Brief aus der Zukunft (IV)

Liebe Lenka,

verzeih, dass ich mich so lange nicht meldete. Manchmal muss ich Abstand zur Vergangenheit nehmen, im Hier und Jetzt leben und für die Menschen meiner Gemeinschaft da sein.

Der Grund, warum ich dir heute schreibe: Mir fiel ein, ich habe dir noch nicht von etwas sehr Wichtigem erzählt. Na gut, ich habe dir vieles noch nicht erzählt, weil es noch unpassend ist oder ich die richtigen Worte nicht finde.

Das Thema des heutigen Briefes ist: Für die Zeit, in der du lebst, ist es wichtig, ein Ziel zu kennen und in dessen Richtung mutig vorwärtszuschreiten. Einige Dinge werdet ihr hinter euch lassen müssen, aber das ist nicht schlimm, je weniger Gepäck, desto besser. Vieles in eurer Zeit ist sowieso veraltet und erschwert eure Reise. Manche werden aufgeben, es werden sich verschiedene Gruppen bilden aufgrund von Uneinigkeiten über den „richtigen“ Weg.

Viele sind erschöpft, weil das Gepäck schwer ist, die Vielzahl der Wege zum Ziel unübersichtlich und letzteres oft nicht mehr sichtbar oder sogar ganz vergessen. Sie können nicht mehr, bleiben lieber stehen, machen es sich an Ort und Stelle bequem, dort ist es ja gerade ganz gut auszuhalten, so schlecht geht es niemandem. Aber hinter euch droht Feuer und Wasser abwechselnd mit eurem Untergang, alte Gespenster tauchen auf, flüstern euch schaurige Geschichten ins Ohr, sie kennen eure Urängste genau, denn davon ernähren sie sich.

Die Menschen werden beginnen, hohe Mauern um sich herum zu bauen, die ihnen das Gefühl von Sicherheit geben, doch jede Mauer ist überwindbar. Und während sie die Bedrohung vermeintlich draußen hält, ist diese schon längst in die Menschen gekrochen, denn in Wahrheit kommt sie von drinnen. Sie wird sie von innen heraus auffressen, und eingemauert durch Wände an Toten werden sie von der nächsten Flut überrollt, unfähig, auszubrechen und zu fliehen. Wer um sich herum Mauern baut, wird selbst zum Gefangenen. Gruselig, oder?

Es ist auch eine sehr beängstigende Zeit, in der das Gegenteil von Mauern und Angst wichtig ist: Das, was deine Zeit so dringend benötigt, ist Mut und vor allem Hoffnung. Euch fehlt noch die entscheidende, alle vereinende Erzählung, das Ziel, in dessen Richtung ihr laufen könnt.

Was gerade mit euch passiert: Ihr werdet von der Angst in tausend verschiedene Richtungen zersplittert, blind getrieben in Richtung Abgrund. Ich kann dir sagen, es gibt da tatsächlich einen, ich verrate nicht, wo, aber ich weiß, dass er da ist. Lasst euch nicht von den alten Geistern jagen, und wenn, dann nur zu mir, in Richtung Hoffnung.

Voll Verzweiflung fragst du, wie eine solche Erzählung aussehen kann? Seid optimistisch. Stellt euch eine Welt vor, wie sie euch gefällt. Geht davon aus, dass Menschen gut sind, dass sie rücksichtsvoll im Hinblick auf die gesamte Menschheit handeln. Nehmt all eure Intelligenz zusammen, mit der ihr so viel Unheil anrichtet, immer nur mit dem Gedanken an mehrmehrmehr, und entwickelt Technologien, die euch helfen, nicht zerstören. Oder zerstört die Technologien, die euch kaputt machen, das geht auch (meistens entstehen diese ja in guter Intention). Besinnt euch eurer Verbindung mit Allem, eures Einsseins, denn die Getrenntheit eurer Zeit hat euch krank gemacht. Nutzt die Kraft, mit der ihr zerstört, zum Wiederaufbau, zum Erhalt, zur Gesundung.

