Zwiebel

Eine zwiebel ringe viele schichten ich weine warum weine ich es hört nicht auf meine augen brennen manchmal wird mir alles zu viel manchmal frage ich mich ob ich das schaffe aber ich kann nur so weitermachen weitermachen bis sich etwas anderes ergibt bis sich alles auflöst in wohlgefallen in glück und zufriedenheit aber wird es das jemals wird es das kann es das ist das überhaupt leben? Wie sollen wir weiter weitermachen wenn wir einfach glücklich sind wo wir sind? Bleiben wir dann nicht auch stehen? Es geht immer weiter heisst es doch aber wo ist das ziel bzw gibt es ein ziel? Das ziel ist das ende ist der tod, deshalb ist der weg das, worauf ihr euch konzentrieren solltet und diesen beschreitet so frohen mutes und mit wachsamen Augen und offenem Herz; das mit dem Ziel hat euch dieses system eingeredet, damit ihr immer weiter funktioniert funktioniert funktioniert und arbeitet arbeitet arbeitet doch was tun wenn ihr da seid an eurem selbstgesteckten ziel am sogenannten gipfel eurer träume, ab da geht es nur noch bergab oder steilbergab und dann auf den nächsten berg was für eine tortur können wir nicht einfach am boden bleiben und dort in ruhe leben aber nein der mensch muss hinauf und schwitzt und ächzt und warum hab ich mir das angetan warum warum die füße werfen blasen aber das gehört dazu sagt eine stimme, nur die harten kommen in den Garten deine Einstellung ist falsch das is das einzige was hier nicht stimmt…

Diese Zeilen entstammen der Schreibübung „Automatisches Schreiben mit Gegenstand“, bei der es darum geht, mit Blick auf diesen ohne den Stift abzusetzen zu schreiben und die Worte aus sich herausfliessen zu lassen. Es ist immer wieder spannend zu sehen, was dabei entsteht.

Wichtig dabei: keine Angst haben vor dem, was herauskommt; den eigenen Zensor nicht zulassen, also nicht denken: Das darf/kann ich nicht sagen – das, was von Herzen kommt, müsst ihr nicht fürchten.

Kabinenparty

Wie sooft sind wir in einem großen, mehrstöckigen Haus. Besuch ruhig mal Oma und Opa, sagt meine Mama zu mir, und ich erinnere mich, dass die zwei im obersten Stockwerk wohnen.

Auf meiner Etage leben auch ein paar Bekannte, jeder von uns hat ein eigenes Zimmer und manche auch ein eigenes Bad. Ein Fremder geht einfach in mein Zimmer, um dort zu duschen. Ich werde sauer und schmeiße ihn raus. Ein Bekannter von mir hilft dabei, er möchte selbst gerne duschen, und er hat es auch dringend nötig.

Doch als ich ihm alles zeigen will, hat sich in meinem Badezimmer schon eine Gruppe von Männern breitgemacht, sie duschen, lachen, sind nackt, ihre Bierbäuche reiben mangels Platz aneinander. Sie verbreiten eine aggressive Energie und ich fühle mich wie in einer S-Bahn, in die eine Gruppe angetrunkener, pöbelnder Fussballfans einsteigen. Meine Instinkte sind hellwach und schreien: Nichts wie raus hier! Aber es ist doch meine Wohnung, mein Bad, und trotz meines alarmierten Bauchgefühls versuche ich diese Männer hinauszuschmeissen.

Damit sie mich besser hören, muss ich das Bad betreten und gehe damit einen fatalen Schritt zu weit. Plötzlich nehmen sie mich wahr, wie Raubtiere haben sie ihre Beute gewittert und aus der lauten, grölenden Meute ist ein hungriges, gierig stierendes Rudel geworden. Ich friere kurz ein, halte meinen Atem an. Als ich zurückweichen und fliehen will, hat jemand hinter mir schon die Türe verschlossen. Grinsend stehen die breiten Schultern und Klodeckelhände vor mir. Hier kommst du nicht raus.

