Der Test

Alle sind da. Mehr, als mir lieb ist, vor allem, da ich anscheinend eine der letzten bin. Die Bänke im Mittelgang sind alle voll, was gewöhnlich nur noch an Weihnachten zur Kinderchristmette vorkommt. Das muss heute ja eine besondere Andacht sein, denke ich. Na gut. Ich versuche es auf der linken Seite, dort sitzen kaum Menschen und ich erspare mir die Blicke der anderen.

Die „anderen“, das sind die Lästertanten unserer Landjugend, die älteren, überwiegend männlichen Mitglieder, die sich über jeden lustig machen, so als wären sie über die Dinge erhaben, deren Blicke jedoch anderes erzählen. Gierig starren sie alles und allem hinterher, aus dem sie ihre voyeuristischen Freuden ziehen können, sie lachen selbstgefällig in ihrer Unsicherheit, die sie mit der falschen Stärke der Gruppe kaschieren. Tief drinnen haben sie vor ihren eigenen „Freunden“ Angst, vor ihrer eigenen Sexualität, vor sich selbst. Aber das sag ihnen mal. Damals wusste ich das auch nicht, damals war ich auch nur Opfer ihrer Blicke und Zungen, fühlte mich nackt und versuchte, mich dieses ekligen Gefühls mit genug Alkohol zu entledigen.

Das war damals.

Heute weiß ich, wer ich bin, weiß, wie ich aussehe, wie ich wirke. Weiß um ihre Unsicherheit, mit der ich nur allzu gern spiele.

Links ist es mir zu langweilig, da sitzen nur die Alten mit ihren Enkelinnen. Also spaziere ich, in meinem aufsehenerregenden Outfit, einmal quer durch die Kirche, an den Lästerschwestern vorbei, denen ich kühl zunicke, und sie rufen: Hee, Lena, geh doch ned einfach vorbei!

Ich suche mir eine Ecke, in der noch Platz ist, und setze mich neben drei mir bekannte Mädls, die zwar nicht zu den beliebtesten gehören, aber mich wenigstens in Ruhe lassen und nett sind.

Meines provokanten, für die Kirche unangebrachten Outfits bin ich mir bewusst. Ich trage Schuhe mit sehr hohem Absatz, Kniestrümpfe, ein rotes Kleid bis kurz über die Knie und darüber ein Korsett, das meine weibliche Figur schmeichelhaft betont. Für mich ein sehr untypisches Outfit, und ich würde mich über mich selbst wundern, wäre da nicht jemand, den ich damit beeindrucken will, und dem ich zeigen will, was er all die Jahre verpasst hat.

Dieser Jemand setzt sich gerade in die Bank hinter mich, ich spüre seinen Blick auf mir, und für ein paar Sekunden spiele ich die Unwissende, Unbeeindruckte. So als beruhte dieser ganze Traum nicht auf unserer Begegnung, so als wäre das alles tatsächlich rein zufällig.

Plötzlich drehe ich mich um und blicke ihm tief in die Augen.

„Hej.“

„Hi Lena, wusste gar nicht, dass du auch da bist.“

„Ja, hat sich so ergeben.“

Ich grinse. Er steht auf, und sagt noch etwas, was genau, ist mir entfallen, es spielt auch keine Rolle, ich stehe ebenfalls auf, ich spüre die Energie zwischen uns, es knistert, ich bin sicher, die anderen neben und hinter uns in den Bänken können es auch hören. In meinem Kopf tuscheln sie schon: Uh, schau mal, wer da wieder anbandelt. Die sind aber auch perfekt zusammen, so ein schönes Paar. Soso, hat er nicht Frau und Kind?

Letzteres ist mir bewusst, und wir reden doch auch nur miteinander, puuh, ist mir heiß, wir lachen, berühren uns gegenseitig an Armen und Händen. Mein Herz klopft wie wild, ich muss hier raus, das ist kein keusches, kirchenangemessenes Gespräch mehr, das geht weit über eine freundschaftliche Unterhaltung zwischen Menschen, die vor langer, langer Zeit sich liebten, hinaus. Ich sage, ich komme gleich wieder, und verschwinde schnellen Schrittes aus der Kirche.

Frische, kühle Luft, frische, kühle Luft. Tief atme ich ein, mit geschlossenen Augen.

