Wie diese Geschichte erzählen?

Alles begann in dieser Stadt. Hier hatte ich schon hunderte von Leben gelebt. Immer wieder von vorne angefangen, dazu oder nichts gelernt, Fehler gemacht, geliebt, gelitten.
Jedes Leben eine neue Chance.
Eine Chance auf was? Aus den eigenen Fehlern zu lernen, gut zu handeln, ein guter Mensch zu sein? Auszubrechen aus dem ewigen Kreislauf? Es hinüber ans andere Ende schaffen?
Vielleicht, vielleicht nicht.
Immer wieder also hatte mich das Leben in diese Stadt zurückgeführt. Die letzten Leben allerdings waren die Hölle. Das weiß ich noch, verschwommene Bilder davon quälen mich nachts, das meiste aber habe ich verdrängt.
Kein Wunder, dass ich mich quergelegt hatte, als das Leben mich aus dem Bauch meiner Mutter rief. Nein, wieso diese wohlige warme Höhle verlassen, wenn ich hier doch alles hatte? Doch es rief mich unerbittlich, und die Menschen da draußen hatten beschlossen, mir die vermeintliche Wahl abzunehmen. Vielleicht hatten sie auch eine Vorahnung, wie wichtig dieses Leben für mich werden sollte.
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Nun ist es in dieser Stadt nicht leicht, dem für dich bestimmten Weg zu folgen. Zu viel Ablenkung begegnete mir, und schon sehr früh vernahm ich jene Stimmen, die mich immer wieder vom Weg abbringen wollten. Sirenen, die mich riefen, bis ich an ihrem Felsen zerschellte. Am Meeresboden in tausend Teilen schwimmend, hatte ich dann nur die Wahl zwischen aufgeben und davon treiben lassen — oder aktiv alles daran setzen, wieder auf meine Spur zurückzukehren.
Wie unschwer erkennbar ist allein an der Tatsache, dass ich gerade diese Geschichte erzähle, habe ich es geschafft. Auf welche Weise dies geschah, versuche ich hiermit zu rekonstruieren. Im Nachhinein ergibt zwar alles einen Sinn, in jenen Momenten meistens jedoch nicht. Ich werde so gut es geht versuchen, meine Erlebnisse zu erzählen, ohne zu viel aus dem Jetzt hineinzuinterpretieren. Auch wenn, und das muss ich gleich erwähnen, alles, was ich hier schreibe, allein meiner Wahrheit entstammt, und jede Geschichte sogleich eine Interpretation dieser ist.

Natürlich hängt alles zusammen, doch fällt es mir schwer, zwischen den einzelnen Episoden einen stringenten Zusammenhang zu ziehen. Manchmal geschieht etwas einfach, weil es geschehen soll, und nicht, weil es einen bestimmten Grund dafür gibt. Obwohl dies natürlich schon Grund genug ist. Lange habe ich überlegt, wie diese Geschichte zu erzählen ist, aber sie ist wie alle komplexen Dinge aus vielen Einzelteilen bestehend, aus Begegnungen, Augenblicken, Jahrzehnten, die nur schwer in Verbindung zu bringen sind und doch zusammen gehören.

Wie könnte ich mir anmaßen, ein so komplexes Leben auf ein paar in eine Reihenfolge gebrachte Ereignisse zu reduzieren, wenn doch vielleicht alles gleichzeitig stattgefunden hat, oder sogar mit Jahrhunderten von Jahren Entfernung? Wer bin ich mir anzumaßen, eine solche Geschichte zu erzählen, die die Leserschaft zum Schluss führt, alles müsse in einer bestimmten Reihenfolge geschehen, an der sie sich ab jenem Moment messen?

Veröffentlicht von

lenkasause

Schreibe Kurzgeschichten, Träume, Gedichte, Kommentare, einen Reiseführer...und meine Doktorarbeit.

11 Gedanken zu „Wie diese Geschichte erzählen?“

    1. Danke dir 🙂
      Ja, der Ausschnitt gehört zu meinem größeren Projekt „Die Unterirdischen Seen“. Das schlummert schon so lange in mir und kommt immer nur stückchenweise raus, und ich weiß nicht, ob das ne Ausrede ist oder ob es einfach noch nicht an der Zeit ist..es fällt mir super schwer, da dauerhaft dran zu arbeiten (okay, ich hab auch genug „nebenbei“ zu tun).. aber bei der großen Geschichte weiß ich einfach, dass sie erzählt werden muss, nur noch nicht wie..

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      1. Das kommt mir sehr bekannt vor *peinlich berührt vor sich hinhust*, Große Geschichten brauchen einen langen Atem 😉 aber der Titel macht neugierig und die Einleitung erst recht. Und du kannst ja Fragment für Fragment entstehen lassen 🙂

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      2. Ja, so hab ich mir das jetzt auch gedacht. Ich bin eh kein Fan vom Erzwingen von Geschichten, das merkt man nämlich sofort, also wenns raus will, dann wills raus. Danke dir, das motiviert mich auf jeden Fall 🤓

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      3. Ich schreibe gerade am vierten Teil und spüre, dass es mir erstaunlich schwer fällt, weil ich die Gefahr sehe, beide Figuren, aber besonders Lena zu platt zu zeichnen…vielleicht brauche ich Hilfe 😉

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      4. Zu platt find ich Handlungen, die genau die Erwartungen treffen, oder die absichtlich genau das Gegenteil davon machen, nur um keinen Erwartungen zu entsprechen .. spür in dich rein, abseits jeglicher Erwartungen, dann wird das schon..
        Tolle Hilfe oder 😅

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      5. Na schauen wir mal, was das für eine Hilfe war. Ein paar Zeilen stehen schon…ich hatte mir von Lena natürlich mehr Hilfe erwartet, aber vielleicht ist ja das schon der Punkt, vielleicht hilft die Lena dem Ben auch nur auf der Metaebene 😉

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