Über Macht

In der dieswöchigen Sonntagspredigt ging es um „Macht“, und bei ein paar Gedankenanstößen hab ich einfach mal weitergedacht.

Wir sollen unsere Macht nutzen und damit Gutes tun. Wir sollen nachdenken: Was liegt in meiner Macht? Wo bin ich „ohnmächtig“? Wo fühle ich mich so und warum? Wir sollen nicht nur reden, sondern auch handeln. Machen. Wie kann ich meine Macht einsetzen? Erstarre ich manchmal in meiner (gefühlten) Ohnmacht? Besonders angesichts der Tragödien der Welt? Tue ich alles in meiner Macht stehende, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Auch wenn wir das Gefühl bekommen, wir sind machtlos, müssen wir uns darauf besinnen, sehr wohl mächtig zu sein: Wir können im „Kleinen“ anfangen und beispielsweise unseren Nächsten helfen, Fremden ein Lächeln schenken usf. – und dadurch einem Menschen den Tag oder sogar das Leben retten.

Wer weiß? Vielleicht hast Du der fremden Frau an der Supermarktkasse durch Deine freundliche Art gezeigt, dass die Welt doch nicht so schlecht ist, wie sie sie gerade empfindet? Oder dem älteren Herren, dem Du den Einkauf nach Hause getragen hast, dass er nicht so einsam ist, wie er sich oft fühlt? Dass es da draußen Hoffnung gibt? Zwei Beispiele für unendlich viele Möglichkeiten.

Hilfst Du einem, hilfst du allen. Und wir müssen es nicht alleine tun. Wir können uns zusammenschließen und gemeinsam für eine Sache eintreten. Nach dem Motto, viele Äste oder Pfeile lassen sich schwerer brechen und so. Wir können verantwortungsbewusst wählen, für eine bessere Zukunft für alle, vor allem diejenigen nach uns, für das Leben, gegen den Hass. Wir können in Dialog treten, aufeinander zugehen, zugeben, nicht alles zu wissen, die Gemeinsamkeiten mit den anderen Menschen sehen, ihr Leiden erkennen.

Wir können das Geld für das Kleid, das wir aus Frust oder Langeweile kaufen wollten, spenden und so einem Kind oder sogar einer Familie mehr als einen Tag lang das Essen finanzieren. Als Beispiel. Jeder Euro zählt, jeder Euro bedeutet in diesem Sinne „Macht“. Macht es nicht Spaß, das Geld, von dem wir oft gar nicht mehr wissen, welchen überflüssigen Kram, mit dem wir unsere Wohnungen vollstellen, für etwas Gutes einzusetzen?

Ich kenne diese Ohnmacht, und je mehr ich von den Krisen der Welt lese, desto größer wird sie, und desto verzweifelter und hilflos werde ich. Aber je mehr ich über die Worte vom Sonntag nachdenke, desto sicherer bin ich: Jede und jeder von uns hat mehr Macht, als wir uns meistens zugestehen. Besonders, wenn wir uns zusammentun und gemeinsam für mehr Solidarität kämpfen, unabhängig von Hautfarbe, Religion und sonstigen Identitätsgrenzen, die uns voneinander fernhalten und uns vergessen lassen, dass wir alle eins sind: Menschen.

Und ist es nicht auch faule Ausrede zu sagen: Ach, was können wir (= in unserer vermeintlich unbedeutenden Rolle) schon ausrichten?

Weil ich schon wieder „kämpfen“ geschrieben habe und doch all die Kriege leid bin: Es muss gar kein „Kampf“ sein (auch wenn sich einige Probleme dieser Welt m.E. nicht ohne Kampf lösen lassen, z.B. durch Arbeitskampf). Viele von uns sind so müde vom persönlichen, alltäglichen Überlebenskampf und/oder von all den Kämpfen dieser Erde, von den allseits schlechten Nachrichten, der gefühlten Hoffnungslosigkeit.

