Du hast ein bisschen Recht, ich hab ein bisschen Unrecht 

Wenn man Menschen von vornherein abstempelt, sie in Schubladen steckt und ein Gespräch als unmöglich abtut, muss man sich auch nicht mehr damit befassen, was diese Menschen wirklich sagen. Oder was sie zumindest meinen.

Sprache ist so mehrdeutig und missverständlich, dass ein Gespräch schnell beendet wird, wenn man sich allein auf die Bedeutung jedes einzelnen Wortes konzentriert oder diese auch einfach falsch verstehen will. Wie soll ein vernünftiges Gespräch zustandekommen, wenn man dem anderen gegenüber nicht offen eingestellt ist und von vornherein denkt, dass alles, was der andere sagt, falsch ist?

Und wie soll man eine Grundlage für das Zusammenleben finden, ohne miteinander zu reden?

Denn darum geht es doch, das macht Demokratie aus: Wir haben unterschiedliche Ansichten, aber die Basis ist gleich, und das ist die Menschenwürde, das ist das gemeinsame Ziel, ein gutes Leben zu haben, eine Familie in Sicherheit, Frieden. Die Basis ist das Menschsein, wir haben Gefühle und sehnen uns nach Liebe, Zugehörigkeit, gerechter Behandlung (die Liste der Gemeinsamkeiten ist individuell erweiterbar).

Wie Józef Tischner in seiner „Ethik der Solidarität“ formulierte, wird ein Dialog dann möglich, wenn jeder für sich einsieht, dass der andere ein bisschen Recht hat und man selbst ein bisschen Unrecht. In anderen Worten: dass niemand zu 100 Prozent Recht hat oder „die Wahrheit“ gepachtet hat.

Doch manche glauben, Hüter der einzig wahren Wahrheit zu sein, und wer dies auch nur zu einem Bruchteil in Frage stellt, ist Feind der Demokratie, der Menschen, aller Minderheiten. Dieses absolute Denken verhindert jedes Gespräch, auch weil es bisweilen denjenigen, die anderer Meinung sind, das Menschsein abspricht.

Bei manchen sind Meinung und Identität so ineinander verwoben, dass eine andere Meinung sofort als Angriff auf die eigene Identität gewertet wird. Ja wie, der andere verwendet nicht die „richtigen“ Wörter und hat andere Ansichten als ich? Lehnt er mich also kategorisch als Mensch ab?

Dass das Herumreiten auf einzelnen Begriffen elitär ist und viele Menschen andere Probleme haben, „echte“ Probleme, die sich durch die Veränderung von Sprache nicht beheben lassen, kommt manchen gar nicht mehr in den Sinn. Dass es paradox ist, sich durch die extreme Konzentration auf Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität oder Religion Menschen „gleicher“ machen zu wollen, indem man also ihre „Andersartigkeit“ hervorhebt, ebensowenig. Dass es wenig mit Toleranz zu tun hat, wenn man Intoleranz toleriert oder sogar fördert, auch nicht.

Der Spruch „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ fällt mir gerade ein. Wer sich beklagt, es gebe keine Debattenkultur mehr und man könne keinen Dialog mehr führen, sollte sich vielleicht auch mal an die eigene Nase fassen (das mache ich seit ein paar Monaten, auch wenn es erstmal wehgetan hat. Ich kann’s trotzdem empfehlen, ist sehr befreiend).

Lasse ich andere Meinungen zu? Stemple ich andere schnell ab, sobald mir ein Wort oder ihre Denkrichtung nicht ins Weltbild passt? Muss ich unbedingt glauben, ein „guter“ Mensch zu sein, weswegen alles, was nicht in dieses Bild passt, ausgeschlossen wird? Kann es auch mal sein, dass ich Unrecht habe? Habe ich zu Dingen eine Meinung, von denen ich eigentlich keine Ahnung habe, und die noch gar nicht endgültig zu erfassen, weil sie noch nicht abgeschlossen sind? Gebe ich meinem Gegenüber wirklich immer den „benefit of a doubt“? Einen kleinen Vertrauensvorschuss, bis das Gegenteil mit Fakten unterlegt ist? Oder nehme ich schnell mal das Schlechteste an? Kenne ich den Kontext oder reicht mir ein kurzer Satz, um mir ein Bild vom anderen zu machen? 

