Küche voller Kirschkuchen

Mir träumte heute: Zwei Männer fahren mich zu meinem neuen Zuhause, der Zug ist ausgefallen, sie haben mich mitgenommen, dafür biete ich ihnen einen Schlafplatz in meinem viel zu großen Haus an. Ich kenne das Haus gut, viel zu gut, auch wenn es, wie in Träumen üblich, etwas anders aussieht als in echt. Aber es ist das Reihenhaus, in dem ich meine halbe Kindheit verbrachte, in dem meine Mama aufgewachsen ist und meine Großeltern bis vor kurzem noch gelebt haben.

Ich war gerade erst da, ist nicht lange her, denke ich, müsste also aufgeräumt und ordentlich sein, bereit für Gäste. Wir betreten das Haus in der Vorfreude, uns nach der langen Reise etwas erholen zu können, doch schockiert bleibe ich noch im Eingangsbereich stehen: Es sieht aus, als wären Jahrhunderte vergangen, seit ich das letzte Mal hier war, mir wird übel.

Auf dem Boden liegt Erde, überall kringeln sich fette, weiße Maden. Wir haben Hunger, sehen in den Schränken in der Küche nach, ob Oma uns etwas hinterlassen hat. Hinter jedem Türchen stapeln sich Kastenkuchen mit Kirschen, auch sie wimmeln von Maden. Wo wir nur hinsehen: Kirschkuchen und Maden.

Einer der zwei Jungs beginnt, die Maden auf dem Boden aufzusaugen, mit dem anderen gehe ich in den riesigen Garten, auch er verwildert, der einstmals so gepflegte Rasen voller Eicheln. Hier könnten wir einen Rave veranstalten, sagt der Typ, dessen Name ich nicht kenne, und ich nicke, wär gut, aber was ist mit den Nachbarn, ich muss ja jetzt hier leben. 

Ich weiß nicht, wie es ausgegangen ist. Ich träume oft vom Reihenhaus von Oma und Opa, beinahe täglich gehe ich daran vorbei, doch nur im Traum kann ich es betreten, jetzt wohnen dort andere, fremde Leute.

Jede Nacht träume ich wild und bunt, doch nicht jeder Traum prägt sich so ein wie dieser (oder der letzte Gorilla-Traum). 

Doppelter Boden (I)

Ich wohnte noch nicht lange hier.

Dementsprechend sah es auch aus. Die Wohnung war ganz oben im Haus, und sie hatte einen doppelten Boden, was für diese Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen sollte.

Eines Tages besuchten mich meine alten Mitbewohner, die neugierig waren, wo ihre ehemalige WG-Oma hingezogen war. Ich wollte es ja selbst gern wissen, manches betrachtet man erst durch die Augen anderer neu und als nicht selbstverständlich.

Ich ging in die Küche. Überall waren Löcher im Boden, alte Gläser standen unabgespült herum, es war wirklich sehr, sehr schmutzig. Der Raum hatte einen Nebenraum, dessen Zweck sich mir nicht offenbarte, außer dass die Bewohner vor mir viele alte und kaputte Dinge hier zurückgelassen hatten. Vielleicht war das ja deren Speicher? Dann sah ich das riesige Loch in der Mitte. („dann“ ist gut, es war eindeutig nicht zu übersehen, doch hatten mich zunächst all die verstaubten kaputten Möbel abgelenkt.)

Ich sah in das Loch hinunter. Es handelte sich um einen etwa 1,50 Meter hohen Zwischenraum, einen doppelten Boden wie schon gesagt, mit von Holzwürmern zerfressenen Balken. Links hinten sah ich einen Wäscheständer, auf dem sehr verstaubte oder schmutzige Klamotten hingen.

Plötzlich wusste ich: Ich war nicht alleine. Jemand war da unter mir, versteckte sich. Um meine aufkommende Angst zu übertönen, stampfte ich laut auf, schrie, jaulte, machte alle mir möglichen komischen Geräusche und trampelte so auf diesem morschen Holzboden herum, dass es Staub regnete.

Und da war es. Ein kleines, gebeugtes Menschlein schüttelte sich und sah mich mit hasserfülltem Blick an. Nur kurz, und dann war es verschwunden, auf allen Vieren, weil es so da unten besser vorankam. Weg war es, Spuren im Dreck und eine unheimliche Stille hinterlassend.

Ich war zutiefst geschockt und fragte mich, was ich in dieser Bruchbude allen Ernstes tat. Warum hatte ich es überhaupt gemietet? Ich war doch eh nie hier. Mir war klar, diese kurze Begegnung hatte noch ein Nachspiel – nur dass sie so ausgehen würde, konnte niemand ahnen.

(18.02.22, Halle) (Fortsetzung folgt)