Dialog

Zum Glück habe ich seit damals einige Erkenntnisse dazugewonnen.

Kein innerer Kampf kann durch einen äußeren befriedet werden.

Mein Anliegen ist jetzt der Dialog. Immer erst reden und reden lassen. Das war auch meine Strategie auf der Suche nach den Unterirdischen Seen. Abwarten, die Dinge auf mich zukommen lassen, in entscheidenden Momenten handeln und mit so vielen Menschen wie möglich sprechen.

Der Dialog war etwas, was mir sehr am Herzen lag. Nur leider den wenigsten Leuten dieser Stadt, so schien es zumindest. Politische und gesellschaftliche Themen spalteten ganze Familien. An religiösen Feiertagen, wenn die verstreuten Familienteile zusammenkamen, mussten sich die Menschen zusammennehmen, um nicht über heikle Dinge zu sprechen, von denen sie wussten, dass diese den erzwungenen Frieden zerstören würden.

Die Bewohner redeten nicht mehr miteinander, aber beschimpften sich im elektronischen „Tribunetz“, jeglichen Anstand vergessend. Die Zeitungen, so schien es mir, förderten diese Spaltung – jeder Streit, jedes böse Gerücht verkauft sich immerhin besser als Harmonie.

Ich dachte damals oft an Józef Tischner, den Priester der Solidarność, dem der Dialog ebenfalls sehr am Herzen gelegen hatte. Für einen Dialog, so Tischner, mussten beide Seiten einen Schritt aus der eigenen Höhle wagen. Für die meisten Menschen die größte Hürde. Anzuerkennen, dass viele Menschen viele unterschiedliche Meinungen und nicht die gleiche wie man selbst hatten, war der nächste Schritt. Die Basis, auf der ein Dialog stattfand, war es, zu sehen, dass ein jeder Mensch auf seine Art litt. Das Leid des anderen sehen, zuzugeben, nicht alles zu wissen, dem anderen ein Recht auf die eigene Wahrheit zuzugestehen – das waren Dinge, die in dieser Stadt kaum jemand mehr konnte.

Eine weitere wichtige Sache für einen funktionierenden Dialog war nach Tischner eine gemeinsame Sprache. Wenn die einen Worte benutzten, die die anderen noch nie in ihrem Leben gehört hatten, wie sollte man sich da unterhalten?

Tischner ging es vor allem um die Arbeiter und deren Rechte. Eine solche Bewegung würde auch dieser Stadt guttun, das war mir schon lange klar, doch wie es der Bär schon erklärt hatte: Die Tribune hatten für eine gründliche Spaltung, aber auch für genug Brot und Spiele gesorgt, damit „die da unten“ gar keine Zeit und Lust auf eine Rebellion hatten. Wer hatte bei einer 40+-Stunden-Woche noch Energie auf die Straße zu gehen?

Manchmal wusste ich nicht, ob ich die Einzige war, die all diese Zeichen miteinander verband. Lebten alle anderen glücklich oder unglücklich in ihrem Hamsterrad oder ging es ihnen genauso, nur traute sich niemand, aufzustehen? Ich wusste ja nicht mal, ob ich wirklich den Mut hatte, allerdings stand bei mir auch noch nicht so viel auf dem Spiel. Noch konnte ich mich um mich allein kümmern, hatte niemanden zu versorgen und noch genug Erspartes.

Mein grundsätzliches Anliegen war natürlich nicht, allein für meinen Frieden zu sorgen. Allein mein eigenes Glück zu finden. Eigentlich dachte ich immer nur an alle anderen: Sie alle sollten aufwachen, lebendig, glücklich sein. Leben. Sich miteinander verbinden, tanzen, lachen, sich küssen, umarmen.

Alles, was das Leben eben so ausmachte, das wünschte ich ihnen.

Doch alles, was ich sah, waren traurige, geknickte Gestalten, die morgens zur Arbeit und abends nach Hause schlurften. Sich dort oder in einer Bar ein, zwei Drinks hinunterkippten, in eines ihrer technischen Geräte starrten und dann in einen traumlosen Schlaf fielen, bis das Ganze am nächsten Tag von Neuem begann.

Bei dem Gedanken schauderte es mich, mir wurde übel und ich geriet in Panik, wenn ich daran dachte, auch so leben zu müssen.

Bei meiner Suche nach den Unterirdischen Seen versuchte ich also, gemäß meiner Erkenntnisse und Forderungen zu leben. Ich versuchte, in den Dialog mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu treten, wobei dies nicht mit allen sehr leicht war. Bei manchen kam ich gar nicht zu Wort, war also gezwungen, mir jedes der ihren anzuhören – wie bei folgenden Begegnungen.

