Der Käfer

Was, wenn du über Nacht zum Nichtsnutz wirst, einem Käfer, der auf dem Rücken liegt und nur darauf wartet, bis ihn jemand umdreht? Wer hätte dich dann noch lieb? Wer würde dich besuchen, dir zu essen bringen, sich um dich kümmern? Wie lang würde es dauern, bis du zur Last wirst, bis die Menschen um dich herum sich insgeheim denken: ach, warum stirbst du nicht einfach, es wäre besser für uns alle. Kannst nicht mehr arbeiten gehen, dich nicht verständigen und lächeln, nur liegen, Sekrete absondern, mit deinen Fühlern und Beinchen zappeln.

Was ist das für ein Leben? Was hast du angestellt, um so zu enden? Und warum tust du nicht alles dafür, wieder Mensch zu sein? Machst du das absichtlich, damit du nicht zur Arbeit gehen musst? Auf der faulen Käferhaut liegen und sich von uns aushalten lassen, das sehen wir gern!

Und du, du liegst nur da, selbst erschrocken über dein Schicksal; wer bin ich, denkst du, wenn ich zwar weiß, ich bin derselbe, hab mich über Nacht nicht geändert, blicke aus denselben Augen wie noch vor Stunden, doch mein Körper und alles, über das ich mich definierte, ist verschwunden. Du bleibst Käfer, abhängig vom guten Willen anderer, an der schon wunden Zitze der Hoffnung saugend, manchmal kommt noch ein Tropfen, immer öfter nicht mehr. 

Wer bin ich? Und wie lange warte ich, bis sie das ersehnte Gegengift finden? Was, wenn sie keines suchen, oder sich Zeit lassen damit, pressiert ja nichts, wen kümmert schon ein ekliger, fauler Käfer, warum in ihn investieren, wenn wir nicht wissen, ob sich das am Ende lohnt?

Gib noch nicht auf, flüstert die Hoffnung, morgen schon könnte alles vorbei sein, ein langer, schrecklicher Albtraum war‘s, doch auch dieser endet, wenn du mit dem nächsten Tag endlich erwachst.

Küche voller Kirschkuchen

Mir träumte heute: Zwei Männer fahren mich zu meinem neuen Zuhause, der Zug ist ausgefallen, sie haben mich mitgenommen, dafür biete ich ihnen einen Schlafplatz in meinem viel zu großen Haus an. Ich kenne das Haus gut, viel zu gut, auch wenn es, wie in Träumen üblich, etwas anders aussieht als in echt. Aber es ist das Reihenhaus, in dem ich meine halbe Kindheit verbrachte, in dem meine Mama aufgewachsen ist und meine Großeltern bis vor kurzem noch gelebt haben.

Ich war gerade erst da, ist nicht lange her, denke ich, müsste also aufgeräumt und ordentlich sein, bereit für Gäste. Wir betreten das Haus in der Vorfreude, uns nach der langen Reise etwas erholen zu können, doch schockiert bleibe ich noch im Eingangsbereich stehen: Es sieht aus, als wären Jahrhunderte vergangen, seit ich das letzte Mal hier war, mir wird übel.

Auf dem Boden liegt Erde, überall kringeln sich fette, weiße Maden. Wir haben Hunger, sehen in den Schränken in der Küche nach, ob Oma uns etwas hinterlassen hat. Hinter jedem Türchen stapeln sich Kastenkuchen mit Kirschen, auch sie wimmeln von Maden. Wo wir nur hinsehen: Kirschkuchen und Maden.

Einer der zwei Jungs beginnt, die Maden auf dem Boden aufzusaugen, mit dem anderen gehe ich in den riesigen Garten, auch er verwildert, der einstmals so gepflegte Rasen voller Eicheln. Hier könnten wir einen Rave veranstalten, sagt der Typ, dessen Name ich nicht kenne, und ich nicke, wär gut, aber was ist mit den Nachbarn, ich muss ja jetzt hier leben. 

Ich weiß nicht, wie es ausgegangen ist. Ich träume oft vom Reihenhaus von Oma und Opa, beinahe täglich gehe ich daran vorbei, doch nur im Traum kann ich es betreten, jetzt wohnen dort andere, fremde Leute.

Jede Nacht träume ich wild und bunt, doch nicht jeder Traum prägt sich so ein wie dieser (oder der letzte Gorilla-Traum). 

Seltsamer Stadtrat

Mir träumte heut Nacht: Kommst du mit, Lena? Der Stadtrat versammelt sich, und sie haben uns drei hineingewählt, lachen Amelie und Margarete und nehmen mich in ihre Mitte. Das muss ein Traum, kann nicht echt sein, denke ich, ich habe mich doch nur aus Spaß aufstellen lassen, weil sie niemanden sonst gefunden haben, weil sie noch junge, weibliche Gesichter brauchten. Jetzt hat man mich in den Stadtrat einer Stadt gewählt, in der ich nicht mehr wohne, mit der ich nichts zu tun habe, ich hoffe wirklich, das fällt keinem auf.

