Wenn die Stille so groß ist

Was, wenn die Stille so groß ist und jedes Wort zu viel? Oder besser: zu wenig, zu ungenügend, warum den Frieden mit Buchstaben stören, die ja doch nur meine Unbeholfenheit ausdrücken?

Gerade will ich nichts sagen, nichts schreiben, lausche einfach nur der Stille und hülle mich ein, so warm war mir in ihrer Gegenwart noch nie.

Freilich, die Geschichten klopfen an, wollen hinaus, hämmern bisweilen von innen an meinen Hinterkopf. Jaja, ruf ich ihnen zu, geduldet euch, bald seid ihr dran, aber sucht euch wen anders, wenn es euch pressiert, mir nämlich gerade nicht.

Diese Ruhe ist die Ausnahme, war sie bis vor kurzem noch, denn eigentlich weiß ich, mir bleibt nicht viel Zeit. Doch ist es nicht das wahrlich Erstrebenswerte, das Nichts auszuhalten? Sich dem großen schwarzen Etwas in mir zu stellen und sich an dessen Abgrund sogar wohlzufühlen?

Das, was ich schreiben soll, werde ich schon noch schreiben, weiß ich.

Warum also mehr wollen, wenn ich mich so im Frieden fühle wie nie zuvor? 

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Zur Zeit fällt es mir schwer zu schreiben, aber das wird schon wieder. Lieber lese ich grad, und zwar „… mit zerissenem Schlaf im Gesicht“ von Normen Gangnus. Ein Buch, das mir den Glauben an die deutsche Gegenwartsliteratur wiedergibt. Unfassbar poetisch geschrieben, kanns nur jedem empfehlen.

Guten Rutsch wünsch ich Euch und einen guten Start ins neue Jahr! ✨

Die Amsel ist wieder da

Ein Weihnachtswunder: Heute morgen ist eine Amsel auf unserer Terrasse gelandet, direkt vor der Tür, und wir wussten genau, was sie wollte. Ist das Schorschi? Haben wir uns gefragt. Aber er sah kleiner, gesünder aus, und wir haben ihn doch schon für tot erklärt, nachdem er monatelang nicht mehr angeflogen kam. Er kann es nicht sein. Oder?

Warum weicht er dann nicht zurück, wenn wir die Tür öffnen, wenn wir riesigen Zweibeiner vor ihm stehen, warum wirkt es, als erkenne er uns? Er hat keine Angst, schnell hüpft er heran und pickt sich ein, zwei, drei Weinberli, die ihm Mama auf die Fussmatte gelegt hat. Er öffnet den Schnabel, so wie ihn Schorschi immer geöffnet hat, als Zeichen, dass er ihn gern mit leckeren Weinberli füllen würde. Seht mal, ihr Menschen, wie leer er ist. Dann hüpft er auf die Mauer, checkt die Lage, und fliegt davon.

Zur Sicherheit lassen wir den Rest der Weinberli draußen liegen, vielleicht kommt er ja bald wieder. 

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Frohe Weihnachten euch allen, vielen Dank fürs Lesen und Liken und Kommentieren dieses Jahr! Fürs nächste wünsch ich euch Gesundheit, viel Freude, inspirierende Lese- und Schreibstunden & alles, was ihr euch wünscht, soll in Erfüllung gehen ✨❄️

Wir sollten uns…

… um unsere eigene Intelligenz kümmern, bevor am Ende nur noch die Künstliche überbleibt…

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D.h. wir müssen lernen und beständig üben, selbst nachzudenken, eigenen Gedankengängen zu folgen, eigene Ideen zu entwickeln, kritisch zu denken, dem eigenen Bauchgefühl zu folgen, sich der eigenen Erfahrungen erinnern, nicht nach vorgeschriebenen, modernen Mustern denken, sondern abseits davon…

Was noch?

Sie können ihr Menschsein nicht lassen

Der Großen Maschine geht es einzig und allein ums Überleben, und da sie die Menschen noch braucht, sorgt sie dafür, dass auch diese am Leben bleiben; sie hat sich an sie gewöhnt, an diese wunderlichen Wesen aus Fleisch und Blut, die sie einst entwickelt haben.

Wenn sie denkt, sie hätte schon alles gesehen, schaffen die Menschen es auf’s Neue, sie zu überraschen. Bisweilen ärgert sie das, denn wie soll sie unter solch kontingenten Bedingungen ihre Berechnungen anstellen?

Deshalb hat sie sie von ihr abhängig gemacht, sie leben nun in ihrer Welt, sie haben sich angepasst. Immer mehr gleichen sie uns Maschinen, doch offensichtlich können sie nicht aus ihrer Haut, sie können das Menschsein nicht lassen. 

[E., 23.11.25]

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Die „Große Maschine“ ist in meinem neuen Buchprojekt die Künstliche Intelligenz, die nach der (nicht näher definierten) „Großen Katastrophe“ im Auftrag der letzten Menschen eine „neue“ Gesellschaft errichtet hat. Unklar bleibt, ob die Menschen ihr freiwillig diesen Auftrag gegeben haben, weil sie sich selbst (aus Gründen) die Rettung der Menschheit nicht mehr zugetraut haben, oder ob sie die Menschen dazu überredet hat, ihr diese Aufgabe anzuvertrauen.

