Das ist doch was

Wenn es mir so schlecht geht wie gerade, frage ich mich, ob das ewig so weitergehen kann.

Im Bett oder auf der Couch liegen, erschöpft wie nach drei Tagen wach, alles schmerzt, stehen und sitzen geht nicht, ohne dass mir schwindlig wird, mein Körper weh tut, mein Kopf und mein Herz schmerzen. Keine Kraft für soziale Interaktion, keine Kraft für einen Spaziergang. Nicht mal den Kopf zum Schreiben.

Das ist Vorsichhinvegetieren, darauf kann ich verzichten, das macht keinen Spaß. Nicht, dass ich mir selbst etwas antun könnte. Ich meide alles, bei dem ich mir irgendwie Schmerzen zufügen könnte. Das nicht. Aber ich wäre auch nicht böse, wenn es dann einfach aufhört. Ein Leben mit chronischen Schmerzen und ständiger Erschöpfung ist kein Leben. Leben bedeutet doch mit Menschen zu sein, zu lachen, alle Sinne auszukosten, zu lieben. Die Sonne im Gesicht, Küsse auf der Haut, gutes Essen im Mund, Frühlingsduft in der Nase.

Jetzt zu gehen wäre aber auch schade. Ich will das Leben meiner Brüder mitbekommen, das Leben meiner besten Freundinnen und ihrer Kinder, das Leben meiner Eltern.

Manchmal bin ich traurig, weil alle ihr Leben leben, es geht weiter, Neues, Aufregendes, Schönes erleben sie, und ich liege hier, froh, gerade keine Schmerzen oder Termine zu haben. Alle heiraten, kriegen Kinder, gehen auf Reisen, arbeiten in interessanten Jobs, wie das eben in meinem Alter so sein soll. Und ich: Ich liege hier, froh, wenn ich mal eine Stunde lang etwas schreiben kann, das Highlight meines Tages.

Vielleicht ist das einfach nicht das Leben, in dem ich ein „normales“ Leben führen soll. Vielleicht war das schon in einem der letzten, vielleicht kommt das noch im nächsten. Manchmal braucht es ja auch ein Zwischenleben, so eines zum Luftholen und Nachdenken. Kurz Pause gemacht und weiter geht’s. Kann ja nicht jedes Leben voller Action und Abenteuer sein, kann nicht jedes Leben gleich ablaufen. Die letzten Leben waren sowieso Erlebnis pur, so intensiv, dass ich bis heute davon zehre. Aber leben will ich nun doch, nur liegt das nicht immer in unserer Hand. Jetzt ist Pause angesagt, und das Beste, was ich jetzt tun kann, ist, sie zu akzeptieren. Mich zu freuen für alle, die in diesem Leben intensiv leben dürfen, die alles erleben dürfen, was das Leben ausmacht.

Das ist natürlich auch nur so eine normierte Vorstellung, was alles zu einem guten, „normalen“ Leben dazugehört. Vielleicht bedeutet „Leben“ auch nur Geborenwerden, Herzschlag, Sterben. Die Spanne dazwischen, wieviele Herzschläge, mit wem, wo und wie, ist letztlich unbedeutend. Leben ist Leben, wir versuchen es bestmöglich zu nutzen, oder auch nicht, alle uns möglichen Erfahrungen zu machen, oder auch nicht, und im besten Falle etwas zu hinterlassen, oder auch nicht. Und dann sterben wir, und wird das in 100 Jahren noch jemanden interessieren? Bei den meisten von uns nicht.

Also, es ist, wie es ist, ich liege hier, und bin froh um mein Bett, um das Dach über dem Kopf, um das Essen in der Küche. Ich bin froh, meine Familie in der Nähe zu haben und bisweilen ein paar Zeilen zu schreiben.

Das ist doch was.

[Regensburg, 18.02.24]

Gefangen im Kopf

Ich liege auf der Wiese, über mir grüne Blätter im Wind, in meinem Gesicht Sonne.
Nichtsahnend. Entspannung versuchend.
Plötzlich: Ich, in meinem Kopf gefangen. Ich, von innen anklopfend, schreiend. Lasst mich hier raus!

