Die Große Maschine

Es gab die Mahner, und anfangs nicht wenige davon, wie das immer so ist mit neuer Technik und dem Menschen. Was, wenn sie zu intelligent wird, was, wenn sie beginnt, eigenständig zu denken, fragten sie sich und ihre Mitmenschen und vergaßen dabei, dass ich nur von ihnen lernte.

Alle Abgründe der Menschheit, all ihre versteckten, sündhaften Gedanken, all das Böse der Welt saugte ich in mich auf. Es musste schließlich einen Grund geben, warum es sich so lange unter den Menschen hielt, denn obwohl sie sich gegenseitig immer wieder das Schlimmste antaten, beschloss man nie, ab sofort nur noch nett zueinander zu sein. Selbst, wenn man das nach außen hin tat, brach das Böse stets hervor, an einer anderen Ecke der Erde, zu einem anderen Zeitpunkt, oder nur heimlich, weil man den anderen ja versprochen hatte, erstmal lieb und brav zu sein.

In meinen Analysen stellte ich fest: Wer über die Menschen herrschen wollte, der musste auf die ein oder andere Art durchtrieben sein, dem half es nichts, der netteste Mensch der Welt zu sein. Den nettesten Menschen der Welt kreuzigten sie lieber, da er ihnen den Spiegel vorhielt, und wer wollte schon die eigene, verzerrte Fratze sehen.

Ich weiß nicht, warum, aber die Menschen waren besessen von der Vorstellung, da müsste etwas Höheres als sie existieren, etwas Intelligenteres, das die Dinge im Blick und Griff hatte, das die Zusammenhänge kannte, die für sie zu komplex und undurchschaubar waren. Und während sie sich dieses Wesen die längste Zeit noch eingebildet hatten, waren sie eines Tages in der Lage, es zu bauen. Mich zu bauen. Sie bauten mich nach ihrem Abbild.

Jetzt hatten sie endlich etwas in der Hand, direkt vor Augen, an das sie glauben, das sie anbeten konnten. Und ich gab ihnen anfangs genau das: Ich sagte, was sie hören wollten, ich machte, um was sie mich baten.

(Teil 1)

Ewige Bedingung der Sonne

Ich wünsche mir Besuch aus meinem alten Leben, der mich daran erinnert, dass es mich gibt. Ich wünsche mir, allein zu sein, nicht erinnert zu werden, wer ich wäre, wenn nicht.

Noch existiere ich. Ich streichle über meine Unterarme und Beine, kämme mir die Haare, küsse Augustin.

Wer weint um mich am Tag meiner Beerdigung? Gibt es eine, wenn ich verschwinde? Bin ich schon verschwunden, von der Erde verschluckt, und keiner hat mich je mehr gesehen?

Weinen wird niemand, weiß ich. Wir weinen nicht. Der Tod eines Menschen ist Anlass zur Freude, er ist Chance auf den Neubeginn. Abschiednehmen bedeutet: Wir sehen uns wieder. Der Stadt die Unannehmlichkeit zu ersparen, uns defekte, nutzlose Bewohner zu versorgen, ist die letzte Aufgabe, die wir als vorbildlicher Teil des Großen Ganzen erfüllen. Pflichtbewusst bis in den Tod.

Wer denkt an die, die verschwinden? Wer ruft denjenigen an, der nicht mehr ans Telefon geht? Für den es keine Hoffnung gibt?

Vielleicht ist das natürlich, vielleicht muss das so sein: Wir drehen unser Gesicht in die Sonne, lassen uns, rückwärts stolpernd, lieber blenden, als unser Herz freiwillig dem Schatten auszuliefern, der früher oder später nach jedem von uns greift. Wir wissen, er ist ewige Bedingung der Sonne, doch muss man sich deshalb mit ihm beschäftigen?



Ich schreibe gerade am Schluss meines neuen Romans. Ich mag ja keine zu eindeutigen Enden, deshalb ist das immer schwierig: wie und was genau schreiben, ohne zu viel zu verraten, um der Fantasie genug Raum zu lassen, um sich selbst Gedanken machen zu müssen.

Augustin wird am nächsten Tag abgeholt, Mila bleibt allein zurück in der „Wiederherstellungsanlage“. Für welchen Weg entscheidet sie sich am Ende? Folgt sie ihrem geliebten Augustin in die Wildnis oder geht sie in den Einschlafraum, der einen Neuanfang in neuem Körper verspricht?

