Gefangen im Kopf

Ich liege auf der Wiese, über mir grüne Blätter im Wind, in meinem Gesicht Sonne.
Nichtsahnend. Entspannung versuchend.
Plötzlich: Ich, in meinem Kopf gefangen. Ich, von innen anklopfend, schreiend. Lasst mich hier raus!

Gefangen in meinem Kopf, die Gedanken kreisen wild, stürmen wirbel,
saugen mich ein.
Jetzt sitze ich fest.
Was tat ich zuvor, was danach, wie geht normal leben?
Mein Kopf ein Stein, Betonklotz.
Ich will weinen, aber kann nicht.
Alles erscheint so schwer, unmöglich, gegen mich.
Oh, wie langweilig es hier doch ist, immer die selben angsterfüllten Gedanken. Enge, engst.
Ich klopfe, schlage von innen gegen meine Schädeldecke.
Lass mich hier raus!
Gerade eben noch war alles so leicht, wann ist das aus, wieso kann ich nicht einfach mal sein…

Entspannung misslungen. Wie ausbrechen?
Bewegung, ich fahre mit dem Fahrrad in Richtung eines in meinem Herzen wohnenden Menschen.
Begegnung, Kinderlachen, im Moment sein. Alles halb so wild.
Kannst jetzt wieder raus, Lena, war ein Missverständnis und nur aus Sicherheitsgründen.

Na, vielen Dank dafür, Quarantäne.

(Halle, 13.07.22)

Der Test

Alle sind da. Mehr, als mir lieb ist, vor allem, da ich anscheinend eine der letzten bin. Die Bänke im Mittelgang sind alle voll, was gewöhnlich nur noch an Weihnachten zur Kinderchristmette vorkommt. Das muss heute ja eine besondere Andacht sein, denke ich. Na gut. Ich versuche es auf der linken Seite, dort sitzen kaum Menschen und ich erspare mir die Blicke der anderen.

Die „anderen“, das sind die Lästertanten unserer Landjugend, die älteren, überwiegend männlichen Mitglieder, die sich über jeden lustig machen, so als wären sie über die Dinge erhaben, deren Blicke jedoch anderes erzählen. Gierig starren sie alles und allem hinterher, aus dem sie ihre voyeuristischen Freuden ziehen können, sie lachen selbstgefällig in ihrer Unsicherheit, die sie mit der falschen Stärke der Gruppe kaschieren. Tief drinnen haben sie vor ihren eigenen „Freunden“ Angst, vor ihrer eigenen Sexualität, vor sich selbst. Aber das sag ihnen mal. Damals wusste ich das auch nicht, damals war ich auch nur Opfer ihrer Blicke und Zungen, fühlte mich nackt und versuchte, mich dieses ekligen Gefühls mit genug Alkohol zu entledigen.

Das war damals.

Heute weiß ich, wer ich bin, weiß, wie ich aussehe, wie ich wirke. Weiß um ihre Unsicherheit, mit der ich nur allzu gern spiele.

Links ist es mir zu langweilig, da sitzen nur die Alten mit ihren Enkelinnen. Also spaziere ich, in meinem aufsehenerregenden Outfit, einmal quer durch die Kirche, an den Lästerschwestern vorbei, denen ich kühl zunicke, und sie rufen: Hee, Lena, geh doch ned einfach vorbei!

Ich suche mir eine Ecke, in der noch Platz ist, und setze mich neben drei mir bekannte Mädls, die zwar nicht zu den beliebtesten gehören, aber mich wenigstens in Ruhe lassen und nett sind.

Meines provokanten, für die Kirche unangebrachten Outfits bin ich mir bewusst. Ich trage Schuhe mit sehr hohem Absatz, Kniestrümpfe, ein rotes Kleid bis kurz über die Knie und darüber ein Korsett, das meine weibliche Figur schmeichelhaft betont. Für mich ein sehr untypisches Outfit, und ich würde mich über mich selbst wundern, wäre da nicht jemand, den ich damit beeindrucken will, und dem ich zeigen will, was er all die Jahre verpasst hat.

Dieser Jemand setzt sich gerade in die Bank hinter mich, ich spüre seinen Blick auf mir, und für ein paar Sekunden spiele ich die Unwissende, Unbeeindruckte. So als beruhte dieser ganze Traum nicht auf unserer Begegnung, so als wäre das alles tatsächlich rein zufällig.

