Ideen finden mich

Eine Idee erscheint.

Wer ist sie, wie sieht sie aus? Darf ich mich ihr nähern oder verschwindet sie, sobald ich zu interessiert bin?

Vorsichtig trete ich an sie heran und – mein Glück, sie zeigt mir neue Seiten von ihr.

Wird sie bleiben, darf ich über sie schreiben? Wird sie es zulassen, dass ich sie entdecke, sie untersuche, beschreibe?

Manche Ideen wollen nur kurz gesehen werden, dann reisen sie weiter, ich soll nur einen Einblick bekommen in das, was möglich ist, in das, was dort draußen im Strom herumschwimmt, doch ich bin nicht der Mensch, der sie zur Welt bringt.

Und manche Ideen sind nur für mich da, sie umtänzeln mich so lange, bis ich bereit bin, in sie einzutreten.

Wieder andere lassen mich zwar an ihnen schnuppern, doch greifen kann ich sie nie, sie rutschen mir aus den Fingern, wandeln ihre Gestalt. Dann sind sie noch nicht reif, müssen noch ein paar Jahre oder Leben warten, bis sie geboren werden, aber das ist schon in Ordnung so.

Gute Ideen wollen Weile haben, heißt es nicht so? Und wer wäre ich, dies anzuzweifeln?

Wenn ich in eine Idee eintrete, sehe ich zunächst noch unscharf. Wer ist diese Person, von der ich schreiben soll? Ich versuche, mich ihr anzunähern, langsam, vorsichtig, um sie nicht zu verscheuchen. Jede Figur ist anders. Manche sind forsch und stellen sich mir selbstbewusst in all ihren Eigenschaften vor, sie sehe ich von vornherein bis ins Detail. Andere sind schüchtern, wollen unerkannt bleiben, wollen mich erst kennenlernen, bevor sie etwas von sich preisgeben. Manche bleiben bis zum Ende anonym, obwohl sie eine wichtige Rolle spielen, aber es ist ihnen lieber so. Wer weiß, was mit ihnen geschähe, wenn ich sie offenbarte, doch es kann nichts Gutes sein. Und so manche dann nimmt mich mit, tiefer hinein in den Kern der Idee. Ich folge ihr, gespannt, wem wir begegnen, was wir sehen und erleben dürfen.

Ich habe davon immer nur gelesen: Dass Schriftstellerinnen ihren Figuren folgen, dass sie nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht, sie sind nur die Chronistinnen. Letztes Jahr durfte ich das selbst erleben, und noch immer weiß ich nicht genau, was ich da eigentlich geschrieben habe, manches Mal war ich wie im Rausch, habe hier angefangen und bin dort drüben gelandet.

[Regensburg, 21.1.25]

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Wer wissen will, wohin mich meine letzte große Idee geführt hat: Das Buch „Die Unterirdischen Seen“ gibts jetzt unter meinem Pseudonym „Lenka Kerler“ als Print on Demand. 🙂

getroffen

Wie anstrengend muss ein Leben sein, wenn man sich von Feinden umzingelt und die Welt kurz vor dem Untergang sieht?

Wenn man bemerkt, dass der eigene Status des Unangreifbaren zu bröckeln beginnt, ja sogar Statuen des eigenen Spiegelbilds schon gefällt wurden?

Wenn man sich plötzlich gezwungen sieht, sich mit sich selbst, seinem Handeln und dessen Konsequenzen, nicht nur heute, sondern auch vor dem eigenen Dasein, auseinandersetzen zu müssen? 

