Tat twam asi

Ich bin Alles und Nichts,
tausend Füchse und doch nur einer,
das Mädchen hinter der Kamera,
Dein Auge.

Bunt spiegelt sich die Welt in Dir,
golden gesprenkelt,
in Dir das Dasein
vereint zum Tanz der Liebenden.

Du suchst und rennst und sehnst,
unsichtbar der Weg,
Deine Karte im Herzen.

Bleib endlich stehen,
erkenn Dich in Dir, vergiss Dich
und Du siehst:

Du bist Alles, und Alles ist Du.

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[ich liebe dieses Gedicht und finde, es ist leider bisschen untergegangen, deshalb repost vom 4.6.20]

[Bild ist mit KI erstellt]

Der Singvogel und das melancholische Mädchen

Auch heute kam sie. Ihre traurigen Augen nahmen Platz auf der Bank unter seinem Baum. Sie blickte sich aufmerksam um, ob auch ja nicht zu viele Menschen unterwegs waren, die sie in ihrem Alleinsein unterbrachen. 

Oft saß sie stundenlang da und genoss die Stille; der Singvogel war sich sehr sicher, dass sie ihm dann lauschte. Manchmal las sie ein Buch, in dem sie mit einem Bleistift für sie wichtige Sätze markierte. 

Es war jedes Mal erstaunlich, welche Wirkung diese Stunden auf der Bank hatten. Natürlich war dafür auch sein Gesang verantwortlich, da war der Vogel ganz selbstbewusst. Immerhin lächelte sie sehr oft in seine Richtung, besonders wenn er sich ins Zeug legte und er ihr all jene Töne schenkte, die er für besondere Momente in sich aufbewahrt hatte. Als verstünde sie, was er ihr zurief, lehnte sie sich genießend zurück und nahm alles in sich auf.

Manchmal flog er ihr ein Stück des Weges nach, wenn ihre Zeit auf der Parkbank vorbei war. Er konnte dann sehen, wie sie sich ein wenig leichter bewegte, wie die Kraft, die sie an manchen Tagen nach unten zog, ein wenig nachgelassen hatte. Er wäre ihr gerne mit nach Hause gefolgt, hätte gerne mit ihr gegessen, ihr ein Gute-Nacht-Lied gesungen, an ihrem Bett gewacht. Aber das war nicht möglich, das hatte er beobachtet. 

Die Zweibeiner bestanden darauf, dass Lebewesen wie er nicht in ihre viereckigen, steinernen Nester kamen, sie fuchtelten dann wild aufgeregt in der Luft herum, damit der Störenfried ihr Nest verließ. 

Manche allerdings gab es, die seinesgleichen in kleine Kästen sperrten, um sich an ihnen oder auch ihrer Kraft zu ergötzen, die es ermöglichte, kleineren Lebewesen die Freiheit zu rauben. Der Singvogel glaubte ja, dass viele ihn um seine Fähigkeit des Fliegens beneideten und seinesgleichen deshalb einsperren, ihre Flügel stutzen und besitzen wollten. Warum sonst sollte man einem Lebewesen genau das nehmen, was das Wesen seiner Natur war?

Seiner Liebe wäre dies jedoch nie in den Sinn gekommen. Sie liebte alle Lebewesen, da war er sich sicher, und vermutete darin den Grund ihrer Traurigkeit. Sie liebte sie so sehr, dass sie traurig wurde ob der Getrenntheit, die zwischen allen – insbesondere den zweibeinigen – Lebewesen bestand. Er spürte das, denn es ging ihm ähnlich. 

Er würde in diesem Leben immer nur Singvogel bleiben, keine Chance haben, mit ihr Worte zu wechseln. Doch das war auch nicht nötig, denn er konnte dafür so singen wie niemand sonst auf der Welt, und vielleicht war genau das seine Lebensaufgabe.

Die Fühler des neuen Tages kitzelten ihn an seinen Federspitzen, was für ein herrlicher Morgen und Tag dies werden sollte. Er schüttelte sich und übte seine Stimme. Irgendwann, kurz nachdem die Sonne am höchsten stand, kam sie des Weges, lächelte ihm zu und setzte sich. 

Und er sang für sie die Arie seines Lebens: Sei traurig, mein Mädchen, der falsche Zeitpunkt, der uns zusammenführte, wird uns auch wieder trennen. Sei nicht traurig, mein Mädchen, ich bin bei dir, jede Sekunde Tag und Nacht, alles ist verbunden, für immer.

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(Repost vom 19.04.2020)

Der Andere sagte

Der Andere sagte:

Es erstaunt mich. Dieser Planet ist einzigartig im Universum, und ich habe schon viele gesehen.

Aber Lebewesen, die ihren eigenen Planeten zerstören und dabei munter zusehen, das ist schon besonders.

Er strahlte, zumindest interpretierte ich seinen Gesichtsausdruck so.

Vielleicht war das auch das traurigste Gesicht, das er aufsetzen konnte. Und vielleicht kannte er weder das eine noch das andere Gefühl.

Vielleicht war es sogar so, dass er und seine Mitwesen nur ein einziges Gefühl kannten. So waren sie ständig eine Mischung aus heiter, melancholisch, und wütend. Oder sie waren bar jeglicher Emotionen, oder sie fühlten kebao, ein Gefühl, das sich niemand von uns Erdlingen vorstellen kann.

[Halle, 26.1.22]


Eine kleine Textinspo, die ich grad in den Notizen auf meinem Handy gefunden hab. Sie zeigt, wie spannend der Perspektivwechsel sein kann.

Bei mir ist grad einiges los, viel Gutes auch, ich bin endlich in einer Post-Covid-Studie, schreibe an meinem Buch und arbeite an einem (Schreib-)Workshop, weswegen nur wenig Energie für weitere, kurze Texte übrigbleibt.

Ich hoffe, euch gehts gut!