Warum eine Welt erfinden

Ich stelle mir vor, jeder Mensch hat im Laufe seiner Seele ein Leben, in der er vollkommen glücklich ist und alles perfekt läuft. Ein einziges unbeschwertes, voller Lachen und Freude, mit vielen guten Freunden, einer liebevollen Familie und der einen großen Liebe. Ein Leben bester Gesundheit, mit genug Geld und keinen echten Sorgen. 

Manchmal beobachte ich Menschen und denke, sie leben gerade genau dieses eine glückliche Leben. Ich freue mich für sie, denn ich weiß, ich hatte ein solches schon, und wenn nicht, dann kommt es noch. Und wie schön ist die Vorstellung, dass manche Menschen gerade ihr volles Glück leben?

Bin ich neidisch? Erstaunlicherweise nicht. Im Gegenteil, voller Vertrauen bin ich, dass mein Leben genau so sein soll, wie es ist, und Gedanken wie „Was hätte sein können?“ sind fatal und machen zutiefst unglücklich.

Es ist schon in Ordnung so.

Vielleicht lebt ja ein anderes Ich in einer Dimension links von mir gerade ihr bestes Leben? Vielleicht läuft sie gerade am Strand entlang, in ihrer Hand Frau und Kind und keinerlei Sorgen im Hinterkopf? Vielleicht ist das in der Dimension links von mir die bessere Welt, in der niemand verhungern oder verdursten, auf der Strasse leben oder in Kriegen sterben muss? 

Doch säße ich hier und erfände eine andere Welt, wenn ich in der meinen glücklich wäre? Wenn ich dort drinnen lebte und nicht hier draußen, in der Rolle der Beobachterin? Wie große Einsichten haben, wenn man nicht von außen hineinsieht, wie Zusammenhänge erkennen, wenn man mittendrin steckt? Oder wie es Erich Kästner formuliert hat: Der Fotograf ist nie mit auf dem Bild. 

Freilich, diese Theorien überdecken nur den Schmerz, sie helfen mir, meine Situation anzunehmen, da bin ich ganz ehrlich. Aber tun wir das nicht immer? Uns unsere Situation erklären, bis uns unser Herz endlich glaubt, und dann machen wir einfach weiter? Bestimmt. Wir Meister der Anpassung.

Ich für mich habe da zudem dieses Vertrauen in mir, und wenn ich still bin, kann ich es klopfen hören: 

Hey, ich bin immer noch da, solange es dich gibt, und das ist das Wichtigste. Dass es dich gibt. Alles andere sind nur Erzählungen, was ist schon „normal“, lass dir da nix einreden. Du bist du und das ist gut so, und jetzt mach das Beste draus mit dem, was dir gegeben wurde, und keine Sorge: Dein Leben ist nur ein klitzekleiner Ausschnitt eines viel größeren Bildes. 

[Regensburg, 11.12.24]

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Avatar von Unbekannt

lenkasause

Die Worte flossen aus meinen Fingern, ich verstehe sie erst jetzt...

7 Kommentare zu „Warum eine Welt erfinden“

  1. So langsam werde ich ein alter Mann, und ich kann sagen, nicht jeder hat im Laufe seiner Seele ein Leben, in der er vollkommen glücklich ist und alles perfekt läuft… Bestenfalls ein paar Wochen.
    Vertrauen zu können ist ein Geschenk.

    🙏🏼

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    1. Mhm, ich glaub auch, dass die Momente reinsten Glücks vereinzelt auftreten, und dann kommts natürlich drauf an, was wir als Glück definieren und ob wir es auch in den kleinen Dingen sehen können ☀️ aber es gibt schon so Menschen, die haben in ihrem Leben mit allem einfach Glück gehabt – ist dann hald die Frage, ob sies auch wissen und schätzen ✨

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      1. Ich weiß nicht, ob mit allem, es wird auch Vieles nicht ausgesprochen. Davon aber abgesehen entspricht das im Sinne eines „im großen und ganzen und im Wesentlichen“ auch meiner Beobachtung. Ja, das zu schätzen wissen… ✨

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