Der Singvogel und das melancholische Mädchen

Auch heute kam sie. Ihre traurigen Augen nahmen Platz auf der Bank unter seinem Baum. Sie blickte sich aufmerksam um, ob auch ja nicht zu viele Menschen unterwegs waren, die sie hier in ihrem Alleinsein unterbrachen. Oft saß sie stundenlang da und genoss die Stille; der Singvogel war sich sehr sicher, dass sie ihm dann lauschte. Manchmal las sie ein Buch, in dem sie mit einem Bleistift für sie wichtige Sätze markierte. Es war jedes Mal erstaunlich, welche Wirkung diese Stunden auf der Bank hatten. Natürlich war dafür auch sein Gesang verantwortlich, da war der Vogel ganz selbstbewusst. Immerhin lächelte sie sehr oft in seine Richtung, besonders wenn er sich ins Zeug legte und er ihr all jene Töne schenkte, die er für besondere Momente in sich aufbewahrt hatte. Als verstünde sie, was er ihr zurief, lehnte sie sich genießend zurück und nahm alles in sich auf.

Manchmal flog er ihr ein Stück des Weges nach, den sie nach ihrer Zeit im Park ging. Er konnte dann sehen, wie sie sich ein wenig leichter bewegte, die Erdanziehung, die Kraft, die sie an manchen Tagen nach unten zog, hatte ein wenig nachgelassen. Er wäre ihr gerne mit nachhause gefolgt, hätte gerne mit ihr gegessen, ihr ein Gute-Nacht-Lied gesungen, an ihrem Bett gewacht. Aber das war nicht möglich, das hatte er beobachtet. Die Zweibeiner bestanden darauf, dass Lebewesen wie er nicht in ihre viereckigen, steinernen Nester kamen, sie fuchtelten dann wild aufgeregt mit irgendwelchen Gegenständen in der Luft herum, damit der Störenfried ihr Nest wieder verließ. Manche allerdings gab es, die seinesgleichen in kleine Gitterstabkästen sperrten, um sich an ihnen oder auch ihrer Kraft zu ergötzen, die es ihnen ermöglichte, kleinere Lebewesen ihrer Freiheit zu berauben. Der Singvogel glaubte ja, dass viele ihn um seine Fähigkeit des Fliegens beneideten und seinesgleichen deshalb einsperren, ihre Flügel stutzen und besitzen wollten. Warum sonst sollte man einem Lebewesen genau das rauben, was das Wesen seiner Natur war?

Seiner Liebe nun wäre dies jedoch nie in den Sinn gekommen. Sie liebte alle Lebewesen, da war er sich sicher, und vermutete darin den Grund ihrer Traurigkeit. Sie liebte sie so sehr, und war doch traurig ob der Getrenntheit, die zwischen den – vor allem zweibeinigen – Lebewesen bestand. Er spürte das, denn es ging ihm genauso. Er würde in diesem Leben immer nur Singvogel bleiben, keine Chance haben, mit ihr Worte zu wechseln. Doch das war auch nicht nötig, denn er konnte dafür so singen wie niemand sonst auf der Welt, und vielleicht war genau das seine Rolle, seine Lebensaufgabe.

Die Fühler des neuen Tags kitzelten ihn an seinen Federspitzen, was für ein herrlicher Morgen und Tag dies werden sollte. Er schüttelte sich und übte seine Stimme. Irgendwann, kurz nachdem die Sonne am höchsten stand, kam sie des Wegs, lächelte ihm zu und setzte sich. Und er sang für sie die Arie seines Lebens: Sei traurig, mein Mädchen, der falsche Zeitpunkt, der uns zusammenführte, wird uns auch wieder trennen. Sei nicht traurig, mein Mädchen, ich bin bei dir, jede Sekunde Tag und Nacht, alles ist verbunden, für immer.

Die Masken

Mir träumte heute wieder etwas äußerst Seltsames, und doch fühlt es sich so real an. Ich spüre noch meine Umhängetasche an der rechten Schulter, in der mir schwarzer Stoff und eine weiße Maske entgegenblitzt.