Fragt mich nicht warum – in solchen Träumen ist das eh nicht ratsam -, aber einer der Männer schwenkt auf einmal einen kleinen Beutel vor meinem Gesicht hin und her. Wenn du jemals wieder hinaus willst, musst du dir zuerst deine Eier zurückholen, schreit er. Alle anderen stimmen johlend zu. Kabinenparty. Mir wird eiskalt, als ich realisiere, dass da drin meine Eierstöcke sind. Wie zur Hölle auf Erden…?!

Ich versuche sie zu schnappen, gerate immer tiefer in die Menge, Alkoholdunst, blöde glotzende Fratzen, Hände, Geruch nach Männerduschgel, Männerschweiss, zu hohe Luftfeuchtigkeit, Schwindel, Schwindel, es dreht sich, dreht…

Wie das immer so ist, endet hier der Traum. Vielleicht ist das besser so. Ein happy end war da sowieso nicht mehr drin…

[Halle, 24.2.23]

Gut so

Was, wenn ich von klein auf gelernt hätte, dass es gut ist, wie ich bin? Dass es auch okay ist, wenn ich mal lieber zuhause bleibe, als auf die nächste Party zu gehen. Wenn ich Menschenansammlungen lieber meide und mein eigenes Ding mache. Wenn mir Gruppen suspekt sind. Wenn ich lieber schweige, als dauernd meine Meinung laut kundzutun. Wenn ich eher ruhig und zurückhaltend bin. Lieber beobachte, überlege, nachdenke und dann erst handle.

Stell dir vor, jemand hätte zu dir gesagt, wie toll das ist, dass du lauter Geschichten schreibst und Lebewesen erfindest, was für eine wundervolle Fantasie du doch hast, und dass du gut im Lesen und Schreiben bist, das ist doch auch toll. Stell dir vor, du wärst damit aufgewachsen zu wissen, dass du etwas gut kannst, und dass du gut bist, wie du bist.

Stell dir vor, du hättest all die Liebe bekommen, die du gebraucht hättest, und das gerade dann, als du innerlich am zerrissensten warst. Als plötzlich wichtig wurde, wie man aussah, und der ständige Vergleich begann. Gerade dann, als die anderen Mädels angefangen haben, sich zu schminken und sich nur noch für Jungs und Klamotten zu interessieren, dann, stell dir vor, hätte dir jemand gesagt, dass das auch gut ist, dass ich mich nicht dafür interessiere, dass mich das nicht weniger weiblich macht, und dass das super ist, dass ich mich eher für Latein interessiere oder lese.

Stell dir vor, niemand hätte dich nach ein paar Monaten für eine langbeinige, jüngere Blondine verlassen, und stell dir vor, das wär dir nicht gleich mehrere Male passiert. (Dein Verstand weiß eigentlich, dass es für deinen Weg letztlich gut so war, aber dein Herz deutet auf die Narben und verzieht vor Schmerz das Gesicht. Es ist gut so, wie es gekommen ist, sonst wärst du nicht da, wo du bist, und nicht die, die du bist. Ohne Schmerzen, kein Wachstum, erinnerst du dich?)

Stell dir vor, in der Uni wäre es anders als in der Schule gewesen, deine Meinung zählt und deine Sicht auf die Welt, viele Antworten sind möglich und lass uns diskutieren. Stell dir vor, jemand hätte dir gesagt, dass du trotzdem eine vollwertige Studentin bist, auch wenn du dir Namen und Zahlen nur schwer merken kannst und das Fach Geschichte einfach nicht dein Ding ist. Dass es okay ist, auch wenn du dich nicht so oft meldest und fünf Minuten lange Fragen stellst, denn das heißt nicht, dass du weniger klug bist. Dass es okay ist, nicht immer ganz sachlich zu bleiben, denn wie soll man auch manche Dinge nüchtern und trocken in fremdklingenden Worten sagen, die die Sache komplizierter machen, als sie eigentlich ist?

