„Liebe ist die…

… einzige Revolution“ – Krishnamurti.

Wenn wir allem Lebenden mit Liebe begegnen, ändert das alles.

Wir gehen liebevoll mit uns und also auch mit anderen um, wir lieben die Natur und alle kleinen und großen Lebewesen darin, wir töten sie nicht mehr für unseren Profit.

Wir lieben unsere Erde, auf der wir leben dürfen und die voller Wunder ist, wir verschmutzen ihre Luft, ihren Boden und ihr Wasser nicht mehr.

Wir führen keine Kriege mehr, weil niemand Hass auf den Anderen empfindet und niemand aus Gier anderer Länder Gut besitzen will.

Wir teilen alles, weil wir genug für alle haben, und niemandem soll es schlechter oder besser gehen.

Wir machen niemanden kleiner, damit wir uns größer fühlen, weil wir den Vergleich nicht kennen und wir alle gleichwertig sind. Kein Geschlecht ist besser als das andere, keine Hautfarbe hat vor der anderen Vorrang, institutionalisierte und ideologisierte Religionen gibt es nicht mehr, höchstens nur das Leben nach den Worten und Werten der Personen, die diese angestoßen haben. Die religiösen Institutionen instrumentalisierten deren Worte, um die Menschen beherrschen und lenken zu können.

Die eigentliche Botschaft war und ist die Liebe, sie ist die einzige Revolution und verbietet jegliche Institutionalisierung und Ideologisierung, die ihr entgegensteht.

[Essenbach, 26.12.22]

Alle Weisheit der Welt

Ich kann alle Weisheit der Welt in diese Zeilen stecken und du kannst sie hundertmal lesen, doch wofür. Du kannst sie verstehen, aber nicht wahrhaftig sehen, denn nur wer selbst erlebt und eigene Erfahrungen macht, weiß, was sie bedeuten.

Du kannst alle Bücher der Welt gelesen haben, aber solange du nicht lebst, d.h. dich selbst der Welt dort draußen aussetzt, durch Höhen und Tiefen gehst, verletzt wirst, heilst, liebst, weinst, kann kein Buch der Erde dir echte Weisheit verleihen.

Du magst alle diese Worte verstehen, sie ergeben Sinn, sind logisch oder schön, du kannst sie wiedergeben. Aber solange du nur fremde Worte wiedergibst und nicht deine eigenen, solange bleibst du an der Oberfläche und ahnungslos. Finde deine eigenen Worte für deine eigenen Erlebnisse, Empfindungen, Entdeckungen.

Du liest, um nicht alles selbst erleben, um nicht jeden Fehler selbst machen zu müssen. Doch einige musst du selbst machen, um wirklich daraus zu lernen.

Du kannst Dingen, die du fürchtest, lange aus dem Weg gehen – eines Tages holen sie dich jedoch ein, und sei es im nächsten Leben. Du wirst so lange daran leiden, sie werden dich so lange verfolgen, bis du stehen bleibst und dich ihnen stellst. Sprich mit ihnen und vielleicht erkennst du ja, dass ihr Schatten größer als sie selbst war.

[Halle/Saale, 2.1.23]

Finderglück

Ich sei sehr leistungsorientiert, so mein Therapeut. Oh Gott, genau das, was ich nicht mag, was ich kritisiere an dieser Gesellschaft. Gilt auch hier mal wieder, dass man oft genau das am anderen (in diesem Fall der Gesellschaft) nicht mag, was man an sich selbst nicht mag?

Es stimmt, seit ich wegen Long Covid nicht mehr „funktioniere“, seit ich keine „Leistung erbringen“ kann, seitdem geht es mir psychisch immer schlechter. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr arbeiten kann? Wenn ich nicht mehr in dem Maße denken kann, wie ich es vorher tat? Man bedenke, ich habe eine Doktorarbeit geschrieben und es hat mir sehr großen Spaß gemacht, Lösungen für theoretische Probleme zu suchen und zu finden. Gerade kann ich das nicht mehr, und es plagt mich das schlechte Gewissen. Alle anderen arbeiten, tragen etwas zur Gesellschaft bei, verdienen ihr Geld selbst, und ich? Bin unnütz, zu nichts zu gebrauchen, weiß nicht mal, wer ich noch bin. Wirklich?