Plötzlich drehe ich mich um und blicke ihm tief in die Augen.

„Hej.“

„Hi Lena, wusste gar nicht, dass du auch da bist.“

„Ja, hat sich so ergeben.“

Ich grinse. Er steht auf, und sagt noch etwas, was genau, ist mir entfallen, es spielt auch keine Rolle, ich stehe ebenfalls auf, ich spüre die Energie zwischen uns, es knistert, ich bin sicher, die anderen neben und hinter uns in den Bänken können es auch hören. In meinem Kopf tuscheln sie schon: Uh, schau mal, wer da wieder anbandelt. Die sind aber auch perfekt zusammen, so ein schönes Paar. Soso, hat er nicht Frau und Kind?

Letzteres ist mir bewusst, und wir reden doch auch nur miteinander, puuh, ist mir heiß, wir lachen, berühren uns gegenseitig an Armen und Händen. Mein Herz klopft wie wild, ich muss hier raus, das ist kein keusches, kirchenangemessenes Gespräch mehr, das geht weit über eine freundschaftliche Unterhaltung zwischen Menschen, die vor langer, langer Zeit sich liebten, hinaus. Ich sage, ich komme gleich wieder, und verschwinde schnellen Schrittes aus der Kirche.

Frische, kühle Luft, frische, kühle Luft. Tief atme ich ein, mit geschlossenen Augen.

Als ich sie wieder öffne, befinde ich mich in einem anderen Raum. Nackte, hohe weiße Wände, ein wenig der Kirche nachempfunden. Am Ende des Ganges erkenne ich eine menschliche Silhouette, lässig lehnt sie an der Wand und blickt mir entgegen. Als ich mich ihr nähere, erkenne ich, dass es sich um eine lebensgroße Puppe handelt, die meinem ersten Freund nachempfunden ist. Sie ist so angezogen wie er, hat seine Haare, aber sie hat kein Gesicht. Er ist nur eine Puppe. Was zur…?

„Tjaja, das war ein Test, meine Liebe.“

Sagt da eine spöttische Stimme hinter mir. Es ist ein glatzköpfiger Mann in Kutte, den ich nicht kenne.

„Und du hast leider kläglich versagt. Deine Gefühle sind noch da, du wirst noch immer beherrscht von ihnen, und von deinem Körper. Tjaja, das verheißt nichts Gutes.“

Ich bin so verdutzt, ich bringe kein Wort heraus.

„Ich kann dir nur raten, hüte dich. Wenn du vollenden willst, was dir zu tun aufgetragen ist, hüte dich, und beherrsche dich gefälligst. Wir zählen auf dich. Dieser Test hat uns gezeigt, wie schnell du wieder verfallen wärst, mit Betonung auf Falle, und nächstes Mal kommst du vielleicht nicht einfach heraus. Nächstes Mal ist das vielleicht echt!“

Er schlägt gegen einen riesigen Gong.

Und ich erwachte.

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[Regensburg, 13.02.24]

Pferdeflüsterin

Vor ein paar Tagen träumte ich doch tatsächlich: 

Ich unterhalte mich mit diesem Pferd, einem wunderschönen Hengst. Er ist lustig, bringt mich die ganze Zeit zum Lachen, einfach wunderbar, dieser Typ. Ich fühle mich pferdewohl (pudelwohl ja eher nicht), als mir ein guter Freund zuflüstert, dass er es ja wohl eindeutig sei. – Wer? – Na er, er ist der, mit dem du dein Leben verbringen solltest. Er, der dich zum Lachen bringt wie sonst keiner, mit dem du einfach nur glücklich sein kannst und der dich nicht schwerer und zu jemandem anderen macht, die du gar nicht bist. – Das Pferd? Ja wohl in diesem Universum nicht! – Wer sagt dir, dass du noch in „diesem“ Universum bist?

(Kraków, 18.02.2017, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

Die Traum-Macherin

Irgendwer, vielleicht sogar ich, war der, der die Träume macht. Aus verschiedensten Szenarien und Bildern und Gerüchen und Düften baute ich einen Traum. Viele Träume für viele Menschen. Und doch war da nur dieser eine, der sich mir ins Gedächtnis einbrannte. Er mit ihr, wunderschön anzusehen und gar lieblich als Paar, spazieren durch die Menge. Auf der Party, auf der er eigentlich nicht sein hätte dürfen. Vor allem nicht mit ihr, war sie nicht verreist? Die kaputten Teile meines Herzens entfernen sich noch weiter voneinander – bah, Kitsch, fühlt sich aber so an, sorry – und gleichzeitig weiß ich, dass ich diejenige bin, die diesen Traum, diese Szene erst gemacht hat. Anscheinend will ich mich leiden sehen. Maso maso. Also bin ich aufgewacht. Mach mir jetzt meinen eigenen Traum in der echten Welt. Irgendwie.