Die Erbfolge wurde abgeschafft, doch gegen den Sturz kämpft der einst unangefochtene König wie ein verwundetes, im eigenen Blut liegendes, mit letzten Zuckungen sich gegen das Unvermeidliche wehrendes Tier…

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Inspiriert von den Weltereignissen erneut der Text „getroffen“ (erste Mal gepostet am 13.11.2020 und auch in meinem Buch „Die Unterirdischen Seen“ wiederzufinden)

Frau Zora und die größte Schatzsuche der Welt

Die Frau, deren Namen ich noch immer nicht weiß, ist an die fünfzig Jahre alt. Ihre großen, grünen Augen liegen in einem fein geschnittenen Gesicht mit tiefen Lachfalten. Ihre langen, grauen Haare sind zu einem Zopf geflochten, sie trägt weite grüne Hosen und ein grünes Hemd mit weiten Ärmeln. An den Händen trägt sie mehrere Ringe, einige mit grünen Steinen, und an ihren Ohren baumeln kunstvolle Ohrringe.

Toller Stil, ich liebe die Frau jetzt schon, denke ich, und blicke etwas beschämt auf mein eigenes, wenig originelles Outfit. Ich habe nur eine meiner älteren Jeans und einen weiten Pulli an, gemütlich muss die Kleidung sein, gerade, wenn ich den ganzen Tag unterwegs bin. Der Frau scheint das nichts auszumachen, wieso auch, sie blickt mich begeistert an.

„Alles gut, Liebes? Fühl dich ruhig wie zuhause, ich bin froh, endlich mal Besuch zu haben, ehrlich. Ach du meeine Güte, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt, nicht wahr? Ojejku! Also, du kannst mich, wie der Rest der Stadt, die ‚Grüne Frau‘ nennen, ist natürlich kein Name, mit dem man jemanden ansprechen mag. Ich erinnere mich, meine Mutter nannte mich einst Zora, auch ein schöner Name, findest du nicht? Bedeutet ‚Morgendämmerung‘, weil sie wohl die Hoffnung hatte, mit mir würde sich einiges ändern, hihi. Eine solche Bürde Kindern aufzulasten, also nein.“

„Frau Zora, ich freue mich. Ich bin die L.“

„Jaaa, entschuldige, dass ich dich auch gleich duze, aber ich habe das Gefühl, wir kennen uns eeewig. Meine Mutter hat mir von dir erzählt, du kennst meine Mutter?“

Ich schiebe meine Unterlippe nach vorne und schüttle den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“

„Doch, doch, du hast sie gestern kennengelernt. Im Café! Mit ihren Freundinnen. Sie sind wohl etwas schnell hinausgestürmt, ganz typisch für die, so ein dramatischer Auftritt. Aber meine Mutter hatte das Gefühl, sie habe schon zu viel erzählt, und das ist wirklich gar nicht gut für ihren Ruf. Deshalb hat sie mir das überlassen, den Rest zu erzählen, gut, was? Weißt du, sie spielt eben eine wichtige Rolle in dieser Stadt, sie tut so, als wüsste sie nichts und als wäre sie auch an nichts interessiert, außer Gerüchte über Bekannte zu streuen. Aber: Sie ist eine der wenigen, die hier alles über jeden weiß. Die große Geheimnishüterin oder besser: Geschichtenhüterin, ein lebendiges Buch. Mit ihrem Kreis an Vertrauten saugen sie in Cafés und anderen öffentlichen Orten alles in sich auf, sie sind die guten Zuhörerinnen, bei denen viele denken, ach, die vergessen das sowieso gleich wieder, diese alten Frauen. Tja, wenn man uns Frauen schon unterschätzt, dann sollten wir das auch ausnutzen, nicht wahr? Hihi. Aber genug von meiner Mutter. Ich erzähle dir heute, wie gesagt, ein wenig von den Unterirdischen Seen und dann auch von mir. Warum ich mich verstecken muss. Und warum das auch etwas mit dir zu tun hat. Trink bitte den Tee, der befreit dich vom Nebel, glaub mir. Danach fühlst du dich wie neugeboren.“

Die Grüne Frau löst ihren Schneidersitz auf und streckt die Beine auf dem Sofa aus. Den Bleistift in ihrer Hand steckt sie wie eine Zigarette in den Mund und zieht ein paar Mal daran.

„Mhmm, wo soll ich anfangen, lass mich überlegen. Vom Verschwinden des Wassers haben sie dir erzählt, ja?“

Ich nicke.