Dieser Zustand ist eigentlich sehr meditativ, und ich könnte viel lernen. Ein Schritt nach dem anderen, eine Sache nach der anderen, ich stecke meine Aufmerksamkeit in das Essen vor mir, in den Schritt vor mir, in den Menschen vor mir. Nichts anderes zählt, nur der Moment, der meine ganze Aufmerksamkeit hat. Was danach kommt, weiß ich nicht, und was davor war, habe ich schon vergessen, aber es spielt auch keine Rolle mehr. Grundsätzlich bin ich mir dessen ja bewusst. Aber an der Umsetzung haperts, denn wer hat dafür wirklich Zeit? Die Gesellschaft ist zu vielschichtig, alles ist zu komplex und viel, als dass wir unser Augenmerk nur auf eine Sache nach der anderen richten dürften. Oder?

War es Osho oder Marc Aurel, der gesagt hat, früher waren wir ein Stein oder ein Baum und jetzt sind wir ganz oben angelangt, wir sind ein Mensch und doch unzufrieden?

Warum sind wir ständig so unzufrieden mit allem? So auf der Suche, unruhig, immer am Machen und Tun, alles muss einen Sinn haben, wir brauchen ein Ziel, wir dürfen nichts Sinnloses machen. Wir brauchen einen Lebenssinn, ein Ziel, auf das wir zuarbeiten, das kann auch einfach das Glück sein, das vielzitierte, das uns doch nur eingeredet wird, damit wir Konsumieren und Funktionieren und in all dem Suchen das eigentliche Glück übersehen. Weil wir vorbeilaufen, obwohl es doch schon neben uns liegt, weil wir ihm nicht die Tür öffnen, obwohl es schon die ganze Zeit anklopft.

Nein, nein, es kann so einfach nicht sein, wir müssen, um wahrhaft glücklich zu sein, an uns arbeiten, wir müssen dafür das tun, oder dies, wir müssen dorthin gehen, das dort kaufen, den dort finden, wir müssenmüssenmüssen, und so sind wir unser ganzes Leben in Unrast, immer weiterweiter, Stillstand ist der Tod, war das nicht so? Still stehen bleiben, aufmerksam die Gegenwart fühlen, das ist das Leben. Es geht sowieso weiter, irgendwas ist immer, wirklich still ist das Leben selbst nie.

Aber wir, wir sollten mal still werden, stehen bleiben, aufhören, nach außen und immer weiter zu laufen. Ist doch schön hier. Welch Wunder wir doch sind. Im Guten wie im Schlechten. Bleiben wir stehen, hört die Welt nicht auf, sich zu drehen. Wir nehmen nur endlich wahr, und ach, sieh mal, da liegt ja unser Glück, fast wär ich draufgetreten. Ich hebs auf, kann ja doch nicht so liegenbleiben. Finderglück. Ich lächele – und es lächelt zurück.

[Essenbach, 22.12.22]

Ein Mensch, yippie

Wer bin ich ohne meine Fähigkeit zu denken? Wenn ich nichts „leisten“, nicht „produktiv“ sein, nicht „funktionieren“ kann? Wer bin ich dann? Traurig, dass ich das so sehr verinnerlicht habe, obwohl ich diese „Leistungsgesellschaft“ doch so kritisiere (tja, die Welt ist ein Spiegel, unbewusst missfiel mir wohl diese Seite an mir selbst)…

Long Covid hat mir das genommen, wovon ich dachte, dass es mich ausmacht: Kreativität, Denken, Schreiben, Lesen, Organisation, Zeitmanagement (meine Stärken laut Lebenslauf). Wer bin ich ohne sie?

Ich bin ein Mensch, yippie. Ich atme, sehe, rieche, schmecke, höre, fühle. Ich liebe. Ein Wunder. Was wir erschaffen haben, was wir mit eigenen Händen bauen und was die Natur uns gegeben hat. Meine Träume, ein eigenes Reich, ein Ausflug in andere Dimensionen. Wunder, für selbstverständlich genommen, lästig. Zu viel des Guten, kein Maß gefunden, unsere Gabe grenzenlos wird unser (aller?) Unglück.

