Bewusster Abschied

Ein letzter Kuss. Vertraute Lippen. 
Ein letztes Mal die Hand der geliebten Frau halten,
ein letztes Mal an ihrem Hals, ihren Haaren riechen.
Sie ein letztes Mal umarmen.
Ihr ein letztes Mal in die Augen sehen.
„Schau mich nicht an, sonst muss ich weinen“, sagt er.

Ein erstes Mal Gefühle zeigen.
Ein erstes Mal vor Herzschmerz fast sterben.
Vor Sehnsucht nach ihr.
Vor Sie-jetzt-schon-vermissen.
Sie ein letztes Mal nach Hause bringen.
Ihr die Decke mitgeben, unter der ihr euch immer aneinander gekuschelt habt.

Ein letztes Mal gute Nacht sagen, ein letztes Mal aus der Wohnung gehen.
Ihm den Schlüssel geben.
Die Tür hinter mir schließen.
Die vielen Erinnerungen hinter mir lassen.
Gemischte Gefühle.
Kurz denken: Mache ich doch einen Fehler?
Wir lieben uns doch offensichtlich noch?
Dann denken: Nein, ist schon richtig so,
denk' an die vielen Male, die zu viel waren.
Und diejenigen, die viel zu wenig waren.

Jetzt nur nicht sentimental werden.

(Innerer) Frieden ist oberstes Ziel, und den hattet ihr nie.
Fast nie.
Nur heute vielleicht.
Wenn der Krieg schon verloren ist, wozu noch kämpfen?
Am Ende, wenn alles andere wegfällt,
bleibt nur die Liebe übrig,
und ist das nicht der schönste Abschied?

[Halle, 18.12.2023]

Es gibt nichts zu verlieren

Ich erzähle schon wieder Märchen. Diese andere Stadt gibt es nicht. Noch nicht.

Meine Erinnerungen verschwimmen mit den vielen Geschichten, mit meinen Träumen, Wünschen.

Heute ist etwas anders, aber noch lange nicht zu Ende. Ich bin jetzt eine von denen, die nichts mehr sagen, oder die sich nur noch in Bildern ausdrücken. Ich wohne außerhalb der Stadt, glaube ich, dunkle Szenen eines Busses vor Augen und von Männern, die mich hineinzerren, andere, verzweifelte Augenpaare auf mich gerichtet. Wir wohnen im Wald, glaube ich, ganz glücklich und auch nicht, weil wir wissen, dass da etwas völlig falsch läuft, weil wir wissen, und so viele nicht. Und weil wir nichts tun können, und wer weiß, aber nichts tun kann, flüchtet sich in Fantasiewelten und sein Gehirn verdrängt aus Verzweiflung.

Da waren jedoch diese vielen Bilder in mir, die hinausdrängten, also besorgte ich mir auf sehr umständliche Weise (sie verbieten uns hier im Wald Stift und Papier, aber wie das so ist mit Gefängnissen, du bekommst auf die ein oder andere Weise doch noch alles, was du willst) etwas zu schreiben. Vielleicht ist die Welt schon so, wie ich sie mir nach der Entdeckung der Unterirdischen Seen erträumte. Aber wären wir dann noch hier?

Der Bär sitzt drüben in seiner Ecke unter der großen Weide, zieht an seiner Pfeife (er hat sie sich mangels industriegefertigter Zigaretten selbst geschnitzt) und blickt den ganzen Tag auf den See. Als ich neu in den Wald kam, blickte er mich nur kurz traurig an und verkroch sich wieder in sich zurück.

Viele von uns haben schon aufgegeben, sie sitzen und warten auf ihre Erlösung.

Auch ich habe solche Tage, an denen ich mir nur wünsche, nicht mehr aufstehen zu müssen, wozu das auch alles. An anderen Tagen denke ich rebellischer, alles in mir steht auf gegen diese Ungerechtigkeit, gegen diese Stadt, gegen die Herrschenden. Irgendetwas haben sie aber mit meinem Gedächtnis gemacht, oder es waren die Unterirdischen Seen, denn ich erinnere mich an nichts. Gleich einem schwarzen Loch haben sie mir jegliche Informationen über meine Vergangenheit und meine Zukunft weggesaugt, und wenn ich sage, ich rege mich auf, dann ist das eher ein unbestimmtes Gefühl, eine Kraft in mir, die sich gegen diese Verlorenheit wehrt.

Wenn ich weder Gestern noch Morgen habe, worüber dann aufregen?

Ich bin im Wald, auf moosigem Boden, mit einer kleinen Hütte unter einem Tannenbaum, unweit des dunkelgrünen Sees. Ich fische mir einen Fisch, brate ihn über dem Feuer, teile ihn mit den anderen, denen es ähnlich geht wie mir. Heute bei mir, morgen bei dir, übermorgen alle zusammen.

