Münchhausen lebt

Alle rufen  
erzählen durcheinander
meine Geschichte, hört
sie an, unglaublich!
Es war genau so, Schwur!

Eine davon wählen wir aus
sie passt zu uns und
in unsere Anthologie –
Märchen zum Einschlafen.

Die anderen? Vergiss sie,
mach
die Ohren zu,
sie sind nicht wahr,
Münchhausen lebt.

[Halle/S., 3.1.20]

Der Singvogel und das melancholische Mädchen

Auch heute kam sie. Ihre traurigen Augen nahmen Platz auf der Bank unter seinem Baum. Sie blickte sich aufmerksam um, ob auch ja nicht zu viele Menschen unterwegs waren, die sie in ihrem Alleinsein unterbrachen. 

Oft saß sie stundenlang da und genoss die Stille; der Singvogel war sich sehr sicher, dass sie ihm dann lauschte. Manchmal las sie ein Buch, in dem sie mit einem Bleistift für sie wichtige Sätze markierte. 

Es war jedes Mal erstaunlich, welche Wirkung diese Stunden auf der Bank hatten. Natürlich war dafür auch sein Gesang verantwortlich, da war der Vogel ganz selbstbewusst. Immerhin lächelte sie sehr oft in seine Richtung, besonders wenn er sich ins Zeug legte und er ihr all jene Töne schenkte, die er für besondere Momente in sich aufbewahrt hatte. Als verstünde sie, was er ihr zurief, lehnte sie sich genießend zurück und nahm alles in sich auf.

Manchmal flog er ihr ein Stück des Weges nach, wenn ihre Zeit auf der Parkbank vorbei war. Er konnte dann sehen, wie sie sich ein wenig leichter bewegte, wie die Kraft, die sie an manchen Tagen nach unten zog, ein wenig nachgelassen hatte. Er wäre ihr gerne mit nach Hause gefolgt, hätte gerne mit ihr gegessen, ihr ein Gute-Nacht-Lied gesungen, an ihrem Bett gewacht. Aber das war nicht möglich, das hatte er beobachtet. 

Die Zweibeiner bestanden darauf, dass Lebewesen wie er nicht in ihre viereckigen, steinernen Nester kamen, sie fuchtelten dann wild aufgeregt in der Luft herum, damit der Störenfried ihr Nest verließ. 

Manche allerdings gab es, die seinesgleichen in kleine Kästen sperrten, um sich an ihnen oder auch ihrer Kraft zu ergötzen, die es ermöglichte, kleineren Lebewesen die Freiheit zu rauben. Der Singvogel glaubte ja, dass viele ihn um seine Fähigkeit des Fliegens beneideten und seinesgleichen deshalb einsperren, ihre Flügel stutzen und besitzen wollten. Warum sonst sollte man einem Lebewesen genau das nehmen, was das Wesen seiner Natur war?

Seiner Liebe wäre dies jedoch nie in den Sinn gekommen. Sie liebte alle Lebewesen, da war er sich sicher, und vermutete darin den Grund ihrer Traurigkeit. Sie liebte sie so sehr, dass sie traurig wurde ob der Getrenntheit, die zwischen allen – insbesondere den zweibeinigen – Lebewesen bestand. Er spürte das, denn es ging ihm ähnlich. 

Er würde in diesem Leben immer nur Singvogel bleiben, keine Chance haben, mit ihr Worte zu wechseln. Doch das war auch nicht nötig, denn er konnte dafür so singen wie niemand sonst auf der Welt, und vielleicht war genau das seine Lebensaufgabe.

Die Fühler des neuen Tages kitzelten ihn an seinen Federspitzen, was für ein herrlicher Morgen und Tag dies werden sollte. Er schüttelte sich und übte seine Stimme. Irgendwann, kurz nachdem die Sonne am höchsten stand, kam sie des Weges, lächelte ihm zu und setzte sich. 

Und er sang für sie die Arie seines Lebens: Sei traurig, mein Mädchen, der falsche Zeitpunkt, der uns zusammenführte, wird uns auch wieder trennen. Sei nicht traurig, mein Mädchen, ich bin bei dir, jede Sekunde Tag und Nacht, alles ist verbunden, für immer.