Wie meditativ, achtsam jeden Schritt zu gehen, weil sonst zu schnell und viel und ungut. Öftermaliges Hinterfragen dieser Gesellschaft, in der „langsam“ nicht geht und gleichzeitiges Denken an 1000 Dinge unabdingbar ist. Annehmen dieses Zustandes, in dem ich weniger denken und mich sorgen kann als sonst – auch nicht schlecht.

So, Konzentration aufgebraucht, bitte weiterdenken für mich.

Der Brunnen

Auf meinem Weg fiel ich 
in einen Brunnen so 
tief, der Himmel dort
oben ein Punkt. 

Glatte, glitschige Mauern, 
kein Entrinnen, kein Licht, 
keine Hoffnung. 
Hallo, hört mich jemand? 

Wie konnte das passieren, wie konnte 
ich so tief fallen, 
in der Dunkelheit sehe ich mich 
nicht und nichts. 

Ich trau mich nicht zu 
schreien, wer weiß, wen 
oder was ich dann wecke, 
und so hört mich niemand.

Ich zweifle am Weg, wohin 
geht er, ich vergesse ihn 
langsam, und wo ich 
herkam. 

Vielleicht dahin, vielleicht dorthin, 
alles ist möglich in 
meinem Kopf, aber noch 
sitze ich hier. 

War das abzusehen, war das 
absichtlich, sprang ich hinein, 
weil mein weiterer Weg in 
tiefer Finsternis liegt? 

Hinauszuklettern ist vielleicht auch 
deshalb so schwer, weil ich 
Angst vor dem Danach habe, aber 
das ist nur ein fieser Verdacht.

Allein Aufgeben, das ist nichts für mich, 
erstmal raus hier und 
alles weitere gibt sich dort 
oben, an der frischen Luft, unter’m 
blauen Himmel, im grünen Gras. 



[Halle, 11.12.22] 

Grillen bezirpen das Nichts

Über meine Long Covid/ Post Covid-Erkrankung im neunten Monat

Gerade wollt ich was schreiben. Hab es geschafft, mich an den PC zu setzen, Schreibprogramm aufgemacht, leere Seite vor mir. Und sie bleibt leer, denn alle brillanten Sätze, die mir vorhin in den Kopf kamen, sind wie weggeblasen. Alles leer, weg, weiß, Wüste, in der nichts passiert, außer dass diese runden Dinger an mir vorbeifliegen, ein leiser Windhauch. Die Grillen bezirpen das Nichts.

Schlimm ist, immer wieder die Erwartungen zu enttäuschen. Treffen abzusagen. Mit Menschen, die ich gerne mag, oder die ich gerne mögen könnte, wenn wir die Bekanntschaft intensivierten. Aber das ist nur schwer möglich. Ich weiß nämlich nicht, wie es meinem Körper in einer Woche gehen wird, oder in einem Monat, oder in zwei Tagen. Einsamkeit vorprogrammiert.

Sehr schwierig für mich ist auch, überhaupt zu akzeptieren, dass ich diese Krankheit habe, die jetzt immer öfter in den Medien auftaucht. Dass ich Hilfe brauche, dass ich einfach nicht arbeiten kann. Warum ich (aber warum auch nicht ich, ne)?

Schlimm ist diese Unfähigkeit zu denken. Ich kann kaum einen zusammenhängenden Gedanken fassen, und es ist unglaublich harte Arbeit, mich gerade auf diesen Text zu konzentrieren. Danach muss ich mich vermutlich erstmal für 20-60 Minuten hinlegen und schlafen. Wobei „Schlaf“ euphemistisch ausgedrückt ist, es ist eher ein halbtotes Erstarrtsein, unfähig jeder Bewegung bei vollem Bewusstsein.

Schlimm ist aber auch dieses Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden, v.a. von Mediziner:innen, die mir doch eigentlich helfen sollten. So gut wie jeden Tag zweifle ich an mir selbst, komm mir komisch vor, alles Einbildung, Psyche, Faulheit? Besser wird es nicht durch den Konsum von Social Media, wo so viele Menschen die Zeit ihres Lebens zu haben scheinen, beruflich durchstarten, in Urlaub fahren, Sport machen, Partys feiern – oder hald einfach „normale“ Dinge tun.

