Wo Deine Kreativität erblüht

Es ist unbequem. Du befindest Dich nicht in einer rosawatteweichen Wolke, Du trittst hinaus aus Deiner sicheren Umgebung. Du bist allein. Du befindest Dich in einem Café mit konstantem Geräuschpegel. Du beobachtest, ohne zu urteilen. Du fühlst. Alles, etwas. Du hinterfragst vieles, auch Deine Rolle in der Welt. Du erkennst die Schatten an der Wand und trittst aus der Höhle. Du fühlst Dich mehr wie die Beobachterin, mehr wie die Fotografin als die Fotografierte. Dein Herz quillt über. Du bist in der Natur und spürst Alles und Nichts. Du löst dich auf. Du vergisst Dich. Stille. Langeweile, lass sie zu. Meditation: Du findest Deine Mitte. Du begegnest einer anderen inspirierten Seele, im Gespräch oder über deren Kunst. Du gehst einer monotonen, gleichmäßigen Tätigkeit nach. Du gehst spazieren. Du machst Sport. Du hast den Mut, Deine inneren Bilder zuzulassen. Unbequemes auszusprechen. Dich Deinen Schatten zu stellen. Dich selbst zu akzeptieren. Zu lieben.


[Essenbach, 10.01.2024]


Wo und wann seid ihr kreativ? Welche Bedingungen müssen für euch vorherrschen?

Es gibt nichts zu verlieren

Ich erzähle schon wieder Märchen. Diese andere Stadt gibt es nicht. Noch nicht.

Meine Erinnerungen verschwimmen mit den vielen Geschichten, mit meinen Träumen, Wünschen.

Heute ist etwas anders, aber noch lange nicht zu Ende. Ich bin jetzt eine von denen, die nichts mehr sagen, oder die sich nur noch in Bildern ausdrücken. Ich wohne außerhalb der Stadt, glaube ich, dunkle Szenen eines Busses vor Augen und von Männern, die mich hineinzerren, andere, verzweifelte Augenpaare auf mich gerichtet. Wir wohnen im Wald, glaube ich, ganz glücklich und auch nicht, weil wir wissen, dass da etwas völlig falsch läuft, weil wir wissen, und so viele nicht. Und weil wir nichts tun können, und wer weiß, aber nichts tun kann, flüchtet sich in Fantasiewelten und sein Gehirn verdrängt aus Verzweiflung.

Da waren jedoch diese vielen Bilder in mir, die hinausdrängten, also besorgte ich mir auf sehr umständliche Weise (sie verbieten uns hier im Wald Stift und Papier, aber wie das so ist mit Gefängnissen, du bekommst auf die ein oder andere Weise doch noch alles, was du willst) etwas zu schreiben. Vielleicht ist die Welt schon so, wie ich sie mir nach der Entdeckung der Unterirdischen Seen erträumte. Aber wären wir dann noch hier?

Der Bär sitzt drüben in seiner Ecke unter der großen Weide, zieht an seiner Pfeife (er hat sie sich mangels industriegefertigter Zigaretten selbst geschnitzt) und blickt den ganzen Tag auf den See. Als ich neu in den Wald kam, blickte er mich nur kurz traurig an und verkroch sich wieder in sich zurück.

Viele von uns haben schon aufgegeben, sie sitzen und warten auf ihre Erlösung.

Auch ich habe solche Tage, an denen ich mir nur wünsche, nicht mehr aufstehen zu müssen, wozu das auch alles. An anderen Tagen denke ich rebellischer, alles in mir steht auf gegen diese Ungerechtigkeit, gegen diese Stadt, gegen die Herrschenden. Irgendetwas haben sie aber mit meinem Gedächtnis gemacht, oder es waren die Unterirdischen Seen, denn ich erinnere mich an nichts. Gleich einem schwarzen Loch haben sie mir jegliche Informationen über meine Vergangenheit und meine Zukunft weggesaugt, und wenn ich sage, ich rege mich auf, dann ist das eher ein unbestimmtes Gefühl, eine Kraft in mir, die sich gegen diese Verlorenheit wehrt.

Wenn ich weder Gestern noch Morgen habe, worüber dann aufregen?

Ich bin im Wald, auf moosigem Boden, mit einer kleinen Hütte unter einem Tannenbaum, unweit des dunkelgrünen Sees. Ich fische mir einen Fisch, brate ihn über dem Feuer, teile ihn mit den anderen, denen es ähnlich geht wie mir. Heute bei mir, morgen bei dir, übermorgen alle zusammen.

