Brief aus der Zukunft (V)

Meine liebe Leni,

einen wunderschönen Gruß aus der frohen Zukunft!

Ich habe vor kurzem einen deiner Aufsätze gelesen – ja, wir lesen Bücher aus eurer Zeit! Es ist sehr spannend, anhand von Texten zu erforschen, wie die Menschen im Laufe der Zeit dachten, wie sich ihr Blick auf die Zukunft verändert hat und welche Rolle dabei optimistische und pessimistische Erzählungen spielen – du weißt ja, ich bin Wissenschaftlerin.

Du schreibst darin von der Schwierigkeit, dir einen Planeten Erde vorzustellen, dessen Bewohner:innen nett zu sich und ihrer Umwelt sind und die nicht die Gier nach mehr Geld und Macht, sondern Mitgefühl, Nächstenliebe und Solidarität walten lassen. Du schreibst, wie sehr euch eine positive Zukunftsvorstellung fehlt, weil euch der Glaube an das Gute im Menschen verloren gegangen ist und Gemeinschaften sich eher durch Hass und Ausgrenzung bilden als durch die Besinnung auf Gemeinsamkeiten. Verzeih, wenn ich heute mal nicht korrekt zitiere.

Mir hingegen fällt es manchmal schwer, dir mein Jetzt zu beschreiben, weil es sich so selbstverständlich anfühlt. Ich sage mal so: Die Menschen brauchen Regeln, sie gewöhnen sich an alles. Und es geht alles, wenn wir nur wollen. Eine große Floskel, aber sie ist so wahr. Wir mussten wollen, dass es allen Menschen auf der Erde gut geht, sie zu essen haben, nicht in ständigem Krieg leben, sie nicht an in anderen Ländern ausgerotteten Krankheiten sterben, die Ungleichheit nicht immer größer wird und so fort. Wir mussten ein besseres Leben für alle wollen.

Es war ein Kampf, das ist auch wahr. Viele Menschen gaben den Widerstand erst spät auf, weil sie lange meinten, wir wollten ihnen „alles“ wegnehmen. Das wollten wir nicht. Aber wir mussten ihnen auch klarmachen, dass eine gerechte Welt nicht beinhaltet, sich alles jederzeit und an jedem Ort verfügbar, sich alle Lebewesen der Erde untertan zu machen, ohne Maß und nur weil man es kann.

Das ist auch das Stichwort und Motto unserer Zeit: Maß. Wir können nicht mehr zu jeder Zeit alles konsumieren, nach dem uns gerade gelüstet. Diese Gelüste, diese Begierden haben uns damals fast in den Ruin getrieben, an besagten „Abgrund“, von dem ich dir einst erzählte. Ich muss es so sagen, aber der Konsum damals grenzte an Perversion. Jetzt gibt es weniger von allem, aber dafür genug für alle, besser verteilt.

Ich weiß, in eurer Zeit denken viele noch: Aber das werden sich viele niemals gefallen lassen, viele machen da eh nicht mit, dieses Modell kann gar nicht funktionieren, ideelles Gelaber. Du siehst es nicht, aber wenn ich manche Artikel und Bücher aus eurer Zeit lese, muss ich lächeln. Wenn ihr wüsstet, wie einfach es sein und wie gut man sich fühlen kann.

Du schreibst von dem Schmerz, den eine immer stärker leidende Welt in jedem von euch auslöst, an dem immer mehr Menschen erkranken. Ich sage dir: Es wird alles wieder gut, ihr werdet wieder gesunden. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht morgen, und es wird euch sehr viel Kraft kosten. Vielleicht auch nicht du selbst, vielleicht deine Kinder, oder die Kinder deiner Kinder. Aber ist das nicht Lohn genug? Zu wissen, dass diese es mal besser haben werden?

Das Problem ist, einer muss anfangen. Ein farbenfrohes Bild in der Ferne aufzumalen und in dessen Richtung zu gehen. Und weil ich von der Hoffnungslosigkeit in deiner Zeit gelesen habe, wage ich es immer wieder, dir zu schreiben. Wenn ihr nicht für uns loszieht, wird es mein Jetzt nicht mehr geben.

Liebste, Hoffnung bringende Grüße aus der Zukunft
Deine Lenka Lewka

Brief aus der Zukunft (IV)

Liebe Lenka,

verzeih, dass ich mich so lange nicht meldete. Manchmal muss ich Abstand zur Vergangenheit nehmen, im Hier und Jetzt leben und für die Menschen meiner Gemeinschaft da sein.