Als ich sie wieder öffne, befinde ich mich in einem anderen Raum. Nackte, hohe weiße Wände, ein wenig der Kirche nachempfunden. Am Ende des Ganges erkenne ich eine menschliche Silhouette, lässig lehnt sie an der Wand und blickt mir entgegen. Als ich mich ihr nähere, erkenne ich, dass es sich um eine lebensgroße Puppe handelt, die meinem ersten Freund nachempfunden ist. Sie ist so angezogen wie er, hat seine Haare, aber sie hat kein Gesicht. Er ist nur eine Puppe. Was zur…?

„Tjaja, das war ein Test, meine Liebe.“

Sagt da eine spöttische Stimme hinter mir. Es ist ein glatzköpfiger Mann in Kutte, den ich nicht kenne.

„Und du hast leider kläglich versagt. Deine Gefühle sind noch da, du wirst noch immer beherrscht von ihnen, und von deinem Körper. Tjaja, das verheißt nichts Gutes.“

Ich bin so verdutzt, ich bringe kein Wort heraus.

„Ich kann dir nur raten, hüte dich. Wenn du vollenden willst, was dir zu tun aufgetragen ist, hüte dich, und beherrsche dich gefälligst. Wir zählen auf dich. Dieser Test hat uns gezeigt, wie schnell du wieder verfallen wärst, mit Betonung auf Falle, und nächstes Mal kommst du vielleicht nicht einfach heraus. Nächstes Mal ist das vielleicht echt!“

Er schlägt gegen einen riesigen Gong.

Und ich erwachte.

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[Regensburg, 13.02.24]

Schnüre und Scheren

Endlich bin ich aufgewacht. Was für ein Traum.

Mir träumte, ich sei in einem Ich gefangen, das sich ständig im Kreis dreht, Opfer seiner eigenen Gedanken.

Es waren dies keine von der netten Art. Sie flüsterten wie gemeine Mitschüler — ja, lasst euch sagen: Wer flüstert, der lügt und frisst kleine Kinder, wahre Geschichte!

Sie hatten mich an ihren Schnüren, und sie zogen mal hier, mal dort, ich bewegte mich nach ihrem Gusto. Sie ließen mich Mauern bauen und Fluchtwege, und es machte ihnen Spaß, mir beim Fallen zuzuschauen.

Nun bin ich niemand, die hinfällt und liegen bleibt. Immer wieder stehe ich auf, bleibe kurz stehen, bis der Schwindel nachlässt, und gehe dann weiter. Da muss noch was kommen, sage ich dann, weil es mir vorher mein Herz versprach. Das weiß sowieso schon alles früher, nur verrät es das nicht, wäre ja langweilig. Oder vorhersehbar. Ha.

Dieser Traum also. Ich drehte mich im Kreis, meine Gliedmaßen an Schnüre gebunden, und es gab keinen Ausweg.

Doch da entdeckte ich eine Schere, eine Gestalt bot sie mir an. Sie war von jener Art von Traumgestalten, die plötzlich auftauchen, ohne Gesicht, nur verschwommen erkennbar und so schnell wieder verschwunden, dass sie auch aus der Erinnerung leicht entfleuchen.

Mit den ersten durchtrennten Fasern lösten sich die Fäden ganz leicht, als hätten sie nur darauf gewartet, auch von mir erlöst zu werden. Der Aufprall auf den Boden war hart. So hart, dass ich aufwachte.

Wer bin ich ohne diese Schnüre? Die mich gefangen hielten und gleichzeitig Sicherheit boten. Dank denen ich wusste, wohin ich zu gehen hatte, was ich tun sollte. Jetzt bin ich frei. Und nun?

[Halle, 14.09.2020]

Unsterblich

Heute Nacht war ich unsterblich.

Im Team traten wir auf, mein Partner war mir bekannt, auch wenn mir seine Identität nun, im „Wachzustand“ (wann wir wirklich wach sind, darüber ließe sich diskutieren), entfallen ist.

Wie praktisch Unsterblichkeit ist. Keine lästigen körperlichen Bedürfnisse mehr. Diese stören mich an der Sterblichkeit oft, gerade wenn ich mitten im Tun bin, voll konzentriert, ich könnte stundenlang schreiben oder denken, doch dann meldet sich der eigene Körper.

Vieles verliert an Bedeutung, wenn das Leben unbegrenzt ist.

Wir mussten uns nicht mehr um Geld oder Macht sorgen, wir konnten unsere Zeit mit Sinnvollem nutzen und den Menschen helfen.