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(Repost vom 19.04.2020)

Gefangen im Kopf

Ich liege auf der Wiese, über mir grüne Blätter im Wind, in meinem Gesicht Sonne.
Nichtsahnend. Entspannung versuchend.
Plötzlich: Ich, in meinem Kopf gefangen. Ich, von innen anklopfend, schreiend. Lasst mich hier raus!

Gefangen in meinem Kopf, die Gedanken kreisen wild, stürmen wirbel,
saugen mich ein.
Jetzt sitze ich fest.
Was tat ich zuvor, was danach, wie geht normal leben?
Mein Kopf ein Stein, Betonklotz.
Ich will weinen, aber kann nicht.
Alles erscheint so schwer, unmöglich, gegen mich.
Oh, wie langweilig es hier doch ist, immer die selben angsterfüllten Gedanken. Enge, engst.
Ich klopfe, schlage von innen gegen meine Schädeldecke.
Lass mich hier raus!
Gerade eben noch war alles so leicht, wann ist das aus, wieso kann ich nicht einfach mal sein…

Entspannung misslungen. Wie ausbrechen?
Bewegung, ich fahre mit dem Fahrrad in Richtung eines in meinem Herzen wohnenden Menschen.
Begegnung, Kinderlachen, im Moment sein. Alles halb so wild.
Kannst jetzt wieder raus, Lena, war ein Missverständnis und nur aus Sicherheitsgründen.

Na, vielen Dank dafür, Quarantäne.

(Halle, 13.07.22)

Schnüre und Scheren

Endlich bin ich aufgewacht. Was für ein Traum.

Mir träumte, ich sei in einem Ich gefangen, das sich ständig im Kreis dreht, Opfer seiner eigenen Gedanken.

Es waren dies keine von der netten Art. Sie flüsterten wie gemeine Mitschüler — ja, lasst euch sagen: Wer flüstert, der lügt und frisst kleine Kinder, wahre Geschichte!

Sie hatten mich an ihren Schnüren, und sie zogen mal hier, mal dort, ich bewegte mich nach ihrem Gusto. Sie ließen mich Mauern bauen und Fluchtwege, und es machte ihnen Spaß, mir beim Fallen zuzuschauen.

Nun bin ich niemand, die hinfällt und liegen bleibt. Immer wieder stehe ich auf, bleibe kurz stehen, bis der Schwindel nachlässt, und gehe dann weiter. Da muss noch was kommen, sage ich dann, weil es mir vorher mein Herz versprach. Das weiß sowieso schon alles früher, nur verrät es das nicht, wäre ja langweilig. Oder vorhersehbar. Ha.

Dieser Traum also. Ich drehte mich im Kreis, meine Gliedmaßen an Schnüre gebunden, und es gab keinen Ausweg.

Doch da entdeckte ich eine Schere, eine Gestalt bot sie mir an. Sie war von jener Art von Traumgestalten, die plötzlich auftauchen, ohne Gesicht, nur verschwommen erkennbar und so schnell wieder verschwunden, dass sie auch aus der Erinnerung leicht entfleuchen.

Mit den ersten durchtrennten Fasern lösten sich die Fäden ganz leicht, als hätten sie nur darauf gewartet, auch von mir erlöst zu werden. Der Aufprall auf den Boden war hart. So hart, dass ich aufwachte.

Wer bin ich ohne diese Schnüre? Die mich gefangen hielten und gleichzeitig Sicherheit boten. Dank denen ich wusste, wohin ich zu gehen hatte, was ich tun sollte. Jetzt bin ich frei. Und nun?

[Halle, 14.09.2020]

Brief aus der Zukunft (IV)

Liebe Lenka,

verzeih, dass ich mich so lange nicht meldete. Manchmal muss ich Abstand zur Vergangenheit nehmen, im Hier und Jetzt leben und für die Menschen meiner Gemeinschaft da sein.

Der Grund, warum ich dir heute schreibe: Mir fiel ein, ich habe dir noch nicht von etwas sehr Wichtigem erzählt. Na gut, ich habe dir vieles noch nicht erzählt, weil es noch unpassend ist oder ich die richtigen Worte nicht finde.