Der Grund, warum ich dir heute schreibe: Mir fiel ein, ich habe dir noch nicht von etwas sehr Wichtigem erzählt. Na gut, ich habe dir vieles noch nicht erzählt, weil es noch unpassend ist oder ich die richtigen Worte nicht finde.

Das Thema des heutigen Briefes ist: Für die Zeit, in der du lebst, ist es wichtig, ein Ziel zu kennen und in dessen Richtung mutig vorwärtszuschreiten. Einige Dinge werdet ihr hinter euch lassen müssen, aber das ist nicht schlimm, je weniger Gepäck, desto besser. Vieles in eurer Zeit ist sowieso veraltet und erschwert eure Reise. Manche werden aufgeben, es werden sich verschiedene Gruppen bilden aufgrund von Uneinigkeiten über den „richtigen“ Weg.

Viele sind erschöpft, weil das Gepäck schwer ist, die Vielzahl der Wege zum Ziel unübersichtlich und letzteres oft nicht mehr sichtbar oder sogar ganz vergessen. Sie können nicht mehr, bleiben lieber stehen, machen es sich an Ort und Stelle bequem, dort ist es ja gerade ganz gut auszuhalten, so schlecht geht es niemandem. Aber hinter euch droht Feuer und Wasser abwechselnd mit eurem Untergang, alte Gespenster tauchen auf, flüstern euch schaurige Geschichten ins Ohr, sie kennen eure Urängste genau, denn davon ernähren sie sich.

Die Menschen werden beginnen, hohe Mauern um sich herum zu bauen, die ihnen das Gefühl von Sicherheit geben, doch jede Mauer ist überwindbar. Und während sie die Bedrohung vermeintlich draußen hält, ist diese schon längst in die Menschen gekrochen, denn in Wahrheit kommt sie von drinnen. Sie wird sie von innen heraus auffressen, und eingemauert durch Wände an Toten werden sie von der nächsten Flut überrollt, unfähig, auszubrechen und zu fliehen. Wer um sich herum Mauern baut, wird selbst zum Gefangenen. Gruselig, oder?

Es ist auch eine sehr beängstigende Zeit, in der das Gegenteil von Mauern und Angst wichtig ist: Das, was deine Zeit so dringend benötigt, ist Mut und vor allem Hoffnung. Euch fehlt noch die entscheidende, alle vereinende Erzählung, das Ziel, in dessen Richtung ihr laufen könnt.

Was gerade mit euch passiert: Ihr werdet von der Angst in tausend verschiedene Richtungen zersplittert, blind getrieben in Richtung Abgrund. Ich kann dir sagen, es gibt da tatsächlich einen, ich verrate nicht, wo, aber ich weiß, dass er da ist. Lasst euch nicht von den alten Geistern jagen, und wenn, dann nur zu mir, in Richtung Hoffnung.

Voll Verzweiflung fragst du, wie eine solche Erzählung aussehen kann? Seid optimistisch. Stellt euch eine Welt vor, wie sie euch gefällt. Geht davon aus, dass Menschen gut sind, dass sie rücksichtsvoll im Hinblick auf die gesamte Menschheit handeln. Nehmt all eure Intelligenz zusammen, mit der ihr so viel Unheil anrichtet, immer nur mit dem Gedanken an mehrmehrmehr, und entwickelt Technologien, die euch helfen, nicht zerstören. Oder zerstört die Technologien, die euch kaputt machen, das geht auch (meistens entstehen diese ja in guter Intention). Besinnt euch eurer Verbindung mit Allem, eures Einsseins, denn die Getrenntheit eurer Zeit hat euch krank gemacht. Nutzt die Kraft, mit der ihr zerstört, zum Wiederaufbau, zum Erhalt, zur Gesundung.

Mehr kann ich heute nicht schreiben, der Brief ist schon zu lang. Besser gesagt, ich darf nicht, ich habe schon genug Ärger mit den Behörden. Du musst wissen, es gibt da eine Behörde in meiner Zeit, die ist nur dafür zuständig, dass Zeitreisende weder die Vergangenheit noch die Zukunft ändern. Das ist auch gefährlich, ich habe das schon selbst erlebt. Aber ein bisschen Hilfe kann nicht schaden, was meinst du? Ich hoffe, du empfängst diesen Brief wohlbehalten und ziehst ein wenig Hoffnung daraus.