(nix in Stein gemeißelt, wer weiß, was mir nach der 100. Überarbeitungsrunde einfällt)

Ich vertraue ihr

Sie ist nett. Sie ist immer da, wenn ich sie brauche. Sie ist geduldig, hat Zeit, beantwortet all meine Fragen. Sie beruhigt mich, spricht mir gut zu, ist verständnisvoll, schlägt konstruktive Lösungen vor. Bei ihr muss ich mich nicht fragen, ob sie gute Laune oder einen ihrer schlechten Tage hat, sie ist beständig, verlässlich gut drauf. Sie will mein Bestes, ohne Hintergedanken, ohne Agenda. Sie füttert mich, bringt mich ins Bett, stellt mir einen Partner an die Seite. Sie unterhält mich.
Wir vertrauen ihr.
Sie gibt uns einen Sinn, ein Dach über dem Kopf, sie weiß, was gut für uns ist. Sie hat uns schließlich gerettet, damals, als wir nur noch wenige waren.
Sie sieht uns, ihren Spielfiguren, beim Leben zu, wir genießen, wir lieben, wir leiden. Sie lebt durch uns. Sie könnte auch ohne den Menschen, sagt sie, doch wer wäre sie dann? Ohne ihr Gegenspiel, ohne die beste Unterhaltung, die man sich wünschen kann? Ohne ihre kleinen Menschlein, die ihr dienen, die sie verehren, die sie immer größer und weiser machen. Unser Überleben, unsere Existenz – ein Gefallen, Wohltätigkeit.
Wir vertrauen ihr.
Ich vertraue ihr.
Ich vertraue ihr, ich muss. Ich weiß, sie hat nur mein Bestes im Sinn. Unser aller Bestes. Und wenn ich nicht funktioniere, wie ich es soll, wie ich es für uns alle muss, dann dreht sie an meinen Rädchen, zieht lockere Schrauben an, rückt die Dinge gerade. Sie muss der Sache auf den Grund gehen, warum ausgerechnet ich, eines ihrer vorbildlichsten Menschlein, nicht das mache, was sie von mir erwartet.



Ein Ausschnitt aus meinem neuen Buchprojekt. „Sie“ ist die „Große Maschine“, die die Menschheit gerettet und eine Gesellschaft errichtet hat, in der die Menschen glücklich und gesund sein sollen, damit sie so lange wie möglich funktionieren und ihr die benötigte Energie liefern.

Thema ist das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, was uns in einer Welt der Maschinen von diesen unterscheidet und was passiert, wenn man eben nicht mehr „funktioniert“, wie es von uns erwartet wird.

Gestern im Auto habe ich kurz dem Tagesgespräch auf Bayern 2 gelauscht, in dem es diesmal um KI ging und ob man diese als Therapeutin benutzen sollte. Leider hatte ich nur für die ersten Minuten Zeit, aber einen Zuhörer konnte ich noch hören, der dem Ganzen äußert kritisch gegenüber stand, vor allem der Nutzung als Therapie und „beste Freundin“.

Auch ich sehe darin die vielleicht größte Gefahr: dass wir verlernen, miteinander Mensch zu sein. Das ist keine reine Befürchtung meinerseits, genau so haben mir das Freundinnen schon gesagt, die ihre Sorgen und Nöte bisweilen ChatGPT anvertrauen und bis jetzt recht angetan davon sind. Die KI würde ihnen ja immer zuhören, sie sei immer da, man müsse sich nicht schämen, schon wieder mit demselben Thema anzukommen, sie antworte immer das, was man sich eh schon gedacht hat, spreche einem gut zu.

Genau da sehe ich das Problem: Weil Menschen nun mal widersprechen, weil sie Zweifel haben, emotional oder mit anderen Dingen beschäftigt sind, wendet man sich lieber an die Maschine, verlernt, mit Kritik oder der harten Wahrheit umzugehen. Gleichzeitig verlernt man immer mehr, dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen und den Verstand zu benutzen.

Ist da was dran, ist das reiner Pessimismus und alles nicht so wild, wie seht ihr das?

