Magie und Perspektivwechsel

Ein paar Notizen über das Schreiben, angeregt durch ein Interview für den Demokratischen Salon (empfehlenswerter Newsletter!).

Es existiert eine Faszination für Menschen, die schreiben, und ich kann das verstehen. Jetzt, da ich die Erfahrung gemacht habe, ein Buch zu schreiben, und weiß, wie sich das jedes Mal angefühlt hat, jetzt weiß ich, dass das kein gewöhnliches Handwerk ist, es geschieht etwas Magisches, Unvorhergesehenes, wenn ich einmal im Fluss bin.

Ich kann nicht planen, wo meine Figuren am Ende landen, ich kann nicht planen, wem sie begegnen, was sie erleben. Ich kann mir vielleicht einen groben Plan machen mit den Stationen, an denen meine Figuren unbedingt vorbeischauen müssen. Aber was dazwischen und außerhalb davon geschieht, entzieht sich meiner Kontrolle. Das ist doch das Spannende am Schreiben: Ich folge meinen Figuren und weiß selbst nicht, was als nächstes passiert, denn wenn ich schon alles wüsste, wie langweilig wäre das, dann müsste ich es ja nicht mehr aufschreiben.

Ich kann nicht begründen, warum ich bestimmte Dinge geschrieben habe, wie ich sie geschrieben habe. Wenn ich das könnte, würde ja eine Agenda hinter meinem Text stehen, was nicht so ist. Ich schreibe nicht, „um zu“. Ich schreibe, weil die Geschichte hinausdrängt, weil sie geschrieben werden muss, mit all ihren Lücken, die nicht ausformuliert werden wollen und können.

Ich behaupte nie, alles zu wissen, weil dem auch nicht so ist, ich weiß nicht alles über diese Geschichte, sie will ihre dunklen Flecken behalten, nicht alles von sich preisgeben, und ich respektiere das. Ich habe keine Angst vor dem Unerzählten, vor dem schwarzen, alles verschlingenden Nichts, das alle meine Worte und Bilder in sich aufsaugt. Es hat keinen Sinn, etwas zu fabulieren, was da nicht hingehört, ich akzeptiere wie Goldmund, dass manches nicht in Form gebracht, konkretisiert, ausformuliert werden will, zumindest noch nicht jetzt, vielleicht aber auch nie. Die Suche nach den Unterirdischen Seen ist wie das „letzte Geheimnis“, das ich nur finden kann, wenn ich mich vergesse, wenn ich alles loslasse, was mich in dieser Welt hält.

Was genau auf dem Weg nach unten geschieht, weiß ich nicht, doch ist es, denke ich, der innigste Herzenswunsch, der einem vor Augen geführt wird, das Baden im Wasser löst alle Filter und Zettel vom eigenen Ich, die Hauptfigur sieht jetzt ganz klar und deutlich, was dort oben nicht stimmt, was anders werden kann. Eine bessere Welt vielleicht, und ja, vielleicht ist das nur ihr ganz persönlicher Wunsch, und die anderen haben ihre eigenen. Wären sie dann aber mit der Hauptfigur in diesem Wald, in den die Rebell:innen gesperrt werden?

Das Spiel mit den Erzählstimmen ist für mich das, was Literatur ausmacht: der Perspektivwechsel. Wozu immer nur aus den eigenen, aus menschlichen Augen heraus erzählen, wenn in diesem Medium doch so viel mehr möglich ist? Wenn dies die einzige Kunst ist, die uns erzählen kann, was ein Gegenstand denkt, was die Wolken singen, was ein Regentropfen fühlt, wenn er auf die Erde zurast.

Nirgendwo sonst gibt es so viele Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen, und es ist an uns Schriftsteller:innen, diese Möglichkeiten auszureizen, uns selbst zu vergessen, den Blick zu ändern – unseren und den der Leser:innen.

Aus diesem Grund spiele ich auch in „Die Unterirdischen Seen“ mit den Erzählstimmen, lasse mal die Hauptfigur in der Ich-Form erzählen, dann einen jungen Mann in der dritten Person, dann wieder die personifizierte Stadt in der Ich-Form.

Literatur bietet einen Perspektivwechsel, mit ihr trainieren wir unseren Empathiemuskel, der trainiert werden will wie alle Muskeln, sonst verlieren sie an Kraft, verkümmern, bis wir sie nicht mehr benutzen können.

Das ist auch das große Thema meiner Doktorarbeit: Es geht nicht darum, Leid zu vergleichen, es geht darum, es zu sehen, mitzufühlen, uns auf dieser Ebene zu verbinden. Wir alle machen ähnliche menschliche Erfahrungen, wir fühlen menschlich: Wir lieben und wir haben Angst, wir leiden, wir lachen und freuen uns, wir trauern und weinen, wir haben Hunger und Durst. Wir erzählen Geschichten gegen das Unbekannte, die Angst, wir definieren das Eigene und Fremde, Gut und Böse, wer ist Opfer, wer Täter, schuldig und unschuldig.

Um einen Dialog führen zu können, müssen wir uns auf das Menschliche besinnen, wir müssen das Leid des Gegenübers anerkennen, wir müssen anerkennen, nicht alles zu wissen, wir müssen aus den Augen unseres Gegenübers sehen wollen. Und dabei hilft uns die Literatur, die mit uns den Perspektivwechsel übt, die zeigt, dass aus einem neuen Blickwinkel alles gleich ganz anders aussieht und sehr vieles auch sehr ähnlich.

[Regensburg, 1.4.25]

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lenkasause

Die Worte flossen aus meinen Fingern, ich verstehe sie erst jetzt...

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