In Liebe,

Deine Lenka Lewka

[Halle, 17.9.2023]

Kommentar zu Lützerath

In diesen Tagen, genauer gesagt seit Mittwoch, dem 11.1., hat die Polizei begonnen, den Ort Lützerath zu räumen. Ihnen stehen Dutzende Klimaaktivisti entgegen, die zum Teil schon seit 2,5 Jahren in dem verlassenen Ort wohnen, der nun von RWE wegen der darunterliegenden Kohle abgebaggert werden soll. In Baumhäusern wohnen sie, in den verlassenen Häusern, in Zelten und sogar in einem selbstgegrabenen Tunnel.

Politiker ermahnen die Aktivisti, doch vernünftig zu sein und sich mit dem bereits erkämpften „Sieg“ zufrieden zu geben. Der „Sieg“ besteht darin, dass RWE „nur noch“ acht Jahre Kohle abbaut, 2030 ist dann Schluss. In meinen Augen klingt das nach blankem Hohn.

Die Erde brennt und ertrinkt jetzt schon. Bei uns auch, aber im globalen Süden noch schlimmer, und das schon lange. Millionen Menschen hungern aufgrund der Dürren, oder weil das ganze Land überschwemmt ist. Millionen Menschen erleben hautnah, was es heißt, wenn das Klima sich wandelt. Was Klimakatastrophe bedeutet.

Aber für die Politiker hierzulande und die RWE-Chefs sowieso ist das nicht wichtig. Sie sitzen in trockenen, klimatisierten (dieses Wort…) Häusern, wo sie die Räumung mit allen Mitteln in Auftrag geben. Wo sie trotz gegenteiliger Studien behaupten, der Abbau im ausgemachten Gebiet ist schon okay, weil sie ja in acht Jahren eh aufhören.

OMG wir machen so viel für das Klima, und jetzt geht mal runter von den Bäumen und hört auf mit eurem linken Aktivistenscheiss, habt ihr nichts zu tun, oder was? Versteht ihr nichts von Politik und wie das nun mal läuft? Kompromisse schließen heißt das, und für alle sorgen. Auch für Unternehmen.

Ja, das haben wir mittlerweile verstanden. Lützerath ist ein historisches Ereignis, denn es zeigt auch ganz klar und deutlich, wer noch immer gewinnt hier in Deutschland und wer vor allem am wichtigsten ist: Es sind die Unternehmen, es ist die Lobby, schaut mal nach Berlin, da überlegen sie, wie sie die Autounternehmen retten, obwohl wir doch nicht noch mehr Autos brauchen, sondern Lösungen abseits davon.

Wir können es in diesem Kontext nicht mehr allen recht machen wollen. Wir müssen Kompromisse schließen für das Klima und damit für die ganze Welt, und nicht nur für Unternehmen. Aber die Aaarbeitsplätze, und die Wiiirtschaft! Jaja, das alte Argument, das geht auch anders, man müsste nur wollen. Es ginge alles anders und besser, wir sind doch voller Ideen, aber der Status Quo ist nun mal bequemer, vor allem für diejenigen, die davon am meisten profitieren.

Kein Wunder, bei diesen Umständen, dass die Aktivisti in Lützerath sich so verzweifelt an jeden Baum und an jeden Quadratmeter „festkleben“. Kein Wunder, dass sie nicht aufgeben, denn was ist die Alternative? Schon wieder einem Unternehmen den Platz überlassen und einfach zusehen?

Lützerath ist ein Hoffnungsschimmer, ein letzter Anker, dass wir noch etwas bewirken können, wenn wir uns dafür einsetzen. Lützerath ist die letzte Bastion gegen einen zerstörerischen Kapitalismus, das Grundübel, das uns in seiner Gier noch die letzten Lebensgrundlagen raubt (und ich spreche hier vor allem für die Länder im Globalen Süden, wir hier in Deutschland haben es ja eh noch gut. Bei diesem Thema dürfen und können wir aber nicht egoistisch, sondern müssen solidarisch und global denken).

Mein ganzer Respekt geht an die Menschen vor Ort, die seit Jahren oder auch seit kurzem sich an den Abgrund stellen und für uns alle eine lebenswerte Erde erkämpfen. Ich wünsche, dass über alle Polizist:innen vor Ort eine Welle der Liebe kommt, sodass sie sich auf eure Seite stellen. Wie soll RWE weitermachen, wenn niemand mehr für sie Gewalt ausübt? Oder die Chefs von RWE werden von einem Engel besucht, haben eine göttliche Eingebung und setzen ihre Milliarden ab sofort für das Klima ein. Wir könnten so viel erreichen mit all dem Geld der reichsten Männer der Welt, so viele Kinder könnten ernährt, so viele Bäume gepflanzt, so viele Windräder und Solarzellen aufgestellt werden, so viel, so viel.