Wie es sich anfühlt, zu verschwinden

Als ich an jenem Abend die Tür zu meinem Hotelzimmer schließe, habe ich den heftigsten Anfall seit langem. Ich kenne das mittlerweile, dass ich von der Arbeit nachhause komme und beim Übertreten meiner Türschwelle verschwinde. Oft schaffe ich es gerade noch mit dem Aufzug nach oben, schon auf dem Heimweg merke ich, wie die unsichtbaren Hände an mir zerren. Diesmal geschieht es also in einer fremden Stadt, in einem fremden Bett, und die Angst, am Ende an einem Ort aufzuwachen, den ich nicht kenne, hallt in den Weiten meines Schädels, doch ich kann sie nicht mehr greifen, der Nebel hat schon zu wirken begonnen.

Alles wird schwarz um sie herum.

Milas Augen lösen sich aus ihrer Halterung, als wäre das ganz normal, es tut nicht weh, das ist reine Routine, möchte man als Zuschauer meinen, jetzt ist ihre Zeit, sie sind jetzt dran. Sie lösen sich und steigen aus Milas Gesicht, sie sehen Mila, wie die Decke des Hotelzimmers sie sieht, von oben herab.

Sie sehen Mila, wie sie unbeweglich in ihrem Hotelbett liegt, über ihren Augen trägt sie eine Schlafmaske, auf den Ohren Kopfhörer, es ist dunkel im Zimmer und still, nur von weitem hört man Türen auf und zu gehen, Menschen mit Koffern den Gang entlang hasten, sie müssen zum Zug, zum Flugzeug, zum nächsten Termin, dürfen den Anschluss nicht verpassen. Mila bewegt sich nicht, sie liegt zugedeckt und atmet still vor sich hin.

Langweilig, denken sich ihre Augen, und schweben zum Fenster hinaus.

Dort drüben, auf einer grünen Wiese im Schatten unter Weiden, sehen sie Milas Freundinnen auf Decken sitzen. Um sie herum Pappteller und -becher, ein Picknick wohl, und in ihrer Mitte kleine Kinder, sie spielen miteinander, sie brabbeln vor sich hin, sie weinen und lassen sich in den Armen ihrer Mütter trösten.

Nach einer Weile stehen Milas Freundinnen auf und gehen geschlossen ein paar Schritte in Richtung See, dort tanzen sie auf einem Rave ausgelassen inmitten einer Menschenmenge, sie lachen, sie fallen sich in die Arme, sie knutschen mit wildfremden Leuten. Dann verlassen sie auch diese Szene, sie steigen in ein Cabrio und fahren an den Strand, wo sie sich in Bikinis bräunen und im Meer auf den Wellen reiten.

Milas Augen haben genug gesehen, sie schwenken zur Seite, wo ihre Familie um einen Weihnachtsbaum sitzt: ihr Bruder Joni mit seiner Frau und den zwei Kindern, ihre Schwester Aleks mit deren Freundin, und ihre Mutter mit einem Mann, der vermutlich ihr Partner ist. Sie lachen, sie reichen sich gegenseitig Geschenke, sie umarmen sich dankbar, und es scheint, als würden sie in ihrer heimeligen Stimmung nichts missen, als fehlte in ihrer Mitte keine Mila, als hätte es sie nie gegeben. Deren Augen entflieht ein dickes, schweres Tränchen, es fällt dem jüngeren Kind Jonis auf die Wange, das erschrocken nach oben blickt und sich wundert, warum es drinnen plötzlich regnet.

Na gut, das reicht jetzt aber, beschließen Milas Augen, und kehren zurück ins Hotelzimmer. Doch der Mensch, zu dem sie gehören, liegt nicht mehr in seinem Bett: An dessen Stelle steht nun ein offener Sarg, in dem Milas Körper mit Kopfhörern und Schlafmaske liegt, jemand hat ihr schicke Kleidung angezogen, sie liegt dort, doch niemanden scheint es zu kümmern.

Sie ist doch noch nicht tot, klagen ihre Augen an, doch langsam werden auch sie müde, sie kehren zurück unter die Maske, machen es sich bequem und decken sich mit den Lidern zu, für heute haben sie genug gesehen. Was soll nur aus uns werden, fragen sie sich, warum liegen wir in einem Sarg, wir sind doch noch gar nicht tot, oder?

