Fangen

Mir träumte: Wir kämpfen in den unteren Stockwerken eines fremden Hauses um unser Leben. Wir spielen Fangen, und jetzt sind die anderen dran. Was mit denjenigen passiert, die sie erwischen, wissen wir nicht, allein nichts Gutes, fürchte ich, es geht ums Ganze.

Zuerst laufe und verstecke ich mich allein, suche einen Ausgang aus diesem Labyrinth verwinkelter, grauer Räume. Überall Spinnweben und Staub und keine Fenster nach draußen. Bald schließen sich mir vier weitere Menschen an, ich fühle mich verantwortlich für sie.

Wenn sie mich kriegten, wäre das nicht so schlimm; ich fürchte nur die Schmerzen, ich hasse die Angst, das Davonlaufen, die Ungewissheit. Den Tod fürchte ich nicht, ich weiß, wie er sich anfühlt, ich kenne das Kribbeln im Herzen, die Erleichterung im ganzen Körper.

Wir laufen von einem grauen Zimmer ins nächste, überall Blut, Schreie, Leichen. Es muss doch einen Weg nach draußen geben, hier muss doch ein Ausweg sein?! Diejenigen, die dieses Gebäude bauten, mussten es doch auch wieder verlassen, oder?!

Wir laufen und laufen und laufen, bis ans Ende des letzten Raums, Sackgasse, das war’s. Mein Kopf rast und sucht und schreit, bitte, lasst uns hier raus, ich höre sie schon kommen!

Da entdecke ich an einer Wand, hinter vielen Schichten Staub, toten Fliegen und Spinnennetzen, einen Türgriff. Ich überwinde meinen Ekel – was könnten mir Spinnen in dieser Lage noch tun? – und greife beherzt zu. Mit ganzer Kraft ziehe ich an der Tür, die anderen ziehen mit, die Tür springt auf, eine Treppe, Sonnenlicht!

Als ich als letzte den Raum verlasse, sehe ich im Augenwinkel den ersten unserer Gegner hereintreten, wütend schlägt er mit der Faust gegen die Wand und brüllt. Wir haben es tatsächlich geschafft!

Befreit laufe ich zu den anderen, die in einem Grüppchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen und in Richtung des Horrorhauses blicken. Als ich mich umdrehe, erkenne ich: Dieses Gebäude, in dessen untersten Stockwerken wir gerade um unser Leben kämpften, ist ein Luxushotel.

Menschen liegen auf ihren Balkonen, sitzen im Whirlpool, essen und trinken in aller Ruhe. Niemand von ihnen scheint zu ahnen, was nur wenige Meter weiter unten vor sich geht, welche Gräuel sich dort abspielen.

Dieser Anblick macht mich so wütend wie noch nichts in meinem Leben. Menschen verlieren und laufen um ihr Leben, werden gefoltert, ermordet. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du lebst und stirbst unten oder du genießt dein Leben oben in aller Seelenruhe ahnungslos. Oder wissen sie davon? Funktionierten die kleinen schwarzen Kameras noch, die ich immer wieder aufblitzen sah?

Und wir, die wir es aus dem Horrorhaus geschafft haben, was machen wir jetzt mit unserem Wissen? Was fangen wir mit unserer Freiheit an? 

[Regensburg, 21.08.2024]

Wie kann man nur sooo müde sein? – Mein Leben mit ME/CFS

Wie kann man nur soo müde sein? Frage ich mich manchmal, bis ich mich daran erinnere, dass ich hald doch krank bin, dass das hald doch nicht normal, sondern eben eine schwere Krankheit ist.

Es existieren diese kurzen Momente, in denen ich es vergessen, vielleicht auch verdrängen kann, aber seien wir mal ehrlich, dafür gibt es ja diese Funktion unseres Gehirns. Wir könnten nicht (über)leben, wären wir uns ständig bewusst, was wir alles nicht mehr können und wie bescheiden unsere Situation tatsächlich ist.