Das Thema des heutigen Briefes ist: Für die Zeit, in der du lebst, ist es wichtig, ein Ziel zu kennen und in dessen Richtung mutig vorwärtszuschreiten. Einige Dinge werdet ihr hinter euch lassen müssen, aber das ist nicht schlimm, je weniger Gepäck, desto besser. Vieles in eurer Zeit ist sowieso veraltet und erschwert eure Reise. Manche werden aufgeben, es werden sich verschiedene Gruppen bilden aufgrund von Uneinigkeiten über den „richtigen“ Weg.

Viele sind erschöpft, weil das Gepäck schwer ist, die Vielzahl der Wege zum Ziel unübersichtlich und letzteres oft nicht mehr sichtbar oder sogar ganz vergessen. Sie können nicht mehr, bleiben lieber stehen, machen es sich an Ort und Stelle bequem, dort ist es ja gerade ganz gut auszuhalten, so schlecht geht es niemandem. Aber hinter euch droht Feuer und Wasser abwechselnd mit eurem Untergang, alte Gespenster tauchen auf, flüstern euch schaurige Geschichten ins Ohr, sie kennen eure Urängste genau, denn davon ernähren sie sich.

Die Menschen werden beginnen, hohe Mauern um sich herum zu bauen, die ihnen das Gefühl von Sicherheit geben, doch jede Mauer ist überwindbar. Und während sie die Bedrohung vermeintlich draußen hält, ist diese schon längst in die Menschen gekrochen, denn in Wahrheit kommt sie von drinnen. Sie wird sie von innen heraus auffressen, und eingemauert durch Wände an Toten werden sie von der nächsten Flut überrollt, unfähig, auszubrechen und zu fliehen. Wer um sich herum Mauern baut, wird selbst zum Gefangenen. Gruselig, oder?

Es ist auch eine sehr beängstigende Zeit, in der das Gegenteil von Mauern und Angst wichtig ist: Das, was deine Zeit so dringend benötigt, ist Mut und vor allem Hoffnung. Euch fehlt noch die entscheidende, alle vereinende Erzählung, das Ziel, in dessen Richtung ihr laufen könnt.

Was gerade mit euch passiert: Ihr werdet von der Angst in tausend verschiedene Richtungen zersplittert, blind getrieben in Richtung Abgrund. Ich kann dir sagen, es gibt da tatsächlich einen, ich verrate nicht, wo, aber ich weiß, dass er da ist. Lasst euch nicht von den alten Geistern jagen, und wenn, dann nur zu mir, in Richtung Hoffnung.

Voll Verzweiflung fragst du, wie eine solche Erzählung aussehen kann? Seid optimistisch. Stellt euch eine Welt vor, wie sie euch gefällt. Geht davon aus, dass Menschen gut sind, dass sie rücksichtsvoll im Hinblick auf die gesamte Menschheit handeln. Nehmt all eure Intelligenz zusammen, mit der ihr so viel Unheil anrichtet, immer nur mit dem Gedanken an mehrmehrmehr, und entwickelt Technologien, die euch helfen, nicht zerstören. Oder zerstört die Technologien, die euch kaputt machen, das geht auch (meistens entstehen diese ja in guter Intention). Besinnt euch eurer Verbindung mit Allem, eures Einsseins, denn die Getrenntheit eurer Zeit hat euch krank gemacht. Nutzt die Kraft, mit der ihr zerstört, zum Wiederaufbau, zum Erhalt, zur Gesundung.

Mehr kann ich heute nicht schreiben, der Brief ist schon zu lang. Besser gesagt, ich darf nicht, ich habe schon genug Ärger mit den Behörden. Du musst wissen, es gibt da eine Behörde in meiner Zeit, die ist nur dafür zuständig, dass Zeitreisende weder die Vergangenheit noch die Zukunft ändern. Das ist auch gefährlich, ich habe das schon selbst erlebt. Aber ein bisschen Hilfe kann nicht schaden, was meinst du? Ich hoffe, du empfängst diesen Brief wohlbehalten und ziehst ein wenig Hoffnung daraus.

