Wie kann man nur sooo müde sein? – Mein Leben mit ME/CFS

Wie kann man nur soo müde sein? Frage ich mich manchmal, bis ich mich daran erinnere, dass ich hald doch krank bin, dass das hald doch nicht normal, sondern eben eine schwere Krankheit ist.

Es existieren diese kurzen Momente, in denen ich es vergessen, vielleicht auch verdrängen kann, aber seien wir mal ehrlich, dafür gibt es ja diese Funktion unseres Gehirns. Wir könnten nicht (über)leben, wären wir uns ständig bewusst, was wir alles nicht mehr können und wie bescheiden unsere Situation tatsächlich ist.

Wenn es eines gibt, was der Mensch gut kann, dann ist es, die eigene Lage zu leugnen und so zu leben, als gäbe es weder Zukunft noch Konsequenzen in dieser aus seinem gegenwärtigen Handeln.

Zumindest geht es mir oft so.

Das vielleicht Schwierigste an ME/CFS ist es, ständig das Wohl der eigenen Psyche gegen das der Physis abwiegen zu müssen, und dabei sind die beiden so sehr miteinander verbunden, dass jede Entscheidung immer auch zum Teil falsch ist. Jeden Tag – sofern es ein Tag ist, an dem ich überhaupt die Möglichkeit habe, mich zu entscheiden und mich mein Körper nicht sowieso ins Bett zwingt – stehe ich vor dem Dilemma: Mache ich etwas für meine Psyche, unternehme ich also etwas Schönes, fahre ich an den See, treffe ich mich mit Freunden, halte ich in ein paar Monaten einen Schreibworkshop oder eine Lesung, oder bleibe ich lieber zuhause, ruhe mich aus, gehe alles langsam an, verzichte ich darauf, über meine Belastungsgrenze zu gehen im Hinblick auf mein zukünftiges Wohlbefinden?

Und es hängt natürlich zusammen: Geht es mir körperlich schlecht, habe ich also schlimme Schmerzen, bin ich so kaputt, dass ich weder duschen noch essen noch lesen oder fernsehen kann, leidet meine Psyche ja auch. Und geht es mir psychisch schlecht, weil ich dann doch mal um meine Gesundheit trauere und ich nur zuhause liegen kann, während alle anderen Familien gründen oder um die Welt reisen, verstärkt das auch meine körperlichen Beschwerden. 

Doch bei dieser Krankheit muss mein Verstand und die Disziplin gewinnen, denn das, was das Herz will, ist entgegen jeglicher Besserungschancen. Und ich will wirklich vermeiden, dass sich mein Zustand noch weiter verschlechtert.

Schwer oder schwerst Betroffene von ME/CFS können nur noch in abgedunkelten Räumen liegen, halten kein Licht, kein Geräusch, keine Berührung aus, können nichts mehr selbstständig, auch nicht mehr essen, selbst das ist dann zu anstrengend. Betroffene sagen, es fühle sich an, als wären sie lebendig begraben.

Und auch, wenn eine Verschlechterung der Symptome nicht gänzlich in meiner Hand liegt, verzichte ich lieber jetzt auf manches, bevor ich am Ende auf alles verzichten muss.

Ein Beispiel dafür, dass es nicht nur an mir liegt: In meinem Blut wurde vor ein paar Wochen Borreliose festgestellt, sehr wahrscheinlich ist diese schon seit Jahren in mir und könnte mitverantwortlich für meine Erkrankung sein. Deshalb musste ich drei Wochen lang Antibiotikum nehmen, zusätzlich war es dauerhaft so heiß; das alles hat mich so zurückgeworfen hat, dass ich gerade kaum mehr gehen kann und den überwiegenden Teil des Tages schlafe (bzw. unfähig jeder Bewegung mit Schmerzen überall auf der Couch liege). So viel dazu. 

Es gibt noch keinen Heilungs- oder Therapieansatz, doch ich muss an dem Glauben festhalten: In ein paar Jahren kann ich wieder alles machen, was ich jetzt verpasse, was ich jetzt gern erlebte. Ich habe eine Liste erstellt, die jeden Tag länger wird.

Was würde ich machen, wenn ich in einem Jahr (oder eher 5 oder 10) dank eines Wunderheilmittels wieder gesund würde? Wenn ich morgen wieder gehen könnte, endlich keine Schmerzen mehr, endlich wieder spazieren? Wenn mein Akku wieder funktionierte, wie er soll, nach acht Stunden Schlaf hundert und nicht nur zehn Prozent Energie? Wenn ich aufstehen könnte, ohne mich zu fühlen, als hätte ich die letzten drei Nächte durchgefeiert, wäre jeden Tag einen Marathon gelaufen und hätte zusätzlich Fieber? Wenn ich wieder ganz ich selbst sein, unbeschwert lachen, Sport machen, auf Konzerten stundenlang tanzen, mich sozial engagieren könnte? Wenn ich endlich wieder reisen, fremde Länder besuchen, andere Sprachen sprechen könnte? 