Wo liegt unsere Macht? In unserer Zartheit, in unserer Sensibilität, in unserem Blick für das Schöne, in unserem liebevollen, aufmerksamen, mitfühlenden Miteinander. In einer Bitte um Hilfe, in einem Tag Nichtstun, sich Wehren gegen die immerwährende Geschäftigkeit, geforderte Produktivität, Leistungsbereitschaft. Kampf durch Nichtkämpfen. Durch Liebe schenken, erhalten, Dankbarkeit fühlen. Mir müssen nichts tun, um geliebt zu werden.

An all das, an die Schönheit der Erde und unseres Menschseins, können wir uns gegenseitig erinnern und uns damit Hoffnung schenken. Wir können ein Licht in des anderen Dunkelheit sein – ist das nicht schon „Macht“ genug?


Wo liegt Eurer Meinung nach Eure/unsere „Macht“?


[Halle, 7.11.23]

Brief aus der Zukunft (V)

Meine liebe Leni,

einen wunderschönen Gruß aus der frohen Zukunft!

Ich habe vor kurzem einen deiner Aufsätze gelesen – ja, wir lesen Bücher aus eurer Zeit! Es ist sehr spannend, anhand von Texten zu erforschen, wie die Menschen im Laufe der Zeit dachten, wie sich ihr Blick auf die Zukunft verändert hat und welche Rolle dabei optimistische und pessimistische Erzählungen spielen – du weißt ja, ich bin Wissenschaftlerin.

Du schreibst darin von der Schwierigkeit, dir einen Planeten Erde vorzustellen, dessen Bewohner:innen nett zu sich und ihrer Umwelt sind und die nicht die Gier nach mehr Geld und Macht, sondern Mitgefühl, Nächstenliebe und Solidarität walten lassen. Du schreibst, wie sehr euch eine positive Zukunftsvorstellung fehlt, weil euch der Glaube an das Gute im Menschen verloren gegangen ist und Gemeinschaften sich eher durch Hass und Ausgrenzung bilden als durch die Besinnung auf Gemeinsamkeiten. Verzeih, wenn ich heute mal nicht korrekt zitiere.

Mir hingegen fällt es manchmal schwer, dir mein Jetzt zu beschreiben, weil es sich so selbstverständlich anfühlt. Ich sage mal so: Die Menschen brauchen Regeln, sie gewöhnen sich an alles. Und es geht alles, wenn wir nur wollen. Eine große Floskel, aber sie ist so wahr. Wir mussten wollen, dass es allen Menschen auf der Erde gut geht, sie zu essen haben, nicht in ständigem Krieg leben, sie nicht an in anderen Ländern ausgerotteten Krankheiten sterben, die Ungleichheit nicht immer größer wird und so fort. Wir mussten ein besseres Leben für alle wollen.

Es war ein Kampf, das ist auch wahr. Viele Menschen gaben den Widerstand erst spät auf, weil sie lange meinten, wir wollten ihnen „alles“ wegnehmen. Das wollten wir nicht. Aber wir mussten ihnen auch klarmachen, dass eine gerechte Welt nicht beinhaltet, sich alles jederzeit und an jedem Ort verfügbar, sich alle Lebewesen der Erde untertan zu machen, ohne Maß und nur weil man es kann.

Das ist auch das Stichwort und Motto unserer Zeit: Maß. Wir können nicht mehr zu jeder Zeit alles konsumieren, nach dem uns gerade gelüstet. Diese Gelüste, diese Begierden haben uns damals fast in den Ruin getrieben, an besagten „Abgrund“, von dem ich dir einst erzählte. Ich muss es so sagen, aber der Konsum damals grenzte an Perversion. Jetzt gibt es weniger von allem, aber dafür genug für alle, besser verteilt.

Ich weiß, in eurer Zeit denken viele noch: Aber das werden sich viele niemals gefallen lassen, viele machen da eh nicht mit, dieses Modell kann gar nicht funktionieren, ideelles Gelaber. Du siehst es nicht, aber wenn ich manche Artikel und Bücher aus eurer Zeit lese, muss ich lächeln. Wenn ihr wüsstet, wie einfach es sein und wie gut man sich fühlen kann.