Mehr kann ich heute nicht schreiben, der Brief ist schon zu lang. Besser gesagt, ich darf nicht, ich habe schon genug Ärger mit den Behörden. Du musst wissen, es gibt da eine Behörde in meiner Zeit, die ist nur dafür zuständig, dass Zeitreisende weder die Vergangenheit noch die Zukunft ändern. Das ist auch gefährlich, ich habe das schon selbst erlebt. Aber ein bisschen Hilfe kann nicht schaden, was meinst du? Ich hoffe, du empfängst diesen Brief wohlbehalten und ziehst ein wenig Hoffnung daraus.

In Liebe,

Deine Lenka Lewka

[Halle, 17.9.2023]

Lenas Leitlinien – Teil 2

Teile, was du hast, denn je größer der Besitz, desto mehr kannst du verlieren, desto unbeweglicher (du sitzt auf einem großen Haufen Geld und Zeug, je größer dieser ist, desto weiter entfernst du dich vom Boden), ängstlicher, gieriger und einsamer wirst du.

Vertraue: deinem Herzen und also den Menschen, die es in sich aufgenommen hat. Vertraue nicht: deinen alten Erfahrungen, die dir Schmerzen bereitet haben, aber aus denen du auch stärker hervorgegangen bist und durch die du jetzt da bist, wo du bist.

Vergiss aber trotz all der Liebe nicht: dich. Du darfst Bedürfnisse haben, du darfst erwarten. Vergiss deine eigenen Grenzen nicht. Auch dein Akku ist irgendwann leer. Die güldene Mitte muss gewahrt werden: Auch wenn das Boot mal auf die eine, mal auf die andere Seite schwankt, muss es immer wieder zurück zur Mitte finden, wenn es nicht untergehen will.

Vertraue dem Weg, wo alles so kommt, wie es sein soll. Was bleiben soll, bleibt, was gehen soll, geht.

Bekommst du Bilder oder Ideen geschenkt, gebäre sie. Sie sind wie du Teil eines größeren Ganzen und du bist auserwählt, sie zur Welt zu bringen.

Glaube an dich und sperre alle Zweifel aus. Das, was dein Herz dir sagt, ist immer richtiger als alle Zweifel deines Kopfes, die Stimmen aus der Vergangenheit und der Gesellschaft entspringen (die aber keine Ahnung von dir haben und hatten). Misstrauen gegen dein Herz entstammt deinen Erfahrungen, die aber nicht für diesen Moment gelten müssen. Bleibe offen.

Setze das, was du siehst, um, egal, was andere sagen, und staune. Liebe dich für deinen Mut und deine Kreativität!

Was ist Kunst anderes als Ausdruck deines Innersten! Und das Innerste ist das, was dem Kopf am meisten verhasst ist, genauso wie diesem System, weil es von ihm und dem Ich wegführt hin zu einem Wir.

Den ersten Teil findet ihr hier: Lenas Leitlinien – Teil 1 (mit Einführung)

Lenas Leitlinien – Teil 1

„Liebe ist die einzige Revolution.“
Krishnamurti

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, aufzuschreiben, welche Erkenntnisse mir weiterhelfen. Was mich größer, stärker macht. Ich habe es „Regeln“ und „Gebote“ genannt, aber „Leitlinien“ finde ich gerade am besten. „Erinnerungen“ würde auch passen, denn die Sätze erinnern mich wortwörtlich daran, dass viele meiner Probleme kleiner sind oder von vornherein gar nicht existieren, zumindest nicht mit der richtigen Blickweise. „Erinnern“ würde auch im Platonschen Sinne passen, denn schließlich erinnere ich mich daran, was ich eigentlich schon wusste. Wenn es mir mal schlecht geht oder ich in meinem Gedankenstrudel zu versinken drohe, lese ich mir diese Leitlinien durch und schon verschwindet das Problem oder wird zumindest bedeutend kleiner.

