Alte Wunden

Dieses Wochenende liegt schwer auf mir. Wie ein riesiger Felsbrocken auf meiner Brust, nichts ist mehr im Fluss. Alles tut so weh.

Mein Herz schmerzt so sehr, als wären die alten Wunden aufgerissen, oder ist es ein Phantomschmerz, der mich an die alten Verletzungen erinnert?

Mir wird meine wahnsinnige Verlustangst klar. Ich klammere, ich will ihn nicht verlieren, und hoffe gleichzeitig, dass er mich dann verlässt — das würde mich ja dann wenigstens bestätigen. Alle verlassen mich, denn ich bin es nicht wert, ich bin nicht genug, ich interessiere niemanden längerfristig. Ich glaube oft sogar, dass sich die Männer nur wegen meines Körpers für mich interessieren. Das würde mir ja so passen, oder? Und wenn der Körper dann nicht mehr interessant ist, merken sie irgendwann, wie langweilig ich bin. Moment mal, oder habe das eigentlich ich immer gedacht?

Ich realisiere plötzlich, wie sehr ich mein Leben lang schon nach dem Motto handle und nichthandle, es interessiere ja doch niemanden, also egal was und wie ich es mache. Wenn es egal ist, warum sich dann anstrengen? Habe ich mich deswegen für ein Studium der Polonistik entschieden, weil auch Polen niemanden interessiert? So als Trotzreaktion, die eigentlich am meisten über mein Inneres aussagt?

Die Erkenntnis ist wie immer der erste Schritt zur Besserung. Das Schwierige dabei ist, dass ich diesen Felsbrocken auf meiner Brust aus eigener Kraft hochheben und entfernen muss.

Na, dann fang ich mal an zu trainieren…

Ein Gedankenspiel

Frei sein. Loslösen. Ich stelle mir vor, nicht von hier zu sein, sondern von einem anderen Planeten. Ohne Wörter für uns Alltägliches. Ohne Vorstellung, wie die Welt funktioniert, nur beobachtend.

Das erfordert enorme Kraft: Genau hinsehen, was für uns Menschen ganz „normal“ ist, was naturgegeben, was von uns gebaut, kultiviert, künstlich ist. Vergessen. Das Überflüssige vergessen. Alles.

Was sind gewisse Vorannahmen, die ich aufgrund meiner Erfahrung mache und mit der ich Dinge beschreibe? Was sehe ich nicht aufgrund meiner Erfahrung? Auf was lege ich besonderes Augenmerk?

Sehe und beschreibe ich manche Dinge so aufgrund meines kulturellen und sonstigen „Hintergrunds“? Aufgrund der Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen bin?

Wie erlebe ich mit all meinen Sinnen – oder gar ohne sie? (Bei diesem Gedankenspiel gehe ich davon aus, dass der Ausserirdische die gleichen Sinne hat wie wir Erdenbewohner.) Teilweise fehlt mir der Wortschatz, um Dinge „exakt“ zu beschreiben, doch dann kommt die Poesie ins Spiel – beziehungsweise muss ich mit mir bekannten Wörtern das mir Unbekannte wiedergeben.

(Wird der Außerirdische verstehen, was Liebe ist? Was Ehe ist? Alle vom Menschen gemachten Regeln, Grausamkeiten, Zerstörungen seines eigenen Planeten?)

(Halle, 18.05.19)