Du schreibst von dem Schmerz, den eine immer stärker leidende Welt in jedem von euch auslöst, an dem immer mehr Menschen erkranken. Ich sage dir: Es wird alles wieder gut, ihr werdet wieder gesunden. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht morgen, und es wird euch sehr viel Kraft kosten. Vielleicht auch nicht du selbst, vielleicht deine Kinder, oder die Kinder deiner Kinder. Aber ist das nicht Lohn genug? Zu wissen, dass diese es mal besser haben werden?

Das Problem ist, einer muss anfangen. Ein farbenfrohes Bild in der Ferne aufzumalen und in dessen Richtung zu gehen. Und weil ich von der Hoffnungslosigkeit in deiner Zeit gelesen habe, wage ich es immer wieder, dir zu schreiben. Wenn ihr nicht für uns loszieht, wird es mein Jetzt nicht mehr geben.

Liebste, Hoffnung bringende Grüße aus der Zukunft
Deine Lenka Lewka

Dialog nach Józef Tischner

Józef Tischner war polnischer Priester und Philosophie-Professor in Kraków. In die polnische Geschichte ging er ein durch seine Predigt auf dem Krakauer Wawel im Oktober 1980 für die versammelte Führung der Solidarność-Gewerkschaft. Seine Aufsätze und Predigten in Zusammenhang mit den Solidarność-Protesten vor Verhängung des Kriegszustandes 1981 wurden schließlich unter dem Titel „Ethik der Solidarität. Prinzipien einer Hoffnung“ veröffentlicht. Der Dialog steht gerade am Anfang im Fokus, und ich möchte hier ein paar interessante Ansätze wiedergeben, wie Dialog möglich wird und was ihn erschwert. Vielleicht inspirieren sie auch Euch.

Dialog heißt bei Tischner, dass die Menschen aus ihren Verstecken hervorkommen, sich einander nähern und einen Meinungsaustausch beginnen.

„Schon der Anfang eines Dialogs, das Verlassen der Verstecke, ist ein großes Ereignis. Man muss sich hinausbeugen, über die Schwelle treten, die Hand ausstrecken, einen gemeinsamen Ort des Gesprächs finden.“

„Man muss nicht nur die Angst überwinden und Vorurteile beiseite schieben, man muss auch eine Sprache finden, die für beide Seiten das gleiche bedeutet.“

Zur Sprache:

„Es darf aber nicht eine Gruppensprache sein, auch keine Sprache der Unterstellungen, der Verleumdungen oder gar eine Sprache des Verurteilens. ‚Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein. Was darüber hinausgeht, ist vom Bösen.‘

„Die Sprache eines aufrechten Dialogs ist eine sachliche Sprache, eine Sprache also, die den Dingen entspricht. Was schwarz ist, wird schwarz genannt, was weiß ist, weiß.“ (21)

Welche Voraussetzungen für einen Dialog benötigt es, die von beiden Seiten akzeptiert werden müssen?

Sich auf den Standpunkt des anderen zu stellen:

„Wir sind nicht in der Lage, die Wahrheit über uns zu erkennen, weder ich noch du, solange wir in den Mauern unserer Ängste eingeschlossen sind. Wir müssen einander von außen sehen, ich dich mit deinen und du mich mit meinen Augen. Wir müssen im Gespräch unsere Ansichten miteinander vergleichen, und erst dann sind wir in der Lage, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie es um uns wirklich steht.“

„Solange ich nur mit meinen Augen auf mich schaue, kenne ich nur einen Teil der Wahrheit. Solange du dich nur mit deinen Augen betrachtest, kennst auch du nur einen Teil der Wahrheit. Aber auch umgekehrt: Wenn ich auf dich schaue und nur das beachte, was ich sehe, und wenn du auf mich schaust und nur berücksichtigst, was du siehst, erliegen wir zum Teil einer Täuschung.“