Wenn das alles so wäre, würdest du jetzt vielleicht wissen, dass du all diese Liebe wert bist, dass du es wert bist, gehört zu werden, geliebt und geschätzt, dass du deine Meinung sagen darfst und du dadurch niemanden verlierst. Dass du so sein darfst, wie du bist, weil genau so ist es gut so, und genau so lieben dich die Menschen, die dich lieben, weil sonst wärst du ja nicht du. Lass das alles zu und schau, was passiert. Eine andere Dimension, ein Paralleluniversum, ja, und du kannst den Zugang dazu finden. Ihn öffnen. Hineingehen. Und nie wieder zurückschauen.

[Halle, 18.1.23]

Wissen ist Macht

Wir geben bewusst und unbewusst all unsere intimsten Wünsche an Plattformen ab, deren Existenz uns mittlerweile normal erscheint und die wir nicht hinterfragen. Dahinter stecken Menschen, die diese Daten sammeln und dadurch Geld machen, indem sie diese weiterverkaufen. Nie vergessen: In dieser Welt ist nichts gratis – wenn es uns kein Geld kostet, dann zumindest unsere Daten. Und wer kauft die? Alle, die diese zu Werbezwecken einsetzen und damit noch mehr Geld machen. Alle, die uns kontrollieren, im Auge behalten wollen. Wissen ist Macht, und mit den Daten im Internet haben wir uns längst gläsern gemacht.

Menschen, die
freiwillig all ihre
Geheimnisse abgeben,
im Glauben, sie gehören dann
noch ihnen.

Alles, was wir in
diese Wunderkästen eingeben,
macht uns mit jedem Tippen
gläserner,
wir sind so durchsichtig, sie kennen
uns so gut, wie wir uns
nicht mal selbst kennen wollen.

Wir verkaufen uns.

Eine Dystopie, Wirklichkeit geworden:
der gläserne Mensch,
freiwillig,
mit Vergnügen
ahnungslos und
gleichgültig.

Wichtiger: Unser Spaß, Befriedigung, letzten Endes Liebe.

Wen kümmern da die Machenschaften im Hintergrund?
Du hast nichts zu verbergen, sagst du, und deine Würde?
Du bist nur noch ein Werbeziel, eine Figur in ihrem Spiel der Milliarden: Ihm gefällt dieser Sport, also lass exakt diese Anzeige bei ihm schalten, sie hat ein Problem mit ihrem Nacken, haben wir mitgehört, also bekommt sie Werbung für spezielle Nackengerademachdinger.

Wir lenken euch hierhin und dann dorthin, genau da hin, wo wir wollen,
Euer Wille soll frei sein?
Dass wir nicht lachen, ihr wählt gefälligst den da, verteufelt die da und bleibt immer schön panisch, auf der Suche, unzufrieden, unerfüllt, hier gibt es noch Optimierungspotenzial, da kommt die nächste Katastrophe, überall lauert Verschwörung.

Keine Chance auf Stillstand und Ruhe, auf wirkliche Besinnung, denn die wäre unser Tod.
Glücklich sein ohne Konsum, das Herz voller Liebe, vielleicht sogar selbstloser? Unmöglich, hier habt ihr Filme und Videos von romantischer, echter Liebe, so muss das aussehen, das braucht ihr dafür, und wenn es nur ein Kurs für Yoga oder Entspannung oder Selbstoptimierungscoaching ist.

Wissen ist Macht, wir wissen, was ihr macht,
braucht, wollt, wir erzählen es euch,
doch das gibt es nur, wenn ihr uns folgt, wenn ihr das kauft, die App herunterladet, wo ihr noch mehr Informationen über euch abgebt – mehr Wissen, mehr Macht.

Schon witzig, dass niemand aufsteht gegen diese Vergläserung der Gesellschaft.

Ach, der Mensch, haha, solange er es bequem hat, solange er satt und unterhalten ist,
können wir tun, was wir wollen.
Tippt also weiterhin alle eure Sehnsüchte, Geheimnisse und Fantasien in eure kleinen und großen Zauberkästchen, akzeptiert alle Kekschen, sprecht laut und deutlich, damit die Mikrofone euch auch verstehen und aufnehmen können.
Hier, ein paar Likes für euch und kostenlose Apps, bessere Kameras und sonstigen Schnickschnack.

