Doch noch ein Superlativ

Mir träumte kurios, ein schlechter Film, düster, zum Verzweifeln, warum laufe ich nicht gleich gegen Mauern. Mein Job: Mauern auf ihre Härte, ihre Standhaftigkeit prüfen, wie oft kann ich mich mit aller verbliebenen Kraft gegen sie werfen, bis sie umfallen?

Immer langsamer laufe ich, immer sanfter lehne ich mich dagegen, die Angst, meine Schultern zu zertrümmern, überwiegt, manches Mal umarme ich sie, nehme sie an, sie kann ja nichts dafür, sie steht einfach da und muss mich ertragen, sie weiß selbst nicht, warum sie existiert, wer sie gebaut hat, sinnlos ist ihr Dasein, vielleicht ist sie nur deshalb hier, damit ich mich gegen sie werfe. Am Ende bleibe ich in ihrem Windschatten liegen, zusammengekrümmt wie ein Mensch im Uterus, mit gebrochenem Rücken und verstauchten Beinen; von oben blickt sie auf mich herab, kopfschüttelnd, ohje, diese armen kleinen Menschlein, versuchen es immer wieder und scheitern dann doch, und sie wendet sich der anderen Seite zu, ihrem Hinterhof, in dem die Knochen all derjenigen liegen, die vor mir kamen.

Von einem Traum flüchte ich in den nächsten. Ich kann wieder laufen, laufe von Arzt zu Arzt, von Wartezimmer zu Wartezimmer, eine endlose Folge an hässlichen Gemälden, dem Telefonklingeln vor der Tür, betretenem Schweigen und betontem Zeitüberbrücken, bin ich die Nächste, wie heiße ich eigentlich, hoffentlich nehmen sie mich diesmal ernst, ein Zettel mit Stichpunkten, damit ich nicht vergesse, wie und was ich sagen will.

Dann fällt endlich mein Name und das Spiel beginnt von vorn: Sie sagen, ich habe nichts, sie finden nichts, ja, aber – nein, nein, machen Sie sich keine Sorgen, bestimmt nur die Nerven, haben Sie gerade viel Stress? Ja, aber – gehen Sie jeden Tag ein bisschen spazieren, essen Sie gesund, entspannen Sie sich, dann wird das wieder; ja, aber – sehen Sie, auf dem Blatt sind Sie gesund!  Kann also nicht so schlimm sein.

Von Arzt zu Arzt laufe ich, meine Beine schmerzen, mein Kopf funktioniert nicht mehr, ich vergesse so gut wie alles innerhalb von Minuten, Wörter, was ich im anderen Zimmer wollte, Namen, Sätze, mein Herz macht nicht mehr das, was es soll, es pumpt doppelt so schnell, doch ständig ist mir schwindelig und ich bin so müde, so unendlich müde.

Aber niemand findet „etwas“, es sieht so aus, als bildete ich mir das alles ein, als wäre ich der größte Hypochonder aller Zeiten, herrje, doch noch den Superlativ geschafft, anders als gedacht, aber immerhin.

Der Beweis neben mir

Du 
neben mir
die Erinnerung
der Beweis
meiner Existenz
am Leben zu sein

❤

[Regensburg, 25.07.2026]




Wem dieses Gedicht gefallen hat, der findet noch mehr dieser Art in meiner Gedichtsammlung „Das muss dieses Leben sein“ mit meinen Lieblingsgedichten aus den Jahren 2019 bis 2023.

Wer es gerne länger mag: Meinen ersten Roman „Die Unterirdischen Seen“ gibts überall, wo’s Bücher gibt, als Print on Demand oder E-Book.

Jede Bestellung und auch jedes Feedback/ jede Online-Bewertung hilft 😉

Danke schon mal und viel Spaß beim Lesen ❤

Lass mal wieder

Lass mal wieder einfach nur Mensch sein.

Keine Ansammlung von Identitäten und Opferrollen. Mehr schauen, was wir tun, und nicht, was wir sind. Mehr Verantwortung für das eigene Leben übernehmen, statt sich nur über andere zu beschweren. Anpacken, statt zu erwarten, die Welt schulde uns was.

