Raffiniertheit

— Im Laufe der Jahrzehnte erfanden die Tribune der Stadt immer neue Wege, die Menschen in Schach zu halten. Sie wollten ihre Energien niedrig halten, die sie eventuell zu Revolutionen, zu Aufständen getrieben hätten. Sie wollten ihr Geld und demnach auch ihre Macht vermehren, indem sie die Bewohner der Stadt durch raffinierte Tricks dahin lenkten, wohin sie sie haben wollten. Und das war vor allem mehr, länger, allumfassendere Macht. Macht durch Einfluss, Macht durch Wissen.

Wie aber beeinflussten sie die Menschen? Woher wussten sie, was diese wollten, und wie brachten sie sie dazu, genau das zu wollen und zu kaufen, was sie ihnen verkaufen wollten?

Es waren viele Schritte nötig, um die Bewohner zu dem zu machen, was sie heute sind. Eine wehrlose, apathische, gleichgültige Masse, die funktioniert und gleichzeitig — das ist ja das Perfide und Geniale an der Sache — davon überzeugt ist, nach ihrem „freien Willen“ zu handeln. Das geht ja bisweilen sogar so weit, dass Menschen, die kapiert haben, was wirklich vor sich geht, noch so intensiv und überzeugend darlegen können, was Sache ist — niemand will wirklich auf seinen Komfort verzichten, alle glauben lieber das, was bequem ist und nichts an ihrer doch eigentlich ganz angenehmen Situation ändert.

— Das klingt wie ein Märchen, aber ein sehr gruseliges. Welchen Zaubertrick haben die Tribune denn da bitte angewandt?

— Nun, nachdem man die Technologie endlich soweit hatte, gab es ein paar Firmen, die sich besonders raffinierte Tricks ausgedacht hatten, was ihnen bald die Leitung der Technologiesektion einbrachte. Man kann ihnen eigentlich nicht vorwerfen, die allein Schuldigen zu sein, die „Teufel“ der Gegenwart, denn sie handelten ja nicht anders als von den Machthabern gewollt. Sie handelten nach den Vorgaben des Systems, das nach Geld schreit und dessen Motor die Werbung ist. Das die Psyche der Menschen durch und durch kennt und sie manipuliert. Die Grundbedürfnisse des Menschen wurden tatsächlich noch nie so intensiv beeinflusst wie in der Gegenwart, ich nenne es Phase 4 oder Endphase der Technologieentwicklung, wobei es wahrscheinlich noch mehr Endphasen geben wird, was ich mir heute nur noch nicht vorstellen kann. Das, was wir bisher fiktionale Wissenschaft nannten, setzten die Menschen früher oder später in Realität um.

— A la „was ich sehen kann, kann auch wahr werden“.

— Ganz genau so. Der ein oder andere Autor sah in der Vergangenheit Technik und Systeme, er schrieb über diese Utopien oder Dystopien — meistens ja eher Dystopien — und wer weiß, vielleicht träumten diese Autoren davon? Oder sie hatten einfach eine sehr lebendige Phantasie, oder Visionen. Naja, und heute, schauen wir uns doch um, heute ist das alles Realität. Wir leben mittendrin.

— Puh. Kann das bitte nicht doch ein Märchen sein? Ein Traum? Das macht mich so mutlos. Und ohnmächtig. Und wütend. Und hilflos.

Sagte sie, kurz vor der Verzweiflung und gleichzeitig so entschlossen wie nie. Sie wusste denn tief in ihr, dass er die Wahrheit sprach, gerade, weil seine Worte so weh taten.

— Der einzige Ausweg ist, und das schrieb schon einer dieser Autoren damals, die Revolution in unseren Köpfen und Körpern. Eine Revolution, die mit der Suche nach dem Unterirdischen See beginnt, eine Suche, auf die sich jeder allein begeben muss, nur Hinweise, Erfahrungsberichte, Ratschläge darf man mitnehmen. Du weißt aber hoffentlich auch: Du bist niemals wirklich „allein“.

So, ich glaube, ich habe sowieso schon zu viel verraten, sie werden wohl bald kommen und mich holen…

— Aber sag doch bitte noch, wo soll ich anfangen? Wo soll ich hingehen? Wie kann ich den See finden? Irgendwelche Tipps?