Vielen Dank für die Mitarbeit und auch für euren Beitrag zu unserem Reichtum, mit freundlichen Grüßen: die auf der anderen Seite.

[Halle, 16.1.23]

Kommentar zu Lützerath

In diesen Tagen, genauer gesagt seit Mittwoch, dem 11.1., hat die Polizei begonnen, den Ort Lützerath zu räumen. Ihnen stehen Dutzende Klimaaktivisti entgegen, die zum Teil schon seit 2,5 Jahren in dem verlassenen Ort wohnen, der nun von RWE wegen der darunterliegenden Kohle abgebaggert werden soll. In Baumhäusern wohnen sie, in den verlassenen Häusern, in Zelten und sogar in einem selbstgegrabenen Tunnel.

Politiker ermahnen die Aktivisti, doch vernünftig zu sein und sich mit dem bereits erkämpften „Sieg“ zufrieden zu geben. Der „Sieg“ besteht darin, dass RWE „nur noch“ acht Jahre Kohle abbaut, 2030 ist dann Schluss. In meinen Augen klingt das nach blankem Hohn.

Die Erde brennt und ertrinkt jetzt schon. Bei uns auch, aber im globalen Süden noch schlimmer, und das schon lange. Millionen Menschen hungern aufgrund der Dürren, oder weil das ganze Land überschwemmt ist. Millionen Menschen erleben hautnah, was es heißt, wenn das Klima sich wandelt. Was Klimakatastrophe bedeutet.

Aber für die Politiker hierzulande und die RWE-Chefs sowieso ist das nicht wichtig. Sie sitzen in trockenen, klimatisierten (dieses Wort…) Häusern, wo sie die Räumung mit allen Mitteln in Auftrag geben. Wo sie trotz gegenteiliger Studien behaupten, der Abbau im ausgemachten Gebiet ist schon okay, weil sie ja in acht Jahren eh aufhören.

OMG wir machen so viel für das Klima, und jetzt geht mal runter von den Bäumen und hört auf mit eurem linken Aktivistenscheiss, habt ihr nichts zu tun, oder was? Versteht ihr nichts von Politik und wie das nun mal läuft? Kompromisse schließen heißt das, und für alle sorgen. Auch für Unternehmen.

Ja, das haben wir mittlerweile verstanden. Lützerath ist ein historisches Ereignis, denn es zeigt auch ganz klar und deutlich, wer noch immer gewinnt hier in Deutschland und wer vor allem am wichtigsten ist: Es sind die Unternehmen, es ist die Lobby, schaut mal nach Berlin, da überlegen sie, wie sie die Autounternehmen retten, obwohl wir doch nicht noch mehr Autos brauchen, sondern Lösungen abseits davon.

Wir können es in diesem Kontext nicht mehr allen recht machen wollen. Wir müssen Kompromisse schließen für das Klima und damit für die ganze Welt, und nicht nur für Unternehmen. Aber die Aaarbeitsplätze, und die Wiiirtschaft! Jaja, das alte Argument, das geht auch anders, man müsste nur wollen. Es ginge alles anders und besser, wir sind doch voller Ideen, aber der Status Quo ist nun mal bequemer, vor allem für diejenigen, die davon am meisten profitieren.

Kein Wunder, bei diesen Umständen, dass die Aktivisti in Lützerath sich so verzweifelt an jeden Baum und an jeden Quadratmeter „festkleben“. Kein Wunder, dass sie nicht aufgeben, denn was ist die Alternative? Schon wieder einem Unternehmen den Platz überlassen und einfach zusehen?

Lützerath ist ein Hoffnungsschimmer, ein letzter Anker, dass wir noch etwas bewirken können, wenn wir uns dafür einsetzen. Lützerath ist die letzte Bastion gegen einen zerstörerischen Kapitalismus, das Grundübel, das uns in seiner Gier noch die letzten Lebensgrundlagen raubt (und ich spreche hier vor allem für die Länder im Globalen Süden, wir hier in Deutschland haben es ja eh noch gut. Bei diesem Thema dürfen und können wir aber nicht egoistisch, sondern müssen solidarisch und global denken).