Lass mal wieder mehr nachdenken, eigene Gedanken und Ideen entwickeln, nicht nur Phrasen dreschen und linientreu sein.

Lass mal erkennen: Ich hab ein wenig Recht, du hast ein wenig Recht. Und eigentlich wissen wir nur, dass wir nichts wissen. Lass mal weniger Meinungen haben, mehr Bücher lesen und Zusammenhänge verstehen, weniger vereinfachen und mehr Ambiguität tolerieren.

Lass mal mehr Liebe ins Herz statt Bitterkeit und Hass. Lass mal aus dem anderen weniger Feindbild machen. Weniger in Schubladen, Kategorien, Identitäten denken, weniger in schwarz und weiß, rechts und links, die Bösen und die Guten. Lass mal nicht mehr ganze Gruppen von Menschen dämonisieren, sie zu Nummern, Tieren, Begriffen reduzieren.

Wieder weniger denken, man sei besser als die anderen. Ein „besserer“ Mensch, weil man gewisse Überzeugungen hegt. Benimmst du dich wie ein guter Mensch? Was tust du, um die Welt besser zu machen? Dich über andere erhöhen? Hass und Unwahrheiten verbreiten, weil sie in dein Weltbild passen? 

Lass mal wieder mehr für andere freuen, statt sie zu beneiden, lass mal wieder dankbar sein für das, was wir haben.

Lass mal weniger beleidigt sein, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, jedes Gefühl und sich selbst zu ernst nehmen, die Schuld für die eigene Reaktion nicht immer nur bei anderen suchen. Lass mal weniger auf selektive Empörungswellen reinfallen, die doch nur denjenigen nutzen, die davon Reichweite erzielen.

Lass uns doch wieder richtig zuhören, uns umarmen und trösten, uns anlächeln und verzeihen, uns sehen als die Menschen, die wir sind.

———

(Regensburg, 5.7.2026)

Freiheit im Denken und Schreiben

Früher* dachte ich: Weil ich keine besondere Biografie oder Familiengeschichte habe, hätte ich auch kein „Recht“ darauf, Schriftstellerin zu sein, denn von was soll ich erzählen?

Meine Familien väter- und mütterlicherseits kommen seit vielen Generationen aus der Gegend zwischen Landshut, Passau und Regensburg, ich hatte eine wunderschöne Kindheit am Dorf, meine Eltern sind noch zusammen, keiner von uns hat Krieg oder sonstige Traumata durchlebt (Gott sei Dank!). Ich lebe in einem Land, in dem es uns so gut geht und wir so viele Rechte haben wie nur in wenigen anderen Ländern dieser Erde.

Von was also erzählen? Warum sollte jemand das, was ich schreibe, lesen wollen? 

Mittlerweile habe ich erkannt: Genau das macht mich aus. Ich bin frei in meinem Denken und Schreiben, kann mich in Welten träumen und meine eigenen erfinden, unabhängig von allen und allem.

Freilich, auch ich muss mich noch von all den Filtern und Vorurteilen lösen, durch die ich die Dinge und Menschen betrachte. Ich muss Denkschablonen, mit denen ich aufgewachsen bin oder die ich mir mit der Zeit auferlegt habe, erkennen und Stück für Stück loswerden.

Die Welt ohne ideologische Brille zu sehen und Fragen zu stellen, die über meine Person hinausgehen – das ist mein Ziel. 

——

Gedanken über mein Schreiben, Sonntag 14.6.26

* Interessanterweise habe ich als Mädchen im Alter von ca. neun bis elf Jahren noch nicht so gedacht. Damals habe ich noch ohne Zweifel in mein Freundschaftsalbum geschrieben unter der Rubrik „Das will ich werden“: Schriftstellerin (und „Malerin“, aber des wird nix mehr haha). Geschichten geschrieben, Welten und faszinierende Fantasiewesen erfunden habe ich nämlich schon immer.




