Herz vs. Verstand

Die Geschichten über das Verschwundene Wasser, die Unterirdischen Seen, ihren Schatz und die Tribunen haben meine Neugier entfacht. Welches Geheimnis ist eine so umfangreiche Manipulation der Bevölkerung wert? Wozu sollte man Menschen vorbeugend in Haft nehmen, wenn sie nicht mit ihrer Entdeckung der Unterirdischen Seen das größte Geheimnis der Welt lüfteten? Wenn sie danach nicht alles infragestellten, nicht an allem rüttelten, was unsere Auffassung von Wirklichkeit ausmacht?

Bisweilen zweifle ich daran, warum ausgerechnet mir diese Rolle zugefallen ist. Warum ausgerechnet ich mich auf den Weg zu den Unterirdischen Seen machen soll. Haben sie keine bessere, spannendere Kandidatin gefunden?

Bin ich nicht eher Antiheldin, die am liebsten zurückgezogen ihre Bücher liest und schreibt, die anonym und unauffällig in einer unbekannten Stadt wohnt, die es nicht drängt, auf der Bühne zu stehen und große Reden zu schwingen?

In mir kämpft gerade Herz gegen Verstand. Letzterer sieht nicht ein, warum wir für Geschichten, die wie Märchen klingen, erfunden, um den Menschen zu unterhalten, unser Leben geben sollten.

Er erinnert mich daran, dass Geschichten oft nur deshalb erzählt werden, um das Unbekannte aus dem Schatten zu zerren, um Schuldenböcke auszuweisen.

Vielleicht ist der Nebel nur der Geist des verschwundenen Wassers, eine seltsam beständige und hartnäckige Form seiner Art, vielleicht ist die Technik, die die Bewohner beherrscht, tatsächlich nur für deren Bequemlichkeit da, vielleicht tun sich diese einfach gegenseitig das Schlimmste an, da braucht es keine höhere Gewalt, wenn man sich über das Wesen des Menschen im Klaren ist.

Mein Kopf rationalisiert jedes Fünkchen Magie auf seine Wahrscheinlichkeit, auf den Verstand, auf Langeweile. Wenn es nach ihm ginge, würde ich der Stadt den Vogel zeigen, auf der Stelle umdrehen und nach Hause fahren.

Mein Herz dagegen steht für Fantasie und Romantik, für Mut und Furchtlosigkeit angesichts großer Abenteuer.

Mein Herz weiß: Etwas aus Angst nicht zu tun, kann niemals der richtige Weg sein. Es braucht Mut, um neue Wege zu betreten, die bisweilen im Dunklen liegen, vor allem am Anfang.

Doch bald wirst du auf eine Lichtung stoßen und wissen: Egal, wie dunkel der Wald ist, es gibt diese hellen Flecken, diese kleinen Paradiese, und dafür lohnt es sich.


Zu Weihnachten ein weiterer Ausschnitt aus Kapitel 5 der „Unterirdischen Seen“, dem Buchprojekt, das ich dieses Jahr nach zehn Jahren endlich „durchgeführt“, es also geschrieben habe. Ein großes Glück. Ich habe mich entschieden, es jetzt im Selbstverlag herauszubringen, denn es bedeutet mir zu viel, als dass ich es in der digitalen Schublade verstauben lasse. Bald könnt ihr es dann überall, wo es Bücher zu kaufen gibt, bestellen 🙂

Frohe, friedliche und besinnliche Weihnachten wünsch ich allen meinen Leser:innen, danke, dass ihr euch immer wieder auf meine Gedankenwelt einlasst. ❤

Warum eine Welt erfinden

Ich stelle mir vor, jeder Mensch hat im Laufe seiner Seele ein Leben, in der er vollkommen glücklich ist und alles perfekt läuft. Ein einziges unbeschwertes, voller Lachen und Freude, mit vielen guten Freunden, einer liebevollen Familie und der einen großen Liebe. Ein Leben bester Gesundheit, mit genug Geld und keinen echten Sorgen. 

