Steinmetz

Sei du selbst.

Das sagt sich so einfach, wenn ich doch all die Jahre, in denen ich mein Ich formte, vergessen habe, wer ich eigentlich bin.

Hallo, liebes Selbst, was hättest du denn gerne? Wer bist denn du eigentlich, sag mal, erzähl mal was von dir.

Ein grober, unbearbeiteter Stein, darin ein diamantener Kern. Schicht für Schicht entfernen wir, die Hammerschläge schmerzen. Doch wenn das Stück Stein abfällt: Erleichterung, Leichtigkeit.

Ohne Schmerzen kein Wachstum.

Durch all die Gesteinsschichten, die sich über die Jahre ablagerten, sahst du dein Innerstes nicht mehr, den reinen Diamanten, als der du geboren warst. Du sahst dich als Stein. Wer bin ich? Ein Stein. Grob und grau, einer unter vielen. Wenn alle gleich sind, lassen sie sich auch ver-gleichen.

Behutsam setze den Meißel an, lerne, was Dich umgibt, entferne radikal. Die Schichten dienten Dir als Schutz, doch nun wiegen sie zu schwer, um weiter zu gehen. Wenn Du Dich nicht von ihnen trennst, bleibst Du irgendwann liegen, stehst nicht mehr auf. Statt an Dein eigenes Ziel zu gelangen, hilfst du Anderen, ihr Ziel zu erreichen, sie treten auf Dich, benutzen Dich, Du wirst Teil des Wegs, unsichtbar und unbedeutend. Doch Du kannst es ihnen nicht vorwerfen, es lag in Deiner eigenen Hand.

Nur wenige – und das sind die, die Du festhalten solltest – erkennen den in Dir enthaltenen Schatz, sie heben Dich auf und tragen Dich ein Stück ihres Weges.

Bis Du Dich auch endlich selbst erkennst.

[Halle,14.3.21]

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lenkasause

Die Worte flossen aus meinen Fingern, ich verstehe sie erst jetzt...

7 Kommentare zu „Steinmetz“

  1. Oh, da sind so einige wichtige Hinweise für mich in deinem Text. Es ist schon spannend, aber ich empfinde mich so gar nicht als Diamanten. Ich sehe mich zwar auch nicht als Stein, aber diese Besonderheit eines Diamanten empfinde ich nicht in Bezug auf mich, doch ich sehe ihn bei anderen Menschen. Vielleicht ist das auch in Ordnung so…vielleicht muss ich aber auch mal ein paar Schichten abschlagen und mich wieder ein wenig strahlen lassen.

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  2. Schöne, metaphorische Gedanken. Wie so oft von Dir.

    Bei dem: „… es lag in deiner eigenen Hand“, musste ich innehalten.

    Denn das ist die Frage meiner vielen Rückblicke: Lag es in meiner Hand? Was lag in meiner Hand?

    Ich weiß durch dieses Sinnen und längst auch aus genereller Erfahrung über mich, dass ich kaum risikobereit bin, dass Veränderungen für mich meist eine unglaubliche Herausforderung sind, dass ich manches unterlassen habe, was ich hätte tun können.

    Aber vieles in meinem Leben lag auch und wirklich nicht in meiner Hand. Und etliches war mit Weichenstellungen verbunden, die ich selbst nicht gewollt habe.

    Wir sind als soziale Wesen immer auch Teil der Leben anderer, beeinflusst durch die verschiednen Communities und in Abhängigkeiten, denen wir oft nicht entrinnen können.

    Was ich weiß, ist: Ich bin nicht als Diamant geboren, ich bin keiner geworden und ich werde keiner. Weder so hart, noch so rein oder glänzend.

    Als ich geboren wurde, ward (m)eine Seele geboren. Sie ist, was ich bin.

    Sehr liebe Grüße an Dich, liebe Lenka, wire immer mit der aufrichtigen Hoffnung verbunden, dass es Dir so gut wie nur irgend möglich gehen möge. ✨🍀💚

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