Panisch überlegte sie sich noch mehr Fragen, die sie auf die Schnelle stellen konnte.

— Woher weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin? Oder auf dem falschen? Woher weiß ich, wem ich trauen kann und wem nicht? Warum gerade ich?

Doch er lachte nur laut auf, als hätte sie einen besonders guten Witz erzählt, und schaute dann wieder sehr ernst.

Tat twam asi, meine Liebe. Alles bist du, alles ist in dir. Wie lautete noch gleich dieses Gedicht?

Wie diese Geschichte erzählen?

Alles begann in dieser Stadt. Hier hatte ich schon hunderte von Leben gelebt. Immer wieder von vorne angefangen, dazu oder nichts gelernt, Fehler gemacht, geliebt, gelitten.
Jedes Leben eine neue Chance.
Eine Chance auf was? Aus den eigenen Fehlern zu lernen, gut zu handeln, ein guter Mensch zu sein? Auszubrechen aus dem ewigen Kreislauf? Es hinüber ans andere Ende schaffen?
Vielleicht, vielleicht nicht.
Immer wieder also hatte mich das Leben in diese Stadt zurückgeführt. Die letzten Leben allerdings waren die Hölle. Das weiß ich noch, verschwommene Bilder davon quälen mich nachts, das meiste aber habe ich verdrängt.
Kein Wunder, dass ich mich quergelegt hatte, als das Leben mich aus dem Bauch meiner Mutter rief. Nein, wieso diese wohlige warme Höhle verlassen, wenn ich hier doch alles hatte? Doch es rief mich unerbittlich, und die Menschen da draußen hatten beschlossen, mir die vermeintliche Wahl abzunehmen. Vielleicht hatten sie auch eine Vorahnung, wie wichtig dieses Leben für mich werden sollte.
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Nun ist es in dieser Stadt nicht leicht, dem für dich bestimmten Weg zu folgen. Zu viel Ablenkung begegnete mir, und schon sehr früh vernahm ich jene Stimmen, die mich immer wieder vom Weg abbringen wollten. Sirenen, die mich riefen, bis ich an ihrem Felsen zerschellte. Am Meeresboden in tausend Teilen schwimmend, hatte ich dann nur die Wahl zwischen aufgeben und davon treiben lassen — oder aktiv alles daran setzen, wieder auf meine Spur zurückzukehren.
Wie unschwer erkennbar ist allein an der Tatsache, dass ich gerade diese Geschichte erzähle, habe ich es geschafft. Auf welche Weise dies geschah, versuche ich hiermit zu rekonstruieren. Im Nachhinein ergibt zwar alles einen Sinn, in jenen Momenten meistens jedoch nicht. Ich werde so gut es geht versuchen, meine Erlebnisse zu erzählen, ohne zu viel aus dem Jetzt hineinzuinterpretieren. Auch wenn, und das muss ich gleich erwähnen, alles, was ich hier schreibe, allein meiner Wahrheit entstammt, und jede Geschichte sogleich eine Interpretation dieser ist.

Natürlich hängt alles zusammen, doch fällt es mir schwer, zwischen den einzelnen Episoden einen stringenten Zusammenhang zu ziehen. Manchmal geschieht etwas einfach, weil es geschehen soll, und nicht, weil es einen bestimmten Grund dafür gibt. Obwohl dies natürlich schon Grund genug ist. Lange habe ich überlegt, wie diese Geschichte zu erzählen ist, aber sie ist wie alle komplexen Dinge aus vielen Einzelteilen bestehend, aus Begegnungen, Augenblicken, Jahrzehnten, die nur schwer in Verbindung zu bringen sind und doch zusammen gehören.

Wie könnte ich mir anmaßen, ein so komplexes Leben auf ein paar in eine Reihenfolge gebrachte Ereignisse zu reduzieren, wenn doch vielleicht alles gleichzeitig stattgefunden hat, oder sogar mit Jahrhunderten von Jahren Entfernung? Wer bin ich mir anzumaßen, eine solche Geschichte zu erzählen, die die Leserschaft zum Schluss führt, alles müsse in einer bestimmten Reihenfolge geschehen, an der sie sich ab jenem Moment messen?