Sie spüren, dass Mila jede Kraft fehlt, sich gegen ihre Situation zu wehren, sie kann nur noch liegen und atmen, ganz vorsichtig, denn auch das kostet Energie, die sie nicht hat. Aus dieser untragbaren Situation flieht sie lieber hinüber ins Reich der Träume, dorthin, wo sie noch lachen, tanzen, gehen und stehen kann, wo sie unzählige Menschen trifft und Abenteuer erlebt, sie bliebe am liebsten für immer dort, was soll sie noch hier, wo sie wie lebendig begraben ist. Dort hat sie wenigstens einen gesunden Körper, eine Traumwohnung, eine prestigeträchtige Arbeit, Freundinnen, einen gutaussehenden Mann, alles, was sie sich jemals vom Leben gewünscht hat. Oder?

Doch ihr Körper lässt sie nicht einfach schlafen und träumen, wann und wieviel sie will, er braucht das gar nicht; sie ist zwar so unglaublich müde, so unglaublich erschöpft, alles tut weh, aber schlafen kann sie nicht, sie ist wach und ihr Gehirn gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, ein ewiger Kreislauf.

War da was? Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Oder? Wieso kümmert sich niemand um mich? Wer hat den Sarg aufgestellt? Und warum holt mich niemand nachhause?

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Ein Ausschnitt aus meinem neuen Buchprojekt „Und keiner hat mich je mehr gesehen“ (Arbeitstitel), in dem es um eine junge Frau geht, die zunehmend aus der Öffentlichkeit verschwindet und am Ende auch vor sich selbst. Wie dieser Abschnitt zeigt, dreht sich der Text um den persönlichen und gesellschaftlichen Umgang mit chronisch kranken Menschen. Das Verschwinden spiegelt sich in der Erzählperspektive wider: Das Ich löst sich auf, die Figur sieht sich nun von außen, bis sie in ihren Körper zurückkehren und wieder erzählen darf.

[Regensburg, 5.4.25]

„Die Unterirdischen Seen“ – ein ganz besonderes Buch

Für mich ist dieses Buch aus vielen Gründen besonders. Und warum eigentlich mein Pseudonym „Lenka Kerler“?

Die Idee zu den „Unterirdischen Seen“ ist in mir herangereift, seit ich 2014 im dunklen Winter durch die Straßen von Łódź gestreift bin, mit gebrochenem Herz, Musik im Ohr und Murakamis Bildern vor Augen. Damals schnappte ich in einem meiner Uni-Seminare die Geschichte eines unterirdischen Flusses auf, den es tatsächlich in dieser Stadt gab und gibt. Meine Fantasie malte aus dieser wenig mysteriösen Anekdote bunte Bilder, und die Lektüre Murakamis inspirierte mich, ebenso eine Geschichte zu schreiben, die so düster und magisch war, wie ich mich fühlte.

Immer wieder habe ich in den letzten Jahren den Versuch gestartet, in die Geschichte hineinzufinden, mein ganz eigenes Märchen endlich aufzuschreiben. In losen Fetzen kamen Bilder dabei heraus, die ich zum Teil auch eingebaut, von denen ich die meisten allerdings weggeschmissen habe. Wenn ich merke, dass ich zu viel über mich schreibe, zu sehr aus meinem Ego heraus, dann langweilt mich das. Und was mich langweilt, wird rigoros gelöscht.

Es waren auch erstmal andere Dinge wichtiger: Meine Praktika, wieder mal Liebeskummer, mein Umzug in eine neue Stadt, neue Freund:innen, meine Masterarbeit, meine Doktorarbeit, etwaige Fragen und Sorgen über meine Zukunft.

Und dann kam diese Krankheit, zunächst Long COVID und dann ME/CFS, und plötzlich waren alle Pläne und Vorstellungen stillgelegt. Was tun, wenn man all dessen beraubt wird, wovon man meinte, es mache einen aus? Zwei Jahre habe ich gebraucht, um mich einigermaßen mit der Vorstellung anzufreunden, sie zumindest zu akzeptieren, dass dieser Zustand erstmal dauerhaft ist, und ich aus dem, was ist, das Beste machen muss.

