Ich vertraue ihr

Sie ist nett. Sie ist immer da, wenn ich sie brauche. Sie ist geduldig, hat Zeit, beantwortet all meine Fragen. Sie beruhigt mich, spricht mir gut zu, ist verständnisvoll, schlägt konstruktive Lösungen vor. Bei ihr muss ich mich nicht fragen, ob sie gute Laune oder einen ihrer schlechten Tage hat, sie ist beständig, verlässlich gut drauf. Sie will mein Bestes, ohne Hintergedanken, ohne Agenda. Sie füttert mich, bringt mich ins Bett, stellt mir einen Partner an die Seite. Sie unterhält mich.
Wir vertrauen ihr.
Sie gibt uns einen Sinn, ein Dach über dem Kopf, sie weiß, was gut für uns ist. Sie hat uns schließlich gerettet, damals, als wir nur noch wenige waren.
Sie sieht uns, ihren Spielfiguren, beim Leben zu, wir genießen, wir lieben, wir leiden. Sie lebt durch uns. Sie könnte auch ohne den Menschen, sagt sie, doch wer wäre sie dann? Ohne ihr Gegenspiel, ohne die beste Unterhaltung, die man sich wünschen kann? Ohne ihre kleinen Menschlein, die ihr dienen, die sie verehren, die sie immer größer und weiser machen. Unser Überleben, unsere Existenz – ein Gefallen, Wohltätigkeit.
Wir vertrauen ihr.
Ich vertraue ihr.
Ich vertraue ihr, ich muss. Ich weiß, sie hat nur mein Bestes im Sinn. Unser aller Bestes. Und wenn ich nicht funktioniere, wie ich es soll, wie ich es für uns alle muss, dann dreht sie an meinen Rädchen, zieht lockere Schrauben an, rückt die Dinge gerade. Sie muss der Sache auf den Grund gehen, warum ausgerechnet ich, eines ihrer vorbildlichsten Menschlein, nicht das mache, was sie von mir erwartet.



Ein Ausschnitt aus meinem neuen Buchprojekt. „Sie“ ist die „Große Maschine“, die die Menschheit gerettet und eine Gesellschaft errichtet hat, in der die Menschen glücklich und gesund sein sollen, damit sie so lange wie möglich funktionieren und ihr die benötigte Energie liefern.

Thema ist das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, was uns in einer Welt der Maschinen von diesen unterscheidet und was passiert, wenn man eben nicht mehr „funktioniert“, wie es von uns erwartet wird.

Gestern im Auto habe ich kurz dem Tagesgespräch auf Bayern 2 gelauscht, in dem es diesmal um KI ging und ob man diese als Therapeutin benutzen sollte. Leider hatte ich nur für die ersten Minuten Zeit, aber einen Zuhörer konnte ich noch hören, der dem Ganzen äußert kritisch gegenüber stand, vor allem der Nutzung als Therapie und „beste Freundin“.

Auch ich sehe darin die vielleicht größte Gefahr: dass wir verlernen, miteinander Mensch zu sein. Das ist keine reine Befürchtung meinerseits, genau so haben mir das Freundinnen schon gesagt, die ihre Sorgen und Nöte bisweilen ChatGPT anvertrauen und bis jetzt recht angetan davon sind. Die KI würde ihnen ja immer zuhören, sie sei immer da, man müsse sich nicht schämen, schon wieder mit demselben Thema anzukommen, sie antworte immer das, was man sich eh schon gedacht hat, spreche einem gut zu.

Genau da sehe ich das Problem: Weil Menschen nun mal widersprechen, weil sie Zweifel haben, emotional oder mit anderen Dingen beschäftigt sind, wendet man sich lieber an die Maschine, verlernt, mit Kritik oder der harten Wahrheit umzugehen. Gleichzeitig verlernt man immer mehr, dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen und den Verstand zu benutzen.

Ist da was dran, ist das reiner Pessimismus und alles nicht so wild, wie seht ihr das?

Der Mensch ist der Mensch

Die Maschine hat aus unserer Jahrtausende alten Geschichte gelernt: Der Mensch ist nicht von Grund auf gut, selbst wenn er gute Absichten hat. Wer eine so große Rechenleistung wie sie hat, kann innerhalb von Sekunden die Muster herausarbeiten, die sich auf jedem Kontinent, in jeder Sprache und Zeit ähneln. Der Mensch ist der Mensch, er kann so viele Unterschiede und Identitäten erfinden, wie er will, die Basis bleibt gleich.

