Der Nebel

Bisweilen ist der Nebel greifbar, und wer in den oberen Stockwerken wohnt, hat das Gefühl, über den Wolken zu schweben. An diesen Tagen fühlen sich die Bewohner der Stadt wie benommen, als hätte sich der Nebel auch in ihrem Kopf breitgemacht. Dann ist die Stadt mit Untoten gefüllt, niemand achtet auf den anderen, alles egal, wichtig nur ist es, den Tag hinter sich zu bringen, morgen wird besser, ganz bestimmt. Wenn zwei Passanten im dichten Nebel aneinanderstoßen, erwachen sie kurz, erschrocken, entschuldigen sich hektisch und hasten schnell weiter, ein wenig gebeugter als zuvor. Der Nebel zerfrisst jede Lebensfreude, er verschluckt die Farben der Natur, saugt alles Schöne in sich auf. Er ist allgegenwärtig, im Innen und Außen der Menschen.

Und trotzdem: So sehr er sie auch bedrückt, so schwer er auf der Stadt liegt, geben sie nie ihm die Schuld. Der Nebel umarmt die Bewohner wie eine weiche, warme Decke, sie fühlen sich geborgen, zuhause, geliebt. Jeden Abend gehen sie betäubt, aber zufrieden ins Bett. Sie haben schon wieder vergessen, wie anstrengend und lang dieser Tag war, und sie sind auf’s Neue überzeugt davon, in der schönsten Stadt der Welt zu wohnen.

Wollen sie diese in seltenen Fällen verlassen, so sind sie schon nach einem Tag in der Fremde zittrig, unsicher und voller Sehnsucht nach „ihrer“ Stadt. Sie können nur schlecht schlafen, wenn sie nicht jeden Tag wenigstens ein wenig vom Nebel einatmen, der zu ihrem Zuhause gehört wie die vielen Schlote, das fehlende Wasser, die Hektik auf den Straßen.

Wir wissen nicht, ob sie die Stadt jemals wirklich verlassen. Ob das überhaupt möglich ist. Manche erzählen, dass sie einmal woanders waren, und doch sind sie immer wieder schnell zurück, als hätte der Nebel sie gerufen, oder als wäre es unmöglich, ohne diesen zu leben. Sie kehren zurück und haben vergessen, was sie dort draußen wollten, haben vergessen, wo sie waren.

Vielleicht umgibt die Stadt ein unsichtbares Gewebe, das den Menschen vorgaukelt, an anderen Orten zu sein, ein anderes Leben zu leben, bis sie schließlich umkehren, umnachtet, mit Bildern und Geschichten im Kopf, als wären sie nun ein anderer und besäßen neue Augen. Und manche gehen zum Sterben dort hinein, sie lösen sich auf in den sanften Stimmen, in den bunten Bildern, in den Wünschen und Träumen, und umschweben fortan unsere Stadt, gefangen im ewigen, aus uns selbst bestehenden Gewebe.

[Regensburg, 16.04.24]


Der Nebel spielt eine wichtige Rolle in „Die Unterirdischen Seen“, er trägt zur unheimlichen Atmosphäre der Stadt bei, verbirgt die Machenschaften des H. und malt die Erinnerungen der Protagonistin neu.

Was haben sie mit F. gemacht?

Ich habe nie herausgefunden, was sie mit F. gemacht haben.

Da sie nicht hier bei uns ist, kann ich nur vermuten, dass sie sie in eines ihrer großen Gefängnisse gesteckt haben, die sie draußen vor den Toren der Stadt unterhalten. Dorthin stecken sie diejenigen, die ihnen nicht ins Bild passen, die sich also weigern, bei ihren Arenakämpfen mitzumachen.

Oder sie haben sie „angepasst“, ich weiß nicht, was ich ihr weniger wünsche. Ein Leben im Gefängnis oder ein Leben unter neuer Identität, mit ausgelöschten Erinnerungen an früher, einer Maschine gleich, die perfekte Einwohnerin ohne eigene Meinung und eigenen Willen.

Was sie dabei genau machen, um diesen Puppenzustand zu erreichen, kann ich (zum Glück) nicht sagen, das wissen nur jene, die es durchführen und jene, an denen es durchgeführt wird, und diese schweigen danach für immer. Auch die Gefängnisse kann ich Ihnen nicht genauer beschreiben, über die hören wir nur Gerüchte. Und ich weiß nicht, was schlimmer ist: Zu wissen, dass Gerüchte oft übertreiben, oder dass sie doch nur die halbe Wahrheit sind, weil die ganze es nicht durch die dicken Mauern schafft oder so unaussprechbar ist, dass Worte niemals ausreichen.

