Wissen ist Macht

Wir geben bewusst und unbewusst all unsere intimsten Wünsche an Plattformen ab, deren Existenz uns mittlerweile normal erscheint und die wir nicht hinterfragen. Dahinter stecken Menschen, die diese Daten sammeln und dadurch Geld machen, indem sie diese weiterverkaufen. Nie vergessen: In dieser Welt ist nichts gratis – wenn es uns kein Geld kostet, dann zumindest unsere Daten. Und wer kauft die? Alle, die diese zu Werbezwecken einsetzen und damit noch mehr Geld machen. Alle, die uns kontrollieren, im Auge behalten wollen. Wissen ist Macht, und mit den Daten im Internet haben wir uns längst gläsern gemacht.

Menschen, die
freiwillig all ihre
Geheimnisse abgeben,
im Glauben, sie gehören dann
noch ihnen.

Alles, was wir in
diese Wunderkästen eingeben,
macht uns mit jedem Tippen
gläserner,
wir sind so durchsichtig, sie kennen
uns so gut, wie wir uns
nicht mal selbst kennen wollen.

Wir verkaufen uns.

Eine Dystopie, Wirklichkeit geworden:
der gläserne Mensch,
freiwillig,
mit Vergnügen
ahnungslos und
gleichgültig.

Wichtiger: Unser Spaß, Befriedigung, letzten Endes Liebe.

Wen kümmern da die Machenschaften im Hintergrund?
Du hast nichts zu verbergen, sagst du, und deine Würde?
Du bist nur noch ein Werbeziel, eine Figur in ihrem Spiel der Milliarden: Ihm gefällt dieser Sport, also lass exakt diese Anzeige bei ihm schalten, sie hat ein Problem mit ihrem Nacken, haben wir mitgehört, also bekommt sie Werbung für spezielle Nackengerademachdinger.

Wir lenken euch hierhin und dann dorthin, genau da hin, wo wir wollen,
Euer Wille soll frei sein?
Dass wir nicht lachen, ihr wählt gefälligst den da, verteufelt die da und bleibt immer schön panisch, auf der Suche, unzufrieden, unerfüllt, hier gibt es noch Optimierungspotenzial, da kommt die nächste Katastrophe, überall lauert Verschwörung.

Keine Chance auf Stillstand und Ruhe, auf wirkliche Besinnung, denn die wäre unser Tod.
Glücklich sein ohne Konsum, das Herz voller Liebe, vielleicht sogar selbstloser? Unmöglich, hier habt ihr Filme und Videos von romantischer, echter Liebe, so muss das aussehen, das braucht ihr dafür, und wenn es nur ein Kurs für Yoga oder Entspannung oder Selbstoptimierungscoaching ist.

Wissen ist Macht, wir wissen, was ihr macht,
braucht, wollt, wir erzählen es euch,
doch das gibt es nur, wenn ihr uns folgt, wenn ihr das kauft, die App herunterladet, wo ihr noch mehr Informationen über euch abgebt – mehr Wissen, mehr Macht.

Schon witzig, dass niemand aufsteht gegen diese Vergläserung der Gesellschaft.

Ach, der Mensch, haha, solange er es bequem hat, solange er satt und unterhalten ist,
können wir tun, was wir wollen.
Tippt also weiterhin alle eure Sehnsüchte, Geheimnisse und Fantasien in eure kleinen und großen Zauberkästchen, akzeptiert alle Kekschen, sprecht laut und deutlich, damit die Mikrofone euch auch verstehen und aufnehmen können.
Hier, ein paar Likes für euch und kostenlose Apps, bessere Kameras und sonstigen Schnickschnack.

Vielen Dank für die Mitarbeit und auch für euren Beitrag zu unserem Reichtum, mit freundlichen Grüßen: die auf der anderen Seite.

[Halle, 16.1.23]

Luftleeres Nichts

Wieder zu viele Bilder gesehen.
Diese Welt, in der alles so schön erscheint,
die nicht ist, nur in Deiner Vorstellung,
tausendfach Eindruck und Erinnerung;
sie ist nicht, was ist,
ist jetzt, hier, atmen,
das kalte Zimmer, Müdigkeit, Langeweile, Angst, der Geschmack von Marzipankugeln im Mund.