(Halle, 26.11.2016, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

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In nächster Zeit zeige ich euch hier ein paar meiner skurrilen Träume, ältere Texte, die ich damals auf Tumblr gestellt habe. Für neue Texte fehlt mir gerade wegen gesundheitlicher Probleme und eines größeren Schreibprojekts (🥳) Zeit und v.a. (kreative) Energie 🙂

Wo Deine Kreativität erblüht

Es ist unbequem. Du befindest Dich nicht in einer rosawatteweichen Wolke, Du trittst hinaus aus Deiner sicheren Umgebung. Du bist allein. Du befindest Dich in einem Café mit konstantem Geräuschpegel. Du beobachtest, ohne zu urteilen. Du fühlst. Alles, etwas. Du hinterfragst vieles, auch Deine Rolle in der Welt. Du erkennst die Schatten an der Wand und trittst aus der Höhle. Du fühlst Dich mehr wie die Beobachterin, mehr wie die Fotografin als die Fotografierte. Dein Herz quillt über. Du bist in der Natur und spürst Alles und Nichts. Du löst dich auf. Du vergisst Dich. Stille. Langeweile, lass sie zu. Meditation: Du findest Deine Mitte. Du begegnest einer anderen inspirierten Seele, im Gespräch oder über deren Kunst. Du gehst einer monotonen, gleichmäßigen Tätigkeit nach. Du gehst spazieren. Du machst Sport. Du hast den Mut, Deine inneren Bilder zuzulassen. Unbequemes auszusprechen. Dich Deinen Schatten zu stellen. Dich selbst zu akzeptieren. Zu lieben.


[Essenbach, 10.01.2024]


Wo und wann seid ihr kreativ? Welche Bedingungen müssen für euch vorherrschen?

Es gibt nichts zu verlieren

Ich erzähle schon wieder Märchen. Diese andere Stadt gibt es nicht. Noch nicht.

Meine Erinnerungen verschwimmen mit den vielen Geschichten, mit meinen Träumen, Wünschen.

Heute ist etwas anders, aber noch lange nicht zu Ende. Ich bin jetzt eine von denen, die nichts mehr sagen, oder die sich nur noch in Bildern ausdrücken. Ich wohne außerhalb der Stadt, glaube ich, dunkle Szenen eines Busses vor Augen und von Männern, die mich hineinzerren, andere, verzweifelte Augenpaare auf mich gerichtet. Wir wohnen im Wald, glaube ich, ganz glücklich und auch nicht, weil wir wissen, dass da etwas völlig falsch läuft, weil wir wissen, und so viele nicht. Und weil wir nichts tun können, und wer weiß, aber nichts tun kann, flüchtet sich in Fantasiewelten und sein Gehirn verdrängt aus Verzweiflung.

Da waren jedoch diese vielen Bilder in mir, die hinausdrängten, also besorgte ich mir auf sehr umständliche Weise (sie verbieten uns hier im Wald Stift und Papier, aber wie das so ist mit Gefängnissen, du bekommst auf die ein oder andere Weise doch noch alles, was du willst) etwas zu schreiben. Vielleicht ist die Welt schon so, wie ich sie mir nach der Entdeckung der Unterirdischen Seen erträumte. Aber wären wir dann noch hier?

Der Bär sitzt drüben in seiner Ecke unter der großen Weide, zieht an seiner Pfeife (er hat sie sich mangels industriegefertigter Zigaretten selbst geschnitzt) und blickt den ganzen Tag auf den See. Als ich neu in den Wald kam, blickte er mich nur kurz traurig an und verkroch sich wieder in sich zurück.

Viele von uns haben schon aufgegeben, sie sitzen und warten auf ihre Erlösung.