Gefangen in meinem Kopf, die Gedanken kreisen wild, stürmen wirbel,
saugen mich ein.
Jetzt sitze ich fest.
Was tat ich zuvor, was danach, wie geht normal leben?
Mein Kopf ein Stein, Betonklotz.
Ich will weinen, aber kann nicht.
Alles erscheint so schwer, unmöglich, gegen mich.
Oh, wie langweilig es hier doch ist, immer die selben angsterfüllten Gedanken. Enge, engst.
Ich klopfe, schlage von innen gegen meine Schädeldecke.
Lass mich hier raus!
Gerade eben noch war alles so leicht, wann ist das aus, wieso kann ich nicht einfach mal sein…

Entspannung misslungen. Wie ausbrechen?
Bewegung, ich fahre mit dem Fahrrad in Richtung eines in meinem Herzen wohnenden Menschen.
Begegnung, Kinderlachen, im Moment sein. Alles halb so wild.
Kannst jetzt wieder raus, Lena, war ein Missverständnis und nur aus Sicherheitsgründen.

Na, vielen Dank dafür, Quarantäne.

(Halle, 13.07.22)

Pferdeflüsterin

Vor ein paar Tagen träumte ich doch tatsächlich: 

Ich unterhalte mich mit diesem Pferd, einem wunderschönen Hengst. Er ist lustig, bringt mich die ganze Zeit zum Lachen, einfach wunderbar, dieser Typ. Ich fühle mich pferdewohl (pudelwohl ja eher nicht), als mir ein guter Freund zuflüstert, dass er es ja wohl eindeutig sei. – Wer? – Na er, er ist der, mit dem du dein Leben verbringen solltest. Er, der dich zum Lachen bringt wie sonst keiner, mit dem du einfach nur glücklich sein kannst und der dich nicht schwerer und zu jemandem anderen macht, die du gar nicht bist. – Das Pferd? Ja wohl in diesem Universum nicht! – Wer sagt dir, dass du noch in „diesem“ Universum bist?

(Kraków, 18.02.2017, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

Die Traum-Macherin

Irgendwer, vielleicht sogar ich, war der, der die Träume macht. Aus verschiedensten Szenarien und Bildern und Gerüchen und Düften baute ich einen Traum. Viele Träume für viele Menschen. Und doch war da nur dieser eine, der sich mir ins Gedächtnis einbrannte. Er mit ihr, wunderschön anzusehen und gar lieblich als Paar, spazieren durch die Menge. Auf der Party, auf der er eigentlich nicht sein hätte dürfen. Vor allem nicht mit ihr, war sie nicht verreist? Die kaputten Teile meines Herzens entfernen sich noch weiter voneinander – bah, Kitsch, fühlt sich aber so an, sorry – und gleichzeitig weiß ich, dass ich diejenige bin, die diesen Traum, diese Szene erst gemacht hat. Anscheinend will ich mich leiden sehen. Maso maso. Also bin ich aufgewacht. Mach mir jetzt meinen eigenen Traum in der echten Welt. Irgendwie.

(Halle, 26.11.2016, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

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In nächster Zeit zeige ich euch hier ein paar meiner skurrilen Träume, ältere Texte, die ich damals auf Tumblr gestellt habe. Für neue Texte fehlt mir gerade wegen gesundheitlicher Probleme und eines größeren Schreibprojekts (🥳) Zeit und v.a. (kreative) Energie 🙂

Es gibt nichts zu verlieren

Ich erzähle schon wieder Märchen. Diese andere Stadt gibt es nicht. Noch nicht.

Meine Erinnerungen verschwimmen mit den vielen Geschichten, mit meinen Träumen, Wünschen.