Wir müssen weiter von einer besseren Welt träumen und für sie kämpfen, denn wenn wir aufhören, geben wir uns auf. Bis dahin gilt: Lützi bleibt!

[Halle, 13.1.23]

Brief aus der Zukunft (III)

Nachdem sich Europa damals fast verlor, hat es sich zum Glück wiedergefunden. Oder besser: neu erfunden. Der alte Mann musste erst sterben, Kreislauf des Lebens und so.

Es war ein Kampf, der sich gelohnt hat. Das Europa von heute, mein Europa, hat seine Fehler zugegeben und vor allem aufgehört, die gleichen zu machen, nur unter anderem Namen. Heute ist Europa ein anderes.

Wir feiern jetzt die Vielfalt, die sich aus unserer Vergangenheit, aber auch der Gegenwart ergibt. Die Vielfalt der Menschen, ihrer Meinungen, Hautfarben, Kulturen, Ideen, ihres Glaubens. Buntheit statt Tristesse, die Anderen als Chance. Liebe ist das einzige, was wir angsterfüllten Schwarz-Weiß-Erzählungen und Rückwärtsgewandten entgegensetzen können, das hat die Mehrheit mittlerweile erkannt.

Niemand muss mehr draußen bleiben, wenn er nicht will, und es gibt auch keine Gründe mehr, unfreiwillig nach Europa kommen zu müssen. Hochkomplex, aber am Ende relativ einfach gelöst. Wäre jetzt zu lang zu erklären, es hat auf jeden Fall mit globaler Gerechtigkeit, Wirtschaft, internationalen Beziehungen zu tun, und vor allem mit der Einsicht, dass es nicht ein paar wenige Menschen geben darf, die alles haben, und eine Mehrheit, die wenig bis nichts besitzt. Das ist aber ein eigener Brief, das spar ich mir auf.

Klingt alles ganz gut, stimmts? Und definitiv machbar. Solltet ihr mal ausprobieren, ihr da von früher. Natürlich mach ich Witze, ich weiß ja, dass ihr früher oder später drauf kommt, sonst wär ich jetzt nicht hier. Sonst wär alles kaputt gegangen, aber das verhindert ihr. Zum Glück.

Danke schon mal und bis bald mal wieder, Grüße und Küsschen,

Eure Lenka Lewka

Brief aus der Zukunft (II)

Ich habe kürzlich von den 20er Jahren gelesen. Keine Zeit, in der ich gern gelebt hätte.

Die ganze Welt war entflammt, die Menschen, vor lauter Möglichkeiten und andauerndem Informationsfluss überfordert und auf der Suche nach Halt.

Den fanden sie an unterschiedlichsten Stellen.

Die einen folgten am liebsten den Erzählungen der Rückwärtsgewandten, die die Vergangenheit glorifizierten und einfache Lösungen für eine komplexe Zeit versprachen. Dass es zwar die einfachste Sache ist, alte Ideen zu wiederholen, weil man sich nichts Neues überlegen muss, aber dass man dabei vergisst, dass diese alten Geschichten die Welt genau dahin gebracht hatten, wo sie damals war, muss ich gar nicht weiter ausführen. Zu oft haben wir ja schon gesehen, wohin es führte, wenn Vergangenheitsfetischisten an der Macht waren. Deren Erzählungen werden außerdem auf den Rücken anderer ausgetragen. Keine gute Basis: Der Rücken hält zwar viel aus, bricht aber bei zu viel Belastung.

Manche versuchten sich an der glorifizierten Gegenwart festzuhalten, sie wollten alles so belassen, wie es war, was ja doch nie möglich ist und den eigentlichen Zustand der Welt ausblendet. Sie zogen sich ins Private zurück, einer inneren Emigration gleich, und wurden ganz und gar unpolitisch. Haus, Job, Auto – das waren die einzigen Dinge, auf die sie (vermeintlichen) Einfluss hatten und die es zu schützen galt. Und wehe, etwas bedrohte die materielle Dreifaltigkeit! Doch auch dann wandten sich diese Menschen nicht gegen den eigentlichen Auslöser, sondern traten nach unten, gegen die, die am nächsten, am sichtbarsten und leider auch am unschuldigsten waren.