Letzte Woche habe ich mich endlich mit einem anderen Post-Covid-Patienten connected. Von ihm habe ich wertvolle Ärzte-Tipps und einen Funken Zuversicht. Denn mit dieser Krankheit fühle ich mich meistens ziemlich allein. Nach acht (!!!) Monaten habe ich endlich die Diagnose ausgestellt bekommen, obwohl die Symptome von Anfang an eindeutig waren. Ein langwieriger (Fach-)Arztmarathon begann, denn Termine bekommt man da höchstens alle vier bis fünf Wochen, und das auch nur mit dem Vermerk „dringend!“. Ich war irgendwann sooo müde, wollte zu keinem Arzt mehr gehen. Warum auch, wenn dich keiner ernst nimmt bzw. niemand wirklich weiß, was tun? Ja, alle Werte stimmen, in der Lunge ist nichts zu sehen, und an manchen Tagen geht es mir relativ gut.

Das sind dann die Tage, an denen ich mir denke: Vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm, vielleicht ist vieles nur Einbildung? Bis ich dann wieder vor Atemnot auf halbem Weg stehen bleiben muss, bis mein ganzer Körper kribbelt und schmerzt, nur weil ich mich gerade aus Versehen zu schnell bewegt habe. Nur weil ich wieder mal zu wenig Pausen eingelegt, zu viel gedacht, gelesen, gelacht habe. Und selbst dann noch denke ich mir, dass das ja vielleicht daran liegt, dass ich so wenig Sport gemacht habe die letzten Monate, und das ja dann vielleicht nur Übungssache ist.

Wie soll ich da 40 Stunden arbeiten? Etwas, was ich mir die letzten Monate vorgemacht habe. Vielleicht, habe ich mir eingeredet (und wurde mir auch eingeredet, aber selbst schuld, wenn ich vor anderen oft so tue, als wär alles easy, nur um sie nicht zu belasten), wird alles gut, wenn ich erstmal wieder arbeite, wenn ich mehr zu tun habe, wenn ich wieder mehr unter Menschen bin. Ich muss doch mal wieder was tun, muss produktiv sein, muss mein eigenes Geld verdienen, meine Karriere starten, muss, muss, muss. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Fest steht, dass es mir schwer fällt, mich längere Zeit am Stück ( = fünf bis zehn Minuten) zu konzentrieren, dass ich unglaublich schnell ermüde, dass ich Schwierigkeiten habe, mit anderen Menschen zu reden, längere Sätze zu sprechen, dass schon der Arbeitsweg mich so ermüden würde, dass ich danach noch kaum etwas zustande bringe. Fest steht, dass ich mir endlich helfen lassen muss, aber es ist sooo anstrengend, so ermüdend…

Ich will wieder arbeiten, ich will so gerne an allen Veranstaltungen und Partys teilnehmen, ich will so gerne meinen Freundeskreis erweitern, Ausflüge unternehmen, ich will so gerne wieder denken können und Texte zu so vielen Themen schreiben, es gibt so viel zu sagen, aber es geht einfach nicht. Und das, obwohl es mein pures Vergnügen ist, mit dem Kopf zu arbeiten, ihn mir zu zerbrechen über gesellschaftliche, philosophische, theoretische Probleme. Wissenschaftliche Texte lesen, denken, neue Ideen, zusammenhängende Texte zu formulieren, das war bis vor kurzem mein Leben! Und ist nicht mehr möglich.

Je mehr ich erzwinge, desto müder werde ich, desto mehr tut alles weh, desto schlechter geht es mir im Nachhinein. Meine Tage durchzuplanen war vorher nie mein Ding, aber anders geht es nicht. Der Akku muss geladen, darf nie ganz leer sein. Vielleicht geht es mir gerade auch nur deshalb so „gut“, weil ich viel Zeit habe, mich zu schonen und ich relativ wenig Verantwortlichkeiten habe. Das ist mein Glück. Andererseits könnte genau jetzt der Ernst des Lebens beginnen und ich – ich hab keine Kraft dafür, bin zu müde, lass mal verschieben.

[Halle, 5.12.22]

Stille Wasser

Stille Wasser sind tief, tiefe Wasser sind still. Sagt man.

Je tiefer du tauchst, desto stiller wird es um dich und desto lauter wird es in dir, die Dunkelheit verschluckt alles und lässt es gleichzeitig zu; desto mehr schaurige Gestalten erscheinen, sie leben hier seit Jahrtausenden, unentdeckt von der Menschheit, ja selbst von mir.

