Das muss dieses Leben sein – Die schönsten Gedichte & Kurztexte

Ab heute gibt es meine und eure Lieblingstexte aus den Jahren 2019-2023 (eine Zeit, in der ich so unglücklich war wie noch nie, dadurch aber auch am inspiriertesten) als kleines Büchlein überall, wo es Bücher gibt.

Darunter auch „Biene, stich“ (Nr. 1 meiner Top-Beiträge):

Biene, stich

Elefanten trampeln über mein Herz, woher kommen sie?

Ich spucke eine Biene aus, los los, opfere dein Leben für meines, zerstich den tonnenschweren Elefanten aus Luft!

Meine Zungenspitze ist taub, kein Summen weit und breit.

Gedankenfetzen liegen zerstreut auf dem Boden meiner Wirklichkeiten, durchtränken ihn, ertränken mich.

Hellwach lieg’ ich da, voll Freude und Trauer zugleich.


[Halle, 5.1.21]

Das muss dieses Leben sein“ findet ihr als Print on Demand oder E-Book z.B. hier.

Eventuell kann es noch dauern, bis es in allen Shops verfügbar ist, da heute erst der offizielle Erscheinungstag ist 🙂

Dachte mir, der 6.6. klingt doch ganz gut, genauso wie der 5.5., an dem „Die Unterirdischen Seen“ (neu)erschienen sind.

Schönes langes Wochenende!

Schwerter und Mauern

Die Schwerter gekreuzt,
alles steht
auf Angriff und Abwehr.
Hier macht sich keiner mehr breit,
wir wissen,
wie das endet.

Jedes kleinste Zeichen
Verrat und Betrug,
unerfüllbare Erwartungen,
an der Wirklichkeit vorbei
mit Absicht kreiert.

So wiederholt sich
Geschichte,
bestätigen sich
Erfahrungen.

Ich hatte mal wieder
Recht,
sagt der Kopf,
bedauernd und befriedigt.

Und hält die Hände
schützend über das
weinende, eingesperrte
Herz.

[Essenbach, 3.4.21]

Münchhausen lebt

Alle rufen  
erzählen durcheinander
meine Geschichte, hört
sie an, unglaublich!
Es war genau so, Schwur!

Eine davon wählen wir aus
sie passt zu uns und
in unsere Anthologie –
Märchen zum Einschlafen.

Die anderen? Vergiss sie,
mach
die Ohren zu,
sie sind nicht wahr,
Münchhausen lebt.

[Halle/S., 3.1.20]

Tat twam asi

Ich bin Alles und Nichts,
tausend Füchse und doch nur einer,
das Mädchen hinter der Kamera,
Dein Auge.

Bunt spiegelt sich die Welt in Dir,
golden gesprenkelt,
in Dir das Dasein
vereint zum Tanz der Liebenden.

Du suchst und rennst und sehnst,
unsichtbar der Weg,
Deine Karte im Herzen.

Bleib endlich stehen,
erkenn Dich in Dir, vergiss Dich
und Du siehst:

Du bist Alles, und Alles ist Du.

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[ich liebe dieses Gedicht und finde, es ist leider bisschen untergegangen, deshalb repost vom 4.6.20]

[Bild ist mit KI erstellt]

Aber wann knackt die Schale

Aber wann knackt die Schale

Da ist ein weicher Kern
den hab ich gesehen
ich hab Dich gesehen von Anfang an
aber ich kann nicht mehr ständig
anklopfen und warten
bis Du aufmachst
Dich öffnest
mir entgegen
ich brauch Dich und Du siehst nicht
wie sehr
wie oft ich gegen Deine Mauern laufe
Deine Wand aus Beton
in all den Jahren erbaut
es ist ein kaltes Land, zieh
dicke Mauern hoch
Hass, Neid, Bürokratie müssen draußen bleiben
aber auch diejenigen, die dir Gutes
die Dir helfen wollen
sie erfrieren vor Deinen hohen Wänden aus Stahl
beschützend Dein großes, weiches
weinendes Herz.

[Halle, 4.12.23]

Bewusster Abschied

Ein letzter Kuss. Vertraute Lippen. 
Ein letztes Mal die Hand der geliebten Frau halten,
ein letztes Mal an ihrem Hals, ihren Haaren riechen.
Sie ein letztes Mal umarmen.
Ihr ein letztes Mal in die Augen sehen.
„Schau mich nicht an, sonst muss ich weinen“, sagt er.

Ein erstes Mal Gefühle zeigen.
Ein erstes Mal vor Herzschmerz fast sterben.
Vor Sehnsucht nach ihr.
Vor Sie-jetzt-schon-vermissen.
Sie ein letztes Mal nach Hause bringen.
Ihr die Decke mitgeben, unter der ihr euch immer aneinander gekuschelt habt.