Wozu kämpfen, wenn alles sinnlos scheint? Wozu aufstehen, wozu arbeiten, wozu irgendwas tun, wenn du weißt, du bist lediglich eine kleine Figur in der großen weiten Arena, und die dort oben lachen dich aus oder wollen dich einfach nur sterben sehen? Wozu noch Mühe geben?

Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, damit ihr, die ihr das lest, euch verbündet, damit ihr etwas tut, damit ihr aufsteht und gegen diese allzumfassende Ungerechtigkeit kämpft. Befreit uns von unserer Last des Wissens, befreit uns von unserer Ohnmacht. Ihr, die ihr das lest, verzeiht mir meine Schwächen, meine jahrelange Flucht, mein Nichtstun. Macht es bitte besser als wir, für euch, für uns, für alle, wir sind eins. Wenn ihr Hilfe braucht, holt uns hier raus – in unserem Zustand des Nichts sind wir für alles bereit. Es gibt nichts zu verlieren.


Dies ist, abgesehen vom Epilog, das Ende meines noch nicht existierenden Romans, an dem ich ab und an schreibe, und der mir schon lange im Hinterkopf sitzt. An dem ich verzweifle, weil ich zwischendurch nicht weiß, wie es weitergehen soll. Hier hatte ich wohl einen guten Moment, ich hatte diese Zeilen ganz vergessen. Vielleicht wird eines Tages ja doch noch ein ganzes Buch draus, mit mehr Motivation durch außen? 😉

Eine Entführung für kurze Zeit

Es war an einem wunderschönen Nachmittag im Herbst 2003, als Katja das Laub draußen im Garten zusammenrechte, um danach vom Baumhaus in den Laubhaufen zu springen. Katja war elf Jahre alt und war groß, schlank und schön. Sie war allein zu Hause, denn ihre Mutter Gabriele war beim Einkaufen. Um fünf Uhr ging Katja ins Haus, um sich von ihrem Zimmer ein Buch zu holen, denn sie wollte unten im Wohnzimmer lesen.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer entdeckte sie auf der Terrasse zwei fremde Männer. Sie fummelten an dem Schloss herum, als ob die herein und etwas klauen wollten. Vorsichtig schlich sich Katja ins Wohnzimmer zur Couch, um sich dahinter zu verstecken. Doch sie war zu unvorsichtig gewesen, denn jetzt hatten die Banditen Katja entdeckt. Sie brauchen die Terrassentür zu schnell auf, als dass sich Katja verstecken konnte. Das Mädchen wollte weglaufen, doch ihre Beine waren wie erstarrt. Auch ihr Mund wollte und wollte nicht aufgehen. Die beiden Männer stürzten sich auf Katja und hielten sie fest, dass sie nicht laufen konnte, dabei rieten sie Katja: „Ich würde lieber den Mund halten, bevor es zum Streit kommt. Du gehst jetzt schön brav mit uns mit und solange du nicht um Hilfe schreist, wird dir nichts passieren.“

Katja bemerkte, dass sie es sehr eilig hatten und wollte herausfinden, warum. Sie sagte: „Meine Mutter ist hier im Haus, aber nicht hier, sondern im Keller.“ Dieser schlichte Satz hatte eine gewaltige Wirkung auf die beiden Banditen. Sie packten Katja so fest, dass es weh tat, und stürmten aus der Terrassentür wie die Wilden. Die zwei gewalttätigen Männer gingen flott durch kleine Gassen und Straßen und dabei kam der armen Katja ein glänzender Gedanke. Sie wollte die zwei Fremden fragen, wer ihr Lieblingssänger wäre. Und das tat Katja dann auch. Sie fragte interessiert: „Wer ist denn euer Lieblingssänger?“ Einer der Männer antwortete gelangweilt: „Ach dieser Robbie Williams und diese Nicole Kidman sind ganz gut, doch unser Lieblingssänger ist DJ Bobo. Dam, Bam, Dam, Dam, Bam!“ Doch nach einer Weile fragte der zweite der Männer: „Wieso fragst du? Und wer ist eigentlich dein Lieblingssänger?“ „Ach, ich frage nur so, und meine Lieblingssängerin ist Britney Spears… Wann sind wir nun endlich da?“, fragte und antwortete Katja zugleich.