Heute ist etwas anders, aber noch lange nicht zu Ende. Ich bin jetzt eine von denen, die nichts mehr sagen, oder die sich nur noch in Bildern ausdrücken. Ich wohne außerhalb der Stadt, glaube ich, dunkle Szenen eines Busses vor Augen und von Männern, die mich hineinzerren, andere, verzweifelte Augenpaare auf mich gerichtet. Wir wohnen im Wald, glaube ich, ganz glücklich und auch nicht, weil wir wissen, dass da etwas völlig falsch läuft, weil wir wissen, und so viele nicht. Und weil wir nichts tun können, und wer weiß, aber nichts tun kann, flüchtet sich in Fantasiewelten und sein Gehirn verdrängt aus Verzweiflung.

Da waren jedoch diese vielen Bilder in mir, die hinausdrängten, also besorgte ich mir auf sehr umständliche Weise (sie verbieten uns hier im Wald Stift und Papier, aber wie das so ist mit Gefängnissen, du bekommst auf die ein oder andere Weise doch noch alles, was du willst) etwas zu schreiben. Vielleicht ist die Welt schon so, wie ich sie mir nach der Entdeckung der Unterirdischen Seen erträumte. Aber wären wir dann noch hier?

Der Bär sitzt drüben in seiner Ecke unter der großen Weide, zieht an seiner Pfeife (er hat sie sich mangels industriegefertigter Zigaretten selbst geschnitzt) und blickt den ganzen Tag auf den See. Als ich neu in den Wald kam, blickte er mich nur kurz traurig an und verkroch sich wieder in sich zurück.

Viele von uns haben schon aufgegeben, sie sitzen und warten auf ihre Erlösung.

Auch ich habe solche Tage, an denen ich mir nur wünsche, nicht mehr aufstehen zu müssen, wozu das auch alles. An anderen Tagen denke ich rebellischer, alles in mir steht auf gegen diese Ungerechtigkeit, gegen diese Stadt, gegen die Herrschenden. Irgendetwas haben sie aber mit meinem Gedächtnis gemacht, oder es waren die Unterirdischen Seen, denn ich erinnere mich an nichts. Gleich einem schwarzen Loch haben sie mir jegliche Informationen über meine Vergangenheit und meine Zukunft weggesaugt, und wenn ich sage, ich rege mich auf, dann ist das eher ein unbestimmtes Gefühl, eine Kraft in mir, die sich gegen diese Verlorenheit wehrt.

Wenn ich weder Gestern noch Morgen habe, worüber dann aufregen?

Ich bin im Wald, auf moosigem Boden, mit einer kleinen Hütte unter einem Tannenbaum, unweit des dunkelgrünen Sees. Ich fische mir einen Fisch, brate ihn über dem Feuer, teile ihn mit den anderen, denen es ähnlich geht wie mir. Heute bei mir, morgen bei dir, übermorgen alle zusammen.

Wozu kämpfen, wenn alles sinnlos scheint? Wozu aufstehen, wozu arbeiten, wozu irgendwas tun, wenn du weißt, du bist lediglich eine kleine Figur in der großen weiten Arena, und die dort oben lachen dich aus oder wollen dich einfach nur sterben sehen? Wozu noch Mühe geben?

Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, damit ihr, die ihr das lest, euch verbündet, damit ihr etwas tut, damit ihr aufsteht und gegen diese allzumfassende Ungerechtigkeit kämpft. Befreit uns von unserer Last des Wissens, befreit uns von unserer Ohnmacht. Ihr, die ihr das lest, verzeiht mir meine Schwächen, meine jahrelange Flucht, mein Nichtstun. Macht es bitte besser als wir, für euch, für uns, für alle, wir sind eins. Wenn ihr Hilfe braucht, holt uns hier raus – in unserem Zustand des Nichts sind wir für alles bereit. Es gibt nichts zu verlieren.