In Liebe,

Deine Lenka Lewka

[Halle, 17.9.2023]

Besondere Fracht

Ich ziehe mal wieder um, ziehe nachhause. Gezogen werde ich von einem seltsamen Schlittengefährt. Es liegt hier nämlich so viel Schnee, dass man sich nur auf Schlitten fortbewegen kann. Ich habe meinen Wäscheständer, Decke und Kissen dabei. Was brauche ich auch sonst? Von hinten umarmt mich plötzlich eine Freundin von früher, die mit mir auf diesem Schlittendingsbums fährt. Sie umarmt mich mit ihren dünnen Armen sehr fest, geh nicht, sagt sie, aua, sage ich, und versuche mich gewaltsam aus ihrer Umarmung zu befreien.

An uns vorbei fährt ein Frachtschlitten, an Bord stehen riesige Tonnen mit gefährlichem Inhalt, das weiß ich, wie man manche Dinge eben weiß. Zwischen den Tonnen sitzt neben weiteren Leuten mein Papa und unser Nachbar, so als wäre dies ein Ausflugsschiff, Abenteuerfahrt am Sonntagnachmittag. Weiter hinten sehe ich Jonathan van Ness von den Fab5 (Queer Eye), und ganz am Ende steht Angelina Jolie graziös zwischen schreienden Kindern, den Blick in die Ferne gerichtet. Nur einen Meter weit entfernt sind wir von ihr, was für eine schöne Frau. Ich winke ihr zu, grüße sie und versuche dabei einigermaßen seriös zu wirken, gleichzeitig bin ich peinlich berührt, weil mein Mund voller Cashews ist und an meinem Rücken eine Frau wie ein Rucksack klammert (es ist mir nicht gelungen, sie loszuwerden).

Puh, zum Glück bin ich gleich da. Ich steige aus dem Schlitten und dann auch aus meinem Bett. Zeit zum Aufstehen.

ŻEMOWICZ

Das Licht an meinem Fahrrad ist aus. Ja, okay, ich hab’s zuhause vergessen. Nichtsdestotrotz fahre ich durch die dunklen Straßen. Straßen, die in meinem Traum eigentlich mein Heimatdorf sein sollen, doch zu einer unbekannten Stadt werden. Dunkle Gassen, dunkle Erinnerung.

Plötzlich erscheint diese schmale Eingangstür vor mir, durch die ich nur schemenhafte Gestalten erkenne. So spät beziehungsweise früh noch was los? Meine Neugierde schickt mich hinein.

Noch vor ein paar Minuten ward ich im Dunkeln, jetzt ist Licht.

Es ist eine Art Bar, die aussieht wie eine heftige Hausparty am nächsten Morgen. Überall liegen junge Menschen – wenn nicht schon ganz am Boden – mit ihren Köpfen auf den Tischen, die Luft ist schwer von den Ausdünstungen der Feierwütigen.

Ist da nicht meine Mitbewohnerin? Hier treibt sie sich also immer rum. Ist aber auch sehr alternativ hier.

In Leuchtbuchstaben steht über dem großen Tisch in der Mitte „ŻEMOWICZ“ geschrieben. Aha. Ein polnisches Wort, was auch immer es bedeuten mag.

Langsam erwachen die ersten Partyzombies, ein DJ legt seine Platten auf und jemand sagt: „Wow, so krass ey, um elf Uhr früh schon so heftig geile Mukke, Alter.” Er fängt an, sich zu den elektronischen – sogar meiner Meinung nach guten – Klängen zu bewegen.

Den Rest der Party bekomme ich nicht mit. Ich verlasse den Raum und plötzlich ist das andere Zimmer, in das ich vorhin getreten war und das nach altem Wirtshaus-Stammtisch-Wohnzimmer ausgesehen hatte, pink und rosa und voller Kleinkinder und Babys.

Ich gehe einen Raum weiter (wie groß ist dieses rätselhafte ŻEMOWICZ eigentlich?) und sehe von weitem, wie durch einen Tunnel, meinen Freund. Puh, jetzt bin ich erleichtert. Wahrscheinlich hatten wir ausgemacht, dass jeder von sich aus die Stadt (das Dorf?) erkundet, und zufällig treffen wir uns hier wieder.

Durch’s Dunkle bin ich gewandert, durch alternative Zombiepartyhöhlen und über Mutter-Kind-Spielplätze.

Genug der Abenteuer, sage ich, und wache auf.

(Halle, 27.04.2016, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

Brief aus der Zukunft (II)

Ich habe kürzlich von den 20er Jahren gelesen. Keine Zeit, in der ich gern gelebt hätte.