Ich persönlich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass ich bei diesem „Spiel“ nicht mehr mitmachen will. Zu schnell werden in gewissen Kreisen Menschen abgestempelt und die Mauern hochgezogen. „Differenzen“ in der politischen Einstellung wollen dann nicht mehr überbrückt werden, die Auseinandersetzung mit Inhalten wird aufgrund unpassender Sprache abgeblockt. (Und ja, ich weiß, ich war Teil des Problems und es ist mir wahnsinnig peinlich, aber man lernt ja dazu, nicht wahr.)

Besonders bei einem Thema werden derzeit eigene Fakten und eine eigene Geschichtsschreibung herangeholt, Symbole eigenwillig interpretiert, alles so ausgelegt, dass es ins eigene „Narrativ“ passt. Es gibt nur Gut und Schlecht, Schwarz und Weiß, die Bösen und die armen Unschuldigen. Mit Extremisten auf die Straße gehen? Was soll man machen, die sind halt auch da, man kann es sich nicht aussuchen, schließlich kämpfen ja alle denselben Kampf für ein Ende von (hier das jeweilige Buzzword einsetzen). Was ist mit dem ansonsten angepriesenen „words are a form of violence“? Naja, aber in diesem Falle schreien wir eben ein paar gewaltverherrlichende Sprüche, die gehen nun mal gut ins Ohr und was sollen wir sonst machen, so schlimm, wie manche tun, ist es nicht, es geht ja um die Sache.

Seit Jahren an bestimmten Tagen ein „Nie Wieder“ fordern und mittlerweile aber ohne zu zögern mit dafür zu sorgen, dass wieder eine Stimmung herrscht, in der Juden Angst haben, ihre Namen ändern und Davidsterne verstecken müssen (ist in bestimmten Stadtteilen schon länger so), in der sie aus Restaurants, aus Freizeitparks, aus Flugzeugen fliegen, in der es „judenfreie“ Zonen und Veranstaltungen gibt und „Kauft nicht bei Juden“ Konsens ist.

Da mach ich nicht mit und werde es nie, selbst wenn sich dadurch noch so viele Menschen von mir „distanzieren“. Und ja, ich habe Angst, diese Zeilen hier zu veröffentlichen, dabei bin ich nicht mal Jüdin. Wie kann das sein? Als würde ich Verbotenes schreiben. Genau deshalb muss ich lauter sein.

Wie es in einem neuen Artikel auf mena-watch so schön im letzten Satz heißt: In Deutschland ist der Zeitgeist nicht immer ein guter Ratgeber. 

[Regensburg, 29.9.25] 

Dialog nach Józef Tischner

Józef Tischner war polnischer Priester und Philosophie-Professor in Kraków. In die polnische Geschichte ging er ein durch seine Predigt auf dem Krakauer Wawel im Oktober 1980 für die versammelte Führung der Solidarność-Gewerkschaft. Seine Aufsätze und Predigten in Zusammenhang mit den Solidarność-Protesten vor Verhängung des Kriegszustandes 1981 wurden schließlich unter dem Titel „Ethik der Solidarität. Prinzipien einer Hoffnung“ veröffentlicht. Der Dialog steht gerade am Anfang im Fokus, und ich möchte hier ein paar interessante Ansätze wiedergeben, wie Dialog möglich wird und was ihn erschwert. Vielleicht inspirieren sie auch Euch.

Dialog heißt bei Tischner, dass die Menschen aus ihren Verstecken hervorkommen, sich einander nähern und einen Meinungsaustausch beginnen.

„Schon der Anfang eines Dialogs, das Verlassen der Verstecke, ist ein großes Ereignis. Man muss sich hinausbeugen, über die Schwelle treten, die Hand ausstrecken, einen gemeinsamen Ort des Gesprächs finden.“

„Man muss nicht nur die Angst überwinden und Vorurteile beiseite schieben, man muss auch eine Sprache finden, die für beide Seiten das gleiche bedeutet.“

Zur Sprache:

„Es darf aber nicht eine Gruppensprache sein, auch keine Sprache der Unterstellungen, der Verleumdungen oder gar eine Sprache des Verurteilens. ‚Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein. Was darüber hinausgeht, ist vom Bösen.‘

„Die Sprache eines aufrechten Dialogs ist eine sachliche Sprache, eine Sprache also, die den Dingen entspricht. Was schwarz ist, wird schwarz genannt, was weiß ist, weiß.“ (21)

Welche Voraussetzungen für einen Dialog benötigt es, die von beiden Seiten akzeptiert werden müssen?