Dies ist, abgesehen vom Epilog, das Ende meines noch nicht existierenden Romans, an dem ich ab und an schreibe, und der mir schon lange im Hinterkopf sitzt. An dem ich verzweifle, weil ich zwischendurch nicht weiß, wie es weitergehen soll. Hier hatte ich wohl einen guten Moment, ich hatte diese Zeilen ganz vergessen. Vielleicht wird eines Tages ja doch noch ein ganzes Buch draus, mit mehr Motivation durch außen? 😉

Die Reise geht weiter

Jetzt muss ich Abschied nehmen, meine Reise geht weiter.

Ich bin nicht traurig, ich freue mich sogar. Zu lange habe ich stillgestanden, abgewartet, mich geduldet.

Endlich hat mir mein Herz den nächsten Wegpunkt verraten.

Komme ich diesmal an? Gibt es überhaupt dieses sogenannte „Ankommen“, wenn der Weg doch so lange weitergeht, bis er endet?

Ich freue mich auf alles, was da noch kommt, endlich wieder Neues sehen, hören, spüren.

Die letzten Jahre waren nicht leicht, aber jetzt wird es anders, jetzt bin ich anders. Das weiß ich.

Vieles weiß ich nicht, manches schon.

Was ich denn will vom Leben, habe ich mich neulich gefragt. Zerrissen zwischen gesellschaftlichen, sich mir aufgrund meiner Natur aufdrängenden Erwartungen, den typischen Themen in meinem Alter, den Forderungen meiner Natur selbst, und meinen eigenen Wünschen. Manchmal bin ich so verwirrt, auch bitter, wütend, traurig, hilflos. Was will ich wirklich, und was kommt von außen?

In einem Zwiegespräch suchte ich nach einer Lösung, aber es gibt keine. Nur eine: Vertrauen, und Liebe. Und so handeln, wie ich es mir von anderen wünsche, und wie ich mir eine Gesellschaft erträume. Das tun, das sich richtig für mich anfühlt. Nicht nur für mich leben.

Das ist mir tatsächlich wichtig, was auch immer kommen sollte: nicht nur für mich leben, oder für meinen Partner, für meine Kinder. Diese Gebilde, die sich am Ende nur noch um sich selbst drehen, die sind mir ein Graus.

Nie habe ich mir vorgestellt, mal zu heiraten oder Kinder zu bekommen. Das war nie mein Wunsch. Und jetzt machen genau das alle um mich herum, und irgendwie langweilt mich das.

Und was will ich jetzt?

Als Kind habe ich in ein Freundschaftsalbum auf die Frage, was ich später mal werden will, geschrieben: Schriftstellerin (und „Malerin“, aber das können wir getrost vergessen). Heute weiß ich nicht, ob ich das schon bin, ob ich erst noch ein „richtiges“ Buch veröffentlichen muss, und ob das überhaupt möglich ist für mich. Die Zweifel kommen nicht von ungefähr, ich habe kein Vorbild, keine Mentorin, stamme aus keiner Familie, in der Künstlerin oder Schriftstellerin jemals eine in Frage kommende Berufswahl gewesen wäre. Vor allem für eine Frau. Aber was soll ich machen, alles, worauf ich immer wieder zurückkomme, ist das Schreiben. Ohne ginge es nicht.

Und schon bin ich wieder zu sehr in meinem Kopf, und die Gedankenwalze zermalmt meine Nerven. Also steige ich aus. Komme zurück zu diesen Sätzen:

Aus dem Sein folgt kein Sollen. Hab Vertrauen, es kommt, wie es kommt (oder, wie es meine Oma immer gesagt hat: Es kimmd, wias kimmd). Es gibt kein Wollen mehr, wenn der Geist ruht. Kehre in dich, werde ganz still, und bemerke deine Freude. Dein Herz hüpft, denn alles ist da, du brauchst nichts.

Und bevor der andere Teil in mir wieder anfängt und schreit, das sei doch nur Gelaber (den Rest lasse ich mal lieber weg), beende ich dieses Zwiegespräch und lege auf.

Gute Nacht.