Ich freu mich schon.

Bis dahin: Seid doch so nett und informiert euch über ME/CFS, ich bin zu erschöpft, um es jedem immer wieder erklären zu müssen. Es gibt auch schon so viele Beiträge dazu! Und nein, Sport hilft nicht, im Gegenteil. Und auch nicht kalt duschen. Und ja, ich freu mich, wenn ihr euch bei mir meldet, und wenn ihr auch nur sagt, ihr denkt an mich, dann lädt das zumindest meinen Herzakku auf.

Oder wie es Bahtiyar Bozkurt (@xbahtistuta) auf Instagram heute so schön ausgedrückt hat: „Eine Umarmung oder ein kleines ‚Hi, ich denke an dich’ sind unbezahlbar in schwierigen Lebensphasen. Und das können wir alle für unsere Nächsten leisten, ohne uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man das Problem genau löst. Love is medicine ❤️“.

Mercii ❤ (auch fürs Lesen)

[Regensburg, 19.08.2024]

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lenkasause

Die Worte flossen aus meinen Fingern, ich verstehe sie erst jetzt...

14 Kommentare zu „Wie kann man nur sooo müde sein? – Mein Leben mit ME/CFS“

  1. Alles Gute wünsche ich dir. Liebe Lena. Und ich hoffe, du hast viele liebe Menschen um dich, die da sind, wenn du sie brauchst, mit denen das Leben etwas leichter ist. Und ich drücke dir ganz fest die Daumen dafür, dass du wider gesund wirst. Die Medizin entwickelt sich ja immer weiter!
    Mit herzlichen virtuellen Umarmungen ❤️🌹
    Rosa

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  2. Liebe Lena 🫶 Ich wünsche dir aus tiefstem Herzen, daß sich dein Leben wieder gut anfühlt, daß du nach deinen Vorstellungen leben darfst… Diese Wünsche sende ich ans Universum für DICH ☘️🤗😘🌻

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  3. Liebe Lenka,

    was Du geschrieben hast, hat mich tief berührt. Ich habe keinen Rat und ich will hier keine „Durchhalteparolen“ schreiben. Aber ich habe eine Ahnung davon, wie schwer es für Dich sein muss, mit diesem Krankheitsbild zu „leben“, sich damit auseinanderzusetzen, den Antagonismus zwischen Herz und Verstand, die Ihrerseits beide nur das beste für uns wollen, auszutarieren. Es ist so unsagbar schwer, kostet jeden Tag, jede Stunde soviel Energie …, ich kann es, wenigstens wohl ein bisschen, nachvollziehen, weil ich zwar ein anderes Krankheistbild mit mir herumschleppe, dieses aber in seinen Wirkungen dem Deinen oft nicht fern ist.

    Weil das so ist, das sage ich ohne jeden Pathos, schlägt mein Herz für Dich. Es schlägt für Dich, weil es sich nichts mehr wünscht, als dass Du Schritt für Schritt einen Weg aus dieser Krankheit finden kannst. Nichts braucht es dasfür mehr als Menschen, die nicht nur Verständnis für Dich und Deine Situatioin haben, sondern Dich VERSTEHEN. Wenn das nur zunächst mal im Bereich der Ärzte und des medizinischen Personals so wäre …(Ich weiß, dass das gerade bezogen auf Deine Erkrankung leider häufig immer noch nicht der Fall ist.)

    Du sollst wissen, dass Dich, aufrichtig, meine besten Wünsche begleiten, dass Du gern, wenn Du es willst und es Dir möglich ist, besonders dann an mich denken darfst, wenn es Dir nicht gutz geht, wenn Du am (ver-)zweifeln bist. Stell Dir dann vor, dass ich da bin, meine Gedanken, wie eine virtuelle Schulter, an die Du Dich anlehnen kannst. Jederzeit.

    Ich denke an Dich und schicke Bitten in den Himmel (regelmäßig!).

    Sehr liebe, von Herzen kommende Grüße an Dich! 🙏🏻💚🍀

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    1. Ach danke dir 🥹🫶 weiss ich sehr zu schätzen:)
      Es ist tatsächlich so, dass ganz gesunde Menschen, die noch nie eine schwere und/oder chronische Erkrankung hatten, kaum verstehen können, wie es ist, so krank zu sein. Und ich wünsche es ihnen auch, das nie voll verstehen zu müssen. Aber deswegen tut es schon besonders gut, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, da fühlt man sich gleich weniger allein… ☀️

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    1. Dankeschön 🙏
      Leider kennen noch immer zu wenig diese Krankheit, v.a. auch im medizinischen Bereich. Es ist schließlich eine unsichtbare Krankheit (bisher durch keine Marker nachweisbar + Betroffene verschwinden aus der Öffentlichkeit), und meine Hoffnung dabei ist, sie ein bisschen sichtbarer zu machen 🙂

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