Es kommt wirklich auf die Einstellung und den Blickwinkel an. Nicht umsonst fragt man auch bei Kameras: Wie ist sie eingestellt? Je nach Einstellung sieht man nur bestimmte Dinge, niemals alle.

Und ja: Auch wenn ich diese Erkenntnisse hatte, heißt das nicht, ich hätte sie auch verinnerlicht. Du musst eine Bewegung tausend Mal machen, bevor du sie automatisch durchführst. So sagte einmal mein Selbstverteidigungslehrer, und ich denke, das gilt auch für die folgenden Sätze. Du kannst dein Gehirn dazu bringen, dich anders zu bewegen, anders zu sehen, anders zu denken. Aber du musst dafür trainieren: dich hinausbegeben, immer wieder Fehler begehen, eigene Erfahrungen sammeln, die selben Sätze wiederholen, bis du sie im Schlaf beherrschst. Nur dann werden sie eines Tages automatisch abgespielt, wenn du sie brauchst.


Lenas Leitlinien

Vergleiche dich mit nichts und niemandem mehr. Dann gibt es keinen Komparativ oder Superlativ mehr, kein Besser, Schlechter, Schöner, Dicker, Dünner, Reicher – es gibt dich und die anderen und ihr alle seid eins. Die Vergleiche, die mit dir angestellt werden, die dich benoten und bewerten – sei dir bewusst, dass sie von außen kommen und nichts über deinen tatsächlichen Wert (der nicht messbar ist) aussagen. Dieses System lebt vom Vergleich.

Glaube niemals deinem Gedanken, dass es andere „besser“ als du haben, nur weil du z.B. Videos und Fotos von ihnen siehst, auf denen sie scheinbar eine gute Zeit haben. Jedem Menschen ist eine Aufgabe mitgegeben, jeder Mensch hat etwas zu lösen, für manche ist es der tägliche Kampf des Überlebens, andere, vor allem in unserer Wohlstandswelt, haben eher innere Probleme. Niemand hat ein perfektes Leben, jeder hat mit etwas zu kämpfen, sei es im Innen oder Außen.

Immer dann, wenn dich Neid oder Eifersucht überkommen, wende sie ins Gegenteil: Freue dich für den anderen – ihr seid Teile eines größeren Ganzen, also kannst du auch seine Freude spüren.

Immer wenn Hass, Zorn, Wut dich überkommen, gehe zurück in dein Herz, umarme und liebe den Teil in dir, der diese Gefühle in dir verursacht.

Immer wenn dich negative Gedanken zu übermannen drohen, wende sie ins Gegenteil: Alles ist gut, alles wird gut, hab Vertrauen, besinne dich auf die Liebe in dir.

Wenn dich die Angst überfällt, lass sie dein Herz nicht verschließen. Angst kommt von eng, engst, alles wird eng und zieht sich zusammen. Mach dein Herz weit auf, streck die Arme aus, umarme das Unbekannte, denn das ist das Leben.

tbc.


P.S.: Ich erweitere meine Leitlinien ständig. Manchmal kommen zu alten Erkenntnissen neue hinzu, manchmal ändern sich die alten. Letzteres versuche ich allerdings zu verhindern, indem ich die Leitlinien so radikal wie möglich denke und formuliere. Vielleicht habt ihr ja ähnliche Sätze? Oder zusätzliche? Und: Wie ihr an der Überschrift schon erkennen konntet, folgt ein zweiter (vielleicht ja sogar ein dritter?) Teil, will ja nicht sofort alles verraten. Bin gespannt auf euer Feedback.