Wieder andere gingen in die entgegengesetzte Richtung und zerlegten jede Art von Identität in ihre Einzelteile. Sie vergaßen darüber den Menschen in seiner Ganzheit zu sehen, be- und verurteilten ihn nach den Worten, die er wählte, nach der Meinung, die er hatte, oder nach dem Geschlecht, für das niemand auf der ganzen Welt jemals etwas konnte.

Durch diese kritische Betrachtung fühlten sie sich moralisch überlegen all jenen gegenüber, die dazu nicht im Stande waren oder andere Sorgen hatten. Dieses Zusammenwürfeln der Identitätspuzzleteile hatte zur Folge, dass sich die Menschen gegenseitig zerstritten und in Grüppchen teilten, uneins und jeder für sich; sie wurden noch unglücklicher und fielen anderen Heilsversprechen zum Opfer.

Diejenigen, die sich eigentlich die Sozialen nannten, waren mit Identitätskleinklein beschäftigt und hatten über diese elitären Diskussionen (die man sich schließlich leisten können muss) vergessen, für was es sich wirklich lohnte zu kämpfen.

So manche Kräfte wussten diese Verwirrung und Zerstückelung der Gesellschaften zu nutzen, ja, verstärkten diese noch. Wer sich vor allem um sich selbst kümmert, wer nach unten hasst, wer mit Überleben oder intellektuellem Kleinklein beschäftigt ist, kann das Große Ganze nicht sehen. Und während die Wenigen immer reicher wurden, wussten die Vielen nicht, woher die nächste Mahlzeit kommen sollte, und sie gaben sich selbst oder anderen in derselben Lage die Schuld. Ganz kommod für die Wenigen, die von der Zerstrittenheit der Vielen profitierten und daher daran interessiert waren, diese Feuer, die alle verbrannten, weiter am Leben zu halten.

Mir scheint, weil viele Leute damals nicht mehr wussten, wer sie sind, und weil eine größere Gesamterzählung fehlte, an der sie sich festhalten konnten und die sich nicht nur von der Angst der Menschen ernährte wie Schwarz-Weiß-Erzählungen, war Europa in viele kleine Einzelerzählungen geteilt, getrennt. Wie soll etwas gemeinsam erschaffen werden, wenn niemand weiß, was „gemeinsam“ eigentlich heißt?

Im nächsten Brief erzähle ich Euch, was in meiner Gegenwart anders als damals ist.

Für heute aber verbleibe ich mit Küsschen und liebsten Grüßen

Eure Lenka Lewka

Brief aus der Zukunft (I)

Ich weiß gar nicht mehr, wie es früher war. Mir scheint, es muss immer so gewesen sein wie heute, so natürlich fühlt es sich an und so unlogisch alles andere. Ich erzähle Euch hier ein wenig von meiner Gegenwart und Eurer Zukunft. Dafür beginne ich mit dem Großen und zoome dann immer näher ran.

Eine weltverändernde Entwicklung, die ich sehr begrüßt, schon vorausgesehen und gleichzeitig herbeigewünscht habe: Die Länder Afrikas stehen nun geeint da. Sie haben alle außerkontinentalen Interessen verbannt, alles ist jetzt in afrikanischen Händen. Das war ein schwerer Kampf, bis es endlich soweit war, aber es hat sich gelohnt. Und weil die ganze Welt von afrikanischen Ressourcen abhängig ist, hat Afrika eine wichtige Rolle in der Weltordnung eingenommen.

Eigentlich gibt es diese Ordnung aber nicht mehr.

Kein Land der Welt fühlt sich überlegen und will in den Angelegenheiten anderer mitreden. Kein Land will mehr andere Länder erobern, denn alle genügen sich selbst. Klingt verrückt und unmöglich in Euren Ohren, oder?

Es herrscht ein fairer Handel: Länder mit mehr natürlichen Ressourcen tauschen diese gegen Wissen oder andere Dinge ein, die Länder mit weniger Ressourcen haben. Niemand muss mehr Hunger erleiden, denn die Erde gibt genug her für alle, schon immer, nur jetzt ist es eben gerecht verteilt.