Keiner antwortete. Es dauerte und dauerte, doch die beiden Entführer blieben nicht stehen. Es war so still, als ob sie schon längst aus der Stadt heraus wären. Doch da! Eine alte, sehr alte Fabrik war zu sehen und die beiden Rinder, wie Katja immer zu Männern sagte, steuerten direkt auf sie zu. Die Fabrik bestand aus nur einem einzigen Fenster und aus einer winzigen Tür. Katja überlegte sich schon seit einiger Zeit einen Fluchtplan, nur wie sollte sie hier wegkommen?

Die zwei Erwachsenen und das eine Kind gingen geradewegs zur Tür, machten sie auf und kamen sogleich in ein großes, großes Zimmer, das mit vielen Bildern von DJ Bobo behangen war. Da! Was rumorte denn da? War es etwa Katjas Bauch? Hatte sie Hunger? Ohje, sollte sie es den beiden Rindern sagen? Da kam blitzschnell eine Idee geflogen, wo sie wohl herkam? Katja bastelte und bastelte an der Idee herum, doch ihr fiel nichts Besseres ein. Da beschloss sie, die Idee auszuprobieren.

„Ihr sagtet doch, euer Lieblingssänger wäre DJ Bobo?“ „Ja, warum fragst du?“ Katja antwortete geheimnistuerisch: „Weil es ein Konzert gibt von ihm in München.“ „Wirklich?“ „Ja.“ „Und wann?“ „Ach, so im Herbst, äh, ich meine im Oktober in der Olympiahalle.“ Die zwei Zuhörer schauten sich mit offenem Mund an und sprachen wie aus einem Mund: „Da-da müssen wir hin!“ Das Mädchen lachte in sich hinein, denn sie wusste nicht einmal, ob das wahr war, was sie da vor sich her plapperte. Wie am Anfang geschrieben, war gerade Herbst, doch nicht September, sondern Oktober. Und da hatte Katja ein leichtes Spiel, denn sie sagte, dass das Konzert schon morgen in der Früh um sieben Uhr beginne. Da schlugen die Männer die Hände vor den Mund und stotterten: „Ohje, wie kommen wir da hin? Wir haben kein Auto und zu Fuß kommen wir da niiie hin!“

Katja war jedoch anderer Meinung und sagte: „Doch, ihr kommt schon hin, nur müsstet ihr heute schon gehen, denn, naja, sonst kommt ihr nie hin!“ „Okay“, antwortete es wie im Chor. Doch was war mit der Tür? Die würden sie doch sicher schließen? Doch Katja hatte sich auch das schon überlegt. „Wenn ihr den Weg nicht kennt, was dann?“ Aber die Männer wussten schon, wie sie das anfangen wollten. Sie hatten zwei Walkie Talkies, mit denen sie funken konnten. Doch das schlaue Mädchen fragte, wie das gehen sollte, denn sie hatten keinen richtigen Funk, wenn keine Tür offen stand? Die Männer überlegten: „Naja, wir können natürlich die Tür offen lassen, denn dir können wir vertrauen.“ Katja glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Waren die beiden wirklich nur ein einziges Mal in der Banditenschule gewesen? Wahrscheinlich nicht.

Schon um acht Uhr abends gingen die zwei dummen Entführer los, um ja nichts zu versäumen. „Wie kann man nur sooo dumm sein wie diese beiden. Nur wegen so einem Sänger, hihihi!“, dachte sich Katja kichernd. Doch länger durfte Katja nicht über diese Menschen spaßen, denn sie konnten ja noch drauf kommen, dass das Ganze nur ein Trick gewesen war. So schnell wie möglich ging Katja nach Hause. Sie hatte schon mächtigen Hunger, und so viel sie wusste, gab es heute Abend Spaghetti mit Tomatensoße und das war Katjas Lieblingsspeise. „Was werde ich Mutti sagen? Vielleicht, dass ich das Mathebuch vergessen habe? Okay, das sage ich ihr“, dachte sich das Mädchen. Als sie zu Hause ankam, schaute ihre Mutter schon fragend drein. „Ich habe das Mathebuch vergessen. Ach was! Ich war noch ein bisschen bei Diana“, log Katja schnell zusammen. Von jetzt an war wieder alles in Ordnung. Doch die Gangster, die Gangster ließen sich nie wieder blicken, denn schlaue Mädchen darf man nicht entführen!