Dialog nach Józef Tischner

Józef Tischner war polnischer Priester und Philosophie-Professor in Kraków. In die polnische Geschichte ging er ein durch seine Predigt auf dem Krakauer Wawel im Oktober 1980 für die versammelte Führung der Solidarność-Gewerkschaft. Seine Aufsätze und Predigten in Zusammenhang mit den Solidarność-Protesten vor Verhängung des Kriegszustandes 1981 wurden schließlich unter dem Titel „Ethik der Solidarität. Prinzipien einer Hoffnung“ veröffentlicht. Der Dialog steht gerade am Anfang im Fokus, und ich möchte hier ein paar interessante Ansätze wiedergeben, wie Dialog möglich wird und was ihn erschwert. Vielleicht inspirieren sie auch Euch.

Dialog heißt bei Tischner, dass die Menschen aus ihren Verstecken hervorkommen, sich einander nähern und einen Meinungsaustausch beginnen.

„Schon der Anfang eines Dialogs, das Verlassen der Verstecke, ist ein großes Ereignis. Man muss sich hinausbeugen, über die Schwelle treten, die Hand ausstrecken, einen gemeinsamen Ort des Gesprächs finden.“

„Man muss nicht nur die Angst überwinden und Vorurteile beiseite schieben, man muss auch eine Sprache finden, die für beide Seiten das gleiche bedeutet.“

Zur Sprache:

„Es darf aber nicht eine Gruppensprache sein, auch keine Sprache der Unterstellungen, der Verleumdungen oder gar eine Sprache des Verurteilens. ‚Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein. Was darüber hinausgeht, ist vom Bösen.‘

„Die Sprache eines aufrechten Dialogs ist eine sachliche Sprache, eine Sprache also, die den Dingen entspricht. Was schwarz ist, wird schwarz genannt, was weiß ist, weiß.“ (21)

Welche Voraussetzungen für einen Dialog benötigt es, die von beiden Seiten akzeptiert werden müssen?

Sich auf den Standpunkt des anderen zu stellen:

„Wir sind nicht in der Lage, die Wahrheit über uns zu erkennen, weder ich noch du, solange wir in den Mauern unserer Ängste eingeschlossen sind. Wir müssen einander von außen sehen, ich dich mit deinen und du mich mit meinen Augen. Wir müssen im Gespräch unsere Ansichten miteinander vergleichen, und erst dann sind wir in der Lage, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie es um uns wirklich steht.“

„Solange ich nur mit meinen Augen auf mich schaue, kenne ich nur einen Teil der Wahrheit. Solange du dich nur mit deinen Augen betrachtest, kennst auch du nur einen Teil der Wahrheit. Aber auch umgekehrt: Wenn ich auf dich schaue und nur das beachte, was ich sehe, und wenn du auf mich schaust und nur berücksichtigst, was du siehst, erliegen wir zum Teil einer Täuschung.“

„Die volle Wahrheit ist eine Frucht gemeinsamer Erfahrungen, deiner Erfahrungen mit mir und meiner Erfahrungen mit dir.“ (22)

„Anerkennen dessen, dass der andere von seinem Gesichtspunkt aus immer auch ein wenig recht hat.“

„Niemand verkriecht sich freiwillig in einem Versteck; er hat offensichtlich einen Grund dafür. Diesen Grund muss man anerkennen.“

„Sicherlich hast du ein bisschen recht. In dieser Aussage kommt ein Zweites, nicht weniger Bedeutendes zum Ausdruck: Sicherlich habe ich nicht ganz recht.“ (23)

Ein authentischer Dialog als „notwendiges Mittel zur Erlangung der Wahrheit über unsere gesellschaftlichen Verhältnisse“ (23)

„Wenn ich mich einem Dialog stelle, so bin ich allein dadurch bereit, die persönliche Wahrheit eines anderen zu einem Teil meiner Wahrheit über ihn zu machen und die Wahrheit über mich zu einem Teil seiner Wahrheit werden zu lassen. Dialog ist Aufbau von Gegenseitigkeit.“ (23)

Was soll das Thema eines Dialogs sein?