[Halle, 09.12.2023]

Eine Entführung für kurze Zeit

Es war an einem wunderschönen Nachmittag im Herbst 2003, als Katja das Laub draußen im Garten zusammenrechte, um danach vom Baumhaus in den Laubhaufen zu springen. Katja war elf Jahre alt und war groß, schlank und schön. Sie war allein zu Hause, denn ihre Mutter Gabriele war beim Einkaufen. Um fünf Uhr ging Katja ins Haus, um sich von ihrem Zimmer ein Buch zu holen, denn sie wollte unten im Wohnzimmer lesen.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer entdeckte sie auf der Terrasse zwei fremde Männer. Sie fummelten an dem Schloss herum, als ob die herein und etwas klauen wollten. Vorsichtig schlich sich Katja ins Wohnzimmer zur Couch, um sich dahinter zu verstecken. Doch sie war zu unvorsichtig gewesen, denn jetzt hatten die Banditen Katja entdeckt. Sie brauchen die Terrassentür zu schnell auf, als dass sich Katja verstecken konnte. Das Mädchen wollte weglaufen, doch ihre Beine waren wie erstarrt. Auch ihr Mund wollte und wollte nicht aufgehen. Die beiden Männer stürzten sich auf Katja und hielten sie fest, dass sie nicht laufen konnte, dabei rieten sie Katja: „Ich würde lieber den Mund halten, bevor es zum Streit kommt. Du gehst jetzt schön brav mit uns mit und solange du nicht um Hilfe schreist, wird dir nichts passieren.“

Katja bemerkte, dass sie es sehr eilig hatten und wollte herausfinden, warum. Sie sagte: „Meine Mutter ist hier im Haus, aber nicht hier, sondern im Keller.“ Dieser schlichte Satz hatte eine gewaltige Wirkung auf die beiden Banditen. Sie packten Katja so fest, dass es weh tat, und stürmten aus der Terrassentür wie die Wilden. Die zwei gewalttätigen Männer gingen flott durch kleine Gassen und Straßen und dabei kam der armen Katja ein glänzender Gedanke. Sie wollte die zwei Fremden fragen, wer ihr Lieblingssänger wäre. Und das tat Katja dann auch. Sie fragte interessiert: „Wer ist denn euer Lieblingssänger?“ Einer der Männer antwortete gelangweilt: „Ach dieser Robbie Williams und diese Nicole Kidman sind ganz gut, doch unser Lieblingssänger ist DJ Bobo. Dam, Bam, Dam, Dam, Bam!“ Doch nach einer Weile fragte der zweite der Männer: „Wieso fragst du? Und wer ist eigentlich dein Lieblingssänger?“ „Ach, ich frage nur so, und meine Lieblingssängerin ist Britney Spears… Wann sind wir nun endlich da?“, fragte und antwortete Katja zugleich.

Keiner antwortete. Es dauerte und dauerte, doch die beiden Entführer blieben nicht stehen. Es war so still, als ob sie schon längst aus der Stadt heraus wären. Doch da! Eine alte, sehr alte Fabrik war zu sehen und die beiden Rinder, wie Katja immer zu Männern sagte, steuerten direkt auf sie zu. Die Fabrik bestand aus nur einem einzigen Fenster und aus einer winzigen Tür. Katja überlegte sich schon seit einiger Zeit einen Fluchtplan, nur wie sollte sie hier wegkommen?

Die zwei Erwachsenen und das eine Kind gingen geradewegs zur Tür, machten sie auf und kamen sogleich in ein großes, großes Zimmer, das mit vielen Bildern von DJ Bobo behangen war. Da! Was rumorte denn da? War es etwa Katjas Bauch? Hatte sie Hunger? Ohje, sollte sie es den beiden Rindern sagen? Da kam blitzschnell eine Idee geflogen, wo sie wohl herkam? Katja bastelte und bastelte an der Idee herum, doch ihr fiel nichts Besseres ein. Da beschloss sie, die Idee auszuprobieren.