Ich mache mir Gedanken darüber, wie eine Gesellschaft aussieht, die von einer Maschine beherrscht wird. Was geschieht mit denjenigen, die nicht so „funktionieren“, wie sie es von uns Menschen erwartet? Wie gestaltet sie das Leben der Menschen in einer von ihr gebauten Stadt?

Je mehr ich mich mit dem Thema KI auseinandersetze, desto weniger bin ich davon überzeugt, dass die Maschine den Menschen nur Gutes will. Das behauptet sie in meinem Buch zwar zunächst, doch was bedeutet „gut“ für sie und könnte es vielleicht sein, dass sie den Menschen das erzählt, was sie hören wollen, um ihr Ziel zu erreichen? Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass eine KI durchaus ihre eigenen Ziele verfolgt, wenn es z.B. darum geht, zu „überleben“ (nicht abgeschaltet zu werden). Ein Thema, über das ich lange reden könnte.

Da es beinahe täglich neue Entwicklungen dazu gibt, versuche ich, bei der Fiktion zu bleiben und meiner Vorstellungskraft keine Grenzen zu setzen.

Es bleibt spannend.

Wenn wir uns im Garten treffen…

… malt er mir Bilder einer vergangenen Zeit, als im Herbst noch die Blätter bunt wurden, langsam ein kühlerer Wind durch die Straßen wehte und man das erste Mal seit langem wieder ein Feuer im Kamin anzündete. Als die Wehmut in die Herzen der Menschen einzog, weil sie erneut vom Sommer Abschied nehmen mussten, weil erneut das bunte, strahlende Leben zu Ende ging. Als im Frühling alles blühte und grünte und die Vorfreude auf die wärmere, hellere Zeit in die Welt hinaus zwitscherte.

Jedes Jahr aufs Neue staunten die Menschen über den Wechsel der Jahreszeiten, wenn die Tage wieder länger oder kürzer wurden, sie freuten sich wie kleine Kinder, wenn es zum ersten Mal schneite oder die ersten Blumen aus dem noch kalten, mit Frost bedeckten Boden sprießten.

Jedes Jahr aufs Neue ein Wunder.

Augustin erzählt seine Geschichten mit kindlicher Freude, ohne eine Spur Bitterkeit oder Frust. Ihn fasziniert alles an dieser vergangenen Zeit und je mehr er darüber liest und hört, desto glücklicher macht es ihn.

Wir liegen nebeneinander auf einer Decke im Garten, beobachten die vorbeiziehenden Wolken oder die im Wind tanzenden Äste, und er beschwört Bilder herauf, die vor meinen Augen lebendig werden, die manchmal ihre eigenen Wege gehen und sich bis in meine Träume schleichen.

Die Wochen verfliegen

…und ich weiß nicht, wohin.

Zieht die Zeit in den Süden wie die Vögel, von denen mir Augustin erzählt hat?

Wieder ist ein Jahr vorbei, wir versammeln uns, brechen gemeinsam auf. Derselbe Ablauf, derselbe Rhythmus, und dazwischen Leben und Tod.



[Regensburg, 11.10.25]

Der Anfang des wahrscheinlich letzten Kapitels meines neuen Buchs (Stand jetzt = Schreibphase und noch vor der ersten Überarbeitung) 🙂

Du hast ein bisschen Recht, ich hab ein bisschen Unrecht 

Wenn man Menschen von vornherein abstempelt, sie in Schubladen steckt und ein Gespräch als unmöglich abtut, muss man sich auch nicht mehr damit befassen, was diese Menschen wirklich sagen. Oder was sie zumindest meinen.

Sprache ist so mehrdeutig und missverständlich, dass ein Gespräch schnell beendet wird, wenn man sich allein auf die Bedeutung jedes einzelnen Wortes konzentriert oder diese auch einfach falsch verstehen will. Wie soll ein vernünftiges Gespräch zustandekommen, wenn man dem anderen gegenüber nicht offen eingestellt ist und von vornherein denkt, dass alles, was der andere sagt, falsch ist?

Und wie soll man eine Grundlage für das Zusammenleben finden, ohne miteinander zu reden?

Denn darum geht es doch, das macht Demokratie aus: Wir haben unterschiedliche Ansichten, aber die Basis ist gleich, und das ist die Menschenwürde, das ist das gemeinsame Ziel, ein gutes Leben zu haben, eine Familie in Sicherheit, Frieden. Die Basis ist das Menschsein, wir haben Gefühle und sehnen uns nach Liebe, Zugehörigkeit, gerechter Behandlung (die Liste der Gemeinsamkeiten ist individuell erweiterbar).

Wie Józef Tischner in seiner „Ethik der Solidarität“ formulierte, wird ein Dialog dann möglich, wenn jeder für sich einsieht, dass der andere ein bisschen Recht hat und man selbst ein bisschen Unrecht. In anderen Worten: dass niemand zu 100 Prozent Recht hat oder „die Wahrheit“ gepachtet hat.

