Dialog nach Józef Tischner

Józef Tischner war polnischer Priester und Philosophie-Professor in Kraków. In die polnische Geschichte ging er ein durch seine Predigt auf dem Krakauer Wawel im Oktober 1980 für die versammelte Führung der Solidarność-Gewerkschaft. Seine Aufsätze und Predigten in Zusammenhang mit den Solidarność-Protesten vor Verhängung des Kriegszustandes 1981 wurden schließlich unter dem Titel „Ethik der Solidarität. Prinzipien einer Hoffnung“ veröffentlicht. Der Dialog steht gerade am Anfang im Fokus, und ich möchte hier ein paar interessante Ansätze wiedergeben, wie Dialog möglich wird und was ihn erschwert. Vielleicht inspirieren sie auch Euch.

Dialog heißt bei Tischner, dass die Menschen aus ihren Verstecken hervorkommen, sich einander nähern und einen Meinungsaustausch beginnen.

„Schon der Anfang eines Dialogs, das Verlassen der Verstecke, ist ein großes Ereignis. Man muss sich hinausbeugen, über die Schwelle treten, die Hand ausstrecken, einen gemeinsamen Ort des Gesprächs finden.“

„Man muss nicht nur die Angst überwinden und Vorurteile beiseite schieben, man muss auch eine Sprache finden, die für beide Seiten das gleiche bedeutet.“

Zur Sprache:

„Es darf aber nicht eine Gruppensprache sein, auch keine Sprache der Unterstellungen, der Verleumdungen oder gar eine Sprache des Verurteilens. ‚Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein. Was darüber hinausgeht, ist vom Bösen.‘

„Die Sprache eines aufrechten Dialogs ist eine sachliche Sprache, eine Sprache also, die den Dingen entspricht. Was schwarz ist, wird schwarz genannt, was weiß ist, weiß.“ (21)

Welche Voraussetzungen für einen Dialog benötigt es, die von beiden Seiten akzeptiert werden müssen?

Sich auf den Standpunkt des anderen zu stellen:

„Wir sind nicht in der Lage, die Wahrheit über uns zu erkennen, weder ich noch du, solange wir in den Mauern unserer Ängste eingeschlossen sind. Wir müssen einander von außen sehen, ich dich mit deinen und du mich mit meinen Augen. Wir müssen im Gespräch unsere Ansichten miteinander vergleichen, und erst dann sind wir in der Lage, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie es um uns wirklich steht.“

„Solange ich nur mit meinen Augen auf mich schaue, kenne ich nur einen Teil der Wahrheit. Solange du dich nur mit deinen Augen betrachtest, kennst auch du nur einen Teil der Wahrheit. Aber auch umgekehrt: Wenn ich auf dich schaue und nur das beachte, was ich sehe, und wenn du auf mich schaust und nur berücksichtigst, was du siehst, erliegen wir zum Teil einer Täuschung.“

„Die volle Wahrheit ist eine Frucht gemeinsamer Erfahrungen, deiner Erfahrungen mit mir und meiner Erfahrungen mit dir.“ (22)

„Anerkennen dessen, dass der andere von seinem Gesichtspunkt aus immer auch ein wenig recht hat.“

„Niemand verkriecht sich freiwillig in einem Versteck; er hat offensichtlich einen Grund dafür. Diesen Grund muss man anerkennen.“

„Sicherlich hast du ein bisschen recht. In dieser Aussage kommt ein Zweites, nicht weniger Bedeutendes zum Ausdruck: Sicherlich habe ich nicht ganz recht.“ (23)

Ein authentischer Dialog als „notwendiges Mittel zur Erlangung der Wahrheit über unsere gesellschaftlichen Verhältnisse“ (23)

„Wenn ich mich einem Dialog stelle, so bin ich allein dadurch bereit, die persönliche Wahrheit eines anderen zu einem Teil meiner Wahrheit über ihn zu machen und die Wahrheit über mich zu einem Teil seiner Wahrheit werden zu lassen. Dialog ist Aufbau von Gegenseitigkeit.“ (23)

Was soll das Thema eines Dialogs sein?