Ende gut, alles gut!

[E., 16.03.2002, eine Geschichte also, die ich mit zehn Jahren geschrieben habe]

Oma ohne Augen – eine Gruselgeschichte

Heute morgen schlief ich noch einmal ein und mir träumte etwas wahrlich Gruseliges.

Der Traum spielte in Regensburg, in dem Reihenhaus, in dem meine Großeltern bis vor einem Jahr noch gewohnt haben, wo meine Mama aufgewachsen ist und ich irgendwie auch, dort, wo sie für immer wohnen und ich sie immer besuchen werde.

Statt vorne an der Haustür zu klingeln, ging ich hintenrum, über den Garten, das war schon immer der schönere Weg und hinten war auch meistens die Tür offen. Ich kam, um meine Oma zu besuchen, oder auf sie aufzupassen, oder beides, mittlerweile ist das fast dasselbe. Die Gärten sahen anders aus, weniger gepflegt, aber auch kein Wunder, die Natur erobert sich Erinnerungen zurück wie die Orte, an denen sie leben.

Ich öffnete das quietschende Gartentor und verschloss es hinter mir mit dem Riegel. Ich ging vorbei an den Gemüsebeeten, den Tomaten, dem schönen, perfekt gewachsenen Apfelbaum in der Mitte. So viele bunte Blumen.

„Griasde, Oma!“, rief ich vorsichtshalber, um sie nicht zu erschrecken, wenn ich jetzt zur Tür hereinspazierte.

„Lena, schnell, komm her!“, hörte ich meine Oma panisch aus der Küche rufen, und beeilte mich jetzt.

Als ich ins Esszimmer trete, sitzt da meine Oma auf der Eckbank und glotzt mich aus leeren, schwarzen Augenhöhlen an. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Das rechte Auge liegt vor ihr auf dem Tisch, das linke hängt noch an einem Strang aus dessen Höhle heraus.

„Lena, bitte, du musst mir meine Augen wieder einsetzen, sie san mir rausgfallen, wie ich meine Brille richten wollt“, krächzt sie schwer verständlich, noch schwerer als sonst, seit sie wegen Parkinson so Schwierigkeiten damit hat.

Ich sehe leere Pringles—Chipsdosen vor ihr stehen und in einer Art Rückblende (Träume sind eben wie Filme) meine Oma mit den Chipsdosen auf ihr Gesicht schlagen, die Ränder der Öffnungen in Richtung ihrer Augen. Hä? Was wollte sie denn damit erreichen?

Das Ergebnis ihres Experiments liegt nun vor mir, und verzweifelt weine ich, sie müsse in so einem Fall doch den Krankenwagen rufen und nicht mich. Was sollte ich mit Augäpfeln tun, barg ich sie wie abgeschnittene Finger in Eiswürfeln? Konnte ich sie einfach einsetzen und dann funktionierten sie wieder? Immerhin war das doch ein Traum, oder?

Ich weiß nicht, wie es ausgegangen ist, ich bin zum Glück aufgewacht. Als ich hinunter zum Frühstück gehe, sitzt meine Oma zeitunglesend und espressotrinkend am Esstisch, mit beiden gesunden Augen blickt sie mich munter an. Welchem Geist bist du denn begegnet? Wundert sie sich und beisst in einen Butterkeks.

[E., 17.10.23]

Derzeitige Tischdekoration in der „Mischbattrie“ in Halle/Saale

Schnüre und Scheren

Endlich bin ich aufgewacht. Was für ein Traum.

Mir träumte, ich sei in einem Ich gefangen, das sich ständig im Kreis dreht, Opfer seiner eigenen Gedanken.

Es waren dies keine von der netten Art. Sie flüsterten wie gemeine Mitschüler — ja, lasst euch sagen: Wer flüstert, der lügt und frisst kleine Kinder, wahre Geschichte!

Sie hatten mich an ihren Schnüren, und sie zogen mal hier, mal dort, ich bewegte mich nach ihrem Gusto. Sie ließen mich Mauern bauen und Fluchtwege, und es machte ihnen Spaß, mir beim Fallen zuzuschauen.

Nun bin ich niemand, die hinfällt und liegen bleibt. Immer wieder stehe ich auf, bleibe kurz stehen, bis der Schwindel nachlässt, und gehe dann weiter. Da muss noch was kommen, sage ich dann, weil es mir vorher mein Herz versprach. Das weiß sowieso schon alles früher, nur verrät es das nicht, wäre ja langweilig. Oder vorhersehbar. Ha.