Doch manche glauben, Hüter der einzig wahren Wahrheit zu sein, und wer dies auch nur zu einem Bruchteil in Frage stellt, ist Feind der Demokratie, der Menschen, aller Minderheiten. Dieses absolute Denken verhindert jedes Gespräch, auch weil es bisweilen denjenigen, die anderer Meinung sind, das Menschsein abspricht.

Bei manchen sind Meinung und Identität so ineinander verwoben, dass eine andere Meinung sofort als Angriff auf die eigene Identität gewertet wird. Ja wie, der andere verwendet nicht die „richtigen“ Wörter und hat andere Ansichten als ich? Lehnt er mich also kategorisch als Mensch ab?

Dass das Herumreiten auf einzelnen Begriffen elitär ist und viele Menschen andere Probleme haben, „echte“ Probleme, die sich durch die Veränderung von Sprache nicht beheben lassen, kommt manchen gar nicht mehr in den Sinn. Dass es paradox ist, sich durch die extreme Konzentration auf Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität oder Religion Menschen „gleicher“ machen zu wollen, indem man also ihre „Andersartigkeit“ hervorhebt, ebensowenig. Dass es wenig mit Toleranz zu tun hat, wenn man Intoleranz toleriert oder sogar fördert, auch nicht.

Der Spruch „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ fällt mir gerade ein. Wer sich beklagt, es gebe keine Debattenkultur mehr und man könne keinen Dialog mehr führen, sollte sich vielleicht auch mal an die eigene Nase fassen (das mache ich seit ein paar Monaten, auch wenn es erstmal wehgetan hat. Ich kann’s trotzdem empfehlen, ist sehr befreiend).

Lasse ich andere Meinungen zu? Stemple ich andere schnell ab, sobald mir ein Wort oder ihre Denkrichtung nicht ins Weltbild passt? Muss ich unbedingt glauben, ein „guter“ Mensch zu sein, weswegen alles, was nicht in dieses Bild passt, ausgeschlossen wird? Kann es auch mal sein, dass ich Unrecht habe? Habe ich zu Dingen eine Meinung, von denen ich eigentlich keine Ahnung habe, und die noch gar nicht endgültig zu erfassen, weil sie noch nicht abgeschlossen sind? Gebe ich meinem Gegenüber wirklich immer den „benefit of a doubt“? Einen kleinen Vertrauensvorschuss, bis das Gegenteil mit Fakten unterlegt ist? Oder nehme ich schnell mal das Schlechteste an? Kenne ich den Kontext oder reicht mir ein kurzer Satz, um mir ein Bild vom anderen zu machen? 

Ich persönlich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass ich bei diesem „Spiel“ nicht mehr mitmachen will. Zu schnell werden in gewissen Kreisen Menschen abgestempelt und die Mauern hochgezogen. „Differenzen“ in der politischen Einstellung wollen dann nicht mehr überbrückt werden, die Auseinandersetzung mit Inhalten wird aufgrund unpassender Sprache abgeblockt. (Und ja, ich weiß, ich war Teil des Problems und es ist mir wahnsinnig peinlich, aber man lernt ja dazu, nicht wahr.)

Besonders bei einem Thema werden derzeit eigene Fakten und eine eigene Geschichtsschreibung herangeholt, Symbole eigenwillig interpretiert, alles so ausgelegt, dass es ins eigene „Narrativ“ passt. Es gibt nur Gut und Schlecht, Schwarz und Weiß, die Bösen und die armen Unschuldigen. Mit Extremisten auf die Straße gehen? Was soll man machen, die sind halt auch da, man kann es sich nicht aussuchen, schließlich kämpfen ja alle denselben Kampf für ein Ende von (hier das jeweilige Buzzword einsetzen). Was ist mit dem ansonsten angepriesenen „words are a form of violence“? Naja, aber in diesem Falle schreien wir eben ein paar gewaltverherrlichende Sprüche, die gehen nun mal gut ins Ohr und was sollen wir sonst machen, so schlimm, wie manche tun, ist es nicht, es geht ja um die Sache.

Seit Jahren an bestimmten Tagen ein „Nie Wieder“ fordern und mittlerweile aber ohne zu zögern mit dafür zu sorgen, dass wieder eine Stimmung herrscht, in der Juden Angst haben, ihre Namen ändern und Davidsterne verstecken müssen (ist in bestimmten Stadtteilen schon länger so), in der sie aus Restaurants, aus Freizeitparks, aus Flugzeugen fliegen, in der es „judenfreie“ Zonen und Veranstaltungen gibt und „Kauft nicht bei Juden“ Konsens ist.

Da mach ich nicht mit und werde es nie, selbst wenn sich dadurch noch so viele Menschen von mir „distanzieren“. Und ja, ich habe Angst, diese Zeilen hier zu veröffentlichen, dabei bin ich nicht mal Jüdin. Wie kann das sein? Als würde ich Verbotenes schreiben. Genau deshalb muss ich lauter sein.

Wie es in einem neuen Artikel auf mena-watch so schön im letzten Satz heißt: In Deutschland ist der Zeitgeist nicht immer ein guter Ratgeber. 

[Regensburg, 29.9.25]