Auch ich habe solche Tage, an denen ich mir nur wünsche, nicht mehr aufstehen zu müssen, wozu das auch alles. An anderen Tagen denke ich rebellischer, alles in mir steht auf gegen diese Ungerechtigkeit, gegen diese Stadt, gegen die Herrschenden. Irgendetwas haben sie aber mit meinem Gedächtnis gemacht, oder es waren die Unterirdischen Seen, denn ich erinnere mich an nichts. Gleich einem schwarzen Loch haben sie mir jegliche Informationen über meine Vergangenheit und meine Zukunft weggesaugt, und wenn ich sage, ich rege mich auf, dann ist das eher ein unbestimmtes Gefühl, eine Kraft in mir, die sich gegen diese Verlorenheit wehrt.

Wenn ich weder Gestern noch Morgen habe, worüber dann aufregen?

Ich bin im Wald, auf moosigem Boden, mit einer kleinen Hütte unter einem Tannenbaum, unweit des dunkelgrünen Sees. Ich fische mir einen Fisch, brate ihn über dem Feuer, teile ihn mit den anderen, denen es ähnlich geht wie mir. Heute bei mir, morgen bei dir, übermorgen alle zusammen.

Wozu kämpfen, wenn alles sinnlos scheint? Wozu aufstehen, wozu arbeiten, wozu irgendwas tun, wenn du weißt, du bist lediglich eine kleine Figur in der großen weiten Arena, und die dort oben lachen dich aus oder wollen dich einfach nur sterben sehen? Wozu noch Mühe geben?

Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, damit ihr, die ihr das lest, euch verbündet, damit ihr etwas tut, damit ihr aufsteht und gegen diese allzumfassende Ungerechtigkeit kämpft. Befreit uns von unserer Last des Wissens, befreit uns von unserer Ohnmacht. Ihr, die ihr das lest, verzeiht mir meine Schwächen, meine jahrelange Flucht, mein Nichtstun. Macht es bitte besser als wir, für euch, für uns, für alle, wir sind eins. Wenn ihr Hilfe braucht, holt uns hier raus – in unserem Zustand des Nichts sind wir für alles bereit. Es gibt nichts zu verlieren.


Dies ist, abgesehen vom Epilog, das Ende meines noch nicht existierenden Romans, an dem ich ab und an schreibe, und der mir schon lange im Hinterkopf sitzt. An dem ich verzweifle, weil ich zwischendurch nicht weiß, wie es weitergehen soll. Hier hatte ich wohl einen guten Moment, ich hatte diese Zeilen ganz vergessen. Vielleicht wird eines Tages ja doch noch ein ganzes Buch draus, mit mehr Motivation durch außen? 😉

Eine Entführung für kurze Zeit

Es war an einem wunderschönen Nachmittag im Herbst 2003, als Katja das Laub draußen im Garten zusammenrechte, um danach vom Baumhaus in den Laubhaufen zu springen. Katja war elf Jahre alt und war groß, schlank und schön. Sie war allein zu Hause, denn ihre Mutter Gabriele war beim Einkaufen. Um fünf Uhr ging Katja ins Haus, um sich von ihrem Zimmer ein Buch zu holen, denn sie wollte unten im Wohnzimmer lesen.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer entdeckte sie auf der Terrasse zwei fremde Männer. Sie fummelten an dem Schloss herum, als ob die herein und etwas klauen wollten. Vorsichtig schlich sich Katja ins Wohnzimmer zur Couch, um sich dahinter zu verstecken. Doch sie war zu unvorsichtig gewesen, denn jetzt hatten die Banditen Katja entdeckt. Sie brauchen die Terrassentür zu schnell auf, als dass sich Katja verstecken konnte. Das Mädchen wollte weglaufen, doch ihre Beine waren wie erstarrt. Auch ihr Mund wollte und wollte nicht aufgehen. Die beiden Männer stürzten sich auf Katja und hielten sie fest, dass sie nicht laufen konnte, dabei rieten sie Katja: „Ich würde lieber den Mund halten, bevor es zum Streit kommt. Du gehst jetzt schön brav mit uns mit und solange du nicht um Hilfe schreist, wird dir nichts passieren.“