Dieser Traum also. Ich drehte mich im Kreis, meine Gliedmaßen an Schnüre gebunden, und es gab keinen Ausweg.

Doch da entdeckte ich eine Schere, eine Gestalt bot sie mir an. Sie war von jener Art von Traumgestalten, die plötzlich auftauchen, ohne Gesicht, nur verschwommen erkennbar und so schnell wieder verschwunden, dass sie auch aus der Erinnerung leicht entfleuchen.

Mit den ersten durchtrennten Fasern lösten sich die Fäden ganz leicht, als hätten sie nur darauf gewartet, auch von mir erlöst zu werden. Der Aufprall auf den Boden war hart. So hart, dass ich aufwachte.

Wer bin ich ohne diese Schnüre? Die mich gefangen hielten und gleichzeitig Sicherheit boten. Dank denen ich wusste, wohin ich zu gehen hatte, was ich tun sollte. Jetzt bin ich frei. Und nun?

[Halle, 14.09.2020]

Brief aus der Zukunft (V)

Meine liebe Leni,

einen wunderschönen Gruß aus der frohen Zukunft!

Ich habe vor kurzem einen deiner Aufsätze gelesen – ja, wir lesen Bücher aus eurer Zeit! Es ist sehr spannend, anhand von Texten zu erforschen, wie die Menschen im Laufe der Zeit dachten, wie sich ihr Blick auf die Zukunft verändert hat und welche Rolle dabei optimistische und pessimistische Erzählungen spielen – du weißt ja, ich bin Wissenschaftlerin.

Du schreibst darin von der Schwierigkeit, dir einen Planeten Erde vorzustellen, dessen Bewohner:innen nett zu sich und ihrer Umwelt sind und die nicht die Gier nach mehr Geld und Macht, sondern Mitgefühl, Nächstenliebe und Solidarität walten lassen. Du schreibst, wie sehr euch eine positive Zukunftsvorstellung fehlt, weil euch der Glaube an das Gute im Menschen verloren gegangen ist und Gemeinschaften sich eher durch Hass und Ausgrenzung bilden als durch die Besinnung auf Gemeinsamkeiten. Verzeih, wenn ich heute mal nicht korrekt zitiere.

Mir hingegen fällt es manchmal schwer, dir mein Jetzt zu beschreiben, weil es sich so selbstverständlich anfühlt. Ich sage mal so: Die Menschen brauchen Regeln, sie gewöhnen sich an alles. Und es geht alles, wenn wir nur wollen. Eine große Floskel, aber sie ist so wahr. Wir mussten wollen, dass es allen Menschen auf der Erde gut geht, sie zu essen haben, nicht in ständigem Krieg leben, sie nicht an in anderen Ländern ausgerotteten Krankheiten sterben, die Ungleichheit nicht immer größer wird und so fort. Wir mussten ein besseres Leben für alle wollen.

Es war ein Kampf, das ist auch wahr. Viele Menschen gaben den Widerstand erst spät auf, weil sie lange meinten, wir wollten ihnen „alles“ wegnehmen. Das wollten wir nicht. Aber wir mussten ihnen auch klarmachen, dass eine gerechte Welt nicht beinhaltet, sich alles jederzeit und an jedem Ort verfügbar, sich alle Lebewesen der Erde untertan zu machen, ohne Maß und nur weil man es kann.

Das ist auch das Stichwort und Motto unserer Zeit: Maß. Wir können nicht mehr zu jeder Zeit alles konsumieren, nach dem uns gerade gelüstet. Diese Gelüste, diese Begierden haben uns damals fast in den Ruin getrieben, an besagten „Abgrund“, von dem ich dir einst erzählte. Ich muss es so sagen, aber der Konsum damals grenzte an Perversion. Jetzt gibt es weniger von allem, aber dafür genug für alle, besser verteilt.

Ich weiß, in eurer Zeit denken viele noch: Aber das werden sich viele niemals gefallen lassen, viele machen da eh nicht mit, dieses Modell kann gar nicht funktionieren, ideelles Gelaber. Du siehst es nicht, aber wenn ich manche Artikel und Bücher aus eurer Zeit lese, muss ich lächeln. Wenn ihr wüsstet, wie einfach es sein und wie gut man sich fühlen kann.

