Ein seltsames Rennen

Es ist ein seltsames Rennen, von dem wir heute Zeuginnen werden. Die Läufer stehen bereit, doch nicht alle auf einer Linie. Ein paar von ihnen dürfen mehrere hundert Meter weiter vorn starten als die große Mehrheit, die lose verteilt über die Laufbahn steht.

Unklar ist, wie lange dieses Rennen dauert. Bis der Erste aufgibt? Bis der Letzte tot umfällt? Und wohin laufen wir überhaupt?

Es beginnt auf den Schrei einer gebärenden Frau hin.

Die Handvoll Läufer ganz vorne behält ihren Abstand zum Rest hin, ja vergrößert ihn im Laufe des Rennens sogar, bald sind sie nur noch ein paar Punkte am Horizont. Immer wieder werfen sie Getränke und Energieriegel hinter sich, wie um zu sagen: Kommtkommt, wir helfen euch, hier habt ihr ein bisschen Energie, ihr könnt es schaffen! Gleichzeitig aber werfen sie ihnen Steine – wortwörtlich! – in den Weg. Der Rest wird sie nie einholen, das wird immer deutlicher, je langer das Rennen dauert, denn sie sind besser trainiert, ausgestattet, ernährt, und die hundert Meter, die ihnen zum Start geschenkt wurden, macht niemand, nicht einmal der begabteste Läufer, mehr wett.

Allein das Gegenteil wird dem Rest erzählt! Sie müssten sich nur anstrengen, sie müssten es nur wirklich wollen, und wenn sie schnell genug liefen, könnten sie am Ende mit denen dort vorne mithalten. Immer mehr bleiben zurück und auf der Strecke liegen, sie haben im falschen Glauben alles gegeben, doch es war nie genug. Viele versuchen es gar nicht erst, ihnen fehlen die Möglichkeiten oder Schuhe, sie haben ein kaputtes Knie, ein krankes Herz oder andere, unüberwindbare Hindernisse in und vor sich. Manche stolpern über die Hürden, die ihnen die da vorne in den Weg legten, wieder andere geraten in einen Streit mit ihren Konkurrenten, die Rennbahn ist eng, es haben nicht alle Platz, sie schubsen sich gegenseitig in die Gräben.

Und dann sind da noch diejenigen, die verspätet dazukommen, mit noch schlechteren Startbedingungen als die bereits Anwesenden, die noch schneller laufen, sich noch mehr anstrengen müssen als diese, um wenigstens einigermaßen mithalten zu können. Die Anwesenden befasst plötzlich eine Angst, dass die Neuen sie überholen, dass sie ihnen die geringe Chance auf einen Platz auf dem Podium wegnehmen. So wird ihnen zumindest erzählt. Sie sind sich nicht bewusst, wie ihnen die Neuen ihre eigene Aussichtslosigkeit vorspiegeln, und hassen diese dafür umso mehr.

Eigentlich könnten sie viel weiter und schneller sein, schließlich hatten sie noch immer bessere Startbedingungen als jene, die ihre Heimat, ihre Familien verließen, die unfreiwillig an diesem künstlichen Lauf teilnehmen, nachdem sie zuvor schon vor Krieg, Hunger, Armut geflohen sind – das unerbittlichste Rennen von allen. Ihnen nun, und sie haben es nicht anders gelernt, werfen sie Stein in den Weg, eine Last, die sie noch langsamer und müder macht, die sie noch weiter zurückfallen lässt.

Die vordersten Läufer derweil genießen ihre Ruhe, sie machen mehrmals Halt, gehen gemütlich spazieren, erholen sich an den menschenleeren, noch voll ausgestatteten Trinkwasserstationen. Sie machen sich keine Sorgen. Ihr Sieg war nie in Gefahr.

[Regensburg, 1.9.24]

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Avatar von Unbekannt

lenkasause

Die Worte flossen aus meinen Fingern, ich verstehe sie erst jetzt...

4 Kommentare zu „Ein seltsames Rennen“

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