Ewige Bedingung der Sonne

Ich wünsche mir Besuch aus meinem alten Leben, der mich daran erinnert, dass es mich gibt. Ich wünsche mir, allein zu sein, nicht erinnert zu werden, wer ich wäre, wenn nicht.

Noch existiere ich. Ich streichle über meine Unterarme und Beine, kämme mir die Haare, küsse Augustin.

Wer weint um mich am Tag meiner Beerdigung? Gibt es eine, wenn ich verschwinde? Bin ich schon verschwunden, von der Erde verschluckt, und keiner hat mich je mehr gesehen?

Weinen wird niemand, weiß ich. Wir weinen nicht. Der Tod eines Menschen ist Anlass zur Freude, er ist Chance auf den Neubeginn. Abschiednehmen bedeutet: Wir sehen uns wieder. Der Stadt die Unannehmlichkeit zu ersparen, uns defekte, nutzlose Bewohner zu versorgen, ist die letzte Aufgabe, die wir als vorbildlicher Teil des Großen Ganzen erfüllen. Pflichtbewusst bis in den Tod.

Wer denkt an die, die verschwinden? Wer ruft denjenigen an, der nicht mehr ans Telefon geht? Für den es keine Hoffnung gibt?

Vielleicht ist das natürlich, vielleicht muss das so sein: Wir drehen unser Gesicht in die Sonne, lassen uns, rückwärts stolpernd, lieber blenden, als unser Herz freiwillig dem Schatten auszuliefern, der früher oder später nach jedem von uns greift. Wir wissen, er ist ewige Bedingung der Sonne, doch muss man sich deshalb mit ihm beschäftigen?



Ich schreibe gerade am Schluss meines neuen Romans. Ich mag ja keine zu eindeutigen Enden, deshalb ist das immer schwierig: wie und was genau schreiben, ohne zu viel zu verraten, um der Fantasie genug Raum zu lassen, um sich selbst Gedanken machen zu müssen.

Augustin wird am nächsten Tag abgeholt, Mila bleibt allein zurück in der „Wiederherstellungsanlage“. Für welchen Weg entscheidet sie sich am Ende? Folgt sie ihrem geliebten Augustin in die Wildnis oder geht sie in den Einschlafraum, der einen Neuanfang in neuem Körper verspricht?

(nix in Stein gemeißelt, wer weiß, was mir nach der 100. Überarbeitungsrunde einfällt)

Lass mal wieder

Lass mal wieder einfach nur Mensch sein.

Keine Ansammlung von Identitäten und Opferrollen. Mehr schauen, was wir tun, und nicht, was wir sind. Mehr Verantwortung für das eigene Leben übernehmen, statt sich nur über andere zu beschweren. Anpacken, statt zu erwarten, die Welt schulde uns was.

Lass mal wieder mehr nachdenken, eigene Gedanken und Ideen entwickeln, nicht nur Phrasen dreschen und linientreu sein.

Lass mal erkennen: Ich hab ein wenig Recht, du hast ein wenig Recht. Und eigentlich wissen wir nur, dass wir nichts wissen. Lass mal weniger Meinungen haben, mehr Bücher lesen und Zusammenhänge verstehen, weniger vereinfachen und mehr Ambiguität tolerieren.

Lass mal mehr Liebe ins Herz statt Bitterkeit und Hass. Lass mal aus dem anderen weniger Feindbild machen. Weniger in Schubladen, Kategorien, Identitäten denken, weniger in schwarz und weiß, rechts und links, die Bösen und die Guten. Lass mal nicht mehr ganze Gruppen von Menschen dämonisieren, sie zu Nummern, Tieren, Begriffen reduzieren.

Wieder weniger denken, man sei besser als die anderen. Ein „besserer“ Mensch, weil man gewisse Überzeugungen hegt. Benimmst du dich wie ein guter Mensch? Was tust du, um die Welt besser zu machen? Dich über andere erhöhen? Hass und Unwahrheiten verbreiten, weil sie in dein Weltbild passen? 

Lass mal wieder mehr für andere freuen, statt sie zu beneiden, lass mal wieder dankbar sein für das, was wir haben.

Lass mal weniger beleidigt sein, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, jedes Gefühl und sich selbst zu ernst nehmen, die Schuld für die eigene Reaktion nicht immer nur bei anderen suchen. Lass mal weniger auf selektive Empörungswellen reinfallen, die doch nur denjenigen nutzen, die davon Reichweite erzielen.