Wir sollen uns in einer kurzen Rede vorstellen, sagt Amelie, und mir wird heiß. Was soll ich sagen? Wer bin ich? Und vor allem: Für was stehe ich? Werden sie mich darauf ansprechen, dass ich nicht hier wohne? Wie könnte ich mich aus der Affäre ziehen? Wann verkünden sie mir, dass das alles nur ein großer Witz war?

In dem riesigen Rathaus, das einem Schloss gleicht, verlaufen wir uns zunächst. Dort, wo wir die Stadtratssitzung vermuten, ist sie nicht; auf einem Plan finden wir sie dann auf der anderen Seite des Gebäudes, in einem Teil des Hauses, den wir nicht kannten. Als wir dort ankommen, verschwitzt, aufgeregt, aber nur ich, die anderen sind so fröhlich wie immer, öffnet uns ein Türsteher mit kritischen Blicken die schwere, hölzerne Tür.

Wir betreten einen abgedunkelten Raum mit roten Samtcouchen und -sesseln, länglichen Tischen mit Barhockern, von der Decke blitzen Kristallleuchter. Das hier habe ich nicht erwartet. Ich erwartete: Die Sitzung im lichtdurchfluteten, hellhörigen Saal hat bereits begonnen, wir Neuen platzen hinein, alle Augen richten sich auf uns, starren uns an, was wollen die denn hier, die eine wohnt doch nicht mal da.

Doch niemand beachtet uns.

Was wollt ihr trinken, fragt uns die Frau hinter der Bar, und ich sehe ihr an, sie weiß genau, wer wir sind. Amelie und Margarete kümmert das nicht, sie haben ja nichts zu befürchten, sind genau da, wo sie sein sollen, und beginnen ein angeregtes Gespräch mit der Barfrau, die offenbar die Besitzerin des Ladens ist. Um jeden Preis möchte ich verhindern, dass sie auch von mir wissen will, wer ich bin und was ich so mache, also bücke ich mich und binde mir zehn Mal hintereinander die nichtvorhandenen Schnürsenkel. Dabei blicke ich mich unauffällig um, jetzt, da ich mich an die Dunkelheit gewöhnt habe.

Was ich nun sehe, kann ich kaum glauben: Auf den Couchen und an den Bartischen sitzen Gorillas, die sich angeregt miteinander unterhalten oder sich stillschweigend zunicken, ihre Cocktails schlürfen, lauthals lachen. Ich bin mir nicht sicher, ob das echte Gorillas sind oder nur Menschen in Gorillakostümen, doch es spielt auch keine Rolle. Wie weggefegt sind all meine Sorgen, ich könnte mich blamieren – wie denn auch, in einem Raum voller Affen. Also stehe ich endlich auf, streiche meine Klamotten glatt, setze mich zu den anderen an die Bar und kann endlich mit ihnen mitlachen. Einen Mojito, bitte!

was bleiben soll, bleibt

Es bleiben nur wenige Minuten am Tag, in denen ich kurz und knapp meine Gedanken auf Papier bringen kann, manchmal bleibe ich mitten im Satz, mitten im Denken stehen und habe vergessen, was ich eigentlich sagen wollte.

Manchmal gelingt mir ein längerer Absatz, doch kurz nachdem ich ihn zu Ende geschrieben habe, habe ich auch schon vergessen, was da steht. Muss mich dann hinlegen, Augen schließen, schlafen, wenn es geht.

Viel zu oft drücke ich mich sehr einfach aus, weil ich keine anderen Wörter habe, nicht nur, weil die Große Maschine unseren Wortschatz von Anfang an klein gehalten hat, auch, weil ich sie nicht finde, die Wörter, die so viel besser passten.

Hauptsache, man versteht mich. Hauptsache, ich verstehe mich, bringe das, was ich sagen will, auf Papier.

Manchmal liege ich regungslos im Bett, will und muss eigentlich schlafen, genau in diesem Moment kommen mir jedoch die besten Ideen, die schönsten Sätze. Allein mir fehlt die Kraft, sie aufzuschreiben, oder sie wenigstens zu diktieren, Sprechen kann so anstrengend sein. Dann muss ich hoffen, dass der Satz zu wichtig ist, ihn zu vergessen, dass er unbedingt aufgeschrieben werden will. Wo habe ich das gehört, war es Augustin, der sagte, man könne nur das vergessen, was man niederschreibt, was nicht wichtig war, denn alles, was von Bedeutung, was wahres Wissen ist, das geht dir nicht verloren, das bleibt für immer in dir.

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Schreiben und ME/CFS geht sich oft nicht aus. Ich habe das Glück, dass ich noch einigermaßen in der Lage dazu bin, nicht jeden Tag, aber doch oft genug. Es hält mich psychisch über Wasser, sag ich immer.

