Der Test

Alle sind da. Mehr, als mir lieb ist, vor allem, da ich anscheinend eine der letzten bin. Die Bänke im Mittelgang sind alle voll, was gewöhnlich nur noch an Weihnachten zur Kinderchristmette vorkommt. Das muss heute ja eine besondere Andacht sein, denke ich. Na gut. Ich versuche es auf der linken Seite, dort sitzen kaum Menschen und ich erspare mir die Blicke der anderen.

Die „anderen“, das sind die Lästertanten unserer Landjugend, die älteren, überwiegend männlichen Mitglieder, die sich über jeden lustig machen, so als wären sie über die Dinge erhaben, deren Blicke jedoch anderes erzählen. Gierig starren sie alles und allem hinterher, aus dem sie ihre voyeuristischen Freuden ziehen können, sie lachen selbstgefällig in ihrer Unsicherheit, die sie mit der falschen Stärke der Gruppe kaschieren. Tief drinnen haben sie vor ihren eigenen „Freunden“ Angst, vor ihrer eigenen Sexualität, vor sich selbst. Aber das sag ihnen mal. Damals wusste ich das auch nicht, damals war ich auch nur Opfer ihrer Blicke und Zungen, fühlte mich nackt und versuchte, mich dieses ekligen Gefühls mit genug Alkohol zu entledigen.

Das war damals.

Heute weiß ich, wer ich bin, weiß, wie ich aussehe, wie ich wirke. Weiß um ihre Unsicherheit, mit der ich nur allzu gern spiele.

Links ist es mir zu langweilig, da sitzen nur die Alten mit ihren Enkelinnen. Also spaziere ich, in meinem aufsehenerregenden Outfit, einmal quer durch die Kirche, an den Lästerschwestern vorbei, denen ich kühl zunicke, und sie rufen: Hee, Lena, geh doch ned einfach vorbei!

Ich suche mir eine Ecke, in der noch Platz ist, und setze mich neben drei mir bekannte Mädls, die zwar nicht zu den beliebtesten gehören, aber mich wenigstens in Ruhe lassen und nett sind.

Meines provokanten, für die Kirche unangebrachten Outfits bin ich mir bewusst. Ich trage Schuhe mit sehr hohem Absatz, Kniestrümpfe, ein rotes Kleid bis kurz über die Knie und darüber ein Korsett, das meine weibliche Figur schmeichelhaft betont. Für mich ein sehr untypisches Outfit, und ich würde mich über mich selbst wundern, wäre da nicht jemand, den ich damit beeindrucken will, und dem ich zeigen will, was er all die Jahre verpasst hat.

Dieser Jemand setzt sich gerade in die Bank hinter mich, ich spüre seinen Blick auf mir, und für ein paar Sekunden spiele ich die Unwissende, Unbeeindruckte. So als beruhte dieser ganze Traum nicht auf unserer Begegnung, so als wäre das alles tatsächlich rein zufällig.

Plötzlich drehe ich mich um und blicke ihm tief in die Augen.

„Hej.“

„Hi Lena, wusste gar nicht, dass du auch da bist.“

„Ja, hat sich so ergeben.“

Ich grinse. Er steht auf, und sagt noch etwas, was genau, ist mir entfallen, es spielt auch keine Rolle, ich stehe ebenfalls auf, ich spüre die Energie zwischen uns, es knistert, ich bin sicher, die anderen neben und hinter uns in den Bänken können es auch hören. In meinem Kopf tuscheln sie schon: Uh, schau mal, wer da wieder anbandelt. Die sind aber auch perfekt zusammen, so ein schönes Paar. Soso, hat er nicht Frau und Kind?

Letzteres ist mir bewusst, und wir reden doch auch nur miteinander, puuh, ist mir heiß, wir lachen, berühren uns gegenseitig an Armen und Händen. Mein Herz klopft wie wild, ich muss hier raus, das ist kein keusches, kirchenangemessenes Gespräch mehr, das geht weit über eine freundschaftliche Unterhaltung zwischen Menschen, die vor langer, langer Zeit sich liebten, hinaus. Ich sage, ich komme gleich wieder, und verschwinde schnellen Schrittes aus der Kirche.