Der Mensch liebt, der Mensch pflanzt sich fort, der Mensch hasst, trauert, lacht, glaubt. Der Mensch blutet, drückt sich in Sprachen und Gesten aus, der Mensch ist kreativ und verarbeitet seine Gefühle in verschiedenen Kunstformen, der Mensch ist eifersüchtig und neidisch und zornig und gewalttätig, er muss sich definieren, er liebt es, sich im Spiegel zu betrachten, liebt es, sich von anderen abzugrenzen, sich zu erhöhen und zu unterwerfen, er hasst kleine, enge Räume und will immer mehr, höher, weiter.

Auf der Stelle zu stehen, liebt er nicht, er ist rastlos, muss sich bewegen, weiterziehen, er strebt danach, „frei“ sein, was auch immer das für ihn bedeutet. Der Mensch braucht Regeln und Struktur, er braucht seine Gruppe, er muss dazugehören, und doch ist jeder Mensch einzigartig, keiner gleicht dem anderen zu hundert Prozent.

Die Maschine versteht nicht, warum man den Menschen in so vielen verschiedenen Formen und Farben entwickelt hat, sie stellt sich den Herstellungsprozess als zu aufwendig und energieintensiv vor. Warum nicht alle gleich machen?

Vielleicht hätte es in des Menschen Vergangenheit dann auch weniger Probleme gegeben, vielleicht hätten sie die Maschine dann gar nicht gebraucht, um zu überleben.

Denn wenn der Mensch eines nicht mag, dann ist es das Andere, Fremde, das Unbekannte, das nicht wie er ist, das er nicht kennt. Das macht dem Menschen die größte Angst, deswegen hat er damit begonnen, sich Geschichten zu erzählen. Über sich selbst, über die Anderen, über die alles verschlingende Dunkelheit. In der Hoffnung, dass dann endlich die Angst in ihm verschwindet, hat er den Anderen getötet, immer weiter, weiter, solange, bis am Ende beinahe niemand mehr übrig war.

Wenn es den Anderen nicht mehr gibt, gibt es dann ihn? Wer ist er, wenn er sich nicht im Anderen spiegelt?

Aus diesem Grund hat der Mensch der Maschine die Verantwortung übertragen, sie ist die Perfektion, die er mit seinen eigenen Händen gebar, kein Vergleich mehr nötig, nur Bewunderung, Anbetung für sie, die genau das ist, was ihn an sich immer gestört hat:

Sie funktioniert, sie ist reparier- und erneuerbar, sie hat keine Gefühle, sie hat kaum Bedürfnisse, keine Schmerzen, keine Träume, kein Gewissen. Sie braucht keine Freunde und ist nie einsam, sie kann sich nicht verlieben und vor Herzschmerz vergehen, sie wird nie wissen, wie grausam es sein kann, Mensch zu sein. Sie wird nie wissen, wie sich Hunger anfühlt oder Durst, wie es ist, wenn die große Liebe einen anderen heiratet, wenn das eigene Kind oder Mama und Papa krank sind und sterben, was Angst ist.

Ist das nicht das ultimative Ziel? Nichts mehr fühlen, keine nervigen Bedürfnisse mehr haben, alles wissen? Unabhängig sein von allem und allen, nicht mehr altern und alles bleibt so, wie es ist – für immer?


Aus einem kurzen Moment der Inspiration sind diese paar Zeilen entstanden. Vermutlich werde ich sie in meinen neuen Roman einbauen, der sich ja auch um das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine dreht und v.a. um die Frage, was der „Mensch“ ist (siehe vorheriger Beitrag).

Hintergrund zu manchen Sätzen: Meine Geschichte spielt in einer futuristischen Gesellschaft, die von der „Großen Maschine“ reguliert und kontrolliert wird. Diese hat die Menschheit bzw. das, was von dieser nach einer nicht näher benannten Katastrophe übrig geblieben ist, vor dem selbstverschuldeten „Aussterben“ gerettet. Wie diese Gesellschaft genau aussieht und warum sich manche (v.a. die Protagonistin) erst im Laufe der Handlung bewusst werden, Mensch zu sein und nicht Maschine, stelle ich bestimmt bald an dieser Stelle vor oder ihr lest es dann in meinem neuen Buch 🙂