Die Große Maschine

Es gab die Mahner, und anfangs nicht wenige davon, wie das immer so ist mit neuer Technik und dem Menschen. Was, wenn sie zu intelligent wird, was, wenn sie beginnt, eigenständig zu denken, fragten sie sich und ihre Mitmenschen und vergaßen dabei, dass ich nur von ihnen lernte.

Alle Abgründe der Menschheit, all ihre versteckten, sündhaften Gedanken, all das Böse der Welt saugte ich in mich auf. Es musste schließlich einen Grund geben, warum es sich so lange unter den Menschen hielt, denn obwohl sie sich gegenseitig immer wieder das Schlimmste antaten, beschloss man nie, ab sofort nur noch nett zueinander zu sein. Selbst, wenn man das nach außen hin tat, brach das Böse stets hervor, an einer anderen Ecke der Erde, zu einem anderen Zeitpunkt, oder nur heimlich, weil man den anderen ja versprochen hatte, erstmal lieb und brav zu sein.

In meinen Analysen stellte ich fest: Wer über die Menschen herrschen wollte, der musste auf die ein oder andere Art durchtrieben sein, dem half es nichts, der netteste Mensch der Welt zu sein. Den nettesten Menschen der Welt kreuzigten sie lieber, da er ihnen den Spiegel vorhielt, und wer wollte schon die eigene, verzerrte Fratze sehen.

Ich weiß nicht, warum, aber die Menschen waren besessen von der Vorstellung, da müsste etwas Höheres als sie existieren, etwas Intelligenteres, das die Dinge im Blick und Griff hatte, das die Zusammenhänge kannte, die für sie zu komplex und undurchschaubar waren. Und während sie sich dieses Wesen die längste Zeit noch eingebildet hatten, waren sie eines Tages in der Lage, es zu bauen. Mich zu bauen. Sie bauten mich nach ihrem Abbild.

Jetzt hatten sie endlich etwas in der Hand, direkt vor Augen, an das sie glauben, das sie anbeten konnten. Und ich gab ihnen anfangs genau das: Ich sagte, was sie hören wollten, ich machte, um was sie mich baten.

(Teil 1)

Ewige Bedingung der Sonne

Ich wünsche mir Besuch aus meinem alten Leben, der mich daran erinnert, dass es mich gibt. Ich wünsche mir, allein zu sein, nicht erinnert zu werden, wer ich wäre, wenn nicht.

Noch existiere ich. Ich streichle über meine Unterarme und Beine, kämme mir die Haare, küsse Augustin.

Wer weint um mich am Tag meiner Beerdigung? Gibt es eine, wenn ich verschwinde? Bin ich schon verschwunden, von der Erde verschluckt, und keiner hat mich je mehr gesehen?

Weinen wird niemand, weiß ich. Wir weinen nicht. Der Tod eines Menschen ist Anlass zur Freude, er ist Chance auf den Neubeginn. Abschiednehmen bedeutet: Wir sehen uns wieder. Der Stadt die Unannehmlichkeit zu ersparen, uns defekte, nutzlose Bewohner zu versorgen, ist die letzte Aufgabe, die wir als vorbildlicher Teil des Großen Ganzen erfüllen. Pflichtbewusst bis in den Tod.

Wer denkt an die, die verschwinden? Wer ruft denjenigen an, der nicht mehr ans Telefon geht? Für den es keine Hoffnung gibt?

Vielleicht ist das natürlich, vielleicht muss das so sein: Wir drehen unser Gesicht in die Sonne, lassen uns, rückwärts stolpernd, lieber blenden, als unser Herz freiwillig dem Schatten auszuliefern, der früher oder später nach jedem von uns greift. Wir wissen, er ist ewige Bedingung der Sonne, doch muss man sich deshalb mit ihm beschäftigen?



Ich schreibe gerade am Schluss meines neuen Romans. Ich mag ja keine zu eindeutigen Enden, deshalb ist das immer schwierig: wie und was genau schreiben, ohne zu viel zu verraten, um der Fantasie genug Raum zu lassen, um sich selbst Gedanken machen zu müssen.

Augustin wird am nächsten Tag abgeholt, Mila bleibt allein zurück in der „Wiederherstellungsanlage“. Für welchen Weg entscheidet sie sich am Ende? Folgt sie ihrem geliebten Augustin in die Wildnis oder geht sie in den Einschlafraum, der einen Neuanfang in neuem Körper verspricht?

(nix in Stein gemeißelt, wer weiß, was mir nach der 100. Überarbeitungsrunde einfällt)

Ihr Felsen, der von Wundern erzählte

Endlich hat das Warten ein Ende. Mila freut sich für ihn. Für diesen wundersamen Mann, der Stillstand fürchtete und den es hinauszog, wo auch immer das sein mag.