Hauptthema: das Leid, das dem Menschen von seinem Mitmenschen zugefügt wird

„In einem wahrhaftigen Dialog geht es immer um die Wahrheit. Im Dialog der Solidarität – einem Dialog der wachen Gewissen – geht es vor allem um die Wahrheit über das unnötige Leid der arbeitenden Menschen.“

Was tun?

„Die Welt der Leiden des arbeitenden Menschen durchschreiten und davon ein Zeugnis geben – das ist Solidarität der Gewissen. Ein Zeugnis geben heißt zuallererst, die Dinge bei ihrem Namen nennen, eine Sprache sprechen, die den Dingen entspricht. Zeugnis geben heißt auch, den Unwillen der Leute über das unnötige Leid des arbeitenden Menschen erwecken.“ (25)

„Ein Dialog ist erst dann möglich, wenn es eine gemeinsame Grammatik gibt. Die Grammatik der zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Ethik. Und ihr Grundprinzip ist die Würde des Menschen.“ (43)

Illusion:

„Es gibt Ausgebeutete, aber keine Ausbeuter. Alle, wenn auch auf verschiedene Art, sind Opfer der Illusion. Wir täuschen uns, weil wir von einem gemeinsamen Vorurteil getäuscht wurden.“ (45)

„Geniale Gedanken unterliegen bisweilen weniger genialen Vereinfachungen. Genauso entstehen Illusionen.“ (47)

Ethik der Solidarität. Prinzipien einer Hoffnung, Graz 1982. Polnisches Original: Etyka solidarności i Homo sovieticus, Paris 1982.

P.S.: Die Seitenangaben der ersten Zitate reiche ich nach.

Verbrannter Boden

Wann ist eine Beziehung zu Ende?

Wenn ich Dich nicht mehr küssen, nicht mehr umarmen will? Wenn ich keine Zeit mehr mit Dir verbringen will? Wenn ich gar nicht mehr will, dass Du mich zu Veranstaltungen begleitest? Das war lange Zeit alles, was ich mir gewünscht hätte, was ich mir immer noch wünsche, nur nicht mehr von Dir.

Wenn ich Deine Stimme nicht mehr vermisse, obwohl das immer eine Sache war, vor der ich am meisten Angst hatte: eines Tages Deine Stimme nicht mehr zu vernehmen, nicht mehr mit Dir reden zu können. Jetzt bin ich meistens genervt, habe kein Interesse mehr an dem, was Du mir erzählst, und ich selbst will Dir nichts mehr von mir erzählen.

Wenn ich bei der Vorstellung, keinen Kontakt mehr mit Dir zu haben, erleichtert bin?

Glaub mir, nichts würde ich mir mehr wünschen, als noch immer verliebt zu sein, Liebe für Dich zu empfinden. Aber dann erinnere ich mich daran, wie selbstverständlich Du mich behandelt hast, ich merke, wie leer und ausgebrannt mein Herz ist, und dann überlege ich’s mir doch anders.

Wie sehr ich mich in diesen drei Jahren verändert habe. Wieviel Mist ich mitgemacht habe, in der verzweifelten Hoffnung auf jedes klitzekleines Zeichen der Liebe von Dir. Wie bitter ich lernen musste, dass ich mir das auch selber geben kann – auch wenn ich es so viel lieber geteilt hätte. Wieviele bittere Tränen ich in diesen drei Jahren vergossen habe, immer und immer wieder aus Enttäuschung – Gleichgültigkeit schneidet tief, Worte heilen diese Wunden nicht.

Du kannst mir noch so oft sagen, dass Du mich liebst, mit mir die Zukunft planst, doch Du bist nicht da, und was nützt mir die Zukunft?

Es ist schwer, Schluss zu machen, vor allem weil es für Dich scheinbar aus heiterem Himmel kam. Da sieht man mal, wie wenig ernst Du mich genommen hast, wie wenig Du mich in meiner Unglücklichkeit gesehen hast. In Deinen Augen war ich immer sooo verliebt in Dich. Drei Jahre lang musste ich Dich zu Abschiedsumarmungen und -küssen überreden und jetzt bin ich die, die sie nicht mehr will und Du derjenige, der sie sich so sehr herbeisehnt. Vertauschte Rollen.