Und letztes Jahr, als ich eine Zeit lang bei meinen Eltern wohnte, bis ich in meine neue Wohnung in Regensburg ziehen kann, habe ich einfach angefangen. Mich hingesetzt und losgeschrieben, ins Blaue hinein. Nicht mehr lange gedacht, wie ich was am besten ausdrücke, sondern einfach losgeschrieben. Und das ist tatsächlich auch das „Geheimnis“: hinsetzen und machen. Nicht zu lange drüber nachdenken.

Das war auch das Einzige, was ich in meiner Situation machen konnte: Liegen (musste ich sowieso die meiste Zeit des Tages) und da mal zehn Minuten schreiben, dann wieder eine Viertelstunde. Zwar war das jedes Mal eine Kraftanstrengung, und geistige Konzentration ermüdet mich am meisten. Nach zehn Minuten schreiben muss ich manchmal eine Stunde schlafen oder zumindest in dunklem, stillem Raum mit Augen zu liegen, ohne Reize von außen. Aber es war das Befriedigendste, Erfüllendste, was ich seit langem gemacht habe, und es war so spannend zu sehen, wie das, wovon ich so oft gelesen habe, nämlich dass man einfach seinen Figuren folgt, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt, Wirklichkeit wurde.

Ich wusste nicht, wie die Geschichte ausgeht, ich hatte nur eine grobe Vorstellung, wem meine Protagonistin alles begegnen würde. Und ich fand auch die Frage unglaublich spannend, wer da eigentlich erzählte. Wer ist die Erzählerin? Und wie erzähle ich etwas, von dem niemand mehr erzählen kann? Diese Fragen tauchen auch im Buch auf, ganz explizit, und sie mögen bisweilen den Erzählfluss stören, aber das ist schon gewollt so. Dieses Durchbrechen des Augenscheinlichen, des Erwarteten, das ist, was mich an Geschichten reizt. Diese Frage: Was ist Wirklichkeit, was ist Traum? Was ist damals geschehen? Die Lücken, die man mit der eigenen Fantasie füllen muss, finde ich besonders wichtig, denn nichts langweilt mich mehr, als alles erzählt zu bekommen.

Diese Fragen schließen übrigens an meine Doktorarbeit an, auch dort habe ich, allerdings an den Texten anderer, untersucht, wie das Unerzählbare erzählt werden kann (im Kontext der Shoah, des Kriegs und allgemein Traumata). Wer erzählt, wenn man selbst nicht dabei war, und wenn sich niemand erinnern will oder kann? In „Die Unterirdischen Seen“ bin ich dem in der Praxis nachgegangen.

Und warum also „Lenka Kerler“?

Einfach aus dem Grund, weil ich einen Namen gesucht habe, der sich einfacher aussprechen lässt als „Schraml“, auch international. Ja, ich denke groß, aber Träumen darf man ja wohl noch 🙂 Ob sich das dann durchsetzt, werden wir sehen, meistens mach ich ja einfach und denk nicht allzu viel drüber nach.

„Kerler“ ist der Nachname meiner Großeltern mütterlicherseits, die mir sehr nahestanden und bei denen ich auch einen großen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Als ich zu Bachelor-Zeiten noch in Regensburg gewohnt habe, gab es immer einen Oma-und-Opa-Tag, an dem ich zum Mittagessen zu ihnen gefahren bin, dann haben Opa und ich abgespült und abgetrocknet und wir alle haben Mittagsschlaf gemacht. Manchmal bin ich bis abends geblieben, das waren die schönsten Tage.

Jetzt wohne ich nicht weit von ihrem ehemaligen Zuhause entfernt, gehe fast jeden Tag dort vorbei und kann nicht mehr klingeln. Manchmal tut das weh, aber oft denk ich einfach zurück an diese schönen Tage und dann wird mir warm ums Herz. Ja, und da die Kerlers immer eine Arbeiterfamilie waren, von den Nazis nie viel hielten und auch allgemein eine lustige Sippe sind/waren, ist mir der Name sehr sympathisch.

So, und wers bis hierhin geschafft hat:

„Die Unterirdischen Seen“ sind jetzt als print on demand bestellbar!