(ein Ausschnitt aus „Die Unterirdischen Seen“, einem unveröffentlichten Manuskript, bei dem ich ehrlich gesagt noch keine Ahnung habe, wie ich es weiter angehe)

Doppelter Boden (II)

Ich ahnte, das kleine Menschlein würde mich früher oder später heimsuchen. Also blieb ich über Nacht lieber bei einer Freundin. Am nächsten Tag musste ich aber in meine Wohnung zurück, weil ich dort etwas für meine Arbeit vergessen hatte.

Als ich in die Küche ging, stand es vor mir. Oder besser sie, denn jetzt bemerkte ich, dass es eine Frau war. Ihre Haare sahen aus, als hätte sie Trockenshampoo im Übermaß benutzt, sie waren aschblond-grau und standen in alle Richtungen. Sie ging sehr gebeugt, ihre Gliedmaßen traf das Wort verhutzelt am besten, und ihre Lumpenkleider hingen an ihr lose herunter. Sie erschrak bei meinem Anblick und versteckte sich hinter einem der alten Kühlschränke. Oder war ich die, die sich versteckte?

Sie hatte mich erwartet. Im ersten Moment wäre ich gern schreiend davongelaufen, sie markierte hier immerhin ihr Revier. Doch sie tat nichts, sie beobachtete mich nur. Also ging ich in die Offensive, denn ich merkte, dass sie etwas wollte:

⁃ Haben Sie Hunger? Ich habe den ganzen Kühl- und Gefrierschrank voll, alles von meiner Vormieterin. Bitte.

Ich öffnete besagten Schrank und deutete mit einer lässigen Handbewegung von oben nach unten auf all die Tiefkühlschätze. Meine Vormieterin musste mit einer Pandemie oder einem Krieg gerechnet haben. Ein ganzes Fach war voller Erbsen, das andere voller Burger, das nächste enthielt fertige Reiberdatschi („Kartoffelpuffer“).

Die Augen der Frau leuchteten auf. Sie starrte vor allem auf die Erbsen. Ein Erbsenfan also. Ich nickte und sie griff sich so viele Packungen, wie sie nur tragen konnte, ich reichte ihr schnell eine Tüte. Da fiel mir ein:

⁃ Wenn ichs mir recht überlege, wär es viel schlauer, Sie kämen einfach hierher in diese Küche und nähmen sich, was Sie brauchen. Oder haben Sie einen Kühlschrank?

Sie antwortete nicht. Vielleicht hatte sie schon so großen Hunger oder sie hatte im doppelten Boden des Dachbodens verlernt zu kommunizieren. Oder ich projizierte meine Vorstellungen eines Menschen, der in einem 1,50 Meter hohen Raum hauste, auf sie. Gut möglich und sogar sehr wahrscheinlich, aber was sollte ich machen, mir war schließlich noch nie jemand wie sie begegnet. Mein Kopf fabrizierte ohne Unterlass Geschichten, und wenn ich nicht das Gegenteil davon direkt vor meinen Augen hatte, war für mich klar, dass sie auf ihre Weise wahr sein konnten.

Ich packte ihr noch ein paar der Burger ein, die mochte ich sowieso nicht. Gerade kam ich mir sehr wohltätig vor. Hallo, ich half immerhin einer armen alten Frau (Na gut, das Alter war überhaupt nicht erkennbar. Sie konnte Mitte 30 sein oder über 90, wirklich). Gleichzeitig sagte mir eine innere Stimme, dass das wohl gar nicht wohltätig war, selbstlos schon kein bisschen. Ich tat das, weil ich sie erstens zur Freundin oder besser nicht zur Feindin haben wollte, und zweitens, weil ich das Zeug im Kühlschrank eh nicht brauchte. Wie dem auch sei, die Frau vor mir war sowieso nicht gewillt, nur einen Funken Dankbarkeit zu zeigen, vielleicht, weil auch ihr bewusst war, dass darin keine Selbstlosigkeit lag, und weil sie es eh darauf angelegt hatte.

Sie beobachtete mich aus dem Augenwinkel bei meinem inneren Dialog. Als sie erkannte, welche absolute Harmlosigkeit ich darstellte, schloss sie den Kühlschrank, packte beherzt nach den zwei vollen Tüten und war im nächsten Augenblick in dem Loch im Boden dort hinten verschwunden.

Wie meine Geschichte mit meiner neuen Bekanntschaft weitergeht, weiß ich noch nicht. Man sieht sich bestimmt mal wieder, vielleicht erzählt sie mir dann etwas aus ihrem Leben. Bin schon gespannt drauf.

Doppelter Boden (I)

Ich wohnte noch nicht lange hier.

Dementsprechend sah es auch aus. Die Wohnung war ganz oben im Haus, und sie hatte einen doppelten Boden, was für diese Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen sollte.