Wenn es eines gibt, was der Mensch gut kann, dann ist es, die eigene Lage zu leugnen und so zu leben, als gäbe es weder Zukunft noch Konsequenzen in dieser aus seinem gegenwärtigen Handeln.

Zumindest geht es mir oft so.

Das vielleicht Schwierigste an ME/CFS ist es, ständig das Wohl der eigenen Psyche gegen das der Physis abwiegen zu müssen, und dabei sind die beiden so sehr miteinander verbunden, dass jede Entscheidung immer auch zum Teil falsch ist. Jeden Tag – sofern es ein Tag ist, an dem ich überhaupt die Möglichkeit habe, mich zu entscheiden und mich mein Körper nicht sowieso ins Bett zwingt – stehe ich vor dem Dilemma: Mache ich etwas für meine Psyche, unternehme ich also etwas Schönes, fahre ich an den See, treffe ich mich mit Freunden, halte ich in ein paar Monaten einen Schreibworkshop oder eine Lesung, oder bleibe ich lieber zuhause, ruhe mich aus, gehe alles langsam an, verzichte ich darauf, über meine Belastungsgrenze zu gehen im Hinblick auf mein zukünftiges Wohlbefinden?

Und es hängt natürlich zusammen: Geht es mir körperlich schlecht, habe ich also schlimme Schmerzen, bin ich so kaputt, dass ich weder duschen noch essen noch lesen oder fernsehen kann, leidet meine Psyche ja auch. Und geht es mir psychisch schlecht, weil ich dann doch mal um meine Gesundheit trauere und ich nur zuhause liegen kann, während alle anderen Familien gründen oder um die Welt reisen, verstärkt das auch meine körperlichen Beschwerden. 

Doch bei dieser Krankheit muss mein Verstand und die Disziplin gewinnen, denn das, was das Herz will, ist entgegen jeglicher Besserungschancen. Und ich will wirklich vermeiden, dass sich mein Zustand noch weiter verschlechtert.

Schwer oder schwerst Betroffene von ME/CFS können nur noch in abgedunkelten Räumen liegen, halten kein Licht, kein Geräusch, keine Berührung aus, können nichts mehr selbstständig, auch nicht mehr essen, selbst das ist dann zu anstrengend. Betroffene sagen, es fühle sich an, als wären sie lebendig begraben.

Und auch, wenn eine Verschlechterung der Symptome nicht gänzlich in meiner Hand liegt, verzichte ich lieber jetzt auf manches, bevor ich am Ende auf alles verzichten muss.

Ein Beispiel dafür, dass es nicht nur an mir liegt: In meinem Blut wurde vor ein paar Wochen Borreliose festgestellt, sehr wahrscheinlich ist diese schon seit Jahren in mir und könnte mitverantwortlich für meine Erkrankung sein. Deshalb musste ich drei Wochen lang Antibiotikum nehmen, zusätzlich war es dauerhaft so heiß; das alles hat mich so zurückgeworfen hat, dass ich gerade kaum mehr gehen kann und den überwiegenden Teil des Tages schlafe (bzw. unfähig jeder Bewegung mit Schmerzen überall auf der Couch liege). So viel dazu. 

Es gibt noch keinen Heilungs- oder Therapieansatz, doch ich muss an dem Glauben festhalten: In ein paar Jahren kann ich wieder alles machen, was ich jetzt verpasse, was ich jetzt gern erlebte. Ich habe eine Liste erstellt, die jeden Tag länger wird.