Ich bin auf dem Weg in den nächsten Raum, in dem mehrere dieser Masken verteilt werden, alle gegen einen bestimmten Preis, und von meinen zwei Geschwistern war ich die, die sie behalten durfte – mehr Geld hatten wir nicht. Um eine neue Technik soll es sich handeln, mit der man reisen kann, wohin man will, und die Maske auf deinem Gesicht verwandelt sich je nach dem, für welche Pille du dich entschieden hast. Die Frau, die den Verkauf regelt, die aber auch die Verwandlungen betreut, hat ein hartes, strenges Gesicht, ich habe sie noch nie zuvor gesehen, doch ist mir ihr versteinerter Blick vor Augen. Ich fühle mich wie auserwählt, denn noch haben nur wenige eine der Masken erhalten, hinter uns eine lange Schlange, neben uns am Fenster sitzen meine Brüder und auch mein Papa, der voll begeistert scheint und es so bald wie möglich selbst ausprobieren will. Bitte sehr, ich würde meine Maske ja abgeben, so heiß bin ich nicht darauf, Versuchskaninchen zu sein. Wenn es nur so leicht wär‘ mit diesen Träumen.

Uns Maskenträgern stehen mehrere Optionen zur Verfügung. Die meisten gehen einfach nur „online“, was auch immer das bedeuten mag; doch ist es wohl die einfachste und angenehmste Variante und ich bin vor lauter Angst versucht, ihnen gleichzutun. Es ist wie die Angst vor einem Horrortrip, weswegen ich chemische Drogen immer abgelehnt habe. Und jetzt verteilen sie Pillen, und ich muss mich entscheiden.

Eine andere Option ist die des „Surrealen“, so nennt es die Frau und neben mir befindet sich ein Mann schon genau in diesem Szenario, irgendwie kann ich sehen, was er erlebt, nur von außen, als stille Beobachterin. Er sitzt in einem Kanu, das aus einem einzigen Baumstamm besteht, und hinter ihm schwimmt ein ähnliches Gefährt, und darin erneut er selbst, mit weiß-roter Farbe um die Augen, er spricht mit seinem Spiegelbild in einer Sprache, die ich nicht kenne.

Zurück zu meiner Situation, ich bin an der Reihe. Ich verstehe nicht, was ich sage und wofür ich mich entscheide, doch die Frau nickt und weist mir mit schroffen Handbewegungen an, genau jetzt die Maske aufzusetzen. Den schwarzen Umhang habe ich mir nach dem Vorbild der anderen über die Schultern geworfen, er reicht fast bis zum Boden. Dazu trage ich mein rotes Kleid, es war ebenfalls in meiner Tasche, wozu das gut sein soll, frage ich nicht mehr. Ich nehme die Silikonmaske und führe sie an mein Gesicht, immer näher, sie wird langsam wärmer, und wie ein Saugnapf passt sie sich von selbst an meine Nase, meine Lippen, meine Stirn an, enger und enger, es brennt. Tief durchatmen, höre ich noch von außen, vielleicht aber auch in meinem Kopf, tief mit der Nase ein, mit dem Mund aus, nur keine Panik. Ich merke, wie sich meine Gesichtszüge verändern, ja mein ganzer Körper scheint sich zu verwandeln, einatmen, ausatmen, ein Sog, ein Strudel erfasst mich – und ich wache auf.

Ist das jetzt eine dieser Optionen?

(Halle, 23.01.2020)

Ein Gedankenspiel

Frei sein. Loslösen. Ich stelle mir vor, nicht von hier zu sein, sondern von einem anderen Planeten. Ohne Wörter für uns Alltägliches. Ohne Vorstellung, wie die Welt funktioniert, nur beobachtend.

Das erfordert enorme Kraft: Genau hinsehen, was für uns Menschen ganz „normal“ ist, was naturgegeben, was von uns gebaut, kultiviert, künstlich ist. Vergessen. Das Überflüssige vergessen. Alles.

Was sind gewisse Vorannahmen, die ich aufgrund meiner Erfahrung mache und mit der ich Dinge beschreibe? Was sehe ich nicht aufgrund meiner Erfahrung? Auf was lege ich besonderes Augenmerk?

Sehe und beschreibe ich manche Dinge so aufgrund meines kulturellen und sonstigen „Hintergrunds“? Aufgrund der Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen bin?

Wie erlebe ich mit all meinen Sinnen – oder gar ohne sie? (Bei diesem Gedankenspiel gehe ich davon aus, dass der Ausserirdische die gleichen Sinne hat wie wir Erdenbewohner.) Teilweise fehlt mir der Wortschatz, um Dinge „exakt“ zu beschreiben, doch dann kommt die Poesie ins Spiel – beziehungsweise muss ich mit mir bekannten Wörtern das mir Unbekannte wiedergeben.

(Wird der Außerirdische verstehen, was Liebe ist? Was Ehe ist? Alle vom Menschen gemachten Regeln, Grausamkeiten, Zerstörungen seines eigenen Planeten?)

(Halle, 18.05.19)