Ein Abend Ende November

 Deine Küsse  
 Deine Blicke durch den Raum  
 mich suchend  
 unsichtbare Bande  
 durch die ganze Wohnung  
 lass uns tanzen  
 lass uns küssen  
 lass mich nachhause gehen es ist spät  
 
 sehnsucht nach dir  
 ohne zu wissen wer du bist  
 alles nur in meinem Kopf?  
 
 An jenem Abend geflohen,  
 doch mit dem Wissen von jetzt  
 wär ich so früh nicht gefahren.  
 
 Lass uns tanzen  
 lass uns küssen
 aber langsam  
 im Kreis  
 nicht zu schnell zu schwindel
 erregend  

 Eine Woche wie ein ganzes Jahr.  


(Halle, 14. Dezember 2019)

Was hält Dich vom Fliegen ab?

– Ich liebe die Liebe. Jedes Mal bin ich voll und ganz dabei. Mit meinem ganzen Herzen, überzeugt von der Ewigkeit der Gefühle und der Großen Liebe. Alles nehme ich mit. Kein einziges Mal hält es lange. Was ist nur falsch mit mir?

– Falsch ist, diese Frage überhaupt erst zu stellen.

– Warum?

– Weil nichts mit Dir falsch ist, Du könntest wahrer nicht sein. Denn Deine Wahrheit ist Deine Freiheit.

– Okay, jetzt will ich das aber genauer wissen.

– Du bist frei, Du liebst, Du lachst, Du gibst, Du nimmst – Du lebst, alles gebend, nichts einfach so hinnehmend, keine Fesseln akzeptierend, keine Kompromisse. Wer ist freier als diejenige, die sich vom Ich befreit hat?

Liebe ist alles, was wir jemals brauchen. Sie kommt und lässt Dich sehen, fliegend über allem Irdischen, allen Hülsen, allen Kategorien des menschlichen Seins. Doch zieht sie sich zurück einem Schmetterling gleich, der nicht mehr fliegen kann, wenn Du seinen Flügeln zu nahe kommst. Du hast Dich vom Kokon befreit, Deine mächtigen, bunten schönen Flügel ausgebreitet. Was hält Dich vom Fliegen ab?

abgrundtief

Deine Freundin ist in den Abgrund gefallen, und ich bin nicht traurig.

Da ist dieser tiefe Schlund inmitten unseres Hauses, und niemand weiß, woher dieser kommt. Wer einen Stein hineinwirft, hört keinen Aufprall.

Und jetzt ist deine Freundin hineingefallen und das versetzt mein Herz in Aufregung. Was ist nur falsch mit dir? Einen deiner Freunde hast du mitgebracht. Ihr trauert.

Ich blicke in das Loch im Boden solange, bis eine Stimme in mir warnt: Und der Abgrund schaut zurück. Mein innerer Friedrich ist immer für mich da. Die gierigen Blicke des Schlunds ziehen mich aus, verschlingen und verdauen mich, ich drohe nachzugeben und mich fallen zu lassen.

Nur mit ihr aber, Hand in Hand, würde ich hineinspringen und mich ganz dem hingeben, was da kommen mag.

Was hält mich noch ab?

Tat twam asi

Ich bin Alles und Nichts.
Tausend Füchse und doch nur einer.
Das Mädchen hinter der Kamera,
Dein Auge.

Bunt spiegelt sich die Welt in dir,
Golden gesprenkelt.
In dir die ganze Welt
Vereint zum Tanz der Liebenden.

Du suchst und rennst und sehnst,
Unsichtbar der Weg,
Deine Karte im Herzen.

Bleib endlich stehen,
Erkenn dich in dir, vergiss dich
Und du siehst:

Du bist Alles, und Alles ist Du.

Im Kreis

Ein schwarzer Punkt unter meiner Lampe. Ich beobachte sie von meinem Bett aus. Schon wieder hat es eine in den mysteriösen Sog unter meinem Leuchter gezogen, sie kommt so schnell nicht mehr los. Welche Kräfte da wohl wirken?