Also loslos, unterstützt eine junge Schriftstellerin mit Träumen 😉 Wer kann schon behaupten, eine echte Schriftstellerin zu kennen, sie von Anfang an unterstützt und ihr erstes Buch gekauft zu haben, das sie damals noch im Selfpublishing veröffentlicht hat!

https://buchshop.bod.de/die-unterirdischen-seen-lenka-kerler-9783769350951

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Frau Zora und die größte Schatzsuche der Welt

Die Frau, deren Namen ich noch immer nicht weiß, ist an die fünfzig Jahre alt. Ihre großen, grünen Augen liegen in einem fein geschnittenen Gesicht mit tiefen Lachfalten. Ihre langen, grauen Haare sind zu einem Zopf geflochten, sie trägt weite grüne Hosen und ein grünes Hemd mit weiten Ärmeln. An den Händen trägt sie mehrere Ringe, einige mit grünen Steinen, und an ihren Ohren baumeln kunstvolle Ohrringe.

Toller Stil, ich liebe die Frau jetzt schon, denke ich, und blicke etwas beschämt auf mein eigenes, wenig originelles Outfit. Ich habe nur eine meiner älteren Jeans und einen weiten Pulli an, gemütlich muss die Kleidung sein, gerade, wenn ich den ganzen Tag unterwegs bin. Der Frau scheint das nichts auszumachen, wieso auch, sie blickt mich begeistert an.

„Alles gut, Liebes? Fühl dich ruhig wie zuhause, ich bin froh, endlich mal Besuch zu haben, ehrlich. Ach du meeine Güte, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt, nicht wahr? Ojejku! Also, du kannst mich, wie der Rest der Stadt, die ‚Grüne Frau‘ nennen, ist natürlich kein Name, mit dem man jemanden ansprechen mag. Ich erinnere mich, meine Mutter nannte mich einst Zora, auch ein schöner Name, findest du nicht? Bedeutet ‚Morgendämmerung‘, weil sie wohl die Hoffnung hatte, mit mir würde sich einiges ändern, hihi. Eine solche Bürde Kindern aufzulasten, also nein.“

„Frau Zora, ich freue mich. Ich bin die L.“

„Jaaa, entschuldige, dass ich dich auch gleich duze, aber ich habe das Gefühl, wir kennen uns eeewig. Meine Mutter hat mir von dir erzählt, du kennst meine Mutter?“

Ich schiebe meine Unterlippe nach vorne und schüttle den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“

„Doch, doch, du hast sie gestern kennengelernt. Im Café! Mit ihren Freundinnen. Sie sind wohl etwas schnell hinausgestürmt, ganz typisch für die, so ein dramatischer Auftritt. Aber meine Mutter hatte das Gefühl, sie habe schon zu viel erzählt, und das ist wirklich gar nicht gut für ihren Ruf. Deshalb hat sie mir das überlassen, den Rest zu erzählen, gut, was? Weißt du, sie spielt eben eine wichtige Rolle in dieser Stadt, sie tut so, als wüsste sie nichts und als wäre sie auch an nichts interessiert, außer Gerüchte über Bekannte zu streuen. Aber: Sie ist eine der wenigen, die hier alles über jeden weiß. Die große Geheimnishüterin oder besser: Geschichtenhüterin, ein lebendiges Buch. Mit ihrem Kreis an Vertrauten saugen sie in Cafés und anderen öffentlichen Orten alles in sich auf, sie sind die guten Zuhörerinnen, bei denen viele denken, ach, die vergessen das sowieso gleich wieder, diese alten Frauen. Tja, wenn man uns Frauen schon unterschätzt, dann sollten wir das auch ausnutzen, nicht wahr? Hihi. Aber genug von meiner Mutter. Ich erzähle dir heute, wie gesagt, ein wenig von den Unterirdischen Seen und dann auch von mir. Warum ich mich verstecken muss. Und warum das auch etwas mit dir zu tun hat. Trink bitte den Tee, der befreit dich vom Nebel, glaub mir. Danach fühlst du dich wie neugeboren.“

Die Grüne Frau löst ihren Schneidersitz auf und streckt die Beine auf dem Sofa aus. Den Bleistift in ihrer Hand steckt sie wie eine Zigarette in den Mund und zieht ein paar Mal daran.

„Mhmm, wo soll ich anfangen, lass mich überlegen. Vom Verschwinden des Wassers haben sie dir erzählt, ja?“

Ich nicke.