Mein ganzer Respekt geht an die Menschen vor Ort, die seit Jahren oder auch seit kurzem sich an den Abgrund stellen und für uns alle eine lebenswerte Erde erkämpfen. Ich wünsche, dass über alle Polizist:innen vor Ort eine Welle der Liebe kommt, sodass sie sich auf eure Seite stellen. Wie soll RWE weitermachen, wenn niemand mehr für sie Gewalt ausübt? Oder die Chefs von RWE werden von einem Engel besucht, haben eine göttliche Eingebung und setzen ihre Milliarden ab sofort für das Klima ein. Wir könnten so viel erreichen mit all dem Geld der reichsten Männer der Welt, so viele Kinder könnten ernährt, so viele Bäume gepflanzt, so viele Windräder und Solarzellen aufgestellt werden, so viel, so viel.

Wir müssen weiter von einer besseren Welt träumen und für sie kämpfen, denn wenn wir aufhören, geben wir uns auf. Bis dahin gilt: Lützi bleibt!

[Halle, 13.1.23]

„Liebe ist die…

… einzige Revolution“ – Krishnamurti.

Wenn wir allem Lebenden mit Liebe begegnen, ändert das alles.

Wir gehen liebevoll mit uns und also auch mit anderen um, wir lieben die Natur und alle kleinen und großen Lebewesen darin, wir töten sie nicht mehr für unseren Profit.

Wir lieben unsere Erde, auf der wir leben dürfen und die voller Wunder ist, wir verschmutzen ihre Luft, ihren Boden und ihr Wasser nicht mehr.

Wir führen keine Kriege mehr, weil niemand Hass auf den Anderen empfindet und niemand aus Gier anderer Länder Gut besitzen will.

Wir teilen alles, weil wir genug für alle haben, und niemandem soll es schlechter oder besser gehen.

Wir machen niemanden kleiner, damit wir uns größer fühlen, weil wir den Vergleich nicht kennen und wir alle gleichwertig sind. Kein Geschlecht ist besser als das andere, keine Hautfarbe hat vor der anderen Vorrang, institutionalisierte und ideologisierte Religionen gibt es nicht mehr, höchstens nur das Leben nach den Worten und Werten der Personen, die diese angestoßen haben. Die religiösen Institutionen instrumentalisierten deren Worte, um die Menschen beherrschen und lenken zu können.

Die eigentliche Botschaft war und ist die Liebe, sie ist die einzige Revolution und verbietet jegliche Institutionalisierung und Ideologisierung, die ihr entgegensteht.

[Essenbach, 26.12.22]

Alle Weisheit der Welt

Ich kann alle Weisheit der Welt in diese Zeilen stecken und du kannst sie hundertmal lesen, doch wofür. Du kannst sie verstehen, aber nicht wahrhaftig sehen, denn nur wer selbst erlebt und eigene Erfahrungen macht, weiß, was sie bedeuten.

Du kannst alle Bücher der Welt gelesen haben, aber solange du nicht lebst, d.h. dich selbst der Welt dort draußen aussetzt, durch Höhen und Tiefen gehst, verletzt wirst, heilst, liebst, weinst, kann kein Buch der Erde dir echte Weisheit verleihen.

Du magst alle diese Worte verstehen, sie ergeben Sinn, sind logisch oder schön, du kannst sie wiedergeben. Aber solange du nur fremde Worte wiedergibst und nicht deine eigenen, solange bleibst du an der Oberfläche und ahnungslos. Finde deine eigenen Worte für deine eigenen Erlebnisse, Empfindungen, Entdeckungen.

Du liest, um nicht alles selbst erleben, um nicht jeden Fehler selbst machen zu müssen. Doch einige musst du selbst machen, um wirklich daraus zu lernen.

Du kannst Dingen, die du fürchtest, lange aus dem Weg gehen – eines Tages holen sie dich jedoch ein, und sei es im nächsten Leben. Du wirst so lange daran leiden, sie werden dich so lange verfolgen, bis du stehen bleibst und dich ihnen stellst. Sprich mit ihnen und vielleicht erkennst du ja, dass ihr Schatten größer als sie selbst war.