Ob ich meinem Ziel ein Stück näher gekommen bin, könnt ihr in meinem ersten Roman „Die Unterirdischen Seen“ nachlesen. Den gibts überall, wo es Bücher gibt, als Print on Demand oder E-Book.

Mit jedem Kauf und/oder jeder Rezension unterstützt ihr mich, danke schon mal von Herzen ❤

wir die guten

wir sind
beleidigt empört
empfindlich getroffen
schwarzweiss

was bist du
identitätsein
die gut wir schlecht
opfersein

nur wer opfer ist zählt

alle böse alle
wie was komplex
it‘s not that deep
welche gräben gräbst
auf welcher seite stehst
du heute

wir die guten

nur unsere meinung
sicht erfahrung zählt

wählt ruft
fertige slogans
denken verboten
gefährlich
wer bin ich wenn nicht

mundtot
totschlag
sollte ich das sagen
darf man nicht

Menschsein
vergessen

(Regensburg, 9.6.26)

Ein Jahr „Das muss dieses Leben sein“

Vor einem Jahr hab ich dieses kleine Büchlein rausgebracht, in dem all meine (und eure) Lieblingstexte aus den Jahren 2019-2023 enthalten sind. Wer mich also gern liest, v.a. meine Gedichte, dem sei es nochmal ans Herz gelegt 🙂

Zu finden ist es beispielsweise hier und überall, wo es Bücher gibt, als Print on Demand oder E-Book.

Inhaltsverzeichnis (1. Seite)

Poesie hat nicht immer

poesie hat nicht immer
die form
eines gedichts

nach fünfzig jahren
des schreibens
kann sich dem dichter
poesie
in form eines baumes
eines davonfliegenden
vogels
eines lichts
offenbaren

sie nimmt die form
des mundes an
die farbe des auges den klang der stimme
sie nistet im schweigen

oder sie lebt im dichter
formlos

Ein Gedicht von Tadeusz Różewicz, 13.10.1989, in der Übersetzung von Karl Dedecius.

Wer hat mich geschrieben?

Wer hat mich geschrieben? Werde ich erzählt, bin ich bloße Figur in einem Text, hat mich jemand in eine Geschichte hineingesetzt und beobachtet nun, was mit mir geschieht? Wer mir begegnet, was ich erlebe, wie ich damit umgehe? Oder bin ich die Erzählstimme, die Ich-Erzählerin meiner Geschichte?

Wann beginnt meine Geschichte? Mit mir oder ganz am Anfang? Bin ich Seite 1 oder 1 Milliarde?

So zumindest schreibe ich meine Charaktere: Ich setze sie hinein ins Geschehen und den Rest übernehmen sie. Sobald ich einzugreifen versuche, wirkt es unecht und ich stoße gegen Mauern, sodass ich zum Anfang zurückkehre und die Figuren sich selbst überlasse. Manche erzählen in der ersten Person, über manche wird erzählt. Weniger wichtig sind diese nie: Sie prägen den Verlauf, die Hauptfiguren, sie prägen ihr ganz eigenes Buch, das irgendwer irgendwo da draußen über sie schreibt.

Wie ich mich entscheide, wie ich mit guten und schlechten Erfahrungen umgehe, prägt meinen Charakter. Bleibe ich in der ewigen Opferrolle oder mache das Beste aus dem, was mir gegeben wurde? Lasse ich alles geschehen und schaue bloß zu oder bin ich aktiv an meiner Geschichte beteiligt?

Am Ende entscheidet der Leser: Ist sie mir sympathisch oder nicht? Wirkt sie echt oder künstlich, eindimensional oder komplex?

Ist derjenige, der mich geschrieben hat, auch der Leser? Oder wer liest diese unsere Geschichten?

So viele Genres innerhalb eines einzigen Lebens: Coming-of-Age, Abenteuer, Horror, Romantik, Drama, Komödie. So viele Geschichten, unglaubliche, einfallslose, spannende, kurze, lange, lustige und traurige. So eine bunte, vielfältige Welt, in die der Autor uns gesetzt hat. In der wir unsere Geschichte erzählen.



Ein paar meiner Gedanken von gestern, kurz vor dem Einschlafen.