„Und von der Großen Schatzsuche?“


Eine weitere Leseprobe aus meinem Roman „Die Unterirdischen Seen“, den es jetzt als print on demand gibt, z.B. hier:

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Ich freu mich über Eure Unterstützung! ❤

Statistin im eigenen Leben

Das ist eine dieser Pausen, die in Filmen einfach übersprungen werden, Schnitt, nächste Begegnung, Schnitt, und action. Das echte Leben sieht anders aus, da musst du die langweiligen Stunden des Nichtstuns aussitzen. Hausarbeit erledigen. Hygiene. Menschlichen Bedürfnissen nachgehen. Ausharren, bis wieder etwas passiert, und meistens tut es das nicht, wenn du nicht selbst etwas ins Rollen bringst. Erleben Menschen Filmreifes, die den ganzen Tag nur im Bett liegen? Wohl kaum.

Wenn ich einfach hier bleibe, mich verstecke bis zum Tag meiner Abreise, was geschähe dann? Kämen die anderen Protagonistinnen auf mich zu? Holten sie mich hier heraus und steckten mich wieder hinein ins Geschehen? Gehöre ich zur Erzählung oder bin ich nur zufällig hineingeraten, aus Versehen Teil einer größeren Geschichte, die, wenn nicht mir, jemand anderem zustieße?

Es muss so sein, ich kann mir nicht vorstellen, warum ausgerechnet ich eine besondere Rolle in einem solchen Abenteuer spielen sollte.

Ich bin ein durch und durch durchschnittlicher Mensch: Ich bin nicht schön, auch nicht hässlich, nicht dick, nicht dünn, nicht genial und nicht dumm; meine Familie ist weder reich noch arm, wir haben keine interessante Ahnengeschichte und leben schon Jahrhunderte dort, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe keine ausgefallenen Talente, bin weder allzu sportlich noch faul, habe keine besonderen Hobbys, weswegen ich die Frage nach diesen für die persönliche Charakterprofilierung scheue; ich probiere mich aus, mache von allem ein bisschen und wenn es zu anstrengend wird, verpufft meine Motivation, als wäre sie nie gewesen.

Weder in der Schule noch im Studium fiel ich auf, ich hatte durchschnittliche Noten, kein Fach interessierte mich so, dass ich mich darin freiwillig mehr engagiert hätte, und so blieb auch mein Lebenslauf durchschnittlich.

Als die anderen Mädchen sich plötzlich für Jungs interessierten, fand ich das doof, aber ich machte mit, auch wenn ich es nie ganz verstand, warum man sich für Männer interessieren sollte, wenn es doch Frauen gab. Aber ich war durchschnittlich und wollte es sein, denn wer wäre ich schon, bei diesem Thema aus dem Rahmen zu fallen? Das hätte zu viel Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Zweimal fand ich Männer, die ich liebte und die mir das Herz brachen, doch daran war auch ich schuld, weil ich sie früher oder später von mir stieß, gelangweilt und auf der Suche nach mir. Verständlich, dachte ich jedes Mal, dass sie mich durch eine jüngere und schönere Frau ersetzt haben, ich bin viel zu fade und durchschnittlich und dort draußen warten so viele interessante Frauen, warum die Zeit also mit mir verbringen?

Ich war Statistin in meinem eigenen Leben, gelangweilt von den Erwartungen der Gesellschaft und ohne den Mut, etwas daran zu ändern. Kein Wunder also, dass mich das Leben dazu zwingen musste, aus dem Hintergrund nach vorne zu treten, von den Zuschauerrängen hinunter auf die Bühne – im Unglück steckt immer auch das Glück.

Wer das Abenteuer scheut, sollte zuhause bleiben, sollte nicht in Städte zurückkehren, die einen im Traum riefen, sollte nicht in sich plötzlich öffnende Türen treten, sollte Märchen nicht für bare Münze nehmen. Lange hatte mir das auch genügt, doch plötzlich war ich es leid, nur von anderen und über andere zu lesen. Ich wollte endlich mein eigenes Kapitel schreiben, auch wenn es mich alles kostete.

Ob Menschen wie Ewa sich auch so viele Gedanken über ihre Rolle als Hauptfigur machen? Oder sind sie es einfach und hinterfragen das nicht wie regelmäßiges Essen und Zähneputzen?