Ein letztes Mal gute Nacht sagen, ein letztes Mal aus der Wohnung gehen.
Ihm den Schlüssel geben.
Die Tür hinter mir schließen.
Die vielen Erinnerungen hinter mir lassen.
Gemischte Gefühle.
Kurz denken: Mache ich doch einen Fehler?
Wir lieben uns doch offensichtlich noch?
Dann denken: Nein, ist schon richtig so,
denk' an die vielen Male, die zu viel waren.
Und diejenigen, die viel zu wenig waren.

Jetzt nur nicht sentimental werden.

(Innerer) Frieden ist oberstes Ziel, und den hattet ihr nie.
Fast nie.
Nur heute vielleicht.
Wenn der Krieg schon verloren ist, wozu noch kämpfen?
Am Ende, wenn alles andere wegfällt,
bleibt nur die Liebe übrig,
und ist das nicht der schönste Abschied?

[Halle, 18.12.2023]

Luftleeres Nichts

Wieder zu viele Bilder gesehen.
Diese Welt, in der alles so schön erscheint,
die nicht ist, nur in Deiner Vorstellung,
tausendfach Eindruck und Erinnerung;
sie ist nicht, was ist,
ist jetzt, hier, atmen,
das kalte Zimmer, Müdigkeit, Langeweile, Angst, der Geschmack von Marzipankugeln im Mund.

Meine Unsicherheit gegenüber anderen,
die vermeintlich keine Zweifel haben,
voll bei sich und in ihrem Element,
ganz sie selbst sind;
ich beneide diese Leute,
fühl mich klein vor ihnen,
werde zu meinem eigenen Schatten,
nicht ich selbst;
wer will schon mit einem Schatten befreundet sein,
hat ja jeder schon seinen eigenen.

Wie kann ich ich sein,
wenn mir der Raum dazu fehlt,
mich selbst zu verwirklichen,
wenn ich nicht weiß,
wo dieser Raum ist;
ich boxe in das luftleere Nichts,
das meine Schreie verschluckt.

Ich bewundere die Menschen,
denen ich ein gesundes Selbstwertgefühl andichte,
die schön sind und attraktiv und cool,
weil sie wissen, wer sie sind
und zu ihren Eigenheiten stehen;
manchmal kann ich das auch,
manchmal vergleiche ich mich noch zu oft,
manchmal lebe ich zu sehr in der Vergangenheit;
Ausgrenzung ist der Tod des Selbstwerts,
(damals war es wirklich unser Tod).

Meine Zeit kommt noch,
sagt meine Liebe und
die Stimme während der Meditation,
und wenn sie kommt, dann richtig.
Jeder lebt in seiner eigenen Zeitspur,
es gibt kein Muster und kein
Wahr oder Falsch,
keinen Zeitplan, der erfüllt werden muss.

Es gibt nur dich, jetzt, atmen,
mehr weißt du nicht und musst du nicht,
Freiheit ist, nicht zu wissen, was kommt, und dann:
Alles ist möglich.

(Halle, 10.10.2022)

Licht und Schatten

Ich glaube an die Liebe, 
egal in welcher Form. 
Ich glaube an mich.
 
Verzeih mir, bitte,
meine hässlichen Fratzen 
des Neids, der Eifersucht, 
wenn sie mich umnebeln, 
mich erblinden lassen, 
meine hässlichen Worte, 
das bin nicht ichich. 

Das ist das Kind in mir, 
das sich nach Liebe sehnt, 
das nicht ausgeschlossen, 
das nicht wie ein Kind behandelt werden will, 
das nichts zu wissen braucht, 
das eh noch nichts versteht. 

Ich bin die Liebe, 
doch jedes Licht erzeugt umso größere Schatten, 
je näher man ihm kommt. 

Diese hässlichen Worte der Fratzen
verletzen vor allem mich, 
weil ich damit immer nur die Menschen, 
die ich am meisten liebe, 
von mir stoße.

Überall Feinde: 
Ich zücke das Messer, versuche sie abzuwehren - 
tiefe Wunden in der eigenen Haut. 
Ich werfe das Messer, versuche sie zu treffen, bevor sie zu nahe kommen, siehe, sie haben ihre Messer schon erhoben - 
und nur mein eigenes Spiegelbild zerbirst. 
Wie der verletzte Löwe greife ich an - und werde am Ende selbst gefressen.

Du bist so nah wie niemand und doch so fern, durch dich werden meine Wunden offenbar, und nur durch dich können sie heilen. 

Ich bin das alles und auch nicht, du weißt es und auch ich, 
aber ich vergesse mich und es bisweilen... 

(Halle/Saale, 17.06.2022)

P.S.: Inspiriert durch Rumi: „Eine Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eindringt.“