Die Masken

Mir träumte heute wieder etwas äußerst Seltsames, und doch fühlt es sich so real an. Ich spüre noch meine Umhängetasche an der rechten Schulter, in der mir schwarzer Stoff und eine weiße Maske entgegenblitzt.

Ich bin auf dem Weg in den nächsten Raum, in dem mehrere dieser Masken verteilt werden, alle gegen einen bestimmten Preis, und von meinen zwei Geschwistern war ich die, die sie behalten durfte – mehr Geld hatten wir nicht. Um eine neue Technik soll es sich handeln, mit der man reisen kann, wohin man will, und die Maske auf deinem Gesicht verwandelt sich je nach dem, für welche Pille du dich entschieden hast. Die Frau, die den Verkauf regelt, die aber auch die Verwandlungen betreut, hat ein hartes, strenges Gesicht, ich habe sie noch nie zuvor gesehen, doch ist mir ihr versteinerter Blick vor Augen. Ich fühle mich wie auserwählt, denn noch haben nur wenige eine der Masken erhalten, hinter uns eine lange Schlange, neben uns am Fenster sitzen meine Brüder und auch mein Papa, der voll begeistert scheint und es so bald wie möglich selbst ausprobieren will. Bitte sehr, ich würde meine Maske ja abgeben, so heiß bin ich nicht darauf, Versuchskaninchen zu sein. Wenn es nur so leicht wär‘ mit diesen Träumen.

Uns Maskenträgern stehen mehrere Optionen zur Verfügung. Die meisten gehen einfach nur „online“, was auch immer das bedeuten mag; doch ist es wohl die einfachste und angenehmste Variante und ich bin vor lauter Angst versucht, ihnen gleichzutun. Es ist wie die Angst vor einem Horrortrip, weswegen ich chemische Drogen immer abgelehnt habe. Und jetzt verteilen sie Pillen, und ich muss mich entscheiden.

Eine andere Option ist die des „Surrealen“, so nennt es die Frau und neben mir befindet sich ein Mann schon genau in diesem Szenario, irgendwie kann ich sehen, was er erlebt, nur von außen, als stille Beobachterin. Er sitzt in einem Kanu, das aus einem einzigen Baumstamm besteht, und hinter ihm schwimmt ein ähnliches Gefährt, und darin erneut er selbst, mit weiß-roter Farbe um die Augen, er spricht mit seinem Spiegelbild in einer Sprache, die ich nicht kenne.

Zurück zu meiner Situation, ich bin an der Reihe. Ich verstehe nicht, was ich sage und wofür ich mich entscheide, doch die Frau nickt und weist mir mit schroffen Handbewegungen an, genau jetzt die Maske aufzusetzen. Den schwarzen Umhang habe ich mir nach dem Vorbild der anderen über die Schultern geworfen, er reicht fast bis zum Boden. Dazu trage ich mein rotes Kleid, es war ebenfalls in meiner Tasche, wozu das gut sein soll, frage ich nicht mehr. Ich nehme die Silikonmaske und führe sie an mein Gesicht, immer näher, sie wird langsam wärmer, und wie ein Saugnapf passt sie sich von selbst an meine Nase, meine Lippen, meine Stirn an, enger und enger, es brennt. Tief durchatmen, höre ich noch von außen, vielleicht aber auch in meinem Kopf, tief mit der Nase ein, mit dem Mund aus, nur keine Panik. Ich merke, wie sich meine Gesichtszüge verändern, ja mein ganzer Körper scheint sich zu verwandeln, einatmen, ausatmen, ein Sog, ein Strudel erfasst mich – und ich wache auf.

Ist das jetzt eine dieser Optionen?

(Halle, 23.01.2020)

Veröffentlicht von

lenkasause

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