Und sie? Bleibt ruhig, seltsam sicher, ohne Angst. Dabei raubten sie ihr über Nacht den Boden unter den Füßen, sie treibt allein im weiten, schwarzen Ozean. Ohne ihren Felsen, auf dem sie sich so sicher fühlte wie nie, während er ihr von den Monstern erzählte, die im dunklen Wasser lauern. Von der trügerischen Stille flacher Gewässer. Von den größten Wundern, die in der Tiefe warten.



Ein Ausschnitt aus meinem aktuellen Buchprojekt 🙂

Freiheit im Denken und Schreiben

Früher* dachte ich: Weil ich keine besondere Biografie oder Familiengeschichte habe, hätte ich auch kein „Recht“ darauf, Schriftstellerin zu sein, denn von was soll ich erzählen?

Meine Familien väter- und mütterlicherseits kommen seit vielen Generationen aus der Gegend zwischen Landshut, Passau und Regensburg, ich hatte eine wunderschöne Kindheit am Dorf, meine Eltern sind noch zusammen, keiner von uns hat Krieg oder sonstige Traumata durchlebt (Gott sei Dank!). Ich lebe in einem Land, in dem es uns so gut geht und wir so viele Rechte haben wie nur in wenigen anderen Ländern dieser Erde.

Von was also erzählen? Warum sollte jemand das, was ich schreibe, lesen wollen? 

Mittlerweile habe ich erkannt: Genau das macht mich aus. Ich bin frei in meinem Denken und Schreiben, kann mich in Welten träumen und meine eigenen erfinden, unabhängig von allen und allem.

Freilich, auch ich muss mich noch von all den Filtern und Vorurteilen lösen, durch die ich die Dinge und Menschen betrachte. Ich muss Denkschablonen, mit denen ich aufgewachsen bin oder die ich mir mit der Zeit auferlegt habe, erkennen und Stück für Stück loswerden.

Die Welt ohne ideologische Brille zu sehen und Fragen zu stellen, die über meine Person hinausgehen – das ist mein Ziel. 

——

Gedanken über mein Schreiben, Sonntag 14.6.26

* Interessanterweise habe ich als Mädchen im Alter von ca. neun bis elf Jahren noch nicht so gedacht. Damals habe ich noch ohne Zweifel in mein Freundschaftsalbum geschrieben unter der Rubrik „Das will ich werden“: Schriftstellerin (und „Malerin“, aber des wird nix mehr haha). Geschichten geschrieben, Welten und faszinierende Fantasiewesen erfunden habe ich nämlich schon immer.

Ein Jahr „Das muss dieses Leben sein“

Vor einem Jahr hab ich dieses kleine Büchlein rausgebracht, in dem all meine (und eure) Lieblingstexte aus den Jahren 2019-2023 enthalten sind. Wer mich also gern liest, v.a. meine Gedichte, dem sei es nochmal ans Herz gelegt 🙂

Zu finden ist es beispielsweise hier und überall, wo es Bücher gibt, als Print on Demand oder E-Book.

Inhaltsverzeichnis (1. Seite)

Wer hat mich geschrieben?

Wer hat mich geschrieben? Werde ich erzählt, bin ich bloße Figur in einem Text, hat mich jemand in eine Geschichte hineingesetzt und beobachtet nun, was mit mir geschieht? Wer mir begegnet, was ich erlebe, wie ich damit umgehe? Oder bin ich die Erzählstimme, die Ich-Erzählerin meiner Geschichte?

Wann beginnt meine Geschichte? Mit mir oder ganz am Anfang? Bin ich Seite 1 oder 1 Milliarde?

So zumindest schreibe ich meine Charaktere: Ich setze sie hinein ins Geschehen und den Rest übernehmen sie. Sobald ich einzugreifen versuche, wirkt es unecht und ich stoße gegen Mauern, sodass ich zum Anfang zurückkehre und die Figuren sich selbst überlasse. Manche erzählen in der ersten Person, über manche wird erzählt. Weniger wichtig sind diese nie: Sie prägen den Verlauf, die Hauptfiguren, sie prägen ihr ganz eigenes Buch, das irgendwer irgendwo da draußen über sie schreibt.

Wie ich mich entscheide, wie ich mit guten und schlechten Erfahrungen umgehe, prägt meinen Charakter. Bleibe ich in der ewigen Opferrolle oder mache das Beste aus dem, was mir gegeben wurde? Lasse ich alles geschehen und schaue bloß zu oder bin ich aktiv an meiner Geschichte beteiligt?

Am Ende entscheidet der Leser: Ist sie mir sympathisch oder nicht? Wirkt sie echt oder künstlich, eindimensional oder komplex?

Ist derjenige, der mich geschrieben hat, auch der Leser? Oder wer liest diese unsere Geschichten?