„Die volle Wahrheit ist eine Frucht gemeinsamer Erfahrungen, deiner Erfahrungen mit mir und meiner Erfahrungen mit dir.“ (22)

„Anerkennen dessen, dass der andere von seinem Gesichtspunkt aus immer auch ein wenig recht hat.“

„Niemand verkriecht sich freiwillig in einem Versteck; er hat offensichtlich einen Grund dafür. Diesen Grund muss man anerkennen.“

„Sicherlich hast du ein bisschen recht. In dieser Aussage kommt ein Zweites, nicht weniger Bedeutendes zum Ausdruck: Sicherlich habe ich nicht ganz recht.“ (23)

Ein authentischer Dialog als „notwendiges Mittel zur Erlangung der Wahrheit über unsere gesellschaftlichen Verhältnisse“ (23)

„Wenn ich mich einem Dialog stelle, so bin ich allein dadurch bereit, die persönliche Wahrheit eines anderen zu einem Teil meiner Wahrheit über ihn zu machen und die Wahrheit über mich zu einem Teil seiner Wahrheit werden zu lassen. Dialog ist Aufbau von Gegenseitigkeit.“ (23)

Was soll das Thema eines Dialogs sein?

Hauptthema: das Leid, das dem Menschen von seinem Mitmenschen zugefügt wird

„In einem wahrhaftigen Dialog geht es immer um die Wahrheit. Im Dialog der Solidarität – einem Dialog der wachen Gewissen – geht es vor allem um die Wahrheit über das unnötige Leid der arbeitenden Menschen.“

Was tun?

„Die Welt der Leiden des arbeitenden Menschen durchschreiten und davon ein Zeugnis geben – das ist Solidarität der Gewissen. Ein Zeugnis geben heißt zuallererst, die Dinge bei ihrem Namen nennen, eine Sprache sprechen, die den Dingen entspricht. Zeugnis geben heißt auch, den Unwillen der Leute über das unnötige Leid des arbeitenden Menschen erwecken.“ (25)

„Ein Dialog ist erst dann möglich, wenn es eine gemeinsame Grammatik gibt. Die Grammatik der zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Ethik. Und ihr Grundprinzip ist die Würde des Menschen.“ (43)

Illusion:

„Es gibt Ausgebeutete, aber keine Ausbeuter. Alle, wenn auch auf verschiedene Art, sind Opfer der Illusion. Wir täuschen uns, weil wir von einem gemeinsamen Vorurteil getäuscht wurden.“ (45)

„Geniale Gedanken unterliegen bisweilen weniger genialen Vereinfachungen. Genauso entstehen Illusionen.“ (47)

Ethik der Solidarität. Prinzipien einer Hoffnung, Graz 1982. Polnisches Original: Etyka solidarności i Homo sovieticus, Paris 1982.

P.S.: Die Seitenangaben der ersten Zitate reiche ich nach.

Nimm die Maske ab

Atme mal wieder richtig durch.

Erzähl mir, wie es dir geht, aber aufrichtig.

Wir sollten uns viel öfter ohne Masken sehen.

Bilder, Online-Profile, Lebensläufe sind Masken, hinter denen so viel mehr steckt. Von was machen wir denn Bilder? Von den schönen Momenten, um sie zu erinnern. Vielleicht sollten wir auch mal an die schlechten denken, die schweren Zeiten, durch die wir gerade gehen oder gegangen sind. Wir haben bis jetzt überlebt, oder? Oft gar nicht so leicht.

Dann sollten wir uns gegenseitig Komplimente machen, sagen, was wir übereinander denken, uns gegenseitig bestärken. Jede von uns hat ihr Päckchen zu tragen, sagte ich gestern zu einer Freundin.