Es ist nicht so schwer, denn zum Glück haben wir keine gemeinsamen Erinnerungen, keine gemeinsamen Orte, nichts. Nur meine Erinnerung an die vielen Tränen, an die zerstörten Hoffnungen, an die Mauern um mein Herz. Wenn ich noch länger bleibe, werde ich bitter, zynisch, gehe ein wie eine am langen Arm verdurstete Zimmerpflanze. Es reicht wohl doch nicht, sie nur anzusehen und zu glauben, meine Präsenz müsse ihr Grund zum Überleben genug sein.

Manchmal hoffe ich noch, dass sich alles „zum Guten wendet“. Das wird es auch, nur nicht mehr mit Dir.

Wie soll es jemals anders werden, wenn ich jede Erwartung aus Angst vor Enttäuschungen erstickt habe? Wenn ich mich bemühe, gleichgültig zu sein, und es mittlerweile auch sehr gut hinbekomme – weil ich dich einfach nicht mehr mag? Weil ich keine Kraft mehr habe, in dich zu investieren, wo doch nur Verluste drohen.

Natürlich habe ich auch Angst und Gedanken wie: Wie und vor allem wann soll das dann noch mit Kindern klappen? Wie soll ich jemanden kennenlernen, wenn ich es mit meiner chronischen Krankheit kaum aus dem Haus schaffe? Will ich dann nicht doch den Neustart in einer anderen Stadt?

Aber ich bin niemand, die sich mit etwas zufrieden gibt aus Angst vor Unwägbarkeiten. Ich habe kein Problem mit dem Alleinsein, ich habe ein Problem mit „Beziehungen“, in denen ich mich zusammen einsamer fühle als allein. In denen ich keine Unterstützung bekomme, in denen ich sowieso alles alleine mache. In denen ich immer und immer wieder traurig nachhause komme.

Nein, ich glaube, wir sind beide besser dran, wenn wir uns hier und jetzt die Hand reichen, einen letzten traurigen Blick in das einst so vertraute und jetzt seltsam fremde Gesicht werfen, und dann in gegensätzliche Richtungen weitergehen.

Ich für meinen Teil freue mich auf das, was kommt, denn wie habe ich letztens noch geschrieben? Auf verbranntem Boden wächst nichts mehr. Ich ziehe weiter, dorthin, wo es blüht und grünt in allen Farben und Formen.

[Halle, 14.08.2023]

Unsterblich

Heute Nacht war ich unsterblich.

Im Team traten wir auf, mein Partner war mir bekannt, auch wenn mir seine Identität nun, im „Wachzustand“ (wann wir wirklich wach sind, darüber ließe sich diskutieren), entfallen ist.

Wie praktisch Unsterblichkeit ist. Keine lästigen körperlichen Bedürfnisse mehr. Diese stören mich an der Sterblichkeit oft, gerade wenn ich mitten im Tun bin, voll konzentriert, ich könnte stundenlang schreiben oder denken, doch dann meldet sich der eigene Körper.

Vieles verliert an Bedeutung, wenn das Leben unbegrenzt ist.

Wir mussten uns nicht mehr um Geld oder Macht sorgen, wir konnten unsere Zeit mit Sinnvollem nutzen und den Menschen helfen.

Zeitreisen waren uns ebenso möglich heute Nacht, und ich wusste, wir waren schon in die Vergangenheit gereist, und jetzt waren wir in der Zukunft. Aber was war das für eine Zeit? 2034, erinnere ich mich, exakt zwei Jahre nach dem Untergang, postapokalyptisch. Vieles lag noch verbrannt da, die Menschheit war größtenteils von einer Seuche dahingerafft worden, der Rest brachte sich im Überlebenskampf gegenseitig um. Ich weinte, es sah furchtbar aus hier, um die Menschheit und ihre schreckliche Dummheit. Mein Begleiter beruhigte mich, außerdem hatte ich Zeugen. Eine Gruppe von Kindern beobachtete mich, sie wussten, wir waren nicht von hier, weder aus der Zeit noch dem Ort. Vielleicht hatten sie schon von uns gehört. Aber wobei konnten wir ihnen jetzt noch helfen? Dem Wiederaufbau?