Worte. Wörter. Man könnte alle Sprachen der Welt sprechen und nur ansatzweise die menschliche Erfahrung in all ihrer Brillanz und Grausamkeit beschreiben. Vielleicht ist es besser so. Manche Dinge sollten wir nicht aussprechen, und manche müssen frei bleiben, frei vom Gefängnis der Sprache.

Wir werden es wohl erst erfahren, wenn unser Heute Geschichte ist und man die Kinder über uns belehrt. Dann werden unsere Nachfahren hören, was wir uns gegenseitig angetan haben, was wir verpasst haben zu tun, und sie werden die Köpfe schütteln, sie werden sagen, zum Glück ist das nicht mehr so und das wird es auch nie wieder geben, während es in irgendeiner Ecke ihrer Stadt schon geschieht, unter anderem Namen, anderen Vorzeichen, aber heute ist heute und damals ist damals.

Was auch immer der Fall sein mag, ich hoffe inständig, F. geht es gut, wo auch immer sie jetzt sein mag. Und falls Du das hier eines Tages lesen solltest, meine liebe, liebe F.: Ich bin Dir von Herzen dankbar für alles, was du für mich getan hast. Es waren Deine Hinweise, die mich hierher geführt haben, wo ich jetzt bin, und auch, wenn das nicht ideal aussehen mag – zu wissen ist immer besser als nicht zu wissen.


Ein weiterer Auszug aus meinem neuesten Buchprojekt. F. war eine gute Freundin der Protagonistin, bis sie eines Tages spurlos verschwindet und nur Hinweise hinterlässt für deren Suche nach den Unterirdischen Seen.

Frisch aus der Feder, also seid bitte nachsichtig 😉

[Regensburg, 9.4.24]

Zu viele Umlaute

Ich liebe uns noch immer in diesem eingefrorenen Zustand, dieses perfekte, sehr verliebte Bild, ich liebe, was wir sein und werden hätten können. Doch das sind ein paar Umlaute zu viel für hier und jetzt.

Ich liebe uns für das, was wir sein und werden hätten können, ich liebe uns in exakt jenem Moment, blende vorher und nachher aus und mein gebrochenes Herz.

Versteht mich nicht falsch, ich bin froh darüber – auf eine gewisse Art, aber was bleibt mir auch anderes übrig. Ich liebe uns in anderen Dimensionen, was wir sein hätten können unter anderen Umständen, mit anderen Ichs.

Zu viele Umlaute.

Es ist die ewige Frage des: Was wäre, wenn… ? Sie zu beantworten ist unmöglich, doch sie hilft mir zu akzeptieren, was ist.

Wenn das so nicht geschehen wäre, wäre ich jetzt nicht hier. Wenn ich nicht diejenige wäre, die ich nunmal bin, und ich mag diese Person mittlerweile, habe sie akzeptiert, dann wäre ich nicht ich und wer weiß, was dann wäre.

Manchmal vermisse ich meine früheren Ichs, diese fröhlichen, unbeschwerten, vermeintlich.

Ich vermisse gar nicht jene Menschen auf den Bildern, nein, ich vermisse eher diese Momente des unbeschwerten, schwerverliebten Glücks, des Geliebtwerdens und des Liebens, des Wissens, die Welt steht mir offen und ich denke nicht weiter darüber nach, alles ist möglich. Ich vermisse die Schönheit, die sie mir entlockten, die Poesie, das intensive Fühlen.

So sehr das Hervorholen alter Bilder in Zeiten des Hungers natürlich ist, stillt es doch diesen nicht. Es macht uns hungriger, trauriger, blinder. Ernähren wir uns nur von Totem, sterben auch wir Stück für Stück, wir vergessen, echtes Essen zu essen. Wir werden selbst zur Hülle, vermeintlich voller Leben, aber innen tot. Ich verstehe das gut, ich vergesse zu essen bisweilen, weil ich zu müde, zu schwach, zu traurig bin; manchmal habe ich schlichtweg vergessen, wie essen geht und frage mich, wozu überhaupt. Und manchmal, je länger es her ist, umso öfter, habe ich einfach zu große Angst, dass man mich auslacht, weil ich nicht mehr weiß, wie das geht: Essen.

Das ist das Gefährliche am Zehren von alten Geschichten: Wir schmücken sie uns hübsch und unterhaltsam, dass sie unser Herz wärmen mögen in kalten Zeiten, wir malen sie bunt, um zu verdecken, dass sie schon lange verblichen sind.

Und darüber vergessen wir, neue, frische, unsere eigenen Geschichten zu schreiben.

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[Essenbach 2.4.24]