Sie fliegt im Kreis oder eher in einem Acht- bis Zwanzigeck. Sie stößt immer wieder an die Mauern ihres Gedächtnisses, immer wieder kommt sie an den Punkt, an dem sie sich entscheidet nach links zu fliegen, wieder und wieder. Immer wieder vergisst sie, welchen Weg sie schon genommen hat, woher sie gekommen ist, und dass sie dort nie weiterkam. Nach einigen Achtecken Richtungswechsel. Oh, ein ganz neuer, unerschlossener Weg! Und die Mauer, und nach rechts, und die Mauer, und wieder nach rechts. Und doch immer nur im Kreis.

Manchmal schafft sie es auszubrechen, hinaus in die Freiheit durchs Fenster oder wenigstens durch die Tür in ein anderes Zimmer. Was mit ihr dann geschieht, weiß ich nicht. Vielleicht fliegt sie dort auch im Kreis, vielleicht verwandelt sie sich dort und bricht aus dem Kreislauf ihres Fliegenlebens aus. Vielleicht verwirklicht sie sich selbst? Es gibt keine Beweise, und um ihr zu folgen, müsste ich schon aufstehen.

Manchmal bleibt sie am Essen kleben, vergisst dann alles um sie herum. Genauso funktionieren Fallen, süß und klebrig, tödlich.

Meistens lebt sie nur einen Tag, und was macht sie damit? Sich fortpflanzen, im Kreis fliegen. Hat sie ein Ziel? Vielleicht, aber sie vergisst es, kennt es nicht. Oder sie verliert es aus den Augen. Das Ziel der meisten ist sich fortzupflanzen, die eigene Art zu erhalten. Würde sie den Sinn ihres Lebens entdecken, wenn sie länger lebte? Wenn sie sich anstatt auf das Süße, Klebrige auf sich und ihren Weg konzentrierte? Vielleicht.

Und manchmal ist sie so richtig lästig, sie fliegt immer wieder zu mir, auf meinen Kopf, meine Lippen, meine Schultern und Füße. Dann habe ich das Gefühl, sie will mir etwas sagen, sie hat mich gefunden und lässt mich nie wieder los. Liebe Fliege, das wird nichts in diesem Leben. Ich hoffe, du findest dein Glück, brichst aus, findest die wohlschmeckendste Speise der Welt. Mach was aus diesem Tag, aber bleib mir jetzt vom Leib, lass mich in Ruhe.

Hat sie mich verstanden? Sie fliegt weiter im Kreis. Einen kurzen Blinzelmoment nicht aufgepasst – und sie ist wie vom Erdboden verschwunden.

(Halle, 01.06.2020)

Erdnussbutter oder Honig oder was

Abgegrenzte Grundstücke mit eigenen Regeln, eigenem Wortschatz, eigenen Geschichten.

Wie sollte ich von meiner Vorliebe für Honig wissen, wenn ich von seiner Existenz lange nichts ahnte, diesen noch nie probiert hatte und mir auch nie gesagt worden war: Es ist okay, lieber Honig zu mögen.

In unserem Haus wohnte kein Honigesser, niemand kaufte ihn ein, niemand mochte ihn. Woher sollte ich es also wissen? Auf ein paar Feiern hatte es Gelegenheiten zum Probieren gegeben, aber ich hatte auch ziemlich Angst davor, denn was sollten all die Erdnussbutteresser denken? Und was, wenn ich ihn nicht richtig aß? Wenn die Honigesser in mir eine Heuchlerin, eine Touristin sahen, die nur nicht wusste, was sie wollte? Was, wenn ich ihn einfach nur deswegen essen wollte, weil ich das Verbotene liebte und gern mal neue Dinge ausprobierte?

Die Gedanken um Honig würden schon wieder vorübergehen, wahrscheinlich waren sie sowieso nur da, weil wir wenig Erdnussbutter im Haus hatten und ich mich auch einfach sattgegessen hatte.

Wenn ich von Haus aus lieber Honig gegessen hätte, warum hatte ich es nicht einfach getan? Warum aß ich schon seit 20 Jahren Erdnussbutter? Diese Frage stellte ich mir oft. Sie ließ mich auch zweifeln an meinen neuen Erkenntnissen. Dann aber sagte ich zu meinem Kopf: Sei still, die Angst spricht aus dir, weil du ganz genau weißt, dass dies der richtige Weg ist. Sei still, mein Herz spricht Honig, wir verstecken uns nicht mehr hinter den sicheren Mauern der Erdnussbutteresser.