Sicherer für alle ist es, an der Oberfläche zu segeln und nur dort zu tauchen, wohin die Sonnenstrahlen reichen. Was nicht von allein nach oben geschwemmt wird, sollte dort unten bleiben, für immer.

Aber können wir jemals Frieden empfinden, solange der Großteil in uns in absoluter Schwärze liegt, mysteriös und unzugänglich? Die Angst vor dem Unbekannten bleibt, die Neugierde auch.

Manchmal vergesse ich meine Tiefe, schwimme im Sonnenlicht, lasse mich von den über mich hinwegziehenden Stürmen mitnehmen. Manchmal bebt die Erde, eine Urgewalt rüttelt an meinen Grundfesten, meine Unruhe wirkt bis ans andere Ende der Welt.

Lange hatte ich zu viel Angst vor mir, planschte in ruhigeren Gewässern, sorglos vor mir selbst fliehend. Ein Sturm trieb mich zu mir, ich kenterte, die hohe See verschluckte, versenkte mich. Aber ich ertrank nicht, ich nahm mich an, meine dunkle, unerforschte Tiefe, begegnete Monstern, kämpfte, schwamm mit ihnen, bis wir das Interesse aneinander verloren.

Nun bin ich ruhiger, sehe Stürmen gelassener entgegen. Lasse ich mich weitertreiben? Oder mache ich mich jetzt, da ich die Gefahren einschätzen kann und mutiger bin, auf die Suche nach dem legendären Schatz?

Viele suchten ihn, viele versanken für immer in den Tiefen meines weiten Meeres; manche fanden ihn, ohne es mir sagen, ohne es mir zeigen zu können, denn entdecken muss ich ihn selbst.

Also: Abenteuer oder Sicherheit? Und wo beginne ich meine Suche?

[Halle, 27.11.22]

Aufschub

Der Teufel, das reine Böse, steht vor mir und hat mich auserkoren.

Er wird mich fressen, vernichten, töten, ich weiß es nicht genau, auf jeden Fall wird etwas Schlimmes geschehen. Hat er kurz zuvor eine Bekannte von mir aufgesaugt oder ist diese das Böse selbst? Ich appelliere an ihre Menschlichkeit, denn wenn sie da drin ist, ist ja noch ein Stück davon übrig, und mit dem kann man reden. Ich weiß nicht mehr genau, was ich sage, aber ich argumentiere um mein Leben an einen Verstand, dessen Existenz ich mir lediglich erhoffe. Ich sei doch erst einen Tag hier, ganz frisch, das wäre doch unfair, die anderen seien schon mindestens drei Tage da.

„Da“ ist in einer Schule für kreative Menschen im fünften Stock. Vor dem fünften Stock hat man mich noch gewarnt, aber wie das immer so ist, befinde ich mich plötzlich genau dort. In einem großen Flur stehen Betten verteilt, auch Hochbetten, in einem davon verstecke ich mich. Das Ende des Flurs ist mit milchigem Papier verdeckt, hinter dem ich eine Gestalt erkenne. In jedem Bett liegt ein Mensch, was ich seltsam finde, weil doch eigentlich alle wissen, was hier im fünften Stock los ist. Aber vielleicht sind auch sie auf mysteriöse Weise einfach hier aufgetaucht.

In diesem Moment tritt der Teufel durch das Papier wie in einer Enthüllungsshow. Er, oder besser sie, denn ich vernehme eine weibliche Stimme und der Körperbau ist auch sehr weiblich: Brüste unter rotem Samt, lange, dünne Beine in rot-weiß-gestreiften Hosen. Es wirkt, als wäre dieses Wesen aus Flammen, eine gefährliche, angsteinflößende Willkür geht von ihm aus und die Wände sind plötzlich blau-rot-schwarz, die Muster bewegen sich. Der Teufel oder die Dämonin (es ist eigentlich geschlechtslos, das Böse ist nur in irgendeinen Körper geschlüpft oder hat sich bestimmte Geschlechtsmerkmale ausgesucht, das merke ich) springt von einem Bett zum nächsten, macht Spagat, ist unberechenbar in ihren Bewegungen. Sie riecht an den Menschen, bleckt die Zunge, streicht sich mit ihr über die Lippen. Sie hat Appetit.