Was würde ich machen, wenn ich in einem Jahr (oder eher 5 oder 10) dank eines Wunderheilmittels wieder gesund würde? Wenn ich morgen wieder gehen könnte, endlich keine Schmerzen mehr, endlich wieder spazieren? Wenn mein Akku wieder funktionierte, wie er soll, nach acht Stunden Schlaf hundert und nicht nur zehn Prozent Energie? Wenn ich aufstehen könnte, ohne mich zu fühlen, als hätte ich die letzten drei Nächte durchgefeiert, wäre jeden Tag einen Marathon gelaufen und hätte zusätzlich Fieber? Wenn ich wieder ganz ich selbst sein, unbeschwert lachen, Sport machen, auf Konzerten stundenlang tanzen, mich sozial engagieren könnte? Wenn ich endlich wieder reisen, fremde Länder besuchen, andere Sprachen sprechen könnte? 

Ich freu mich schon.

Bis dahin: Seid doch so nett und informiert euch über ME/CFS, ich bin zu erschöpft, um es jedem immer wieder erklären zu müssen. Es gibt auch schon so viele Beiträge dazu! Und nein, Sport hilft nicht, im Gegenteil. Und auch nicht kalt duschen. Und ja, ich freu mich, wenn ihr euch bei mir meldet, und wenn ihr auch nur sagt, ihr denkt an mich, dann lädt das zumindest meinen Herzakku auf.

Oder wie es Bahtiyar Bozkurt (@xbahtistuta) auf Instagram heute so schön ausgedrückt hat: „Eine Umarmung oder ein kleines ‚Hi, ich denke an dich’ sind unbezahlbar in schwierigen Lebensphasen. Und das können wir alle für unsere Nächsten leisten, ohne uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man das Problem genau löst. Love is medicine ❤️“.

Mercii ❤ (auch fürs Lesen)

[Regensburg, 19.08.2024]

Die Unterirdischen Seen – Inhalt

Dieses Buch handelt von der Suche nach dem Unbekannten, von der Schwierigkeit zu erzählen, wenn der wichtigste Teil der Geschichte im Dunklen liegt, von einer Stadt, deren Bewohner Gefangene ihrer selbst sind und über die ein kleiner Kreis der reichsten Männer aus dem Schatten heraus herrscht; diese Stadt birgt in sich einen Schatz, der noch jeden, der diesem auf den Grund zu gehen wagte, in sich verschlang, und der von unheimlichen Gestalten mit allen Mitteln beschützt wird. Welches Geheimnis ist so wertvoll, dass die Machthabenden dafür über Leichen gehen?

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„Komm zurück“, flüsterte sie ihr seit Monaten des Nachts ins Ohr, bis L. nachgibt und in die Stadt zurückkehrt, aus der sie vor Jahren Hals über Kopf floh. Doch sie erkennt die Stadt kaum wieder: Die Menschen verhalten sich seltsam, ein zäher Nebel beherrscht die Straßen und Köpfe, und ihre damalige beste Freundin verschwindet nach ihrem ersten Treffen spurlos.

L. begegnen im Laufe der ersten Tage mysteriöse Omas, eine Grüne Frau, eine Doppelagentin und sogar ein ausgewachsener Braunbär, der in einer Kneipe Bier trinkt, Zigaretten raucht und der Anführer einer Widerstandsbewegung ist.

Sie erzählen ihr vom Verschwundenen Wasser, von den Unterirdischen Seen, der größten Schatzsuche der Welt und den Tribunen, einem geheimen Zirkel, der die Stadt aus dem Schatten heraus regiert.

Ohne es zunächst zu wollen, wird sie auf einen Weg geschubst, von dem niemand je lebendig oder bei Sinnen wiederkehrte. Wo fängt die Suche nach den Unterirdischen Seen an, wo endet sie? Was hat es mit den Unterirdischen Seen auf sich und warum geben die Tribunen alles, um die Menschen von einer Suche nach diesen abzuhalten?

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Das ist ein Text, den ich heute für mein Exposé entworfen habe.

Finde es ja soo schwer, das Exposé zu schreiben 😮‍💨 Da muss einfach alles sitzen, wenn man auch nur eine klitzekleine Chance haben will 🫣