Kein Mensch der Welt darf mehr besitzen als der Großteil der Menschheit; Verschwendung, Protz und Anhäufung von Reichtümern sind weltweit verpönt und stehen sogar unter Strafe. Auch die Ausbeutung von Menschen ist nun verboten, doch sie ist auch nicht mehr nötig, da mit dem Ende des Mottos „mehr mehr mehr“ der Überfluss zum Überdruss wurde. Lebensmittel, Klamotten und etwaiges dürfen nur in den benötigten Mengen hergestellt werden, so vermeidet man auch sehr viel Müll.

Vor einigen Jahren hat man endlich eingesehen, dass das Erhöhen einiger Menschen über andere nur dazu dient, sich selbst besser zu fühlen, und es auch oft aus Angst heraus geschieht. Zum Beispiel die Angst vieler Europäer vor der Stärke des afrikanischen Kontinents.

Afrika ist unsere Zukunft und auch unsere Vergangenheit, das haben endlich alle erkannt.

Die Angst europäischer Länder vor einer Einigung Afrikas bestand vor allem darin, dass sie auf sich selbst zurückfallen würden. Der Reichtum vieler europäischer Länder rührte in der Ausbeutung anderer, und wenn das nicht mehr möglich wäre, was dann? Würden sie dann merken, welch‘ Museum sie sind und in welcher Abhängigkeit sie von anderen Ländern und Kontinenten stehen? Dass sie nichts sind ohne jene Länder, aus denen die Menschen zu ihnen fliehen, in der Hoffnung auf ein menschenwürdiges (oder überhaupt ein) Leben und mit einer Europa verklärenden Vorstellung? Aber wehe Dir, Europa, sie besinnten sich auf ihre eigene Stärke, dann, so fürchtete man, wäre es nur noch ein Häuflein Elend, reich zwar an Geschichte und Wissen, mehr aber auch nicht.

Und so kam es dann auch, doch zum Glücke Europas sind nicht alle so gesinnt wie es selbst, und es konnte sich ein reger, respektvoller Austausch, ein fairer Handel entwickeln, endlich auf Augenhöhe.

Übrigens gibt es mittlerweile auch keine Atomwaffen mehr. Die hat man abgeschafft, weil sinnlos und unglaubliche Geldverschwendung. Dieses doch sehr männliche Getue, wer die dicksten… Waffen habe, wurde als unwürdig verboten. Sowieso lachen die meisten Regierenden heute darüber, weil sie erstens vor allem Frauen sind und zweitens erkannt haben, wie lächerlich es war, wenn doch keiner wollte, dass auch auf sein eigenes Land eine solche Bombe falle. Wozu also noch so tun? Im Rückblick erscheint es uns fast als witzig, wie sich die „Chefs“ der damaligen Welt wie Gorillas mit den Fäusten gegen die Brust hauten und sich gegenseitig anbrüllten.

Verrückte Zeiten. Und das alles wozu? Das versteht heute keiner mehr.

Das nächste Mal erzähle ich Euch von den Veränderungen innerhalb der Gesellschaften und im zwischenmenschlichen Umgang, das ist auch sehr schön. Wenn Ihr Fragen zu irgendwelchen Aspekten meiner Gegenwart und Eurer Zukunft habt, schreibt mir einfach, dann gehe ich darauf ein.

Bis bald,

Eure Lenka Lewka aus der Zukunft

Wirbelsturm

Die alten Erzählungen haben ausgedient. Sie wissen es schon und halten sich deshalb mit aller Kraft an den Menschen fest.

Die alten Erzählungen haben Jahrhunderte überlebt, was kann daran also schlecht sein?

Das Alte zerbröckelt, Zeit für Neues.

Wir haben sie durchschaut, sie machen uns nichts mehr vor.

Die verkrusteten, starren Strukturen aufzubrechen, kostet viel Kraft, es ist die Herausforderung unserer Zeit. Menschen haben alle paar Jahrhunderte ihr Denken überdacht, exakt in einem solchen Wirbelsturm befinden wir uns gerade.

Nach dem Unwetter werden wir aufräumen, für neue Ordnung sorgen müssen, denn alles, was dem Sturm nicht standhalten konnte, was gefallen ist oder ausgerissen wurde, muss beiseite geschafft werden.

Die Luft wird frischer, reiner, nicht mehr abgestanden sein, endlich wieder tief einatmen, endlich wieder klare Sicht. Dann werden wir aufstehen, den Staub und Dreck aus unseren Herzen, Köpfen und Klamotten klopfen und zusammen etwas aufbauen, das dem nächsten Sturm standhält.