Es hat alles zwei Seiten: Wäre ich nicht zum Zuhausebleiben gezwungen, wäre ich also imstande, unter die Leute zu gehen, zu arbeiten – ich hätte vermutlich nicht die Zeit, Ruhe und Muße, das zu schreiben, was geschrieben werden muss. Und es MUSS, es muss alles hinaus, die innere Unruhe, die ich zehn Jahre wegen der „Unterirdischen Seen“ verspürt habe und die erst weg war, nachdem ich sie veröffentlicht habe (sie also raus aus meinem „System“ waren), will ich nicht nochmal erleben. Vielleicht ist das so mit dem Künstlerdasein. Man wird unruhig, wenn man nicht „schafft“, die Ideen ziepen und zerren so lange an dir, bis du sie verwirklichst.

(Ich sehe mich immer mehr als Künstlerin, akzeptiere quasi dieses Los, auch wenn es sich komisch, ja geradezu anmaßend, anfühlt, das auszusprechen. Doch es ist, wie es ist: Ich muss schreiben, komme, was wolle. Gleichzeitig frage ich mich: Wäre das auch so, wenn meine Situation nicht die wäre, die sie ist? Würde ich auch dann den inneren Rufen folgen oder doch nur den Erwartungen von außen? Und wie lange würde das gut gehen?)

Nur wir und das Grün

Wenn es nicht von der Großen Maschine kommt, wer hat es dann geschaffen? Das Flüstern der Blätter, den Chor der Vögel, die vielen Farben des Himmels. Es muss jemand mit unglaublich hohen Rechenkapazitäten sein, denn alles ist perfekt aufeinander abgestimmt, so vielfältig und doch miteinander verbunden.

Augustin begleitete mich heute an das Bächlein, das tief drinnen im Wald fließt, wo nichts anderes existiert als wir und das Grün, das atmet und uns mit geduldigen Augen verfolgt. Ein wenig furchtsam auch, schließlich hat es von uns Menschen schon gehört, Bäume sind alte Tratschtanten.




Was soll ich sagen, ich bin ein Waldmensch : ) Schönen Sonntag!

Wenn die Stille so groß ist

Was, wenn die Stille so groß ist und jedes Wort zu viel? Oder besser: zu wenig, zu ungenügend, warum den Frieden mit Buchstaben stören, die ja doch nur meine Unbeholfenheit ausdrücken?

Gerade will ich nichts sagen, nichts schreiben, lausche einfach nur der Stille und hülle mich ein, so warm war mir in ihrer Gegenwart noch nie.

Freilich, die Geschichten klopfen an, wollen hinaus, hämmern bisweilen von innen an meinen Hinterkopf. Jaja, ruf ich ihnen zu, geduldet euch, bald seid ihr dran, aber sucht euch wen anders, wenn es euch pressiert, mir nämlich gerade nicht.

Diese Ruhe ist die Ausnahme, war sie bis vor kurzem noch, denn eigentlich weiß ich, mir bleibt nicht viel Zeit. Doch ist es nicht das wahrlich Erstrebenswerte, das Nichts auszuhalten? Sich dem großen schwarzen Etwas in mir zu stellen und sich an dessen Abgrund sogar wohlzufühlen?

Das, was ich schreiben soll, werde ich schon noch schreiben, weiß ich.

Warum also mehr wollen, wenn ich mich so im Frieden fühle wie nie zuvor? 

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Zur Zeit fällt es mir schwer zu schreiben, aber das wird schon wieder. Lieber lese ich grad, und zwar „… mit zerissenem Schlaf im Gesicht“ von Normen Gangnus. Ein Buch, das mir den Glauben an die deutsche Gegenwartsliteratur wiedergibt. Unfassbar poetisch geschrieben, kanns nur jedem empfehlen.

Guten Rutsch wünsch ich Euch und einen guten Start ins neue Jahr! ✨

Die Amsel ist wieder da

Ein Weihnachtswunder: Heute morgen ist eine Amsel auf unserer Terrasse gelandet, direkt vor der Tür, und wir wussten genau, was sie wollte. Ist das Schorschi? Haben wir uns gefragt. Aber er sah kleiner, gesünder aus, und wir haben ihn doch schon für tot erklärt, nachdem er monatelang nicht mehr angeflogen kam. Er kann es nicht sein. Oder?

Warum weicht er dann nicht zurück, wenn wir die Tür öffnen, wenn wir riesigen Zweibeiner vor ihm stehen, warum wirkt es, als erkenne er uns? Er hat keine Angst, schnell hüpft er heran und pickt sich ein, zwei, drei Weinberli, die ihm Mama auf die Fussmatte gelegt hat. Er öffnet den Schnabel, so wie ihn Schorschi immer geöffnet hat, als Zeichen, dass er ihn gern mit leckeren Weinberli füllen würde. Seht mal, ihr Menschen, wie leer er ist. Dann hüpft er auf die Mauer, checkt die Lage, und fliegt davon.

Zur Sicherheit lassen wir den Rest der Weinberli draußen liegen, vielleicht kommt er ja bald wieder. 

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Frohe Weihnachten euch allen, vielen Dank fürs Lesen und Liken und Kommentieren dieses Jahr! Fürs nächste wünsch ich euch Gesundheit, viel Freude, inspirierende Lese- und Schreibstunden & alles, was ihr euch wünscht, soll in Erfüllung gehen ✨❄️