Zeitreisen waren uns ebenso möglich heute Nacht, und ich wusste, wir waren schon in die Vergangenheit gereist, und jetzt waren wir in der Zukunft. Aber was war das für eine Zeit? 2034, erinnere ich mich, exakt zwei Jahre nach dem Untergang, postapokalyptisch. Vieles lag noch verbrannt da, die Menschheit war größtenteils von einer Seuche dahingerafft worden, der Rest brachte sich im Überlebenskampf gegenseitig um. Ich weinte, es sah furchtbar aus hier, um die Menschheit und ihre schreckliche Dummheit. Mein Begleiter beruhigte mich, außerdem hatte ich Zeugen. Eine Gruppe von Kindern beobachtete mich, sie wussten, wir waren nicht von hier, weder aus der Zeit noch dem Ort. Vielleicht hatten sie schon von uns gehört. Aber wobei konnten wir ihnen jetzt noch helfen? Dem Wiederaufbau?

Die Erinnerung verschwimmt, warum verschwinden diese Traumbilder so schnell, sollen wir manche Dinge besser vergessen? Er war bedeutend, dieser Traum, aufregend, eindrücklich. Ich will mehr von der Unsterblichkeit, wenn du an nichts anderes denken musst als an die anderen, denn du selbst hast keine Bedürfnisse, ewige Gesundheit, kannst dich zeitlich und örtlich beamen, wohin du willst, unabhängig der jeweiligen Transportmittel (Reisen dauern eeewig mit Pferdekutschen!!!), und der Druck, das menschliche Bedürfnis, sich auf welche Art auch immer zu verewigen, sei es durch Nachwuchs, künstlerisch oder politisch, fällt ebenfalls weg. Entspannt. Dieses Leben gefiel mir. Es waren uns Unsterblicher viele, das merkte ich in einer Szene, in der eine ganze Gruppe einen Sterblichen zur Rede stellte. Bitte mehr von diesem Traum.

[Essenbach, 30.7.23]

P.S.: Ich habe schon länger nichts mehr veröffentlicht. Das liegt v.a. an der Verschlechterung meines Post Covid/ ME/CFS-Zustands, Ideen und Anlässe gäbe es genug. Ich habe sooo viel zu sagen und kann es nicht. Ich hoffe, es geht euch gut.

Aufschub

Der Teufel, das reine Böse, steht vor mir und hat mich auserkoren.

Er wird mich fressen, vernichten, töten, ich weiß es nicht genau, auf jeden Fall wird etwas Schlimmes geschehen. Hat er kurz zuvor eine Bekannte von mir aufgesaugt oder ist diese das Böse selbst? Ich appelliere an ihre Menschlichkeit, denn wenn sie da drin ist, ist ja noch ein Stück davon übrig, und mit dem kann man reden. Ich weiß nicht mehr genau, was ich sage, aber ich argumentiere um mein Leben an einen Verstand, dessen Existenz ich mir lediglich erhoffe. Ich sei doch erst einen Tag hier, ganz frisch, das wäre doch unfair, die anderen seien schon mindestens drei Tage da.

„Da“ ist in einer Schule für kreative Menschen im fünften Stock. Vor dem fünften Stock hat man mich noch gewarnt, aber wie das immer so ist, befinde ich mich plötzlich genau dort. In einem großen Flur stehen Betten verteilt, auch Hochbetten, in einem davon verstecke ich mich. Das Ende des Flurs ist mit milchigem Papier verdeckt, hinter dem ich eine Gestalt erkenne. In jedem Bett liegt ein Mensch, was ich seltsam finde, weil doch eigentlich alle wissen, was hier im fünften Stock los ist. Aber vielleicht sind auch sie auf mysteriöse Weise einfach hier aufgetaucht.

In diesem Moment tritt der Teufel durch das Papier wie in einer Enthüllungsshow. Er, oder besser sie, denn ich vernehme eine weibliche Stimme und der Körperbau ist auch sehr weiblich: Brüste unter rotem Samt, lange, dünne Beine in rot-weiß-gestreiften Hosen. Es wirkt, als wäre dieses Wesen aus Flammen, eine gefährliche, angsteinflößende Willkür geht von ihm aus und die Wände sind plötzlich blau-rot-schwarz, die Muster bewegen sich. Der Teufel oder die Dämonin (es ist eigentlich geschlechtslos, das Böse ist nur in irgendeinen Körper geschlüpft oder hat sich bestimmte Geschlechtsmerkmale ausgesucht, das merke ich) springt von einem Bett zum nächsten, macht Spagat, ist unberechenbar in ihren Bewegungen. Sie riecht an den Menschen, bleckt die Zunge, streicht sich mit ihr über die Lippen. Sie hat Appetit.