Frische, kühle Luft, frische, kühle Luft. Tief atme ich ein, mit geschlossenen Augen.

Als ich sie wieder öffne, befinde ich mich in einem anderen Raum. Nackte, hohe weiße Wände, ein wenig der Kirche nachempfunden. Am Ende des Ganges erkenne ich eine menschliche Silhouette, lässig lehnt sie an der Wand und blickt mir entgegen. Als ich mich ihr nähere, erkenne ich, dass es sich um eine lebensgroße Puppe handelt, die meinem ersten Freund nachempfunden ist. Sie ist so angezogen wie er, hat seine Haare, aber sie hat kein Gesicht. Er ist nur eine Puppe. Was zur…?

„Tjaja, das war ein Test, meine Liebe.“

Sagt da eine spöttische Stimme hinter mir. Es ist ein glatzköpfiger Mann in Kutte, den ich nicht kenne.

„Und du hast leider kläglich versagt. Deine Gefühle sind noch da, du wirst noch immer beherrscht von ihnen, und von deinem Körper. Tjaja, das verheißt nichts Gutes.“

Ich bin so verdutzt, ich bringe kein Wort heraus.

„Ich kann dir nur raten, hüte dich. Wenn du vollenden willst, was dir zu tun aufgetragen ist, hüte dich, und beherrsche dich gefälligst. Wir zählen auf dich. Dieser Test hat uns gezeigt, wie schnell du wieder verfallen wärst, mit Betonung auf Falle, und nächstes Mal kommst du vielleicht nicht einfach heraus. Nächstes Mal ist das vielleicht echt!“

Er schlägt gegen einen riesigen Gong.

Und ich erwachte.

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[Regensburg, 13.02.24]

Pferdeflüsterin

Vor ein paar Tagen träumte ich doch tatsächlich: 

Ich unterhalte mich mit diesem Pferd, einem wunderschönen Hengst. Er ist lustig, bringt mich die ganze Zeit zum Lachen, einfach wunderbar, dieser Typ. Ich fühle mich pferdewohl (pudelwohl ja eher nicht), als mir ein guter Freund zuflüstert, dass er es ja wohl eindeutig sei. – Wer? – Na er, er ist der, mit dem du dein Leben verbringen solltest. Er, der dich zum Lachen bringt wie sonst keiner, mit dem du einfach nur glücklich sein kannst und der dich nicht schwerer und zu jemandem anderen macht, die du gar nicht bist. – Das Pferd? Ja wohl in diesem Universum nicht! – Wer sagt dir, dass du noch in „diesem“ Universum bist?

(Kraków, 18.02.2017, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

Die Traum-Macherin

Irgendwer, vielleicht sogar ich, war der, der die Träume macht. Aus verschiedensten Szenarien und Bildern und Gerüchen und Düften baute ich einen Traum. Viele Träume für viele Menschen. Und doch war da nur dieser eine, der sich mir ins Gedächtnis einbrannte. Er mit ihr, wunderschön anzusehen und gar lieblich als Paar, spazieren durch die Menge. Auf der Party, auf der er eigentlich nicht sein hätte dürfen. Vor allem nicht mit ihr, war sie nicht verreist? Die kaputten Teile meines Herzens entfernen sich noch weiter voneinander – bah, Kitsch, fühlt sich aber so an, sorry – und gleichzeitig weiß ich, dass ich diejenige bin, die diesen Traum, diese Szene erst gemacht hat. Anscheinend will ich mich leiden sehen. Maso maso. Also bin ich aufgewacht. Mach mir jetzt meinen eigenen Traum in der echten Welt. Irgendwie.

(Halle, 26.11.2016, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

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In nächster Zeit zeige ich euch hier ein paar meiner skurrilen Träume, ältere Texte, die ich damals auf Tumblr gestellt habe. Für neue Texte fehlt mir gerade wegen gesundheitlicher Probleme und eines größeren Schreibprojekts (🥳) Zeit und v.a. (kreative) Energie 🙂