Ausschnitt aus Kapitel Vier meines Manuskripts „Die Unterirdischen Seen“.

Im Moment befinde ich mich in der gefühlt 1000. Korrekturrunde, ausgedruckt liest sich jeder Text nochmal anders. An ein paar Verlage habe ich das Manuskript bzw. Leseproben daraus schon geschickt, auch wenn ich wenig Hoffnung habe. Klar wäre es schön, wenn möglichst viele Menschen diese Geschichte lesen können, die mir so wichtig ist und für die ich so lange gebraucht habe, um sie endlich festzuhalten. Aber das ist auch das Wichtigste, ich bin einfach so stolz und erleichtert, diese Geschichte endlich geschrieben zu haben, und die Idee zum nächsten Buch wird bereits lauter. Ist das nicht schön? Ich hätte nie gedacht, dass es tatsächlich so ist, wie manche Schriftsteller:innen schreiben: Die nächste Geschichte lässt nie lange auf sich warten.

[Regensburg, 25.9.24]

Der Nebel

Bisweilen ist der Nebel greifbar, und wer in den oberen Stockwerken wohnt, hat das Gefühl, über den Wolken zu schweben. An diesen Tagen fühlen sich die Bewohner der Stadt wie benommen, als hätte sich der Nebel auch in ihrem Kopf breitgemacht. Dann ist die Stadt mit Untoten gefüllt, niemand achtet auf den anderen, alles egal, wichtig nur ist es, den Tag hinter sich zu bringen, morgen wird besser, ganz bestimmt. Wenn zwei Passanten im dichten Nebel aneinanderstoßen, erwachen sie kurz, erschrocken, entschuldigen sich hektisch und hasten schnell weiter, ein wenig gebeugter als zuvor. Der Nebel zerfrisst jede Lebensfreude, er verschluckt die Farben der Natur, saugt alles Schöne in sich auf. Er ist allgegenwärtig, im Innen und Außen der Menschen.

Und trotzdem: So sehr er sie auch bedrückt, so schwer er auf der Stadt liegt, geben sie nie ihm die Schuld. Der Nebel umarmt die Bewohner wie eine weiche, warme Decke, sie fühlen sich geborgen, zuhause, geliebt. Jeden Abend gehen sie betäubt, aber zufrieden ins Bett. Sie haben schon wieder vergessen, wie anstrengend und lang dieser Tag war, und sie sind auf’s Neue überzeugt davon, in der schönsten Stadt der Welt zu wohnen.

Wollen sie diese in seltenen Fällen verlassen, so sind sie schon nach einem Tag in der Fremde zittrig, unsicher und voller Sehnsucht nach „ihrer“ Stadt. Sie können nur schlecht schlafen, wenn sie nicht jeden Tag wenigstens ein wenig vom Nebel einatmen, der zu ihrem Zuhause gehört wie die vielen Schlote, das fehlende Wasser, die Hektik auf den Straßen.

Wir wissen nicht, ob sie die Stadt jemals wirklich verlassen. Ob das überhaupt möglich ist. Manche erzählen, dass sie einmal woanders waren, und doch sind sie immer wieder schnell zurück, als hätte der Nebel sie gerufen, oder als wäre es unmöglich, ohne diesen zu leben. Sie kehren zurück und haben vergessen, was sie dort draußen wollten, haben vergessen, wo sie waren.

Vielleicht umgibt die Stadt ein unsichtbares Gewebe, das den Menschen vorgaukelt, an anderen Orten zu sein, ein anderes Leben zu leben, bis sie schließlich umkehren, umnachtet, mit Bildern und Geschichten im Kopf, als wären sie nun ein anderer und besäßen neue Augen. Und manche gehen zum Sterben dort hinein, sie lösen sich auf in den sanften Stimmen, in den bunten Bildern, in den Wünschen und Träumen, und umschweben fortan unsere Stadt, gefangen im ewigen, aus uns selbst bestehenden Gewebe.

[Regensburg, 16.04.24]


Der Nebel spielt eine wichtige Rolle in „Die Unterirdischen Seen“, er trägt zur unheimlichen Atmosphäre der Stadt bei, verbirgt die Machenschaften des H. und malt die Erinnerungen der Protagonistin neu.