Sich auf den Standpunkt des anderen zu stellen:

„Wir sind nicht in der Lage, die Wahrheit über uns zu erkennen, weder ich noch du, solange wir in den Mauern unserer Ängste eingeschlossen sind. Wir müssen einander von außen sehen, ich dich mit deinen und du mich mit meinen Augen. Wir müssen im Gespräch unsere Ansichten miteinander vergleichen, und erst dann sind wir in der Lage, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie es um uns wirklich steht.“

„Solange ich nur mit meinen Augen auf mich schaue, kenne ich nur einen Teil der Wahrheit. Solange du dich nur mit deinen Augen betrachtest, kennst auch du nur einen Teil der Wahrheit. Aber auch umgekehrt: Wenn ich auf dich schaue und nur das beachte, was ich sehe, und wenn du auf mich schaust und nur berücksichtigst, was du siehst, erliegen wir zum Teil einer Täuschung.“

„Die volle Wahrheit ist eine Frucht gemeinsamer Erfahrungen, deiner Erfahrungen mit mir und meiner Erfahrungen mit dir.“ (22)

„Anerkennen dessen, dass der andere von seinem Gesichtspunkt aus immer auch ein wenig recht hat.“

„Niemand verkriecht sich freiwillig in einem Versteck; er hat offensichtlich einen Grund dafür. Diesen Grund muss man anerkennen.“

„Sicherlich hast du ein bisschen recht. In dieser Aussage kommt ein Zweites, nicht weniger Bedeutendes zum Ausdruck: Sicherlich habe ich nicht ganz recht.“ (23)

Ein authentischer Dialog als „notwendiges Mittel zur Erlangung der Wahrheit über unsere gesellschaftlichen Verhältnisse“ (23)

„Wenn ich mich einem Dialog stelle, so bin ich allein dadurch bereit, die persönliche Wahrheit eines anderen zu einem Teil meiner Wahrheit über ihn zu machen und die Wahrheit über mich zu einem Teil seiner Wahrheit werden zu lassen. Dialog ist Aufbau von Gegenseitigkeit.“ (23)

Was soll das Thema eines Dialogs sein?

Hauptthema: das Leid, das dem Menschen von seinem Mitmenschen zugefügt wird

„In einem wahrhaftigen Dialog geht es immer um die Wahrheit. Im Dialog der Solidarität – einem Dialog der wachen Gewissen – geht es vor allem um die Wahrheit über das unnötige Leid der arbeitenden Menschen.“

Was tun?

„Die Welt der Leiden des arbeitenden Menschen durchschreiten und davon ein Zeugnis geben – das ist Solidarität der Gewissen. Ein Zeugnis geben heißt zuallererst, die Dinge bei ihrem Namen nennen, eine Sprache sprechen, die den Dingen entspricht. Zeugnis geben heißt auch, den Unwillen der Leute über das unnötige Leid des arbeitenden Menschen erwecken.“ (25)

„Ein Dialog ist erst dann möglich, wenn es eine gemeinsame Grammatik gibt. Die Grammatik der zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Ethik. Und ihr Grundprinzip ist die Würde des Menschen.“ (43)

Illusion:

„Es gibt Ausgebeutete, aber keine Ausbeuter. Alle, wenn auch auf verschiedene Art, sind Opfer der Illusion. Wir täuschen uns, weil wir von einem gemeinsamen Vorurteil getäuscht wurden.“ (45)

„Geniale Gedanken unterliegen bisweilen weniger genialen Vereinfachungen. Genauso entstehen Illusionen.“ (47)

Ethik der Solidarität. Prinzipien einer Hoffnung, Graz 1982. Polnisches Original: Etyka solidarności i Homo sovieticus, Paris 1982.

P.S.: Die Seitenangaben der ersten Zitate reiche ich nach.

Dialog

Zum Glück habe ich seit damals einige Erkenntnisse dazugewonnen.

Kein innerer Kampf kann durch einen äußeren befriedet werden.

Mein Anliegen ist jetzt der Dialog. Immer erst reden und reden lassen. Das war auch meine Strategie auf der Suche nach den Unterirdischen Seen. Abwarten, die Dinge auf mich zukommen lassen, in entscheidenden Momenten handeln und mit so vielen Menschen wie möglich sprechen.

