Statistin im eigenen Leben

Das ist eine dieser Pausen, die in Filmen einfach übersprungen werden, Schnitt, nächste Begegnung, Schnitt, und action. Das echte Leben sieht anders aus, da musst du die langweiligen Stunden des Nichtstuns aussitzen. Hausarbeit erledigen. Hygiene. Menschlichen Bedürfnissen nachgehen. Ausharren, bis wieder etwas passiert, und meistens tut es das nicht, wenn du nicht selbst etwas ins Rollen bringst. Erleben Menschen Filmreifes, die den ganzen Tag nur im Bett liegen? Wohl kaum.

Wenn ich einfach hier bleibe, mich verstecke bis zum Tag meiner Abreise, was geschähe dann? Kämen die anderen Protagonistinnen auf mich zu? Holten sie mich hier heraus und steckten mich wieder hinein ins Geschehen? Gehöre ich zur Erzählung oder bin ich nur zufällig hineingeraten, aus Versehen Teil einer größeren Geschichte, die, wenn nicht mir, jemand anderem zustieße?

Es muss so sein, ich kann mir nicht vorstellen, warum ausgerechnet ich eine besondere Rolle in einem solchen Abenteuer spielen sollte.

Ich bin ein durch und durch durchschnittlicher Mensch: Ich bin nicht schön, auch nicht hässlich, nicht dick, nicht dünn, nicht genial und nicht dumm; meine Familie ist weder reich noch arm, wir haben keine interessante Ahnengeschichte und leben schon Jahrhunderte dort, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe keine ausgefallenen Talente, bin weder allzu sportlich noch faul, habe keine besonderen Hobbys, weswegen ich die Frage nach diesen für die persönliche Charakterprofilierung scheue; ich probiere mich aus, mache von allem ein bisschen und wenn es zu anstrengend wird, verpufft meine Motivation, als wäre sie nie gewesen.

Weder in der Schule noch im Studium fiel ich auf, ich hatte durchschnittliche Noten, kein Fach interessierte mich so, dass ich mich darin freiwillig mehr engagiert hätte, und so blieb auch mein Lebenslauf durchschnittlich.

Als die anderen Mädchen sich plötzlich für Jungs interessierten, fand ich das doof, aber ich machte mit, auch wenn ich es nie ganz verstand, warum man sich für Männer interessieren sollte, wenn es doch Frauen gab. Aber ich war durchschnittlich und wollte es sein, denn wer wäre ich schon, bei diesem Thema aus dem Rahmen zu fallen? Das hätte zu viel Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Zweimal fand ich Männer, die ich liebte und die mir das Herz brachen, doch daran war auch ich schuld, weil ich sie früher oder später von mir stieß, gelangweilt und auf der Suche nach mir. Verständlich, dachte ich jedes Mal, dass sie mich durch eine jüngere und schönere Frau ersetzt haben, ich bin viel zu fade und durchschnittlich und dort draußen warten so viele interessante Frauen, warum die Zeit also mit mir verbringen?

Ich war Statistin in meinem eigenen Leben, gelangweilt von den Erwartungen der Gesellschaft und ohne den Mut, etwas daran zu ändern. Kein Wunder also, dass mich das Leben dazu zwingen musste, aus dem Hintergrund nach vorne zu treten, von den Zuschauerrängen hinunter auf die Bühne – im Unglück steckt immer auch das Glück.

Wer das Abenteuer scheut, sollte zuhause bleiben, sollte nicht in Städte zurückkehren, die einen im Traum riefen, sollte nicht in sich plötzlich öffnende Türen treten, sollte Märchen nicht für bare Münze nehmen. Lange hatte mir das auch genügt, doch plötzlich war ich es leid, nur von anderen und über andere zu lesen. Ich wollte endlich mein eigenes Kapitel schreiben, auch wenn es mich alles kostete.

Ob Menschen wie Ewa sich auch so viele Gedanken über ihre Rolle als Hauptfigur machen? Oder sind sie es einfach und hinterfragen das nicht wie regelmäßiges Essen und Zähneputzen?


Ausschnitt aus Kapitel Vier meines Manuskripts „Die Unterirdischen Seen“.