Die Erinnerung verschwimmt, warum verschwinden diese Traumbilder so schnell, sollen wir manche Dinge besser vergessen? Er war bedeutend, dieser Traum, aufregend, eindrücklich. Ich will mehr von der Unsterblichkeit, wenn du an nichts anderes denken musst als an die anderen, denn du selbst hast keine Bedürfnisse, ewige Gesundheit, kannst dich zeitlich und örtlich beamen, wohin du willst, unabhängig der jeweiligen Transportmittel (Reisen dauern eeewig mit Pferdekutschen!!!), und der Druck, das menschliche Bedürfnis, sich auf welche Art auch immer zu verewigen, sei es durch Nachwuchs, künstlerisch oder politisch, fällt ebenfalls weg. Entspannt. Dieses Leben gefiel mir. Es waren uns Unsterblicher viele, das merkte ich in einer Szene, in der eine ganze Gruppe einen Sterblichen zur Rede stellte. Bitte mehr von diesem Traum.

[Essenbach, 30.7.23]

P.S.: Ich habe schon länger nichts mehr veröffentlicht. Das liegt v.a. an der Verschlechterung meines Post Covid/ ME/CFS-Zustands, Ideen und Anlässe gäbe es genug. Ich habe sooo viel zu sagen und kann es nicht. Ich hoffe, es geht euch gut.

Nimm die Maske ab

Atme mal wieder richtig durch.

Erzähl mir, wie es dir geht, aber aufrichtig.

Wir sollten uns viel öfter ohne Masken sehen.

Bilder, Online-Profile, Lebensläufe sind Masken, hinter denen so viel mehr steckt. Von was machen wir denn Bilder? Von den schönen Momenten, um sie zu erinnern. Vielleicht sollten wir auch mal an die schlechten denken, die schweren Zeiten, durch die wir gerade gehen oder gegangen sind. Wir haben bis jetzt überlebt, oder? Oft gar nicht so leicht.

Dann sollten wir uns gegenseitig Komplimente machen, sagen, was wir übereinander denken, uns gegenseitig bestärken. Jede von uns hat ihr Päckchen zu tragen, sagte ich gestern zu einer Freundin.

Hey, meine Bilder, meine Texte mögen vielleicht aussagen, dass es mir gut geht, läuft bei mir, und ja, ich habe „mein Ding“ durchgezogen die letzten Jahre. Was du nicht siehst: Seit bald 1,5 Jahren bin ich schwer krank, kann mein Gehirn kaum mehr benutzen, habe Post Covid und ME/CFS. Ich bin praktisch arbeitsunfähig, kann nur noch im Liegen am Computer sein und das bisschen schaffen, was ich schaffen muss und will. Ich habe so viele Ideen, kann sie aber oft nicht greifen. Manchmal kann ich kaum einen Text aus meinem Buch lesen, wie soll ich Lesungen halten? Ich fühle mich, als würd ich auf der Stelle treten, alle um mich herum heiraten, kriegen oder haben Kinder.

Da offenbart meine Freundin, auch sie habe das Gefühl, zwar habe sie Kinder, aber anderweitig ist nicht viel los bei ihr, hat sie ihren Weg noch nicht gefunden.

Ja, wenn wir uns voreinander offenbaren, wenn wir unsere Masken fallen lassen, sehen wir uns offen ins Gesicht, atmen tief ein, lächeln ein echtes Lächeln, irgendwie erleichtert, denn hey: So schlimm ist das alles nicht, jede in ihrer Geschwindigkeit, es gibt keinen Grund, auf die andere neidisch zu sein. Lasst uns öfter unser wahres Gesicht offenbaren, uns unsere Probleme voreinander offenlegen, das relativiert, das entlastet, alle. Dann können wir uns vielleicht helfen, und sei es nur mit Worten, mit Füreinander-Da-Sein, das ist schon alles, was wir in den meisten Momenten brauchen.