Du schreibst von dem Schmerz, den eine immer stärker leidende Welt in jedem von euch auslöst, an dem immer mehr Menschen erkranken. Ich sage dir: Es wird alles wieder gut, ihr werdet wieder gesunden. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht morgen, und es wird euch sehr viel Kraft kosten. Vielleicht auch nicht du selbst, vielleicht deine Kinder, oder die Kinder deiner Kinder. Aber ist das nicht Lohn genug? Zu wissen, dass diese es mal besser haben werden?

Das Problem ist, einer muss anfangen. Ein farbenfrohes Bild in der Ferne aufzumalen und in dessen Richtung zu gehen. Und weil ich von der Hoffnungslosigkeit in deiner Zeit gelesen habe, wage ich es immer wieder, dir zu schreiben. Wenn ihr nicht für uns loszieht, wird es mein Jetzt nicht mehr geben.

Liebste, Hoffnung bringende Grüße aus der Zukunft
Deine Lenka Lewka

Brief aus der Zukunft (IV)

Liebe Lenka,

verzeih, dass ich mich so lange nicht meldete. Manchmal muss ich Abstand zur Vergangenheit nehmen, im Hier und Jetzt leben und für die Menschen meiner Gemeinschaft da sein.

Der Grund, warum ich dir heute schreibe: Mir fiel ein, ich habe dir noch nicht von etwas sehr Wichtigem erzählt. Na gut, ich habe dir vieles noch nicht erzählt, weil es noch unpassend ist oder ich die richtigen Worte nicht finde.

Das Thema des heutigen Briefes ist: Für die Zeit, in der du lebst, ist es wichtig, ein Ziel zu kennen und in dessen Richtung mutig vorwärtszuschreiten. Einige Dinge werdet ihr hinter euch lassen müssen, aber das ist nicht schlimm, je weniger Gepäck, desto besser. Vieles in eurer Zeit ist sowieso veraltet und erschwert eure Reise. Manche werden aufgeben, es werden sich verschiedene Gruppen bilden aufgrund von Uneinigkeiten über den „richtigen“ Weg.

Viele sind erschöpft, weil das Gepäck schwer ist, die Vielzahl der Wege zum Ziel unübersichtlich und letzteres oft nicht mehr sichtbar oder sogar ganz vergessen. Sie können nicht mehr, bleiben lieber stehen, machen es sich an Ort und Stelle bequem, dort ist es ja gerade ganz gut auszuhalten, so schlecht geht es niemandem. Aber hinter euch droht Feuer und Wasser abwechselnd mit eurem Untergang, alte Gespenster tauchen auf, flüstern euch schaurige Geschichten ins Ohr, sie kennen eure Urängste genau, denn davon ernähren sie sich.

Die Menschen werden beginnen, hohe Mauern um sich herum zu bauen, die ihnen das Gefühl von Sicherheit geben, doch jede Mauer ist überwindbar. Und während sie die Bedrohung vermeintlich draußen hält, ist diese schon längst in die Menschen gekrochen, denn in Wahrheit kommt sie von drinnen. Sie wird sie von innen heraus auffressen, und eingemauert durch Wände an Toten werden sie von der nächsten Flut überrollt, unfähig, auszubrechen und zu fliehen. Wer um sich herum Mauern baut, wird selbst zum Gefangenen. Gruselig, oder?

Es ist auch eine sehr beängstigende Zeit, in der das Gegenteil von Mauern und Angst wichtig ist: Das, was deine Zeit so dringend benötigt, ist Mut und vor allem Hoffnung. Euch fehlt noch die entscheidende, alle vereinende Erzählung, das Ziel, in dessen Richtung ihr laufen könnt.

Was gerade mit euch passiert: Ihr werdet von der Angst in tausend verschiedene Richtungen zersplittert, blind getrieben in Richtung Abgrund. Ich kann dir sagen, es gibt da tatsächlich einen, ich verrate nicht, wo, aber ich weiß, dass er da ist. Lasst euch nicht von den alten Geistern jagen, und wenn, dann nur zu mir, in Richtung Hoffnung.