Hauptthema: das Leid, das dem Menschen von seinem Mitmenschen zugefügt wird

„In einem wahrhaftigen Dialog geht es immer um die Wahrheit. Im Dialog der Solidarität – einem Dialog der wachen Gewissen – geht es vor allem um die Wahrheit über das unnötige Leid der arbeitenden Menschen.“

Was tun?

„Die Welt der Leiden des arbeitenden Menschen durchschreiten und davon ein Zeugnis geben – das ist Solidarität der Gewissen. Ein Zeugnis geben heißt zuallererst, die Dinge bei ihrem Namen nennen, eine Sprache sprechen, die den Dingen entspricht. Zeugnis geben heißt auch, den Unwillen der Leute über das unnötige Leid des arbeitenden Menschen erwecken.“ (25)

„Ein Dialog ist erst dann möglich, wenn es eine gemeinsame Grammatik gibt. Die Grammatik der zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Ethik. Und ihr Grundprinzip ist die Würde des Menschen.“ (43)

Illusion:

„Es gibt Ausgebeutete, aber keine Ausbeuter. Alle, wenn auch auf verschiedene Art, sind Opfer der Illusion. Wir täuschen uns, weil wir von einem gemeinsamen Vorurteil getäuscht wurden.“ (45)

„Geniale Gedanken unterliegen bisweilen weniger genialen Vereinfachungen. Genauso entstehen Illusionen.“ (47)

Ethik der Solidarität. Prinzipien einer Hoffnung, Graz 1982. Polnisches Original: Etyka solidarności i Homo sovieticus, Paris 1982.

P.S.: Die Seitenangaben der ersten Zitate reiche ich nach.

Nimm die Maske ab

Atme mal wieder richtig durch.

Erzähl mir, wie es dir geht, aber aufrichtig.

Wir sollten uns viel öfter ohne Masken sehen.

Bilder, Online-Profile, Lebensläufe sind Masken, hinter denen so viel mehr steckt. Von was machen wir denn Bilder? Von den schönen Momenten, um sie zu erinnern. Vielleicht sollten wir auch mal an die schlechten denken, die schweren Zeiten, durch die wir gerade gehen oder gegangen sind. Wir haben bis jetzt überlebt, oder? Oft gar nicht so leicht.

Dann sollten wir uns gegenseitig Komplimente machen, sagen, was wir übereinander denken, uns gegenseitig bestärken. Jede von uns hat ihr Päckchen zu tragen, sagte ich gestern zu einer Freundin.

Hey, meine Bilder, meine Texte mögen vielleicht aussagen, dass es mir gut geht, läuft bei mir, und ja, ich habe „mein Ding“ durchgezogen die letzten Jahre. Was du nicht siehst: Seit bald 1,5 Jahren bin ich schwer krank, kann mein Gehirn kaum mehr benutzen, habe Post Covid und ME/CFS. Ich bin praktisch arbeitsunfähig, kann nur noch im Liegen am Computer sein und das bisschen schaffen, was ich schaffen muss und will. Ich habe so viele Ideen, kann sie aber oft nicht greifen. Manchmal kann ich kaum einen Text aus meinem Buch lesen, wie soll ich Lesungen halten? Ich fühle mich, als würd ich auf der Stelle treten, alle um mich herum heiraten, kriegen oder haben Kinder.

Da offenbart meine Freundin, auch sie habe das Gefühl, zwar habe sie Kinder, aber anderweitig ist nicht viel los bei ihr, hat sie ihren Weg noch nicht gefunden.