Hey, meine Bilder, meine Texte mögen vielleicht aussagen, dass es mir gut geht, läuft bei mir, und ja, ich habe „mein Ding“ durchgezogen die letzten Jahre. Was du nicht siehst: Seit bald 1,5 Jahren bin ich schwer krank, kann mein Gehirn kaum mehr benutzen, habe Post Covid und ME/CFS. Ich bin praktisch arbeitsunfähig, kann nur noch im Liegen am Computer sein und das bisschen schaffen, was ich schaffen muss und will. Ich habe so viele Ideen, kann sie aber oft nicht greifen. Manchmal kann ich kaum einen Text aus meinem Buch lesen, wie soll ich Lesungen halten? Ich fühle mich, als würd ich auf der Stelle treten, alle um mich herum heiraten, kriegen oder haben Kinder.

Da offenbart meine Freundin, auch sie habe das Gefühl, zwar habe sie Kinder, aber anderweitig ist nicht viel los bei ihr, hat sie ihren Weg noch nicht gefunden.

Ja, wenn wir uns voreinander offenbaren, wenn wir unsere Masken fallen lassen, sehen wir uns offen ins Gesicht, atmen tief ein, lächeln ein echtes Lächeln, irgendwie erleichtert, denn hey: So schlimm ist das alles nicht, jede in ihrer Geschwindigkeit, es gibt keinen Grund, auf die andere neidisch zu sein. Lasst uns öfter unser wahres Gesicht offenbaren, uns unsere Probleme voreinander offenlegen, das relativiert, das entlastet, alle. Dann können wir uns vielleicht helfen, und sei es nur mit Worten, mit Füreinander-Da-Sein, das ist schon alles, was wir in den meisten Momenten brauchen.

Hey, jemand weiß, wie es dir wirklich geht, kein Theater, keine Show, wie es dir wirklich hinter den Kulissen geht, sei ganz du selbst. In einer Welt, in der wir uns so viel vorspielen, sollten wir vor allem dann Applaus bekommen, wenn wir uns abschminken, die Maskerade beenden, aufrichtig sind. Denn das kostet am meisten Mut, und daher sollten wir es am reichsten belohnen.

Heutzutage, habe ich manchmal das Gefühl, musst du als Frau alles gleichzeitig haben und vor allem unter unseren nicht mehr getragenen Hut bringen: Eine Familie, eine Karriere. Den Haushalt, die Kinder, den Lebenslauf, die Freunde und Bekannten, unser Aussehen. Gerade in einer solch harten Welt, die alles von uns abverlangt, sollten wir nicht auch noch miteinander hart ins Gericht gehen. Gerade in einer solch harten Welt sollten wir miteinander weich sein, aufbauend, ehrlich, verständnisvoll und ermutigend.

Wir müssen und können nicht alles schaffen, aber das, was wir schon geschafft haben und schaffen, ist eh schon so viel.

Umarmen wir uns, zeigen wir uns gegenseitig und auch uns selbst gegenüber Respekt, wir sind stark, ohne Vergleich, einfach nur stark auf unsere Art. Die Märchenstunde ist vorbei.

Ich habe keine Lust mehr auf Maske tragen, da bekomme ich noch weniger Luft als eh schon. Das ist der maskenfreie Zirkel, komm herein und fühl dich frei. Bist du dabei?

[Halle/Saale, 26.06.23]

Kommentar zu Lützerath

In diesen Tagen, genauer gesagt seit Mittwoch, dem 11.1., hat die Polizei begonnen, den Ort Lützerath zu räumen. Ihnen stehen Dutzende Klimaaktivisti entgegen, die zum Teil schon seit 2,5 Jahren in dem verlassenen Ort wohnen, der nun von RWE wegen der darunterliegenden Kohle abgebaggert werden soll. In Baumhäusern wohnen sie, in den verlassenen Häusern, in Zelten und sogar in einem selbstgegrabenen Tunnel.

Politiker ermahnen die Aktivisti, doch vernünftig zu sein und sich mit dem bereits erkämpften „Sieg“ zufrieden zu geben. Der „Sieg“ besteht darin, dass RWE „nur noch“ acht Jahre Kohle abbaut, 2030 ist dann Schluss. In meinen Augen klingt das nach blankem Hohn.