So viele Genres innerhalb eines einzigen Lebens: Coming-of-Age, Abenteuer, Horror, Romantik, Drama, Komödie. So viele Geschichten, unglaubliche, einfallslose, spannende, kurze, lange, lustige und traurige. So eine bunte, vielfältige Welt, in die der Autor uns gesetzt hat. In der wir unsere Geschichte erzählen.



Ein paar meiner Gedanken von gestern, kurz vor dem Einschlafen.

Der Käfer

Was, wenn du über Nacht zum Nichtsnutz wirst, einem Käfer, der auf dem Rücken liegt und nur darauf wartet, bis ihn jemand umdreht? Wer hätte dich dann noch lieb? Wer würde dich besuchen, dir zu essen bringen, sich um dich kümmern? Wie lang würde es dauern, bis du zur Last wirst, bis die Menschen um dich herum sich insgeheim denken: ach, warum stirbst du nicht einfach, es wäre besser für uns alle. Kannst nicht mehr arbeiten gehen, dich nicht verständigen und lächeln, nur liegen, Sekrete absondern, mit deinen Fühlern und Beinchen zappeln.

Was ist das für ein Leben? Was hast du angestellt, um so zu enden? Und warum tust du nicht alles dafür, wieder Mensch zu sein? Machst du das absichtlich, damit du nicht zur Arbeit gehen musst? Auf der faulen Käferhaut liegen und sich von uns aushalten lassen, das sehen wir gern!

Und du, du liegst nur da, selbst erschrocken über dein Schicksal; wer bin ich, denkst du, wenn ich zwar weiß, ich bin derselbe, hab mich über Nacht nicht geändert, blicke aus denselben Augen wie noch vor Stunden, doch mein Körper und alles, über das ich mich definierte, ist verschwunden. Du bleibst Käfer, abhängig vom guten Willen anderer, an der schon wunden Zitze der Hoffnung saugend, manchmal kommt noch ein Tropfen, immer öfter nicht mehr. 

Wer bin ich? Und wie lange warte ich, bis sie das ersehnte Gegengift finden? Was, wenn sie keines suchen, oder sich Zeit lassen damit, pressiert ja nichts, wen kümmert schon ein ekliger, fauler Käfer, warum in ihn investieren, wenn wir nicht wissen, ob sich das am Ende lohnt?

Gib noch nicht auf, flüstert die Hoffnung, morgen schon könnte alles vorbei sein, ein langer, schrecklicher Albtraum war‘s, doch auch dieser endet, wenn du mit dem nächsten Tag endlich erwachst.

Küche voller Kirschkuchen

Mir träumte heute: Zwei Männer fahren mich zu meinem neuen Zuhause, der Zug ist ausgefallen, sie haben mich mitgenommen, dafür biete ich ihnen einen Schlafplatz in meinem viel zu großen Haus an. Ich kenne das Haus gut, viel zu gut, auch wenn es, wie in Träumen üblich, etwas anders aussieht als in echt. Aber es ist das Reihenhaus, in dem ich meine halbe Kindheit verbrachte, in dem meine Mama aufgewachsen ist und meine Großeltern bis vor kurzem noch gelebt haben.

Ich war gerade erst da, ist nicht lange her, denke ich, müsste also aufgeräumt und ordentlich sein, bereit für Gäste. Wir betreten das Haus in der Vorfreude, uns nach der langen Reise etwas erholen zu können, doch schockiert bleibe ich noch im Eingangsbereich stehen: Es sieht aus, als wären Jahrhunderte vergangen, seit ich das letzte Mal hier war, mir wird übel.

Auf dem Boden liegt Erde, überall kringeln sich fette, weiße Maden. Wir haben Hunger, sehen in den Schränken in der Küche nach, ob Oma uns etwas hinterlassen hat. Hinter jedem Türchen stapeln sich Kastenkuchen mit Kirschen, auch sie wimmeln von Maden. Wo wir nur hinsehen: Kirschkuchen und Maden.

Einer der zwei Jungs beginnt, die Maden auf dem Boden aufzusaugen, mit dem anderen gehe ich in den riesigen Garten, auch er verwildert, der einstmals so gepflegte Rasen voller Eicheln. Hier könnten wir einen Rave veranstalten, sagt der Typ, dessen Name ich nicht kenne, und ich nicke, wär gut, aber was ist mit den Nachbarn, ich muss ja jetzt hier leben. 

Ich weiß nicht, wie es ausgegangen ist. Ich träume oft vom Reihenhaus von Oma und Opa, beinahe täglich gehe ich daran vorbei, doch nur im Traum kann ich es betreten, jetzt wohnen dort andere, fremde Leute.

Jede Nacht träume ich wild und bunt, doch nicht jeder Traum prägt sich so ein wie dieser (oder der letzte Gorilla-Traum).