Im Moment befinde ich mich in der gefühlt 1000. Korrekturrunde, ausgedruckt liest sich jeder Text nochmal anders. An ein paar Verlage habe ich das Manuskript bzw. Leseproben daraus schon geschickt, auch wenn ich wenig Hoffnung habe. Klar wäre es schön, wenn möglichst viele Menschen diese Geschichte lesen können, die mir so wichtig ist und für die ich so lange gebraucht habe, um sie endlich festzuhalten. Aber das ist auch das Wichtigste, ich bin einfach so stolz und erleichtert, diese Geschichte endlich geschrieben zu haben, und die Idee zum nächsten Buch wird bereits lauter. Ist das nicht schön? Ich hätte nie gedacht, dass es tatsächlich so ist, wie manche Schriftsteller:innen schreiben: Die nächste Geschichte lässt nie lange auf sich warten.

[Regensburg, 25.9.24]

Ein seltsames Rennen

Es ist ein seltsames Rennen, von dem wir heute Zeuginnen werden. Die Läufer stehen bereit, doch nicht alle auf einer Linie. Ein paar von ihnen dürfen mehrere hundert Meter weiter vorn starten als die große Mehrheit, die lose verteilt über die Laufbahn steht.

Unklar ist, wie lange dieses Rennen dauert. Bis der Erste aufgibt? Bis der Letzte tot umfällt? Und wohin laufen wir überhaupt?

Es beginnt auf den Schrei einer gebärenden Frau hin.

Die Handvoll Läufer ganz vorne behält ihren Abstand zum Rest hin, ja vergrößert ihn im Laufe des Rennens sogar, bald sind sie nur noch ein paar Punkte am Horizont. Immer wieder werfen sie Getränke und Energieriegel hinter sich, wie um zu sagen: Kommtkommt, wir helfen euch, hier habt ihr ein bisschen Energie, ihr könnt es schaffen! Gleichzeitig aber werfen sie ihnen Steine – wortwörtlich! – in den Weg. Der Rest wird sie nie einholen, das wird immer deutlicher, je langer das Rennen dauert, denn sie sind besser trainiert, ausgestattet, ernährt, und die hundert Meter, die ihnen zum Start geschenkt wurden, macht niemand, nicht einmal der begabteste Läufer, mehr wett.

Allein das Gegenteil wird dem Rest erzählt! Sie müssten sich nur anstrengen, sie müssten es nur wirklich wollen, und wenn sie schnell genug liefen, könnten sie am Ende mit denen dort vorne mithalten. Immer mehr bleiben zurück und auf der Strecke liegen, sie haben im falschen Glauben alles gegeben, doch es war nie genug. Viele versuchen es gar nicht erst, ihnen fehlen die Möglichkeiten oder Schuhe, sie haben ein kaputtes Knie, ein krankes Herz oder andere, unüberwindbare Hindernisse in und vor sich. Manche stolpern über die Hürden, die ihnen die da vorne in den Weg legten, wieder andere geraten in einen Streit mit ihren Konkurrenten, die Rennbahn ist eng, es haben nicht alle Platz, sie schubsen sich gegenseitig in die Gräben.

Und dann sind da noch diejenigen, die verspätet dazukommen, mit noch schlechteren Startbedingungen als die bereits Anwesenden, die noch schneller laufen, sich noch mehr anstrengen müssen als diese, um wenigstens einigermaßen mithalten zu können. Die Anwesenden befasst plötzlich eine Angst, dass die Neuen sie überholen, dass sie ihnen die geringe Chance auf einen Platz auf dem Podium wegnehmen. So wird ihnen zumindest erzählt. Sie sind sich nicht bewusst, wie ihnen die Neuen ihre eigene Aussichtslosigkeit vorspiegeln, und hassen diese dafür umso mehr.

Eigentlich könnten sie viel weiter und schneller sein, schließlich hatten sie noch immer bessere Startbedingungen als jene, die ihre Heimat, ihre Familien verließen, die unfreiwillig an diesem künstlichen Lauf teilnehmen, nachdem sie zuvor schon vor Krieg, Hunger, Armut geflohen sind – das unerbittlichste Rennen von allen. Ihnen nun, und sie haben es nicht anders gelernt, werfen sie Stein in den Weg, eine Last, die sie noch langsamer und müder macht, die sie noch weiter zurückfallen lässt.

Die vordersten Läufer derweil genießen ihre Ruhe, sie machen mehrmals Halt, gehen gemütlich spazieren, erholen sich an den menschenleeren, noch voll ausgestatteten Trinkwasserstationen. Sie machen sich keine Sorgen. Ihr Sieg war nie in Gefahr.

[Regensburg, 1.9.24]