Die Erde brennt und ertrinkt jetzt schon. Bei uns auch, aber im globalen Süden noch schlimmer, und das schon lange. Millionen Menschen hungern aufgrund der Dürren, oder weil das ganze Land überschwemmt ist. Millionen Menschen erleben hautnah, was es heißt, wenn das Klima sich wandelt. Was Klimakatastrophe bedeutet.

Aber für die Politiker hierzulande und die RWE-Chefs sowieso ist das nicht wichtig. Sie sitzen in trockenen, klimatisierten (dieses Wort…) Häusern, wo sie die Räumung mit allen Mitteln in Auftrag geben. Wo sie trotz gegenteiliger Studien behaupten, der Abbau im ausgemachten Gebiet ist schon okay, weil sie ja in acht Jahren eh aufhören.

OMG wir machen so viel für das Klima, und jetzt geht mal runter von den Bäumen und hört auf mit eurem linken Aktivistenscheiss, habt ihr nichts zu tun, oder was? Versteht ihr nichts von Politik und wie das nun mal läuft? Kompromisse schließen heißt das, und für alle sorgen. Auch für Unternehmen.

Ja, das haben wir mittlerweile verstanden. Lützerath ist ein historisches Ereignis, denn es zeigt auch ganz klar und deutlich, wer noch immer gewinnt hier in Deutschland und wer vor allem am wichtigsten ist: Es sind die Unternehmen, es ist die Lobby, schaut mal nach Berlin, da überlegen sie, wie sie die Autounternehmen retten, obwohl wir doch nicht noch mehr Autos brauchen, sondern Lösungen abseits davon.

Wir können es in diesem Kontext nicht mehr allen recht machen wollen. Wir müssen Kompromisse schließen für das Klima und damit für die ganze Welt, und nicht nur für Unternehmen. Aber die Aaarbeitsplätze, und die Wiiirtschaft! Jaja, das alte Argument, das geht auch anders, man müsste nur wollen. Es ginge alles anders und besser, wir sind doch voller Ideen, aber der Status Quo ist nun mal bequemer, vor allem für diejenigen, die davon am meisten profitieren.

Kein Wunder, bei diesen Umständen, dass die Aktivisti in Lützerath sich so verzweifelt an jeden Baum und an jeden Quadratmeter „festkleben“. Kein Wunder, dass sie nicht aufgeben, denn was ist die Alternative? Schon wieder einem Unternehmen den Platz überlassen und einfach zusehen?

Lützerath ist ein Hoffnungsschimmer, ein letzter Anker, dass wir noch etwas bewirken können, wenn wir uns dafür einsetzen. Lützerath ist die letzte Bastion gegen einen zerstörerischen Kapitalismus, das Grundübel, das uns in seiner Gier noch die letzten Lebensgrundlagen raubt (und ich spreche hier vor allem für die Länder im Globalen Süden, wir hier in Deutschland haben es ja eh noch gut. Bei diesem Thema dürfen und können wir aber nicht egoistisch, sondern müssen solidarisch und global denken).

Mein ganzer Respekt geht an die Menschen vor Ort, die seit Jahren oder auch seit kurzem sich an den Abgrund stellen und für uns alle eine lebenswerte Erde erkämpfen. Ich wünsche, dass über alle Polizist:innen vor Ort eine Welle der Liebe kommt, sodass sie sich auf eure Seite stellen. Wie soll RWE weitermachen, wenn niemand mehr für sie Gewalt ausübt? Oder die Chefs von RWE werden von einem Engel besucht, haben eine göttliche Eingebung und setzen ihre Milliarden ab sofort für das Klima ein. Wir könnten so viel erreichen mit all dem Geld der reichsten Männer der Welt, so viele Kinder könnten ernährt, so viele Bäume gepflanzt, so viele Windräder und Solarzellen aufgestellt werden, so viel, so viel.