Ich mache mich so klein wie möglich, habe so viel Angst wie noch nie. Sie scheint auf niemanden dort unten Lust zu haben und kommt immer näher. Plötzlich befinde ich mich nicht mehr in meinem vermeintlich sicheren Hochbett, sondern offen sichtbar in der Laufrichtung der Dämonin. Vor mir liegt eine Frau, die mich mit angsterfülltem Blick ansieht, ich kann ihr aber nur mit einem verzweifelten Blick und Schulterzucken (ich weiß ja auch nicht, was tun) antworten. Die Dämonin bleibt interessiert vor ihr stehen. Ich hoffe, sie entscheidet sich für sie, gleichzeitig wünsche ich es ihr auch nicht, für niemanden. Aber lieber doch die fremde Andere als ich selbst, oder?

Da sehe ich, wie die Frau vor mir dem Teufel zuflüstert, er solle doch mich nehmen, ich sei aus Bayern und bestimmt sehr schmackhaft, Frischfleisch noch dazu. Sie blickt mich mit um Verzeihung bittenden Augen an und ich kann sie verstehen – jeder kämpft am Ende für sich selbst.

Der Teufel, dieses Gemisch aus rot-blauen Flammen, binären Codes (wie bei Matrix, nur in rot-blau) und purem Bösem, wendet sich mir zu, mich neugierig von oben bis unten prüfend. Sie grinst und ich weiß, sie hat sich für mich entschieden.

Das war’s dann, oder?

Da erkenne ich in ihr eine alte Kommilitonin, und ich appelliere an diese, mich freizulassen. Noch ein bisschen Zeit, bitte, es darf doch noch nicht aus sein, das wäre nicht gerecht.

Gerecht, lacht sie, und wie ein Zombie-Chor fallen die anderen Menschen in ihr Lachen ein.

– Guter Witz! Erstens ist Gerechtigkeit nicht mein Ding und zweitens schon gar nicht von euch zu entscheiden. Was gerecht ist oder nicht, wird an anderer Stelle bestimmt, undurchsichtig für euereins.

– Aber dann erinnere dich doch an die guten Zeiten, meine liebe alte Freundin, die wir miteinander hatten! Wir hatten doch so viel Spaß?!

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welches Argument sie am Ende überzeugt hat, ich habe vergessen, was ich alles gesagt habe, und kann damit leider kein Rezept zur Dämonenvertreibung verraten. Etwas stimmte sie jedoch um, und mich angrinsend wurde sie langsam kleiner und durchsichtiger, bis sie ganz verschwand und mit ihr auch die verrückten Wände und die Angst im Raum.

Ungläubig schauen mich die anderen an, klettern aus ihren Betten und verschwinden. Richtig, nichts wie weg hier. Ich verlasse das fünfte Stockwerk über ein Fenster, steige Griff um Griff nach unten. Normalerweise hätte ich damit ein Problem, weil Höhenangst, aber ich bin noch voller Adrenalin, es gelingt mir sogar, graziös dieses Hindernis zu meistern. Dabei filmt mich eine ehemalige Mitschülerin, die Regie studiert hat. Neben mir bemerke ich einen riesigen Wandteppich. (Wahnsinn, was ich alles im Traum sehen kann, oder? Mein Ich in der Traumwelt ist überall zeitgleich, wissend und sehend multiperspektivisch.)

Unten angekommen gehe ich zunächst noch festen Schrittes in eine unbestimmte Richtung, mir der Blicke der anderen bewusst. Da sehe ich meine Mama und Oma auf einer Bank am Rand sitzen und laufe zu ihnen. Als mich meine Mama fragt, ob „es“ sehr schlimm war (sie weiß nicht, was genau, nur, dass ich im verrufenen fünften Stock war, und vermutlich steht mir wie immer alles ins Gesicht geschrieben). Da breche ich so heftig in Tränen aus, lasse mich auf ihrer beiden Schoß fallen und kann mich nicht mehr beruhigen.

Die Tränen fließen über meine Wangen und kitzeln mich zurück in die sogenannte Wirklichkeit. Weinend wache ich auf. Ein paar Tage hat mir die Dämonin noch gegeben – nur was sind Traumtage in Realitätstagen?

[Halle, 06.11.22]