Ich mache mich so klein wie möglich, habe so viel Angst wie noch nie. Sie scheint auf niemanden dort unten Lust zu haben und kommt immer näher. Plötzlich befinde ich mich nicht mehr in meinem vermeintlich sicheren Hochbett, sondern offen sichtbar in der Laufrichtung der Dämonin. Vor mir liegt eine Frau, die mich mit angsterfülltem Blick ansieht, ich kann ihr aber nur mit einem verzweifelten Blick und Schulterzucken (ich weiß ja auch nicht, was tun) antworten. Die Dämonin bleibt interessiert vor ihr stehen. Ich hoffe, sie entscheidet sich für sie, gleichzeitig wünsche ich es ihr auch nicht, für niemanden. Aber lieber doch die fremde Andere als ich selbst, oder?

Da sehe ich, wie die Frau vor mir dem Teufel zuflüstert, er solle doch mich nehmen, ich sei aus Bayern und bestimmt sehr schmackhaft, Frischfleisch noch dazu. Sie blickt mich mit um Verzeihung bittenden Augen an und ich kann sie verstehen – jeder kämpft am Ende für sich selbst.

Der Teufel, dieses Gemisch aus rot-blauen Flammen, binären Codes (wie bei Matrix, nur in rot-blau) und purem Bösem, wendet sich mir zu, mich neugierig von oben bis unten prüfend. Sie grinst und ich weiß, sie hat sich für mich entschieden.

Das war’s dann, oder?

Da erkenne ich in ihr eine alte Kommilitonin, und ich appelliere an diese, mich freizulassen. Noch ein bisschen Zeit, bitte, es darf doch noch nicht aus sein, das wäre nicht gerecht.

Gerecht, lacht sie, und wie ein Zombie-Chor fallen die anderen Menschen in ihr Lachen ein.

– Guter Witz! Erstens ist Gerechtigkeit nicht mein Ding und zweitens schon gar nicht von euch zu entscheiden. Was gerecht ist oder nicht, wird an anderer Stelle bestimmt, undurchsichtig für euereins.

– Aber dann erinnere dich doch an die guten Zeiten, meine liebe alte Freundin, die wir miteinander hatten! Wir hatten doch so viel Spaß?!

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welches Argument sie am Ende überzeugt hat, ich habe vergessen, was ich alles gesagt habe, und kann damit leider kein Rezept zur Dämonenvertreibung verraten. Etwas stimmte sie jedoch um, und mich angrinsend wurde sie langsam kleiner und durchsichtiger, bis sie ganz verschwand und mit ihr auch die verrückten Wände und die Angst im Raum.

Ungläubig schauen mich die anderen an, klettern aus ihren Betten und verschwinden. Richtig, nichts wie weg hier. Ich verlasse das fünfte Stockwerk über ein Fenster, steige Griff um Griff nach unten. Normalerweise hätte ich damit ein Problem, weil Höhenangst, aber ich bin noch voller Adrenalin, es gelingt mir sogar, graziös dieses Hindernis zu meistern. Dabei filmt mich eine ehemalige Mitschülerin, die Regie studiert hat. Neben mir bemerke ich einen riesigen Wandteppich. (Wahnsinn, was ich alles im Traum sehen kann, oder? Mein Ich in der Traumwelt ist überall zeitgleich, wissend und sehend multiperspektivisch.)

Unten angekommen gehe ich zunächst noch festen Schrittes in eine unbestimmte Richtung, mir der Blicke der anderen bewusst. Da sehe ich meine Mama und Oma auf einer Bank am Rand sitzen und laufe zu ihnen. Als mich meine Mama fragt, ob „es“ sehr schlimm war (sie weiß nicht, was genau, nur, dass ich im verrufenen fünften Stock war, und vermutlich steht mir wie immer alles ins Gesicht geschrieben). Da breche ich so heftig in Tränen aus, lasse mich auf ihrer beiden Schoß fallen und kann mich nicht mehr beruhigen.

Die Tränen fließen über meine Wangen und kitzeln mich zurück in die sogenannte Wirklichkeit. Weinend wache ich auf. Ein paar Tage hat mir die Dämonin noch gegeben – nur was sind Traumtage in Realitätstagen?