Voll Verzweiflung fragst du, wie eine solche Erzählung aussehen kann? Seid optimistisch. Stellt euch eine Welt vor, wie sie euch gefällt. Geht davon aus, dass Menschen gut sind, dass sie rücksichtsvoll im Hinblick auf die gesamte Menschheit handeln. Nehmt all eure Intelligenz zusammen, mit der ihr so viel Unheil anrichtet, immer nur mit dem Gedanken an mehrmehrmehr, und entwickelt Technologien, die euch helfen, nicht zerstören. Oder zerstört die Technologien, die euch kaputt machen, das geht auch (meistens entstehen diese ja in guter Intention). Besinnt euch eurer Verbindung mit Allem, eures Einsseins, denn die Getrenntheit eurer Zeit hat euch krank gemacht. Nutzt die Kraft, mit der ihr zerstört, zum Wiederaufbau, zum Erhalt, zur Gesundung.

Mehr kann ich heute nicht schreiben, der Brief ist schon zu lang. Besser gesagt, ich darf nicht, ich habe schon genug Ärger mit den Behörden. Du musst wissen, es gibt da eine Behörde in meiner Zeit, die ist nur dafür zuständig, dass Zeitreisende weder die Vergangenheit noch die Zukunft ändern. Das ist auch gefährlich, ich habe das schon selbst erlebt. Aber ein bisschen Hilfe kann nicht schaden, was meinst du? Ich hoffe, du empfängst diesen Brief wohlbehalten und ziehst ein wenig Hoffnung daraus.

In Liebe,

Deine Lenka Lewka

[Halle, 17.9.2023]

Unsterblich

Heute Nacht war ich unsterblich.

Im Team traten wir auf, mein Partner war mir bekannt, auch wenn mir seine Identität nun, im „Wachzustand“ (wann wir wirklich wach sind, darüber ließe sich diskutieren), entfallen ist.

Wie praktisch Unsterblichkeit ist. Keine lästigen körperlichen Bedürfnisse mehr. Diese stören mich an der Sterblichkeit oft, gerade wenn ich mitten im Tun bin, voll konzentriert, ich könnte stundenlang schreiben oder denken, doch dann meldet sich der eigene Körper.

Vieles verliert an Bedeutung, wenn das Leben unbegrenzt ist.

Wir mussten uns nicht mehr um Geld oder Macht sorgen, wir konnten unsere Zeit mit Sinnvollem nutzen und den Menschen helfen.

Zeitreisen waren uns ebenso möglich heute Nacht, und ich wusste, wir waren schon in die Vergangenheit gereist, und jetzt waren wir in der Zukunft. Aber was war das für eine Zeit? 2034, erinnere ich mich, exakt zwei Jahre nach dem Untergang, postapokalyptisch. Vieles lag noch verbrannt da, die Menschheit war größtenteils von einer Seuche dahingerafft worden, der Rest brachte sich im Überlebenskampf gegenseitig um. Ich weinte, es sah furchtbar aus hier, um die Menschheit und ihre schreckliche Dummheit. Mein Begleiter beruhigte mich, außerdem hatte ich Zeugen. Eine Gruppe von Kindern beobachtete mich, sie wussten, wir waren nicht von hier, weder aus der Zeit noch dem Ort. Vielleicht hatten sie schon von uns gehört. Aber wobei konnten wir ihnen jetzt noch helfen? Dem Wiederaufbau?

Die Erinnerung verschwimmt, warum verschwinden diese Traumbilder so schnell, sollen wir manche Dinge besser vergessen? Er war bedeutend, dieser Traum, aufregend, eindrücklich. Ich will mehr von der Unsterblichkeit, wenn du an nichts anderes denken musst als an die anderen, denn du selbst hast keine Bedürfnisse, ewige Gesundheit, kannst dich zeitlich und örtlich beamen, wohin du willst, unabhängig der jeweiligen Transportmittel (Reisen dauern eeewig mit Pferdekutschen!!!), und der Druck, das menschliche Bedürfnis, sich auf welche Art auch immer zu verewigen, sei es durch Nachwuchs, künstlerisch oder politisch, fällt ebenfalls weg. Entspannt. Dieses Leben gefiel mir. Es waren uns Unsterblicher viele, das merkte ich in einer Szene, in der eine ganze Gruppe einen Sterblichen zur Rede stellte. Bitte mehr von diesem Traum.

[Essenbach, 30.7.23]

P.S.: Ich habe schon länger nichts mehr veröffentlicht. Das liegt v.a. an der Verschlechterung meines Post Covid/ ME/CFS-Zustands, Ideen und Anlässe gäbe es genug. Ich habe sooo viel zu sagen und kann es nicht. Ich hoffe, es geht euch gut.