Ja, wenn wir uns voreinander offenbaren, wenn wir unsere Masken fallen lassen, sehen wir uns offen ins Gesicht, atmen tief ein, lächeln ein echtes Lächeln, irgendwie erleichtert, denn hey: So schlimm ist das alles nicht, jede in ihrer Geschwindigkeit, es gibt keinen Grund, auf die andere neidisch zu sein. Lasst uns öfter unser wahres Gesicht offenbaren, uns unsere Probleme voreinander offenlegen, das relativiert, das entlastet, alle. Dann können wir uns vielleicht helfen, und sei es nur mit Worten, mit Füreinander-Da-Sein, das ist schon alles, was wir in den meisten Momenten brauchen.

Hey, jemand weiß, wie es dir wirklich geht, kein Theater, keine Show, wie es dir wirklich hinter den Kulissen geht, sei ganz du selbst. In einer Welt, in der wir uns so viel vorspielen, sollten wir vor allem dann Applaus bekommen, wenn wir uns abschminken, die Maskerade beenden, aufrichtig sind. Denn das kostet am meisten Mut, und daher sollten wir es am reichsten belohnen.

Heutzutage, habe ich manchmal das Gefühl, musst du als Frau alles gleichzeitig haben und vor allem unter unseren nicht mehr getragenen Hut bringen: Eine Familie, eine Karriere. Den Haushalt, die Kinder, den Lebenslauf, die Freunde und Bekannten, unser Aussehen. Gerade in einer solch harten Welt, die alles von uns abverlangt, sollten wir nicht auch noch miteinander hart ins Gericht gehen. Gerade in einer solch harten Welt sollten wir miteinander weich sein, aufbauend, ehrlich, verständnisvoll und ermutigend.

Wir müssen und können nicht alles schaffen, aber das, was wir schon geschafft haben und schaffen, ist eh schon so viel.

Umarmen wir uns, zeigen wir uns gegenseitig und auch uns selbst gegenüber Respekt, wir sind stark, ohne Vergleich, einfach nur stark auf unsere Art. Die Märchenstunde ist vorbei.

Ich habe keine Lust mehr auf Maske tragen, da bekomme ich noch weniger Luft als eh schon. Das ist der maskenfreie Zirkel, komm herein und fühl dich frei. Bist du dabei?

[Halle/Saale, 26.06.23]

Ein Mensch, yippie

Wer bin ich ohne meine Fähigkeit zu denken? Wenn ich nichts „leisten“, nicht „produktiv“ sein, nicht „funktionieren“ kann? Wer bin ich dann? Traurig, dass ich das so sehr verinnerlicht habe, obwohl ich diese „Leistungsgesellschaft“ doch so kritisiere (tja, die Welt ist ein Spiegel, unbewusst missfiel mir wohl diese Seite an mir selbst)…

Long Covid hat mir das genommen, wovon ich dachte, dass es mich ausmacht: Kreativität, Denken, Schreiben, Lesen, Organisation, Zeitmanagement (meine Stärken laut Lebenslauf). Wer bin ich ohne sie?

Ich bin ein Mensch, yippie. Ich atme, sehe, rieche, schmecke, höre, fühle. Ich liebe. Ein Wunder. Was wir erschaffen haben, was wir mit eigenen Händen bauen und was die Natur uns gegeben hat. Meine Träume, ein eigenes Reich, ein Ausflug in andere Dimensionen. Wunder, für selbstverständlich genommen, lästig. Zu viel des Guten, kein Maß gefunden, unsere Gabe grenzenlos wird unser (aller?) Unglück.

Wie meditativ, achtsam jeden Schritt zu gehen, weil sonst zu schnell und viel und ungut. Öftermaliges Hinterfragen dieser Gesellschaft, in der „langsam“ nicht geht und gleichzeitiges Denken an 1000 Dinge unabdingbar ist. Annehmen dieses Zustandes, in dem ich weniger denken und mich sorgen kann als sonst – auch nicht schlecht.

So, Konzentration aufgebraucht, bitte weiterdenken für mich.

Sehnsucht nach Ungreifbarem

Eine Sehnsucht, 
die dich immer weitergehen,
nie stillstehen lässt;
an der du bisweilen verzweifelst,
doch jeder Schritt in ihre Richtung erfüllt dich
wie nichts auf der Welt.