[Halle, 06.11.22]

Ozeantage

Meine Familie, mein Freund und ich sitzen am Rand eines riesigen Beckens. Über dem Wasser ist ein Netz gespannt, in dessen Mitte ein großes Loch. Darunter, im Wasser, wimmelt es nur so an Tieren, und zuerst erkenne ich nicht, was es ist, doch dann sehe ich: Es sind tausende von Kraken in allen Farben und Größen. Abertausende Arme und Saugnäpfe. Bei diesem Anblick überkommt mich dieses seltsame Gefühl wie immer, wenn ich am Rand eines Abhangs stehe und mir ganz tief drin schwindelig und kalt zugleich wird. Mein Herz hört auf zu schlagen und schlägt zu laut – ist das der Tod, der seine Hand um mein Herz legt?

In der nächsten Szene schwinge ich plötzlich an einer der langen Lianen über dem Becken von einer Seite zur anderen. Muss ich jemandem beweisen, wie cool und furchtlos ich bin? Ach Lena. Die Lianen sind sehr elastisch, es macht beinahe Spaß. Beinahe, wären da nicht die falschen Lianen aus getrockneten Kraken: Wer sich aus Versehen an sie klammert, stürzt unweigerlich ins Becken und wird gefressen; wer Glück hat, landet auf dem Netz, das immer noch nah genug an Oktopussaugnäpfen und -schnäbeln ist. Oder wäre da nicht die Gefahr, über dem Becken hängen zu bleiben, weil man den Absprung verpasst und die Liane keinen Schwung mehr hat.

Tatsächlich bin ich aber richtig gut darin; von einer Liane zur nächsten hüpfe ich und winke ich den anderen zu. Ich glaube, es funktioniert: Ein bisschen haben sie Angst um mich, aber hauptsächlich finden sie mich richtig cool und sind stolz auf mich. Warum ist mir das immer wieder so unglaublich wichtig?

Jetzt reicht es mir und ich schwinge eine lange Liane so, dass ich wieder lässig auf der Tribüne neben meinem Freund lande. Von Kraken habe ich genug gesehen, lasst uns zu den Walen gehen.

Es sind „Ozeantage“ in meiner Stadt.

[Halle, 14.10.2022]

Besondere Fracht

Ich ziehe mal wieder um, ziehe nachhause. Gezogen werde ich von einem seltsamen Schlittengefährt. Es liegt hier nämlich so viel Schnee, dass man sich nur auf Schlitten fortbewegen kann. Ich habe meinen Wäscheständer, Decke und Kissen dabei. Was brauche ich auch sonst? Von hinten umarmt mich plötzlich eine Freundin von früher, die mit mir auf diesem Schlittendingsbums fährt. Sie umarmt mich mit ihren dünnen Armen sehr fest, geh nicht, sagt sie, aua, sage ich, und versuche mich gewaltsam aus ihrer Umarmung zu befreien.

An uns vorbei fährt ein Frachtschlitten, an Bord stehen riesige Tonnen mit gefährlichem Inhalt, das weiß ich, wie man manche Dinge eben weiß. Zwischen den Tonnen sitzt neben weiteren Leuten mein Papa und unser Nachbar, so als wäre dies ein Ausflugsschiff, Abenteuerfahrt am Sonntagnachmittag. Weiter hinten sehe ich Jonathan van Ness von den Fab5 (Queer Eye), und ganz am Ende steht Angelina Jolie graziös zwischen schreienden Kindern, den Blick in die Ferne gerichtet. Nur einen Meter weit entfernt sind wir von ihr, was für eine schöne Frau. Ich winke ihr zu, grüße sie und versuche dabei einigermaßen seriös zu wirken, gleichzeitig bin ich peinlich berührt, weil mein Mund voller Cashews ist und an meinem Rücken eine Frau wie ein Rucksack klammert (es ist mir nicht gelungen, sie loszuwerden).

Puh, zum Glück bin ich gleich da. Ich steige aus dem Schlitten und dann auch aus meinem Bett. Zeit zum Aufstehen.

Insthaargram

Mir träumte nun endlich wieder etwas Gräusliches. Bestimmt hatte meine Reise in den Iran vorletzte Woche etwas damit zu tun.

Wir, das waren meine Eltern und ich, aber auch noch ein paar Freunde, waren in einem Paradies von Garten. Wenn ich zurückdenke, könnte es der Naranjestan-Garten gewesen sein, aber vielleicht täuscht mich da auch schon die Erinnerung.