„Ihr sagtet doch, euer Lieblingssänger wäre DJ Bobo?“ „Ja, warum fragst du?“ Katja antwortete geheimnistuerisch: „Weil es ein Konzert gibt von ihm in München.“ „Wirklich?“ „Ja.“ „Und wann?“ „Ach, so im Herbst, äh, ich meine im Oktober in der Olympiahalle.“ Die zwei Zuhörer schauten sich mit offenem Mund an und sprachen wie aus einem Mund: „Da-da müssen wir hin!“ Das Mädchen lachte in sich hinein, denn sie wusste nicht einmal, ob das wahr war, was sie da vor sich her plapperte. Wie am Anfang geschrieben, war gerade Herbst, doch nicht September, sondern Oktober. Und da hatte Katja ein leichtes Spiel, denn sie sagte, dass das Konzert schon morgen in der Früh um sieben Uhr beginne. Da schlugen die Männer die Hände vor den Mund und stotterten: „Ohje, wie kommen wir da hin? Wir haben kein Auto und zu Fuß kommen wir da niiie hin!“

Katja war jedoch anderer Meinung und sagte: „Doch, ihr kommt schon hin, nur müsstet ihr heute schon gehen, denn, naja, sonst kommt ihr nie hin!“ „Okay“, antwortete es wie im Chor. Doch was war mit der Tür? Die würden sie doch sicher schließen? Doch Katja hatte sich auch das schon überlegt. „Wenn ihr den Weg nicht kennt, was dann?“ Aber die Männer wussten schon, wie sie das anfangen wollten. Sie hatten zwei Walkie Talkies, mit denen sie funken konnten. Doch das schlaue Mädchen fragte, wie das gehen sollte, denn sie hatten keinen richtigen Funk, wenn keine Tür offen stand? Die Männer überlegten: „Naja, wir können natürlich die Tür offen lassen, denn dir können wir vertrauen.“ Katja glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Waren die beiden wirklich nur ein einziges Mal in der Banditenschule gewesen? Wahrscheinlich nicht.

Schon um acht Uhr abends gingen die zwei dummen Entführer los, um ja nichts zu versäumen. „Wie kann man nur sooo dumm sein wie diese beiden. Nur wegen so einem Sänger, hihihi!“, dachte sich Katja kichernd. Doch länger durfte Katja nicht über diese Menschen spaßen, denn sie konnten ja noch drauf kommen, dass das Ganze nur ein Trick gewesen war. So schnell wie möglich ging Katja nach Hause. Sie hatte schon mächtigen Hunger, und so viel sie wusste, gab es heute Abend Spaghetti mit Tomatensoße und das war Katjas Lieblingsspeise. „Was werde ich Mutti sagen? Vielleicht, dass ich das Mathebuch vergessen habe? Okay, das sage ich ihr“, dachte sich das Mädchen. Als sie zu Hause ankam, schaute ihre Mutter schon fragend drein. „Ich habe das Mathebuch vergessen. Ach was! Ich war noch ein bisschen bei Diana“, log Katja schnell zusammen. Von jetzt an war wieder alles in Ordnung. Doch die Gangster, die Gangster ließen sich nie wieder blicken, denn schlaue Mädchen darf man nicht entführen!

Ende gut, alles gut!

[E., 16.03.2002, eine Geschichte also, die ich mit zehn Jahren geschrieben habe]

Über Macht

In der dieswöchigen Sonntagspredigt ging es um „Macht“, und bei ein paar Gedankenanstößen hab ich einfach mal weitergedacht.

Wir sollen unsere Macht nutzen und damit Gutes tun. Wir sollen nachdenken: Was liegt in meiner Macht? Wo bin ich „ohnmächtig“? Wo fühle ich mich so und warum? Wir sollen nicht nur reden, sondern auch handeln. Machen. Wie kann ich meine Macht einsetzen? Erstarre ich manchmal in meiner (gefühlten) Ohnmacht? Besonders angesichts der Tragödien der Welt? Tue ich alles in meiner Macht stehende, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Auch wenn wir das Gefühl bekommen, wir sind machtlos, müssen wir uns darauf besinnen, sehr wohl mächtig zu sein: Wir können im „Kleinen“ anfangen und beispielsweise unseren Nächsten helfen, Fremden ein Lächeln schenken usf. – und dadurch einem Menschen den Tag oder sogar das Leben retten.

