, zum Erhalt, zur Gesundung.

Mehr kann ich heute nicht schreiben, der Brief ist schon zu lang. Besser gesagt, ich darf nicht, ich habe schon genug Ärger mit den Behörden. Du musst wissen, es gibt da eine Behörde in meiner Zeit, die ist nur dafür zuständig, dass Zeitreisende weder die Vergangenheit noch die Zukunft ändern. Das ist auch gefährlich, ich habe das schon selbst erlebt. Aber ein bisschen Hilfe kann nicht schaden, was meinst du? Ich hoffe, du empfängst diesen Brief wohlbehalten und ziehst ein wenig Hoffnung daraus.

In Liebe,

Deine Lenka Lewka

[Halle, 17.9.2023]

Lenas Leitlinien – Teil 2

Teile, was du hast, denn je größer der Besitz, desto mehr kannst du verlieren, desto unbeweglicher (du sitzt auf einem großen Haufen Geld und Zeug, je größer dieser ist, desto weiter entfernst du dich vom Boden), ängstlicher, gieriger und einsamer wirst du.

Vertraue: deinem Herzen und also den Menschen, die es in sich aufgenommen hat. Vertraue nicht: deinen alten Erfahrungen, die dir Schmerzen bereitet haben, aber aus denen du auch stärker hervorgegangen bist und durch die du jetzt da bist, wo du bist.

Vergiss aber trotz all der Liebe nicht: dich. Du darfst Bedürfnisse haben, du darfst erwarten. Vergiss deine eigenen Grenzen nicht. Auch dein Akku ist irgendwann leer. Die güldene Mitte muss gewahrt werden: Auch wenn das Boot mal auf die eine, mal auf die andere Seite schwankt, muss es immer wieder zurück zur Mitte finden, wenn es nicht untergehen will.

Vertraue dem Weg, wo alles so kommt, wie es sein soll. Was bleiben soll, bleibt, was gehen soll, geht.

Bekommst du Bilder oder Ideen geschenkt, gebäre sie. Sie sind wie du Teil eines größeren Ganzen und du bist auserwählt, sie zur Welt zu bringen.

Glaube an dich und sperre alle Zweifel aus. Das, was dein Herz dir sagt, ist immer richtiger als alle Zweifel deines Kopfes, die Stimmen aus der Vergangenheit und der Gesellschaft entspringen (die aber keine Ahnung von dir haben und hatten). Misstrauen gegen dein Herz entstammt deinen Erfahrungen, die aber nicht für diesen Moment gelten müssen. Bleibe offen.

Setze das, was du siehst, um, egal, was andere sagen, und staune. Liebe dich für deinen Mut und deine Kreativität!

Was ist Kunst anderes als Ausdruck deines Innersten! Und das Innerste ist das, was dem Kopf am meisten verhasst ist, genauso wie diesem System, weil es von ihm und dem Ich wegführt hin zu einem Wir.

Den ersten Teil findet ihr hier: Lenas Leitlinien – Teil 1 (mit Einführung)

Lenas Leitlinien – Teil 1

„Liebe ist die einzige Revolution.“
Krishnamurti

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, aufzuschreiben, welche Erkenntnisse mir weiterhelfen. Was mich größer, stärker macht. Ich habe es „Regeln“ und „Gebote“ genannt, aber „Leitlinien“ finde ich gerade am besten. „Erinnerungen“ würde auch passen, denn die Sätze erinnern mich wortwörtlich daran, dass viele meiner Probleme kleiner sind oder von vornherein gar nicht existieren, zumindest nicht mit der richtigen Blickweise. „Erinnern“ würde auch im Platonschen Sinne passen, denn schließlich erinnere ich mich daran, was ich eigentlich schon wusste. Wenn es mir mal schlecht geht oder ich in meinem Gedankenstrudel zu versinken drohe, lese ich mir diese Leitlinien durch und schon verschwindet das Problem oder wird zumindest bedeutend kleiner.

Es kommt wirklich auf die Einstellung und den Blickwinkel an. Nicht umsonst fragt man auch bei Kameras: Wie ist sie eingestellt? Je nach Einstellung sieht man nur bestimmte Dinge, niemals alle.

Und ja: Auch wenn ich diese Erkenntnisse hatte, heißt das nicht, ich hätte sie auch verinnerlicht. Du musst eine Bewegung tausend Mal machen, bevor du sie automatisch durchführst. So sagte einmal mein Selbstverteidigungslehrer, und ich denke, das gilt auch für die folgenden Sätze. Du kannst dein Gehirn dazu bringen, dich anders zu bewegen, anders zu sehen, anders zu denken. Aber du musst dafür trainieren: dich hinausbegeben, immer wieder Fehler begehen, eigene Erfahrungen sammeln, die selben Sätze wiederholen, bis du sie im Schlaf beherrschst. Nur dann werden sie eines Tages automatisch abgespielt, wenn du sie brauchst.


Lenas Leitlinien

Vergleiche dich mit nichts und niemandem mehr. Dann gibt es keinen Komparativ oder Superlativ mehr, kein Besser, Schlechter, Schöner, Dicker, Dünner, Reicher – es gibt dich und die anderen und ihr alle seid eins. Die Vergleiche, die mit dir angestellt werden, die dich benoten und bewerten – sei dir bewusst, dass sie von außen kommen und nichts über deinen tatsächlichen Wert (der nicht messbar ist) aussagen. Dieses System lebt vom Vergleich.

Glaube niemals deinem Gedanken, dass es andere „besser“ als du haben, nur weil du z.B. Videos und Fotos von ihnen siehst, auf denen sie scheinbar eine gute Zeit haben. Jedem Menschen ist eine Aufgabe mitgegeben, jeder Mensch hat etwas zu lösen, für manche ist es der tägliche Kampf des Überlebens, andere, vor allem in unserer Wohlstandswelt, haben eher innere Probleme. Niemand hat ein perfektes Leben, jeder hat mit etwas zu kämpfen, sei es im Innen oder Außen.

Immer dann, wenn dich Neid oder Eifersucht überkommen, wende sie ins Gegenteil: Freue dich für den anderen – ihr seid Teile eines größeren Ganzen, also kannst du auch seine Freude spüren.

Immer wenn Hass, Zorn, Wut dich überkommen, gehe zurück in dein Herz, umarme und liebe den Teil in dir, der diese Gefühle in dir verursacht.

Immer wenn dich negative Gedanken zu übermannen drohen, wende sie ins Gegenteil: Alles ist gut, alles wird gut, hab Vertrauen, besinne dich auf die Liebe in dir.

Wenn dich die Angst überfällt, lass sie dein Herz nicht verschließen. Angst kommt von eng, engst, alles wird eng und zieht sich zusammen. Mach dein Herz weit auf, streck die Arme aus, umarme das Unbekannte, denn das ist das Leben.

tbc.


P.S.: Ich erweitere meine Leitlinien ständig. Manchmal kommen zu alten Erkenntnissen neue hinzu, manchmal ändern sich die alten. Letzteres versuche ich allerdings zu verhindern, indem ich die Leitlinien so radikal wie möglich denke und formuliere. Vielleicht habt ihr ja ähnliche Sätze? Oder zusätzliche? Und: Wie ihr an der Überschrift schon erkennen konntet, folgt ein zweiter (vielleicht ja sogar ein dritter?) Teil, will ja nicht sofort alles verraten. Bin gespannt auf euer Feedback.