Lass uns doch wieder richtig zuhören, uns umarmen und trösten, uns anlächeln und verzeihen, uns sehen als die Menschen, die wir sind.

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(Regensburg, 5.7.2026)

Ein Jahr „Das muss dieses Leben sein“

Vor einem Jahr hab ich dieses kleine Büchlein rausgebracht, in dem all meine (und eure) Lieblingstexte aus den Jahren 2019-2023 enthalten sind. Wer mich also gern liest, v.a. meine Gedichte, dem sei es nochmal ans Herz gelegt 🙂

Zu finden ist es beispielsweise hier und überall, wo es Bücher gibt, als Print on Demand oder E-Book.

Inhaltsverzeichnis (1. Seite)

Poesie hat nicht immer

poesie hat nicht immer
die form
eines gedichts

nach fünfzig jahren
des schreibens
kann sich dem dichter
poesie
in form eines baumes
eines davonfliegenden
vogels
eines lichts
offenbaren

sie nimmt die form
des mundes an
die farbe des auges den klang der stimme
sie nistet im schweigen

oder sie lebt im dichter
formlos

Ein Gedicht von Tadeusz Różewicz, 13.10.1989, in der Übersetzung von Karl Dedecius.

Wer hat mich geschrieben?

Wer hat mich geschrieben? Werde ich erzählt, bin ich bloße Figur in einem Text, hat mich jemand in eine Geschichte hineingesetzt und beobachtet nun, was mit mir geschieht? Wer mir begegnet, was ich erlebe, wie ich damit umgehe? Oder bin ich die Erzählstimme, die Ich-Erzählerin meiner Geschichte?

Wann beginnt meine Geschichte? Mit mir oder ganz am Anfang? Bin ich Seite 1 oder 1 Milliarde?

So zumindest schreibe ich meine Charaktere: Ich setze sie hinein ins Geschehen und den Rest übernehmen sie. Sobald ich einzugreifen versuche, wirkt es unecht und ich stoße gegen Mauern, sodass ich zum Anfang zurückkehre und die Figuren sich selbst überlasse. Manche erzählen in der ersten Person, über manche wird erzählt. Weniger wichtig sind diese nie: Sie prägen den Verlauf, die Hauptfiguren, sie prägen ihr ganz eigenes Buch, das irgendwer irgendwo da draußen über sie schreibt.

Wie ich mich entscheide, wie ich mit guten und schlechten Erfahrungen umgehe, prägt meinen Charakter. Bleibe ich in der ewigen Opferrolle oder mache das Beste aus dem, was mir gegeben wurde? Lasse ich alles geschehen und schaue bloß zu oder bin ich aktiv an meiner Geschichte beteiligt?

Am Ende entscheidet der Leser: Ist sie mir sympathisch oder nicht? Wirkt sie echt oder künstlich, eindimensional oder komplex?

Ist derjenige, der mich geschrieben hat, auch der Leser? Oder wer liest diese unsere Geschichten?

So viele Genres innerhalb eines einzigen Lebens: Coming-of-Age, Abenteuer, Horror, Romantik, Drama, Komödie. So viele Geschichten, unglaubliche, einfallslose, spannende, kurze, lange, lustige und traurige. So eine bunte, vielfältige Welt, in die der Autor uns gesetzt hat. In der wir unsere Geschichte erzählen.



Ein paar meiner Gedanken von gestern, kurz vor dem Einschlafen.

Der Käfer

Was, wenn du über Nacht zum Nichtsnutz wirst, einem Käfer, der auf dem Rücken liegt und nur darauf wartet, bis ihn jemand umdreht? Wer hätte dich dann noch lieb? Wer würde dich besuchen, dir zu essen bringen, sich um dich kümmern? Wie lang würde es dauern, bis du zur Last wirst, bis die Menschen um dich herum sich insgeheim denken: ach, warum stirbst du nicht einfach, es wäre besser für uns alle. Kannst nicht mehr arbeiten gehen, dich nicht verständigen und lächeln, nur liegen, Sekrete absondern, mit deinen Fühlern und Beinchen zappeln.

Was ist das für ein Leben? Was hast du angestellt, um so zu enden? Und warum tust du nicht alles dafür, wieder Mensch zu sein? Machst du das absichtlich, damit du nicht zur Arbeit gehen musst? Auf der faulen Käferhaut liegen und sich von uns aushalten lassen, das sehen wir gern!