Meine Unsicherheit gegenüber anderen,
die vermeintlich keine Zweifel haben,
voll bei sich und in ihrem Element,
ganz sie selbst sind;
ich beneide diese Leute,
fühl mich klein vor ihnen,
werde zu meinem eigenen Schatten,
nicht ich selbst;
wer will schon mit einem Schatten befreundet sein,
hat ja jeder schon seinen eigenen.

Wie kann ich ich sein,
wenn mir der Raum dazu fehlt,
mich selbst zu verwirklichen,
wenn ich nicht weiß,
wo dieser Raum ist;
ich boxe in das luftleere Nichts,
das meine Schreie verschluckt.

Ich bewundere die Menschen,
denen ich ein gesundes Selbstwertgefühl andichte,
die schön sind und attraktiv und cool,
weil sie wissen, wer sie sind
und zu ihren Eigenheiten stehen;
manchmal kann ich das auch,
manchmal vergleiche ich mich noch zu oft,
manchmal lebe ich zu sehr in der Vergangenheit;
Ausgrenzung ist der Tod des Selbstwerts,
(damals war es wirklich unser Tod).

Meine Zeit kommt noch,
sagt meine Liebe und
die Stimme während der Meditation,
und wenn sie kommt, dann richtig.
Jeder lebt in seiner eigenen Zeitspur,
es gibt kein Muster und kein
Wahr oder Falsch,
keinen Zeitplan, der erfüllt werden muss.

Es gibt nur dich, jetzt, atmen,
mehr weißt du nicht und musst du nicht,
Freiheit ist, nicht zu wissen, was kommt, und dann:
Alles ist möglich.

(Halle, 10.10.2022)

Insthaargram

Mir träumte nun endlich wieder etwas Gräusliches. Bestimmt hatte meine Reise in den Iran vorletzte Woche etwas damit zu tun.

Wir, das waren meine Eltern und ich, aber auch noch ein paar Freunde, waren in einem Paradies von Garten. Wenn ich zurückdenke, könnte es der Naranjestan-Garten gewesen sein, aber vielleicht täuscht mich da auch schon die Erinnerung.

In diesem traumhaften Garten mit Springbrunnen, Palmen, exotischen Pflänzchen und Blumen spazierten auch einige Tiger mit ihren Kindern.

Tiger sind bei erster Betrachtung mit die schönsten Tiere, die es auf dieser Erde gibt, und doch auch die gefährlichsten. Sie machten allerdings nicht diesen Anschein, denn sie fraßen Pflanzen, lachten, und waren uns Menschen sehr gefällig.

Wie es aber in solchen Träumen eben so ist – dieser Zustand war nicht von Dauer. Denn plötzlich waren diese liebevollen Tierchen, auch die Baby-Tiger, hungrige, nach Blut dürstende Monster, die uns, einen nach dem anderen, in die Waden, sich dort fest bissen und nicht wieder losließen.

Ein Albtraum.

Wie in den vor 2500 Jahren in den Stein gemeißelten Bildern in Persepolis, wo die Löwen die Hirschen beißen (und vermutlich töten, aber wie diese Szenen ausgehen, kann man ja bei Stein-Bildern nie genau sagen, vielleicht machen sie den Hirschen ja nur einen ziemlich fiesen Knutschfleck).

Zum Glück befreite mich mein Gehirn bald von diesem grauenvollen Stress, und setzte mich auf einen Liegestuhl in die Sonne (vielleicht in Shiraz?).

So ein wunderbarer Moment, der muss gleich mal für Instagram zum Neidisch-Machen festgehalten werden. Ich ziehe noch schnell meine hochhackigen Schuhe an und fast ist das Foto fertig – Klick! Doch was ist das?!

Ich entdecke – und es ekelt mich an – meine Beinhaare, die an die 30 cm lang sind, einen dichten Flies ergeben und zusammen mit den Stilettos aussehen, als hätte ich dicke Winterstiefel aus Fell an.

Das ist ja schlimmer als die Tiger, hilfe, bitte fresst mich!

(Halle, 22.02.2018, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)