Erdnussbutter essen war so einfach. Von irgendwoher kam immer ein Gläschen, leicht zu öffnen, leicht zu vernaschen. Und da das alle um mich herum machten, kam mir nicht mal der Sinn nach Honig.

Es kam der Tag, an dem ich auf der anderen Seite der Stadt auf einer Feier eingeladen war, und an diesem Abend kamen auch Honigesser. Nicht dass das irgendwer auf die Stirn geklebt hätte oder es Thema des Abends war. Es kam so nebenbei auf, und ein Gast erzählte von ihrer Erkenntnis, doch auch Honigliebhaberin zu sein, was sie wie ich lange nicht gewusst hatte, wozu ihr lange die Worte gefehlt hatten. Erst mit dem Umzug und Einladungen in andere Häuser wurde ihr klar, dass es da draußen noch viele andere Brotaufstriche gab, von denen sie vorher noch nie gehört hatte. Du kannst von etwas hören, von seiner Existenz erfahren, aber wissen, ob‘s dein Geschmack ist, tust du‘s deshalb noch lange nicht, wenn du‘s nicht probierst.

Doch die Stimmen in meinem Kopf werden nicht leiser. Was, wenn du einfach noch nicht auf die richtige Sorte Erdnussbutter gestoßen bist? Vielleicht ist dir auch einfach langweilig und du hast zu viel Zeit nachzudenken? Nur weil viele deiner Freunde sich mittlerweile auf eine Erdnussbuttersorte für den Rest ihres Lebens festgelegt haben, musst du das ja noch lange nicht tun?

Einerseits beneidete ich diese Freunde. Welch ein Glück sie hatten, die Sorte ihres Lebens gefunden zu haben, wo es doch so viele Auswahlmöglichkeiten gab! Worum beneidete ich sie eigentlich? War es vielleicht einfach nur der Umstand, dass diese in dieser Hinsicht erst einmal Ruhe sowohl in sich als auch von außen hatten? So mancher entschied sich ja für eine einzige Erdnussbutter aus praktischen und pragmatischen Gründen – es bedeutete Sicherheit und auch, dass man sich in Zukunft darum keine Gedanken mehr zu machen brauchte. Ein Häkchen auf der Checkliste, Erdnussbutter für immer im Schrank.

Ja, es war diese Sicherheit, um die ich sie beneidete, denn bei mir war noch gar nichts sicher – außer der Wunsch danach, irgendwann von dem leben zu können, was ich am liebsten tat. Der Wunsch nach einem gefüllten Vorratsschrank in meinem eigenen Haus und auf meinem eigenen Grundstück, oder auch der Wunsch, Brotaufstrich selber zu machen, war mir fremd und manchmal sogar ein Graus. Was aber, wenn er mir nur deshalb zuwider war, weil ich in Wahrheit den Schrank nicht mit Erdnussbutter, sondern mit Honig füllen wollte? Weil ich mein bisheriges Leben innerhalb so beengter Rahmen gelebt hatte, die keinen Platz für Gedanken an andere Brotaufstriche ließen?

Woher wussten denn die Menschen, ob sie lieber Honig oder Erdnussbutter aßen? Hinterfragten Erdnussbutterliebhaber jemals ihre Erdnussbutterliebe? Woher konnten sie sich so sicher sein, wenn doch Honig ebenfalls süß war und wunderbar schmeckte? Hatten sie ihn schon probiert? Ich bezweifle die Reichweite ihrer Zweifel.

Wer weiß, wie meine nächsten Morgen aussehen. Werde ich meine Mitbewohner einfach irgendwann mit einem Topf Honig überraschen? Werde ich endlich den Mut haben davon zu naschen? Schon jetzt fühle ich mich anders, freier, die Mauern um das Grundstück bröckeln, einen kleinen Durchgang habe ich mir geschaffen. Werden wir irgendwann alle Mauern und Zäune niederreißen und den Zugang zu jeglichem Brotaufstrich ermöglichen? Und wenn dieser möglich ist, wird er dann auch sicher sein, ohne Lebensgefahr? Ohne Befürchtung, ausgestoßen zu werden? Werden wir irgendwann erkennen, dass es am Ende ganz gleich ist, welchen Brotaufstrich der Mensch wählt, solange er am Ende satt wird?