„Und von der Großen Schatzsuche?“

Von den vielen Geschichten um das Verschwinden des Wassers hielt sich eine hartnäckig: Der Fluss war darin in das unterirdische Höhlensystem der Stadt abgetaucht, das Wasser hatte sich wie ein Maulwurf mit seinen kräftigen Händen den Weg hinunter freigeschaufelt. Es befand sich nun unter anderem in einer der größten Höhlen, und – das war der wichtigste Teil der Geschichte – umgab einen riesigen Schatz. Manchen Einwohnern nach war es der größte Schatz der Welt, mit so hohen Bergen an Gold und Diamanten, wie sie noch keiner jemals gesehen hatte.

Gold und Silber, schön und gut, doch die Besonderheit dieses Schatzes, so munkelte man, liege in dem gewissen Etwas, das sich für jeden, der ihn fand, unterschied. Das, was sich ein Mensch in der unergründlichen Tiefe seines Herzens wünschte, sollte durch den Schatz in Erfüllung gehen.

Diese Geschichte war laut, und je lauter eine Geschichte war, desto mehr Menschen hörten sie. Wer träumte nicht von unermesslichem Reichtum, von einem Ende der Geldsorgen, der alltäglichen Nöte? Und welcher Mensch hatte auf dem Grunde seines Herzens keinen Wunsch?

In den darauffolgenden Jahren, nachdem die Geschichte des Unterirdischen Sees sich herumgesprochen hatte, begann die größte Schatzsuche der Welt.

[…]

Nun könnten wir das Ende der größten Schatzsuche der Welt schreiben, als schließlich niemand mehr in die Stadt kam und diese wieder der seelenlose, düstere Ort wurde, der er seit dem Verschwinden des Wassers geworden war.

Das wäre ein Ende, das verdunstet wie der letzte Rest einer Pfütze im sommerlichen Sonnenschein: als hätte sie nie existiert. Doch das Wasser der Pfütze befindet sich nun überall, es schwebt in der Luft, die wir atmen, ist nie ganz weg. So ist es auch mit der Geschichte über die Unterirdischen Seen: Sie war nie vergessen, die Einwohner flüsterten sie sich heimlich zu oder erzählten sie ihren Kindern zum Einschlafen wie ein Märchen.

Noch immer gibt es jene Menschen, die die Suche nicht aufgegeben haben. Sie sind zumeist Einzelgänger, die die einsamsten und gefährlichsten Orte der Erde durchwandert haben, immer auf der Jagd nach neuen Herausforderungen. Der unterirdische Schatz unvorstellbarer Dimensionen, behütet von der Stadt und geschützt durch Flüche und Geister, kitzelt sie in ihren Abenteurerherzen. Schließlich gibt es jene Erzählungen von Menschen, die den Weg nach unten fanden.

Doch genauso viele gibt es, die danach verschwanden, verschluckt wie von ebenjenem Erdboden, in den sie sich freiwillig begaben. Diejenigen, die an die Oberfläche zurückkehren, können sie nicht mehr nach dem Weg fragen. Niemand bringt etwas aus ihnen heraus. Zerlumpt und zerfetzt sitzen sie eines Tages grinsend und vor sich hinstarrend auf einer Parkbank, sprechen nie mehr ein Wort oder nur noch in Rätseln, manche drücken sich nur in bunten Bildern oder schwer verständlichen Gedichten aus. So erzählt man sich zumindest von diesen Überlebenden; die meisten nämlich haben noch nie einen gesehen, die Stadt kümmert sich schnell um sie, lässt sie verschwinden und keiner weiß, wohin.

[…]


Eine weitere Leseprobe aus meinem Roman „Die Unterirdischen Seen“, den es jetzt als print on demand gibt, z.B. hier:

https://buchshop.bod.de/die-unterirdischen-seen-lenka-kerler-9783769350951

Ich freu mich über Eure Unterstützung! ❤