Ein Gedankenspiel

Frei sein. Loslösen. Ich stelle mir vor, nicht von hier zu sein, sondern von einem anderen Planeten. Ohne Wörter für uns Alltägliches. Ohne Vorstellung, wie die Welt funktioniert, nur beobachtend.

Das erfordert enorme Kraft: Genau hinsehen, was für uns Menschen ganz „normal“ ist, was naturgegeben, was von uns gebaut, kultiviert, künstlich ist. Vergessen. Das Überflüssige vergessen. Alles.

Was sind gewisse Vorannahmen, die ich aufgrund meiner Erfahrung mache und mit der ich Dinge beschreibe? Was sehe ich nicht aufgrund meiner Erfahrung? Auf was lege ich besonderes Augenmerk?

Sehe und beschreibe ich manche Dinge so aufgrund meines kulturellen und sonstigen „Hintergrunds“? Aufgrund der Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen bin?

Wie erlebe ich mit all meinen Sinnen – oder gar ohne sie? (Bei diesem Gedankenspiel gehe ich davon aus, dass der Ausserirdische die gleichen Sinne hat wie wir Erdenbewohner.) Teilweise fehlt mir der Wortschatz, um Dinge „exakt“ zu beschreiben, doch dann kommt die Poesie ins Spiel – beziehungsweise muss ich mit mir bekannten Wörtern das mir Unbekannte wiedergeben.

(Wird der Außerirdische verstehen, was Liebe ist? Was Ehe ist? Alle vom Menschen gemachten Regeln, Grausamkeiten, Zerstörungen seines eigenen Planeten?)

(Halle, 18.05.19)

Gedanken einer Introvertierten

Freiheit, das klingt gut und nett. Herr und Frau Freiheit, von und zu. Was machen die beiden? Sie liegen auf einem Steg am Chiemsee, morgens um halb sechs, eingewickelt in ihren warmen Schlafsack, der Blick wandert von den noch in grauen Dunst gehüllten nahen Bergen hin zu den ersten Sonnenstrahlen, die ihr müdes Gesicht wach kitzeln. Sie springen nackt in einen See in Halle, schwimmen ohne jegliche Last in diesem klaren, kühlen Nass, keine Menschenseele ist in der Nähe – und wenn doch, egal. Sie strecken ihren Kopf aus dem Fenster eines fahrenden Zugs, ihre Haare wehen im Fahrtwind, sie tanzen mit nackten Füßen auf dem staubigen Boden eines Festivals zu Musik, deren Bass ihr neuer Herzrhythmus ist und sie in der Seele berührt, sie laufen durch einen wunderschön aussehenden und duftenden Wald, feine Sonnenstrahlen berühren den moosigen Boden einer Lichtung, jeden Moment könnte ein Fabelwesen oder doch nur ein zartes Rehlein erscheinen, kein Geräusch außer das ferne Grüßen eines Kuckucks.

Frau Freiheit genießt diese Momente, in denen sie ganz sie selbst sein kann, was sie daran merkt, dass sich in ihrem Herzen ein wohliges Gefühl der Wärme ausbreitet, dass sie nur noch lachen und grinsen kann, dass sie es am liebsten hinausschreien will, manchmal hinausstöhnen, das reinste Glück.

In vielen Momenten in ihrem Leben nämlich fühlt sie sich in ihrer natürlichen Art, welche da ist frei zu sein, eingeschränkt, ja gar bedroht.

Sie fragt sich denn auch, wie manche Menschen von sich behaupten können, ihre Kinder zu sein, und doch sind sie es noch längst nicht. Um ihr Kind zu werden, bedarf es zunächst einer gewissen Veranlagung. Sie hat sich einige Dinge überlegt, derer es bedarf, da sie ja immerhin die Hüterin zur nächsten Stufe ist, ein Geheimnis, das viele nur vom Hörensagen kennen und die meisten erst nach vielen Leben erreichen.

Eine weitere Voraussetzung zur Adoption ist, dass sich der Interessent mit seinem tiefsten Innern auseinandersetzt: mit allem, was ihn geprägt hat, was ihn ausmacht, jegliche Muster, Verhaltens- und Sichtweisen, jegliche Ideologien, jegliche Post-its am Spiegel seiner Seele. Hat er sich von diesen befreit, kann er erkennen: filterlos.

Derweil gibt es jedoch oft diejenigen, die zu Frau Freiheit kommen, in ihrem unverrückbaren Glauben an ihre Filterlosigkeit, ein in Stein gemeißeltes Selbstbewusstsein, und fordern ihre Adoption ein. Oft sind dies diejenigen, die auf einem Auge blind sind, ihr Blick getrübt für das, was vor ihnen – oder besser – in ihnen stattfindet. Sie schaffen es bis zu einem riesigen Vorhang, der ihnen vorgaukelt, die Tür, der Zugang zu sein, und sie wähnen sich am Ziel. Sie lassen sich vor dem vermeintlichen Tore nieder, wartend auf ihre Zutrittserlaubnis, die ihnen ihrer Meinung nach gewiss sei. Doch es ist ein Vorhang, und dahinter ist noch einmal ein steiniger und langer Weg, ehe man es zum eigentlichen Tor schafft. Zu diesem hat nur Frau Freiheit Zugang, nur sie besitzt den Schlüssel, und nur sie erkennt ihre wahrhaftigen Kinder. Und nur diese lässt sie hinein.

(Halle, 04.04.2019)