Katja bemerkte, dass sie es sehr eilig hatten und wollte herausfinden, warum. Sie sagte: „Meine Mutter ist hier im Haus, aber nicht hier, sondern im Keller.“ Dieser schlichte Satz hatte eine gewaltige Wirkung auf die beiden Banditen. Sie packten Katja so fest, dass es weh tat, und stürmten aus der Terrassentür wie die Wilden. Die zwei gewalttätigen Männer gingen flott durch kleine Gassen und Straßen und dabei kam der armen Katja ein glänzender Gedanke. Sie wollte die zwei Fremden fragen, wer ihr Lieblingssänger wäre. Und das tat Katja dann auch. Sie fragte interessiert: „Wer ist denn euer Lieblingssänger?“ Einer der Männer antwortete gelangweilt: „Ach dieser Robbie Williams und diese Nicole Kidman sind ganz gut, doch unser Lieblingssänger ist DJ Bobo. Dam, Bam, Dam, Dam, Bam!“ Doch nach einer Weile fragte der zweite der Männer: „Wieso fragst du? Und wer ist eigentlich dein Lieblingssänger?“ „Ach, ich frage nur so, und meine Lieblingssängerin ist Britney Spears… Wann sind wir nun endlich da?“, fragte und antwortete Katja zugleich.

Keiner antwortete. Es dauerte und dauerte, doch die beiden Entführer blieben nicht stehen. Es war so still, als ob sie schon längst aus der Stadt heraus wären. Doch da! Eine alte, sehr alte Fabrik war zu sehen und die beiden Rinder, wie Katja immer zu Männern sagte, steuerten direkt auf sie zu. Die Fabrik bestand aus nur einem einzigen Fenster und aus einer winzigen Tür. Katja überlegte sich schon seit einiger Zeit einen Fluchtplan, nur wie sollte sie hier wegkommen?

Die zwei Erwachsenen und das eine Kind gingen geradewegs zur Tür, machten sie auf und kamen sogleich in ein großes, großes Zimmer, das mit vielen Bildern von DJ Bobo behangen war. Da! Was rumorte denn da? War es etwa Katjas Bauch? Hatte sie Hunger? Ohje, sollte sie es den beiden Rindern sagen? Da kam blitzschnell eine Idee geflogen, wo sie wohl herkam? Katja bastelte und bastelte an der Idee herum, doch ihr fiel nichts Besseres ein. Da beschloss sie, die Idee auszuprobieren.

„Ihr sagtet doch, euer Lieblingssänger wäre DJ Bobo?“ „Ja, warum fragst du?“ Katja antwortete geheimnistuerisch: „Weil es ein Konzert gibt von ihm in München.“ „Wirklich?“ „Ja.“ „Und wann?“ „Ach, so im Herbst, äh, ich meine im Oktober in der Olympiahalle.“ Die zwei Zuhörer schauten sich mit offenem Mund an und sprachen wie aus einem Mund: „Da-da müssen wir hin!“ Das Mädchen lachte in sich hinein, denn sie wusste nicht einmal, ob das wahr war, was sie da vor sich her plapperte. Wie am Anfang geschrieben, war gerade Herbst, doch nicht September, sondern Oktober. Und da hatte Katja ein leichtes Spiel, denn sie sagte, dass das Konzert schon morgen in der Früh um sieben Uhr beginne. Da schlugen die Männer die Hände vor den Mund und stotterten: „Ohje, wie kommen wir da hin? Wir haben kein Auto und zu Fuß kommen wir da niiie hin!“

Katja war jedoch anderer Meinung und sagte: „Doch, ihr kommt schon hin, nur müsstet ihr heute schon gehen, denn, naja, sonst kommt ihr nie hin!“ „Okay“, antwortete es wie im Chor. Doch was war mit der Tür? Die würden sie doch sicher schließen? Doch Katja hatte sich auch das schon überlegt. „Wenn ihr den Weg nicht kennt, was dann?“ Aber die Männer wussten schon, wie sie das anfangen wollten. Sie hatten zwei Walkie Talkies, mit denen sie funken konnten. Doch das schlaue Mädchen fragte, wie das gehen sollte, denn sie hatten keinen richtigen Funk, wenn keine Tür offen stand? Die Männer überlegten: „Naja, wir können natürlich die Tür offen lassen, denn dir können wir vertrauen.“ Katja glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Waren die beiden wirklich nur ein einziges Mal in der Banditenschule gewesen? Wahrscheinlich nicht.