Die ganze Welt war entflammt, die Menschen, vor lauter Möglichkeiten und andauerndem Informationsfluss überfordert und auf der Suche nach Halt.

Den fanden sie an unterschiedlichsten Stellen.

Die einen folgten am liebsten den Erzählungen der Rückwärtsgewandten, die die Vergangenheit glorifizierten und einfache Lösungen für eine komplexe Zeit versprachen. Dass es zwar die einfachste Sache ist, alte Ideen zu wiederholen, weil man sich nichts Neues überlegen muss, aber dass man dabei vergisst, dass diese alten Geschichten die Welt genau dahin gebracht hatten, wo sie damals war, muss ich gar nicht weiter ausführen. Zu oft haben wir ja schon gesehen, wohin es führte, wenn Vergangenheitsfetischisten an der Macht waren. Deren Erzählungen werden außerdem auf den Rücken anderer ausgetragen. Keine gute Basis: Der Rücken hält zwar viel aus, bricht aber bei zu viel Belastung.

Manche versuchten sich an der glorifizierten Gegenwart festzuhalten, sie wollten alles so belassen, wie es war, was ja doch nie möglich ist und den eigentlichen Zustand der Welt ausblendet. Sie zogen sich ins Private zurück, einer inneren Emigration gleich, und wurden ganz und gar unpolitisch. Haus, Job, Auto – das waren die einzigen Dinge, auf die sie (vermeintlichen) Einfluss hatten und die es zu schützen galt. Und wehe, etwas bedrohte die materielle Dreifaltigkeit! Doch auch dann wandten sich diese Menschen nicht gegen den eigentlichen Auslöser, sondern traten nach unten, gegen die, die am nächsten, am sichtbarsten und leider auch am unschuldigsten waren.

Wieder andere gingen in die entgegengesetzte Richtung und zerlegten jede Art von Identität in ihre Einzelteile. Sie vergaßen darüber den Menschen in seiner Ganzheit zu sehen, be- und verurteilten ihn nach den Worten, die er wählte, nach der Meinung, die er hatte, oder nach dem Geschlecht, für das niemand auf der ganzen Welt jemals etwas konnte.

Durch diese kritische Betrachtung fühlten sie sich moralisch überlegen all jenen gegenüber, die dazu nicht im Stande waren oder andere Sorgen hatten. Dieses Zusammenwürfeln der Identitätspuzzleteile hatte zur Folge, dass sich die Menschen gegenseitig zerstritten und in Grüppchen teilten, uneins und jeder für sich; sie wurden noch unglücklicher und fielen anderen Heilsversprechen zum Opfer.

Diejenigen, die sich eigentlich die Sozialen nannten, waren mit Identitätskleinklein beschäftigt und hatten über diese elitären Diskussionen (die man sich schließlich leisten können muss) vergessen, für was es sich wirklich lohnte zu kämpfen.

So manche Kräfte wussten diese Verwirrung und Zerstückelung der Gesellschaften zu nutzen, ja, verstärkten diese noch. Wer sich vor allem um sich selbst kümmert, wer nach unten hasst, wer mit Überleben oder intellektuellem Kleinklein beschäftigt ist, kann das Große Ganze nicht sehen. Und während die Wenigen immer reicher wurden, wussten die Vielen nicht, woher die nächste Mahlzeit kommen sollte, und sie gaben sich selbst oder anderen in derselben Lage die Schuld. Ganz kommod für die Wenigen, die von der Zerstrittenheit der Vielen profitierten und daher daran interessiert waren, diese Feuer, die alle verbrannten, weiter am Leben zu halten.

Mir scheint, weil viele Leute damals nicht mehr wussten, wer sie sind, und weil eine größere Gesamterzählung fehlte, an der sie sich festhalten konnten und die sich nicht nur von der Angst der Menschen ernährte wie Schwarz-Weiß-Erzählungen, war Europa in viele kleine Einzelerzählungen geteilt, getrennt. Wie soll etwas gemeinsam erschaffen werden, wenn niemand weiß, was „gemeinsam“ eigentlich heißt?

Im nächsten Brief erzähle ich Euch, was in meiner Gegenwart anders als damals ist.

Für heute aber verbleibe ich mit Küsschen und liebsten Grüßen

Eure Lenka Lewka