Es bleiben nur wenige Minuten am Tag, in denen ich kurz und knapp meine Gedanken auf Papier bringen kann, manchmal bleibe ich mitten im Satz, mitten im Denken stehen und habe vergessen, was ich eigentlich sagen wollte.
Manchmal gelingt mir ein längerer Absatz, doch kurz nachdem ich ihn zu Ende geschrieben habe, habe ich auch schon vergessen, was da steht. Muss mich dann hinlegen, Augen schließen, schlafen, wenn es geht.
Viel zu oft drücke ich mich sehr einfach aus, weil ich keine anderen Wörter habe, nicht nur, weil die Große Maschine unseren Wortschatz von Anfang an klein gehalten hat, auch, weil ich sie nicht finde, die Wörter, die so viel besser passten.
Hauptsache, man versteht mich. Hauptsache, ich verstehe mich, bringe das, was ich sagen will, auf Papier.
Manchmal liege ich regungslos im Bett, will und muss eigentlich schlafen, genau in diesem Moment kommen mir jedoch die besten Ideen, die schönsten Sätze. Doch mir fehlt die Kraft, sie aufzuschreiben, oder sie wenigstens zu diktieren, Sprechen kann so anstrengend sein. Dann muss ich hoffen, dass der Satz zu wichtig ist, ihn zu vergessen, dass er unbedingt aufgeschrieben werden will. Wo habe ich das gehört, war es Augustin, der sagte, man könne nur das vergessen, was man niederschreibt, was nicht wichtig war, denn alles, was von Bedeutung, was wahres Wissen ist, das geht dir nicht verloren, das bleibt für immer in dir.
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Schreiben und ME/CFS geht sich oft nicht aus. Ich habe das Glück, dass ich noch einigermaßen in der Lage dazu bin, nicht jeden Tag, aber doch oft genug. Es hält mich psychisch über Wasser, sag ich immer.
Es hat alles zwei Seiten: Wäre ich nicht zum Zuhausebleiben gezwungen, wäre ich also imstande, unter die Leute zu gehen, zu arbeiten – ich hätte vermutlich nicht die Zeit, Ruhe und Muße, das zu schreiben, was geschrieben werden muss. Und es MUSS, es muss alles hinaus, die innere Unruhe, die ich zehn Jahre wegen der „Unterirdischen Seen“ verspürt habe und die erst weg war, nachdem ich sie veröffentlicht habe (sie also raus aus meinem „System“ waren), will ich nicht nochmal erleben. Vielleicht ist das so mit dem Künstlerdasein. Man wird unruhig, wenn man nicht „schafft“, die Ideen ziepen und zerren so lange an dir, bis du sie verwirklichst.
(Ich sehe mich immer mehr als Künstlerin, akzeptiere quasi dieses Los, auch wenn es sich komisch, ja geradezu anmaßend, anfühlt, das auszusprechen. Doch es ist, wie es ist: Ich muss schreiben, komme, was wolle. Gleichzeitig frage ich mich: Wäre das auch so, wenn meine Situation nicht die wäre, die sie ist? Würde ich auch dann den inneren Rufen folgen oder doch nur den Erwartungen von außen? Und wie lange würde das gut gehen?)