Sie ist still, lautlos gar,
und übertönt doch alles.
Weil dein Außen oft alles einnimmt, vergisst sie dein Kopf, dein Herz aber nie.

Wie etwas finden, von dem du nur weißt, aber nicht, was es ist?
Das du nicht suchen kannst, sondern das dich findet, aber nicht, wenn du stehen bleibst?
Das kein Ende hat, nur das deine,
und das für jeden offenbar und doch unsichtbar ist?

(Halle, 12.06.22; Gedanken zu meinem literarischen Projekt „Die Unterirdischen Seen“)

Die Patientin

Was für einen seltsamen, wunderschönen Traum ich heute hatte. Alles war anders, beängstigend, da wir an unseren jetzigen Zustand gewohnt sind.

Wieso fällt es uns so leicht, uns vorzustellen, wie alles immer nur schlimmer wird? Wir denken: Ach, ist doch alles in Ordnung, so wie es ist, uns geht‘s doch gut. Ja, so gut, dass wir eben nicht ins Krankenhaus müssen. Aber eigentlich krankt es an allem, zu unspezifisch für jeden Arzt, denn wo anfangen?

Da es uns gut geht, kann es ja nur schlimmer werden, oder?

Die meisten der inneren Organe sind schon lange krank, aber sie funktionieren noch in unserem Sinne. Lange haben wir nichts davon bemerkt, weil es sich nicht an der Oberfläche, unserer Haut, gezeigt hat. Doch immer mehr Irritationen tauchen in letzter Zeit auf, unheilbar, weil tiefere Ursachen. Bisher lassen sie sich kurzfristig überdecken, aber wie lange noch? Machen wir weiter wie bisher, bis wir von innen abgestorben und nicht mehr zu retten sind?

Jahrelang hat man uns eingeredet, dass wir uns alles nur einbilden, dass genau das ein gesunder Zustand ist. Weil wir Jahre, ja Jahrhunderte lang mit der Behandlung gewartet haben, zwickt und kneift es nun an immer mehr Stellen, der Verfall ist nicht mehr aufzuhalten. Oder?

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Wir müssen mehr über Utopien nachdenken. Wie könnte eine bessere Welt in Zukunft aussehen?

Träumen ist wichtig.

Wer nicht weiß, wohin er gehen will, bleibt stehen, verirrt sich. Bewegungen sind nur möglich, wenn man Menschen unter einer gemeinsamen Hoffnung vereint, wenn man ein Ziel vorgibt, in dessen Richtung zu gehen sich lohnt.

Träumt mit mir!

In nächster Zeit folgen hier weitere Texte zum Thema Utopie – Wie könnte unsere Welt aussehen?

Wirbelsturm

Die alten Erzählungen haben ausgedient. Sie wissen es schon und halten sich deshalb mit aller Kraft an den Menschen fest.

Die alten Erzählungen haben Jahrhunderte überlebt, was kann daran also schlecht sein?

Das Alte zerbröckelt, Zeit für Neues.

Wir haben sie durchschaut, sie machen uns nichts mehr vor.

Die verkrusteten, starren Strukturen aufzubrechen, kostet viel Kraft, es ist die Herausforderung unserer Zeit. Menschen haben alle paar Jahrhunderte ihr Denken überdacht, exakt in einem solchen Wirbelsturm befinden wir uns gerade.

Nach dem Unwetter werden wir aufräumen, für neue Ordnung sorgen müssen, denn alles, was dem Sturm nicht standhalten konnte, was gefallen ist oder ausgerissen wurde, muss beiseite geschafft werden.

Die Luft wird frischer, reiner, nicht mehr abgestanden sein, endlich wieder tief einatmen, endlich wieder klare Sicht. Dann werden wir aufstehen, den Staub und Dreck aus unseren Herzen, Köpfen und Klamotten klopfen und zusammen etwas aufbauen, das dem nächsten Sturm standhält.