[Halle/Saale, 2.1.23]

Finderglück

Ich sei sehr leistungsorientiert, so mein Therapeut. Oh Gott, genau das, was ich nicht mag, was ich kritisiere an dieser Gesellschaft. Gilt auch hier mal wieder, dass man oft genau das am anderen (in diesem Fall der Gesellschaft) nicht mag, was man an sich selbst nicht mag?

Es stimmt, seit ich wegen Long Covid nicht mehr „funktioniere“, seit ich keine „Leistung erbringen“ kann, seitdem geht es mir psychisch immer schlechter. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr arbeiten kann? Wenn ich nicht mehr in dem Maße denken kann, wie ich es vorher tat? Man bedenke, ich habe eine Doktorarbeit geschrieben und es hat mir sehr großen Spaß gemacht, Lösungen für theoretische Probleme zu suchen und zu finden. Gerade kann ich das nicht mehr, und es plagt mich das schlechte Gewissen. Alle anderen arbeiten, tragen etwas zur Gesellschaft bei, verdienen ihr Geld selbst, und ich? Bin unnütz, zu nichts zu gebrauchen, weiß nicht mal, wer ich noch bin. Wirklich?

Dieser Zustand ist eigentlich sehr meditativ, und ich könnte viel lernen. Ein Schritt nach dem anderen, eine Sache nach der anderen, ich stecke meine Aufmerksamkeit in das Essen vor mir, in den Schritt vor mir, in den Menschen vor mir. Nichts anderes zählt, nur der Moment, der meine ganze Aufmerksamkeit hat. Was danach kommt, weiß ich nicht, und was davor war, habe ich schon vergessen, aber es spielt auch keine Rolle mehr. Grundsätzlich bin ich mir dessen ja bewusst. Aber an der Umsetzung haperts, denn wer hat dafür wirklich Zeit? Die Gesellschaft ist zu vielschichtig, alles ist zu komplex und viel, als dass wir unser Augenmerk nur auf eine Sache nach der anderen richten dürften. Oder?

War es Osho oder Marc Aurel, der gesagt hat, früher waren wir ein Stein oder ein Baum und jetzt sind wir ganz oben angelangt, wir sind ein Mensch und doch unzufrieden?

Warum sind wir ständig so unzufrieden mit allem? So auf der Suche, unruhig, immer am Machen und Tun, alles muss einen Sinn haben, wir brauchen ein Ziel, wir dürfen nichts Sinnloses machen. Wir brauchen einen Lebenssinn, ein Ziel, auf das wir zuarbeiten, das kann auch einfach das Glück sein, das vielzitierte, das uns doch nur eingeredet wird, damit wir Konsumieren und Funktionieren und in all dem Suchen das eigentliche Glück übersehen. Weil wir vorbeilaufen, obwohl es doch schon neben uns liegt, weil wir ihm nicht die Tür öffnen, obwohl es schon die ganze Zeit anklopft.

Nein, nein, es kann so einfach nicht sein, wir müssen, um wahrhaft glücklich zu sein, an uns arbeiten, wir müssen dafür das tun, oder dies, wir müssen dorthin gehen, das dort kaufen, den dort finden, wir müssenmüssenmüssen, und so sind wir unser ganzes Leben in Unrast, immer weiterweiter, Stillstand ist der Tod, war das nicht so? Still stehen bleiben, aufmerksam die Gegenwart fühlen, das ist das Leben. Es geht sowieso weiter, irgendwas ist immer, wirklich still ist das Leben selbst nie.

Aber wir, wir sollten mal still werden, stehen bleiben, aufhören, nach außen und immer weiter zu laufen. Ist doch schön hier. Welch Wunder wir doch sind. Im Guten wie im Schlechten. Bleiben wir stehen, hört die Welt nicht auf, sich zu drehen. Wir nehmen nur endlich wahr, und ach, sieh mal, da liegt ja unser Glück, fast wär ich draufgetreten. Ich hebs auf, kann ja doch nicht so liegenbleiben. Finderglück. Ich lächele – und es lächelt zurück.

[Essenbach, 22.12.22]