Wir müssen weiter von einer besseren Welt träumen und für sie kämpfen, denn wenn wir aufhören, geben wir uns auf. Bis dahin gilt: Lützi bleibt!

[Halle, 13.1.23]

Zu viel Konjunktiv

Es ist frustrierend
beobachten zu müssen,
wie „die da oben“ agieren
gemäß dem Motto:
„nach uns die Sintflut“.

Ich erlebe so viel Verständnis,
Engagement, Solidarität, Toleranz,
Klugheit, Offenheit
unter uns Jungen.

Ach wie schön wär' die Welt,
wenn wir sie regierten.

Oder würden wir dann auch korrupt,
blind vor Ehrgeiz und Gier,
nur noch an die nächste Wahl denkend?

Alle Ideale über Bord werfend,
Geld und Macht macht geil,
keinen Gedanken mehr an diejenigen
verschwendend, denen es nicht so
gut geht wie uns.

Wer noch denkt, er kann mal
so wie unsere Eltern leben,
hat den Blick für die Realität verloren.
Es wird nie mehr so werden wie für die,
die unsere Chefinnen und Chefs sind,
die wir jetzt wählen müssen.

So viel Engagement, so viel Aktivismus,
und doch so wenig Hoffnung.
Die wächst in mir nur, wenn ich euch seh’,
unentwegt auf die Straße gehend,
euer Kampfgeist unberührt.

Warum kämpft ihr nicht für uns,
mit uns für eine Erde, auf der auch eure Enkel noch leben können?
Wer hat euch eigentlich erlaubt,
sich so charakterlos ungeniert
an die Spitze zu stellen,
hat euch denn niemand Demut und Bescheidenheit gelehrt?
Verliert man diese wertvollen Eigenschaften,
einmal den süßen Geschmack der Macht gekostet?

Ich träume von einer Welt,
in der „die da oben“ erkennen,
wieviel mehr Spaß es macht
anderen zu helfen
als nur sich selbst.




(Halle, 13.09.2021)

Jetzt Desinteresse, später Denkmäler

Was nützen all die antirassistischen, muslimfreundlichen Bekundungen, wenn doch die eigentliche Rhetorik der Regierenden dahin geht, die zu uns Flüchtenden wie Ungeziefer, wie eine Plage von uns fernhalten zu wollen?

Es ist nicht erkennbar, dass Migranten egal welchen Jahrzehnts wirklich willkommen sind, wenn sie am besten doch „draußen“ blieben. Wenn jedes Kind, jede Frau zu viel ist, wenn sie ein „Problem“ darstellen, das in Talkshows und Zeitungskommentaren totdiskutiert wird. Alle Maßnahmen, die sowieso meist erst nach Anschlägen getroffen werden, sind reine Schönheits-OPs und oberflächliche Kurzzeitlösungen.

Aus historischer Perspektive — betrachten wir die Gegenwart aus zukünftiger Sicht — werden wir irgendwann mit tiefer Scham und Schuldgefühlen zurückblicken. Wir werden uns fragen: Wie konnte es soweit kommen? Wie konnten wir einfach zusehen, wie Hunderttausende Menschen aus der Not heraus zu uns fliehen wollten und wir sie entweder auf der anderen Seite von schnell hochgezogenen Mauern und Zäunen in der Kälte erfrieren oder im Meer ertrinken ließen. Wir sie lieber in Lager in Libyen und Marokko schickten — aus den Augen, aus dem Sinn und dem europäischen Kontinent. Wenn eigentlich klar war, was in diesen Lagern passierte – warum hat keiner reagiert? Warum hat keiner etwas unternommen?

Derweil führten wir Debatten darüber, ob man jetzt Schiffe zur Rettung losschicken sollte oder nicht. Lasst uns Schere, Stein, Papier um Menschenleben spielen.

Wir bauen Denkmäler, Mahnmale, sagen „nie wieder“ — doch was hilft es den Toten jetzt?

(geschrieben nach dem Anschlag von Halle am 9.10.2019)