Der Dialog war etwas, was mir sehr am Herzen lag. Nur leider den wenigsten Leuten dieser Stadt, so schien es zumindest. Politische und gesellschaftliche Themen spalteten ganze Familien. An religiösen Feiertagen, wenn die verstreuten Familienteile zusammenkamen, mussten sich die Menschen zusammennehmen, um nicht über heikle Dinge zu sprechen, von denen sie wussten, dass diese den erzwungenen Frieden zerstören würden.

Die Bewohner redeten nicht mehr miteinander, aber beschimpften sich im elektronischen „Tribunetz“, jeglichen Anstand vergessend. Die Zeitungen, so schien es mir, förderten diese Spaltung – jeder Streit, jedes böse Gerücht verkauft sich immerhin besser als Harmonie.

Ich dachte damals oft an Józef Tischner, den Priester der Solidarność, dem der Dialog ebenfalls sehr am Herzen gelegen hatte. Für einen Dialog, so Tischner, mussten beide Seiten einen Schritt aus der eigenen Höhle wagen. Für die meisten Menschen die größte Hürde. Anzuerkennen, dass viele Menschen viele unterschiedliche Meinungen und nicht die gleiche wie man selbst hatten, war der nächste Schritt. Die Basis, auf der ein Dialog stattfand, war es, zu sehen, dass ein jeder Mensch auf seine Art litt. Das Leid des anderen sehen, zuzugeben, nicht alles zu wissen, dem anderen ein Recht auf die eigene Wahrheit zuzugestehen – das waren Dinge, die in dieser Stadt kaum jemand mehr konnte.

Eine weitere wichtige Sache für einen funktionierenden Dialog war nach Tischner eine gemeinsame Sprache. Wenn die einen Worte benutzten, die die anderen noch nie in ihrem Leben gehört hatten, wie sollte man sich da unterhalten?

Tischner ging es vor allem um die Arbeiter und deren Rechte. Eine solche Bewegung würde auch dieser Stadt guttun, das war mir schon lange klar, doch wie es der Bär schon erklärt hatte: Die Tribune hatten für eine gründliche Spaltung, aber auch für genug Brot und Spiele gesorgt, damit „die da unten“ gar keine Zeit und Lust auf eine Rebellion hatten. Wer hatte bei einer 40+-Stunden-Woche noch Energie auf die Straße zu gehen?

Manchmal wusste ich nicht, ob ich die Einzige war, die all diese Zeichen miteinander verband. Lebten alle anderen glücklich oder unglücklich in ihrem Hamsterrad oder ging es ihnen genauso, nur traute sich niemand, aufzustehen? Ich wusste ja nicht mal, ob ich wirklich den Mut hatte, allerdings stand bei mir auch noch nicht so viel auf dem Spiel. Noch konnte ich mich um mich allein kümmern, hatte niemanden zu versorgen und noch genug Erspartes.

Mein grundsätzliches Anliegen war natürlich nicht, allein für meinen Frieden zu sorgen. Allein mein eigenes Glück zu finden. Eigentlich dachte ich immer nur an alle anderen: Sie alle sollten aufwachen, lebendig, glücklich sein. Leben. Sich miteinander verbinden, tanzen, lachen, sich küssen, umarmen.

Alles, was das Leben eben so ausmachte, das wünschte ich ihnen.

Doch alles, was ich sah, waren traurige, geknickte Gestalten, die morgens zur Arbeit und abends nach Hause schlurften. Sich dort oder in einer Bar ein, zwei Drinks hinunterkippten, in eines ihrer technischen Geräte starrten und dann in einen traumlosen Schlaf fielen, bis das Ganze am nächsten Tag von Neuem begann.

Bei dem Gedanken schauderte es mich, mir wurde übel und ich geriet in Panik, wenn ich daran dachte, auch so leben zu müssen.

Bei meiner Suche nach den Unterirdischen Seen versuchte ich also, gemäß meiner Erkenntnisse und Forderungen zu leben. Ich versuchte, in den Dialog mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu treten, wobei dies nicht mit allen sehr leicht war. Bei manchen kam ich gar nicht zu Wort, war also gezwungen, mir jedes der ihren anzuhören – wie bei folgenden Begegnungen.

(ein Ausschnitt aus „Die Unterirdischen Seen“, einem unveröffentlichten Manuskript, bei dem ich ehrlich gesagt noch keine Ahnung habe, wie ich es weiter angehe)