Auf meinem Weg fiel ich in einen Brunnen so tief, der Himmel dort oben ein Punkt. Glatte, glitschige Mauern, kein Entrinnen, kein Licht, keine Hoffnung. Hallo, hört mich jemand? Wie konnte das passieren, wie konnte ich so tief fallen, in der Dunkelheit sehe ich mich nicht und nichts. Ich trau mich nicht zu schreien, wer weiß, wen oder was ich dann wecke, und so hört mich niemand. Ich zweifle am Weg, wohin geht er, ich vergesse ihn langsam, und wo ich herkam. Vielleicht dahin, vielleicht dorthin, alles ist möglich in meinem Kopf, aber noch sitze ich hier. War das abzusehen, war das absichtlich, sprang ich hinein, weil mein weiterer Weg in tiefer Finsternis liegt? Hinauszuklettern ist vielleicht auch deshalb so schwer, weil ich Angst vor dem Danach habe, aber das ist nur ein fieser Verdacht. Allein Aufgeben, das ist nichts für mich, erstmal raus hier und alles weitere gibt sich dort oben, an der frischen Luft, unter’m blauen Himmel, im grünen Gras. [Halle, 11.12.22]
Schlagwort: Depression
Aufstand der Herzen
Neulich las ich ein Interview mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann. Er warf eine äußerst interessante Frage auf. Was, wenn die überhandnehmende Volkskrankheit namens „Depression“ nicht an den Menschen, sondern am Zustand dieser Welt liegt? Wenn sie eigentlich Ausdruck einer tiefgehenden Gesellschaftskritik ist?
Denken wir diesen Ansatz weiter, ist nichts falsch mit uns, unsere Instinkte liegen richtig.
Sie erzählen uns, wir seien krank; sie stopfen uns mit Medikamenten voll, betäuben uns, während doch die wahre Medizin eine Veränderung des Zustands wäre.
Revolution, die Umwälzung der Gesellschaft, beginnt in den Körpern und Seelen der Menschen, so Aldous Huxley. Dessen sind sie sich genau bewusst.
Um wirklich gesund zu werden müssten wir die starre Verkrustung des Schweigens brechen, das sich über die Jahrzehnte in den Herzen der Menschen festgesetzt hat. Wir müssten das Ideal des Individualismus als Farce entlarven — Wesen der Gemeinschaft sind wir.
Es bräuchte wieder einen Aufstand der Arbeiter, doch solange sich niemand auch für die Billiglohnarbeiter aus und in anderen Ländern einsetzt, ist auch dieser ohne Sinn. Und wer setzt sich freiwillig für diejenigen ein, die unseren Wohlstand aufrecht erhalten? Sklaven sind wir alle, oder wie es bei „Moby Dick“ heißt: Wer ist denn kein Sklave? Wirklich frei ist letztlich nur, der da ist ohne Angst.
Sind diejenigen also, die unter Depressionen, Ängsten, Panikattacken leiden, die eigentlich Gesunden dieser Gesellschaft? Wie ließe sich angesichts des Zustands der Welt wahrhaftig froh sein und angstfrei leben? All die Liebe in euren Herzen nützt doch nichts, wenn ihr beständig auf Mauern stoßt. All die Liebe in einer entseelten Welt. Entseelung ist ansteckend und vererbbar, sie steckt tief in unseren Knochen. Wie sie also so einfach loswerden?
Jeder Akt der Liebe, jede Entscheidung gegen den Hass und für die Gemeinschaft ist eine Rebellion, ein Aufstand der Herzen.
(Halle, 08.05.2021, Fortsetzung folgt)