Manchmal beobachte ich Menschen und denke, sie leben gerade genau dieses eine glückliche Leben. Ich freue mich für sie, denn ich weiß, ich hatte ein solches schon, und wenn nicht, dann kommt es noch. Und wie schön ist die Vorstellung, dass manche Menschen gerade ihr volles Glück leben?

Bin ich neidisch? Erstaunlicherweise nicht. Im Gegenteil, voller Vertrauen bin ich, dass mein Leben genau so sein soll, wie es ist, und Gedanken wie „Was hätte sein können?“ sind fatal und machen zutiefst unglücklich.

Es ist schon in Ordnung so.

Vielleicht lebt ja ein anderes Ich in einer Dimension links von mir gerade ihr bestes Leben? Vielleicht läuft sie gerade am Strand entlang, in ihrer Hand Frau und Kind und keinerlei Sorgen im Hinterkopf? Vielleicht ist das in der Dimension links von mir die bessere Welt, in der niemand verhungern oder verdursten, auf der Strasse leben oder in Kriegen sterben muss? 

Doch säße ich hier und erfände eine andere Welt, wenn ich in der meinen glücklich wäre? Wenn ich dort drinnen lebte und nicht hier draußen, in der Rolle der Beobachterin? Wie große Einsichten haben, wenn man nicht von außen hineinsieht, wie Zusammenhänge erkennen, wenn man mittendrin steckt? Oder wie es Erich Kästner formuliert hat: Der Fotograf ist nie mit auf dem Bild. 

Freilich, diese Theorien überdecken nur den Schmerz, sie helfen mir, meine Situation anzunehmen, da bin ich ganz ehrlich. Aber tun wir das nicht immer? Uns unsere Situation erklären, bis uns unser Herz endlich glaubt, und dann machen wir einfach weiter? Bestimmt. Wir Meister der Anpassung.

Ich für mich habe da zudem dieses Vertrauen in mir, und wenn ich still bin, kann ich es klopfen hören: 

Hey, ich bin immer noch da, solange es dich gibt, und das ist das Wichtigste. Dass es dich gibt. Alles andere sind nur Erzählungen, was ist schon „normal“, lass dir da nix einreden. Du bist du und das ist gut so, und jetzt mach das Beste draus mit dem, was dir gegeben wurde, und keine Sorge: Dein Leben ist nur ein klitzekleiner Ausschnitt eines viel größeren Bildes. 

[Regensburg, 11.12.24]

Zeitreisen

Alles ist gleichzeitig, damals ist jetzt und heute, alles ist immer. Alle Möglichkeiten von morgen leben in mir, und wie sie dann aussehen mögen, weiß ich erst, wenn sie jetzt und gestern sind. Ich zeitreise, indem ich den schönen Moment von damals in mir aufleben lasse, indem ich der Gegenwart entfliehe, die nicht festzuhalten ist. Ein Foto nimmt den Moment auf und zeigt doch die Vergangenheit. Allein sie bleibt in mir, ich reise zurück zu diesem warmen Gefühl, ich bin wieder dort, in unserem schönen Haus mit meinen Freunden, wir lachen, wir umarmen uns, wir blicken uns liebevoll und wissend in die Augen: Dieses Jetzt ist für immer.

Manche Menschen treffen wir zum ersten Mal und kennen sie seit Ewigkeiten. Vielleicht ist das so. Vielleicht kenne ich dich noch aus einem anderen Leben, ein Bild deiner Seele in meiner verewigt. Vielleicht kenne ich dich in unserer Zukunft und weiß es schon.

Wenn ich nur im Gestern lebe, in einer alternativen Realität, im Konjunktiv, im Washätteseinkönnen-Land, lebe ich nie ganz in meinem Jetzt, das sich nicht ändern lässt. Dann werde ich immer nur zu einem Bruchteil da sein, und ohne ein Leben im Jetzt gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft. Wenn ich immer nur im Morgen lebe, aber in einem fiktiven, vor dem ich Angst habe, oder das ich mir erträume, nach dem ich mich sehne, wird es auch mein wahres Morgen, das schon in mir drin ist, nicht geben.

Ohne Gegenwart keine Vergangenheit und keine Zukunft.

[Regensburg, 25.11.24, 1.12.]

Schönen ersten Adventssonntag Euch!