Wer weiß? Vielleicht hast Du der fremden Frau an der Supermarktkasse durch Deine freundliche Art gezeigt, dass die Welt doch nicht so schlecht ist, wie sie sie gerade empfindet? Oder dem älteren Herren, dem Du den Einkauf nach Hause getragen hast, dass er nicht so einsam ist, wie er sich oft fühlt? Dass es da draußen Hoffnung gibt? Zwei Beispiele für unendlich viele Möglichkeiten.

Hilfst Du einem, hilfst du allen. Und wir müssen es nicht alleine tun. Wir können uns zusammenschließen und gemeinsam für eine Sache eintreten. Nach dem Motto, viele Äste oder Pfeile lassen sich schwerer brechen und so. Wir können verantwortungsbewusst wählen, für eine bessere Zukunft für alle, vor allem diejenigen nach uns, für das Leben, gegen den Hass. Wir können in Dialog treten, aufeinander zugehen, zugeben, nicht alles zu wissen, die Gemeinsamkeiten mit den anderen Menschen sehen, ihr Leiden erkennen.

Wir können das Geld für das Kleid, das wir aus Frust oder Langeweile kaufen wollten, spenden und so einem Kind oder sogar einer Familie mehr als einen Tag lang das Essen finanzieren. Als Beispiel. Jeder Euro zählt, jeder Euro bedeutet in diesem Sinne „Macht“. Macht es nicht Spaß, das Geld, von dem wir oft gar nicht mehr wissen, welchen überflüssigen Kram, mit dem wir unsere Wohnungen vollstellen, für etwas Gutes einzusetzen?

Ich kenne diese Ohnmacht, und je mehr ich von den Krisen der Welt lese, desto größer wird sie, und desto verzweifelter und hilflos werde ich. Aber je mehr ich über die Worte vom Sonntag nachdenke, desto sicherer bin ich: Jede und jeder von uns hat mehr Macht, als wir uns meistens zugestehen. Besonders, wenn wir uns zusammentun und gemeinsam für mehr Solidarität kämpfen, unabhängig von Hautfarbe, Religion und sonstigen Identitätsgrenzen, die uns voneinander fernhalten und uns vergessen lassen, dass wir alle eins sind: Menschen.

Und ist es nicht auch faule Ausrede zu sagen: Ach, was können wir (= in unserer vermeintlich unbedeutenden Rolle) schon ausrichten?

Weil ich schon wieder „kämpfen“ geschrieben habe und doch all die Kriege leid bin: Es muss gar kein „Kampf“ sein (auch wenn sich einige Probleme dieser Welt m.E. nicht ohne Kampf lösen lassen, z.B. durch Arbeitskampf). Viele von uns sind so müde vom persönlichen, alltäglichen Überlebenskampf und/oder von all den Kämpfen dieser Erde, von den allseits schlechten Nachrichten, der gefühlten Hoffnungslosigkeit.

Wo liegt unsere Macht? In unserer Zartheit, in unserer Sensibilität, in unserem Blick für das Schöne, in unserem liebevollen, aufmerksamen, mitfühlenden Miteinander. In einer Bitte um Hilfe, in einem Tag Nichtstun, sich Wehren gegen die immerwährende Geschäftigkeit, geforderte Produktivität, Leistungsbereitschaft. Kampf durch Nichtkämpfen. Durch Liebe schenken, erhalten, Dankbarkeit fühlen. Mir müssen nichts tun, um geliebt zu werden.

An all das, an die Schönheit der Erde und unseres Menschseins, können wir uns gegenseitig erinnern und uns damit Hoffnung schenken. Wir können ein Licht in des anderen Dunkelheit sein – ist das nicht schon „Macht“ genug?


Wo liegt Eurer Meinung nach Eure/unsere „Macht“?


[Halle, 7.11.23]