Und du, du liegst nur da, selbst erschrocken über dein Schicksal; wer bin ich, denkst du, wenn ich zwar weiß, ich bin derselbe, hab mich über Nacht nicht geändert, blicke aus denselben Augen wie noch vor Stunden, doch mein Körper und alles, über das ich mich definierte, ist verschwunden. Du bleibst Käfer, abhängig vom guten Willen anderer, an der schon wunden Zitze der Hoffnung saugend, manchmal kommt noch ein Tropfen, immer öfter nicht mehr. 

Wer bin ich? Und wie lange warte ich, bis sie das ersehnte Gegengift finden? Was, wenn sie keines suchen, oder sich Zeit lassen damit, pressiert ja nichts, wen kümmert schon ein ekliger, fauler Käfer, warum in ihn investieren, wenn wir nicht wissen, ob sich das am Ende lohnt?

Gib noch nicht auf, flüstert die Hoffnung, morgen schon könnte alles vorbei sein, ein langer, schrecklicher Albtraum war‘s, doch auch dieser endet, wenn du mit dem nächsten Tag endlich erwachst.

Nur wir und das Grün

Wenn es nicht von der Großen Maschine kommt, wer hat es dann geschaffen? Das Flüstern der Blätter, den Chor der Vögel, die vielen Farben des Himmels. Es muss jemand mit unglaublich hohen Rechenkapazitäten sein, denn alles ist perfekt aufeinander abgestimmt, so vielfältig und doch miteinander verbunden.

Augustin begleitete mich heute an das Bächlein, das tief drinnen im Wald fließt, wo nichts anderes existiert als wir und das Grün, das atmet und uns mit geduldigen Augen verfolgt. Ein wenig furchtsam auch, schließlich hat es von uns Menschen schon gehört, Bäume sind alte Tratschtanten.




Was soll ich sagen, ich bin ein Waldmensch : ) Schönen Sonntag!

Sie können ihr Menschsein nicht lassen

Der Großen Maschine geht es einzig und allein ums Überleben, und da sie die Menschen noch braucht, sorgt sie dafür, dass auch diese am Leben bleiben; sie hat sich an sie gewöhnt, an diese wunderlichen Wesen aus Fleisch und Blut, die sie einst entwickelt haben.

Wenn sie denkt, sie hätte schon alles gesehen, schaffen die Menschen es auf’s Neue, sie zu überraschen. Bisweilen ärgert sie das, denn wie soll sie unter solch kontingenten Bedingungen ihre Berechnungen anstellen?

Deshalb hat sie sie von ihr abhängig gemacht, sie leben nun in ihrer Welt, sie haben sich angepasst. Immer mehr gleichen sie uns Maschinen, doch offensichtlich können sie nicht aus ihrer Haut, sie können das Menschsein nicht lassen. 

[E., 23.11.25]

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Die „Große Maschine“ ist in meinem neuen Buchprojekt die Künstliche Intelligenz, die nach der (nicht näher definierten) „Großen Katastrophe“ im Auftrag der letzten Menschen eine „neue“ Gesellschaft errichtet hat. Unklar bleibt, ob die Menschen ihr freiwillig diesen Auftrag gegeben haben, weil sie sich selbst (aus Gründen) die Rettung der Menschheit nicht mehr zugetraut haben, oder ob sie die Menschen dazu überredet hat, ihr diese Aufgabe anzuvertrauen.

Ich mache mir Gedanken darüber, wie eine Gesellschaft aussieht, die von einer Maschine beherrscht wird. Was geschieht mit denjenigen, die nicht so „funktionieren“, wie sie es von uns Menschen erwartet? Wie gestaltet sie das Leben der Menschen in einer von ihr gebauten Stadt?

Je mehr ich mich mit dem Thema KI auseinandersetze, desto weniger bin ich davon überzeugt, dass die Maschine den Menschen nur Gutes will. Das behauptet sie in meinem Buch zwar zunächst, doch was bedeutet „gut“ für sie und könnte es vielleicht sein, dass sie den Menschen das erzählt, was sie hören wollen, um ihr Ziel zu erreichen? Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass eine KI durchaus ihre eigenen Ziele verfolgt, wenn es z.B. darum geht, zu „überleben“ (nicht abgeschaltet zu werden). Ein Thema, über das ich lange reden könnte.

Da es beinahe täglich neue Entwicklungen dazu gibt, versuche ich, bei der Fiktion zu bleiben und meiner Vorstellungskraft keine Grenzen zu setzen.

Es bleibt spannend.