Hey, jemand weiß, wie es dir wirklich geht, kein Theater, keine Show, wie es dir wirklich hinter den Kulissen geht, sei ganz du selbst. In einer Welt, in der wir uns so viel vorspielen, sollten wir vor allem dann Applaus bekommen, wenn wir uns abschminken, die Maskerade beenden, aufrichtig sind. Denn das kostet am meisten Mut, und daher sollten wir es am reichsten belohnen.

Heutzutage, habe ich manchmal das Gefühl, musst du als Frau alles gleichzeitig haben und vor allem unter unseren nicht mehr getragenen Hut bringen: Eine Familie, eine Karriere. Den Haushalt, die Kinder, den Lebenslauf, die Freunde und Bekannten, unser Aussehen. Gerade in einer solch harten Welt, die alles von uns abverlangt, sollten wir nicht auch noch miteinander hart ins Gericht gehen. Gerade in einer solch harten Welt sollten wir miteinander weich sein, aufbauend, ehrlich, verständnisvoll und ermutigend.

Wir müssen und können nicht alles schaffen, aber das, was wir schon geschafft haben und schaffen, ist eh schon so viel.

Umarmen wir uns, zeigen wir uns gegenseitig und auch uns selbst gegenüber Respekt, wir sind stark, ohne Vergleich, einfach nur stark auf unsere Art. Die Märchenstunde ist vorbei.

Ich habe keine Lust mehr auf Maske tragen, da bekomme ich noch weniger Luft als eh schon. Das ist der maskenfreie Zirkel, komm herein und fühl dich frei. Bist du dabei?

[Halle/Saale, 26.06.23]

Kostenlose Schreibübungen – von mir für Euch

Hallo liebe Leute,

ich hatte die letzten zwei Tage wieder etwas mehr (kreative) Energie und damit die Idee umgesetzt, Schreibübungen zum kostenlosen Herunterladen anzubieten. Ihr findet sie auf der Seite „Übungen zum Poetischen Schreiben„. 🙂 Damit gebe ich auch einen kleinen Einblick in meinen Workshop „Poetisches Schreiben“, in dem ich ähnliche Übungen einbaue und viel Wert auf Beobachtung und Perspektivwechsel lege.

Vielleicht bekommt Ihr dabei Lust auf mehr, sei es die Arbeit mit mir oder auch mehr Übungen – ich arbeite ab sofort an einem ganzen „Arbeitsbuch“, mit dem Ihr Euer Schreiben, aber auch Eure Achtsamkeit und Euer Bewusstsein üben könnt. Wie klingt das für Euch? Gebt mir gern Feedback.

Zu den Übungen (der Text steht auch auf der Übungsseite):

Für diese Übungen brauchst Du nur einen ZETTEL, einen STIFT, etwas RUHE und schon kann es LOSGEHEN. Einige davon kannst Du in Deinen ALLTAG einbauen, andere benötigen etwas mehr ZEIT. Einige werden vor allem Deine BEOBACHTUNGSGABE üben, andere auch Dein Schreiben. Ich hoffe, die Übungen haben einen NACHHALTIGEN MEHRWERT für Dich und Deine Umwelt – denn ja, es geht nicht nur um uns selbst: Wer sich mit sich selbst beschäftigt, sollte die anderen nicht vergessen, denn sie sind unser Spiegel, unsere Reflexion. Wer wahrhaft bewusst ist, begegnet seinen Mitmenschen mit Respekt, Mitgefühl, Nachsicht und Offenheit – eben genau so, wie wir es uns für uns selber wünschen.

Liebe Grüße, Eure Lena