Schon um acht Uhr abends gingen die zwei dummen Entführer los, um ja nichts zu versäumen. „Wie kann man nur sooo dumm sein wie diese beiden. Nur wegen so einem Sänger, hihihi!“, dachte sich Katja kichernd. Doch länger durfte Katja nicht über diese Menschen spaßen, denn sie konnten ja noch drauf kommen, dass das Ganze nur ein Trick gewesen war. So schnell wie möglich ging Katja nach Hause. Sie hatte schon mächtigen Hunger, und so viel sie wusste, gab es heute Abend Spaghetti mit Tomatensoße und das war Katjas Lieblingsspeise. „Was werde ich Mutti sagen? Vielleicht, dass ich das Mathebuch vergessen habe? Okay, das sage ich ihr“, dachte sich das Mädchen. Als sie zu Hause ankam, schaute ihre Mutter schon fragend drein. „Ich habe das Mathebuch vergessen. Ach was! Ich war noch ein bisschen bei Diana“, log Katja schnell zusammen. Von jetzt an war wieder alles in Ordnung. Doch die Gangster, die Gangster ließen sich nie wieder blicken, denn schlaue Mädchen darf man nicht entführen!

Ende gut, alles gut!

[E., 16.03.2002, eine Geschichte also, die ich mit zehn Jahren geschrieben habe]

Oma ohne Augen – eine Gruselgeschichte

Heute morgen schlief ich noch einmal ein und mir träumte etwas wahrlich Gruseliges.

Der Traum spielte in Regensburg, in dem Reihenhaus, in dem meine Großeltern bis vor einem Jahr noch gewohnt haben, wo meine Mama aufgewachsen ist und ich irgendwie auch, dort, wo sie für immer wohnen und ich sie immer besuchen werde.

Statt vorne an der Haustür zu klingeln, ging ich hintenrum, über den Garten, das war schon immer der schönere Weg und hinten war auch meistens die Tür offen. Ich kam, um meine Oma zu besuchen, oder auf sie aufzupassen, oder beides, mittlerweile ist das fast dasselbe. Die Gärten sahen anders aus, weniger gepflegt, aber auch kein Wunder, die Natur erobert sich Erinnerungen zurück wie die Orte, an denen sie leben.

Ich öffnete das quietschende Gartentor und verschloss es hinter mir mit dem Riegel. Ich ging vorbei an den Gemüsebeeten, den Tomaten, dem schönen, perfekt gewachsenen Apfelbaum in der Mitte. So viele bunte Blumen.

„Griasde, Oma!“, rief ich vorsichtshalber, um sie nicht zu erschrecken, wenn ich jetzt zur Tür hereinspazierte.

„Lena, schnell, komm her!“, hörte ich meine Oma panisch aus der Küche rufen, und beeilte mich jetzt.

Als ich ins Esszimmer trete, sitzt da meine Oma auf der Eckbank und glotzt mich aus leeren, schwarzen Augenhöhlen an. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Das rechte Auge liegt vor ihr auf dem Tisch, das linke hängt noch an einem Strang aus dessen Höhle heraus.

„Lena, bitte, du musst mir meine Augen wieder einsetzen, sie san mir rausgfallen, wie ich meine Brille richten wollt“, krächzt sie schwer verständlich, noch schwerer als sonst, seit sie wegen Parkinson so Schwierigkeiten damit hat.

Ich sehe leere Pringles—Chipsdosen vor ihr stehen und in einer Art Rückblende (Träume sind eben wie Filme) meine Oma mit den Chipsdosen auf ihr Gesicht schlagen, die Ränder der Öffnungen in Richtung ihrer Augen. Hä? Was wollte sie denn damit erreichen?

Das Ergebnis ihres Experiments liegt nun vor mir, und verzweifelt weine ich, sie müsse in so einem Fall doch den Krankenwagen rufen und nicht mich. Was sollte ich mit Augäpfeln tun, barg ich sie wie abgeschnittene Finger in Eiswürfeln? Konnte ich sie einfach einsetzen und dann funktionierten sie wieder? Immerhin war das doch ein Traum, oder?

Ich weiß nicht, wie es ausgegangen ist, ich bin zum Glück aufgewacht. Als ich hinunter zum Frühstück gehe, sitzt meine Oma zeitunglesend und espressotrinkend am Esstisch, mit beiden gesunden Augen blickt sie mich munter an. Welchem Geist bist du denn begegnet? Wundert sie sich und beisst in einen Butterkeks.

[E., 17.10.23]

Derzeitige Tischdekoration in der „Mischbattrie“ in Halle/Saale