In diesem traumhaften Garten mit Springbrunnen, Palmen, exotischen Pflänzchen und Blumen spazierten auch einige Tiger mit ihren Kindern.

Tiger sind bei erster Betrachtung mit die schönsten Tiere, die es auf dieser Erde gibt, und doch auch die gefährlichsten. Sie machten allerdings nicht diesen Anschein, denn sie fraßen Pflanzen, lachten, und waren uns Menschen sehr gefällig.

Wie es aber in solchen Träumen eben so ist – dieser Zustand war nicht von Dauer. Denn plötzlich waren diese liebevollen Tierchen, auch die Baby-Tiger, hungrige, nach Blut dürstende Monster, die uns, einen nach dem anderen, in die Waden, sich dort fest bissen und nicht wieder losließen.

Ein Albtraum.

Wie in den vor 2500 Jahren in den Stein gemeißelten Bildern in Persepolis, wo die Löwen die Hirschen beißen (und vermutlich töten, aber wie diese Szenen ausgehen, kann man ja bei Stein-Bildern nie genau sagen, vielleicht machen sie den Hirschen ja nur einen ziemlich fiesen Knutschfleck).

Zum Glück befreite mich mein Gehirn bald von diesem grauenvollen Stress, und setzte mich auf einen Liegestuhl in die Sonne (vielleicht in Shiraz?).

So ein wunderbarer Moment, der muss gleich mal für Instagram zum Neidisch-Machen festgehalten werden. Ich ziehe noch schnell meine hochhackigen Schuhe an und fast ist das Foto fertig – Klick! Doch was ist das?!

Ich entdecke – und es ekelt mich an – meine Beinhaare, die an die 30 cm lang sind, einen dichten Flies ergeben und zusammen mit den Stilettos aussehen, als hätte ich dicke Winterstiefel aus Fell an.

Das ist ja schlimmer als die Tiger, hilfe, bitte fresst mich!

(Halle, 22.02.2018, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

ŻEMOWICZ

Das Licht an meinem Fahrrad ist aus. Ja, okay, ich hab’s zuhause vergessen. Nichtsdestotrotz fahre ich durch die dunklen Straßen. Straßen, die in meinem Traum eigentlich mein Heimatdorf sein sollen, doch zu einer unbekannten Stadt werden. Dunkle Gassen, dunkle Erinnerung.

Plötzlich erscheint diese schmale Eingangstür vor mir, durch die ich nur schemenhafte Gestalten erkenne. So spät beziehungsweise früh noch was los? Meine Neugierde schickt mich hinein.

Noch vor ein paar Minuten ward ich im Dunkeln, jetzt ist Licht.

Es ist eine Art Bar, die aussieht wie eine heftige Hausparty am nächsten Morgen. Überall liegen junge Menschen – wenn nicht schon ganz am Boden – mit ihren Köpfen auf den Tischen, die Luft ist schwer von den Ausdünstungen der Feierwütigen.

Ist da nicht meine Mitbewohnerin? Hier treibt sie sich also immer rum. Ist aber auch sehr alternativ hier.

In Leuchtbuchstaben steht über dem großen Tisch in der Mitte „ŻEMOWICZ“ geschrieben. Aha. Ein polnisches Wort, was auch immer es bedeuten mag.

Langsam erwachen die ersten Partyzombies, ein DJ legt seine Platten auf und jemand sagt: „Wow, so krass ey, um elf Uhr früh schon so heftig geile Mukke, Alter.” Er fängt an, sich zu den elektronischen – sogar meiner Meinung nach guten – Klängen zu bewegen.

Den Rest der Party bekomme ich nicht mit. Ich verlasse den Raum und plötzlich ist das andere Zimmer, in das ich vorhin getreten war und das nach altem Wirtshaus-Stammtisch-Wohnzimmer ausgesehen hatte, pink und rosa und voller Kleinkinder und Babys.

Ich gehe einen Raum weiter (wie groß ist dieses rätselhafte ŻEMOWICZ eigentlich?) und sehe von weitem, wie durch einen Tunnel, meinen Freund. Puh, jetzt bin ich erleichtert. Wahrscheinlich hatten wir ausgemacht, dass jeder von sich aus die Stadt (das Dorf?) erkundet, und zufällig treffen wir uns hier wieder.

Durch’s Dunkle bin ich gewandert, durch alternative Zombiepartyhöhlen und über Mutter-Kind-Spielplätze.

Genug der Abenteuer, sage ich, und wache auf.

(Halle, 27.04.2016, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)