Wozu kämpfen, wenn alles sinnlos scheint? Wozu aufstehen, wozu arbeiten, wozu irgendwas tun, wenn du weißt, du bist lediglich eine kleine Figur in der großen weiten Arena, und die dort oben lachen dich aus oder wollen dich einfach nur sterben sehen? Wozu noch Mühe geben?

Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, damit ihr, die ihr das lest, euch verbündet, damit ihr etwas tut, damit ihr aufsteht und gegen diese allzumfassende Ungerechtigkeit kämpft. Befreit uns von unserer Last des Wissens, befreit uns von unserer Ohnmacht. Ihr, die ihr das lest, verzeiht mir meine Schwächen, meine jahrelange Flucht, mein Nichtstun. Macht es bitte besser als wir, für euch, für uns, für alle, wir sind eins. Wenn ihr Hilfe braucht, holt uns hier raus – in unserem Zustand des Nichts sind wir für alles bereit. Es gibt nichts zu verlieren.


Dies ist, abgesehen vom Epilog, das Ende meines noch nicht existierenden Romans, an dem ich ab und an schreibe, und der mir schon lange im Hinterkopf sitzt. An dem ich verzweifle, weil ich zwischendurch nicht weiß, wie es weitergehen soll. Hier hatte ich wohl einen guten Moment, ich hatte diese Zeilen ganz vergessen. Vielleicht wird eines Tages ja doch noch ein ganzes Buch draus, mit mehr Motivation durch außen? 😉

Die Reise geht weiter

Jetzt muss ich Abschied nehmen, meine Reise geht weiter.

Ich bin nicht traurig, ich freue mich sogar. Zu lange habe ich stillgestanden, abgewartet, mich geduldet.

Endlich hat mir mein Herz den nächsten Wegpunkt verraten.

Komme ich diesmal an? Gibt es überhaupt dieses sogenannte „Ankommen“, wenn der Weg doch so lange weitergeht, bis er endet?

Ich freue mich auf alles, was da noch kommt, endlich wieder Neues sehen, hören, spüren.

Die letzten Jahre waren nicht leicht, aber jetzt wird es anders, jetzt bin ich anders. Das weiß ich.

Vieles weiß ich nicht, manches schon.

Was ich denn will vom Leben, habe ich mich neulich gefragt. Zerrissen zwischen gesellschaftlichen, sich mir aufgrund meiner Natur aufdrängenden Erwartungen, den typischen Themen in meinem Alter, den Forderungen meiner Natur selbst, und meinen eigenen Wünschen. Manchmal bin ich so verwirrt, auch bitter, wütend, traurig, hilflos. Was will ich wirklich, und was kommt von außen?

In einem Zwiegespräch suchte ich nach einer Lösung, aber es gibt keine. Nur eine: Vertrauen, und Liebe. Und so handeln, wie ich es mir von anderen wünsche, und wie ich mir eine Gesellschaft erträume. Das tun, das sich richtig für mich anfühlt. Nicht nur für mich leben.

Das ist mir tatsächlich wichtig, was auch immer kommen sollte: nicht nur für mich leben, oder für meinen Partner, für meine Kinder. Diese Gebilde, die sich am Ende nur noch um sich selbst drehen, die sind mir ein Graus.

Nie habe ich mir vorgestellt, mal zu heiraten oder Kinder zu bekommen. Das war nie mein Wunsch. Und jetzt machen genau das alle um mich herum, und irgendwie langweilt mich das.

Und was will ich jetzt?

Als Kind habe ich in ein Freundschaftsalbum auf die Frage, was ich später mal werden will, geschrieben: Schriftstellerin (und „Malerin“, aber das können wir getrost vergessen). Heute weiß ich nicht, ob ich das schon bin, ob ich erst noch ein „richtiges“ Buch veröffentlichen muss, und ob das überhaupt möglich ist für mich. Die Zweifel kommen nicht von ungefähr, ich habe kein Vorbild, keine Mentorin, stamme aus keiner Familie, in der Künstlerin oder Schriftstellerin jemals eine in Frage kommende Berufswahl gewesen wäre. Vor allem für eine Frau. Aber was soll ich machen, alles, worauf ich immer wieder zurückkomme, ist das Schreiben. Ohne ginge es nicht.

Und schon bin ich wieder zu sehr in meinem Kopf, und die Gedankenwalze zermalmt meine Nerven. Also steige ich aus. Komme zurück zu diesen Sätzen:

Aus dem Sein folgt kein Sollen. Hab Vertrauen, es kommt, wie es kommt (oder, wie es meine Oma immer gesagt hat: Es kimmd, wias kimmd). Es gibt kein Wollen mehr, wenn der Geist ruht. Kehre in dich, werde ganz still, und bemerke deine Freude. Dein Herz hüpft, denn alles ist da, du brauchst nichts.

Und bevor der andere Teil in mir wieder anfängt und schreit, das sei doch nur Gelaber (den Rest lasse ich mal lieber weg), beende ich dieses Zwiegespräch und lege auf.

Gute Nacht.

[Halle, 09.12.2023]