Eines Tages besuchten mich meine alten Mitbewohner, die neugierig waren, wo ihre ehemalige WG-Oma hingezogen war. Ich wollte es ja selbst gern wissen, manches betrachtet man erst durch die Augen anderer neu und als nicht selbstverständlich.

Ich ging in die Küche. Überall waren Löcher im Boden, alte Gläser standen unabgespült herum, es war wirklich sehr, sehr schmutzig. Der Raum hatte einen Nebenraum, dessen Zweck sich mir nicht offenbarte, außer dass die Bewohner vor mir viele alte und kaputte Dinge hier zurückgelassen hatten. Vielleicht war das ja deren Speicher? Dann sah ich das riesige Loch in der Mitte. („dann“ ist gut, es war eindeutig nicht zu übersehen, doch hatten mich zunächst all die verstaubten kaputten Möbel abgelenkt.)

Ich sah in das Loch hinunter. Es handelte sich um einen etwa 1,50 Meter hohen Zwischenraum, einen doppelten Boden wie schon gesagt, mit von Holzwürmern zerfressenen Balken. Links hinten sah ich einen Wäscheständer, auf dem sehr verstaubte oder schmutzige Klamotten hingen.

Plötzlich wusste ich: Ich war nicht alleine. Jemand war da unter mir, versteckte sich. Um meine aufkommende Angst zu übertönen, stampfte ich laut auf, schrie, jaulte, machte alle mir möglichen komischen Geräusche und trampelte so auf diesem morschen Holzboden herum, dass es Staub regnete.

Und da war es. Ein kleines, gebeugtes Menschlein schüttelte sich und sah mich mit hasserfülltem Blick an. Nur kurz, und dann war es verschwunden, auf allen Vieren, weil es so da unten besser vorankam. Weg war es, Spuren im Dreck und eine unheimliche Stille hinterlassend.

Ich war zutiefst geschockt und fragte mich, was ich in dieser Bruchbude allen Ernstes tat. Warum hatte ich es überhaupt gemietet? Ich war doch eh nie hier. Mir war klar, diese kurze Begegnung hatte noch ein Nachspiel – nur dass sie so ausgehen würde, konnte niemand ahnen.

(18.02.22, Halle) (Fortsetzung folgt)

Bestandsaufnahme nach zwei Jahren Pandemie

Ich spare Energie. Meine Energie. Seit einiger Weile, es hat sich eingeschlichen, überlege ich mir doppelt und dreifach, mit wem ich meine Zeit verbringe und ob ich nicht doch lieber alleine bleibe. Ich sehne mich so sehr nach einer großen fremden Menschenmenge (und am liebsten viele bekannte Gesichter), jede Nacht träume ich davon, und gleichzeitig kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Vor zwei Jahren könnte auch in einem anderen Leben gewesen sein, so unbeschwert, alles als natürlich hinnehmend. Gewiss hat sich seither viel verändert, unabhängig von Viren: Ich bin 30 geworden, habe meinen ersten richtigen 40-Stunden-Job. Da ist automatisch weniger Unbeschwertheit drin, und auch, dass ich mehr meine Ruhe brauche, mehr ankommen will.

Ich sehne mich so sehr nach einem Gespräch mit mir unbekannten Menschen, neuer Input, für meinen Intellekt, für meine schriftstellerischen Avancen. Gleichzeitig habe ich scheinbar völlig verlernt, einfach nur Small Talk zu führen.

Heute kam mir der Gedanke, dass ich wegen der Maske ja auch gar nicht mehr meine Gesichtszüge bewegen muss, zumindest unterhalb der Augen, da bin ich wirklich faul geworden. Klar, wenn ich jemanden anlache unter der Maske, dann mache ich die Augen groß und ziehe die Brauen nach oben. Es kommt mir aber oft so vor, als würde ich lediglich meine obere Gesichtshälfte einmal schrumpeln, all meine neuen und alten Falten herzeigen, und was hat das denn für einen Sinn. Deswegen bin ich jetzt mimikfaul, und das ist nicht gut für ein Gespräch mit neuen Leuten und ohne Maske. Richtig eingerostet bin ich. Jedes Mal, wenn ich in letzter Zeit auf einen halbwegs Bekannten getroffen bin und wir kurz gesprochen haben, habe ich mir danach gedacht, wie komisch hast du dich denn jetzt verhalten und was hast du überhaupt gesagt? Die Selbstgespräche nach dem eigentlichen Gespräch – wer kennt sie nicht. Am besten noch unter der Dusche. Aber da sing ich zur Zeit.

Ich habe mich so sehr eingeigelt, dass es mir manchmal sehr schwer fällt, da wieder rauszukommen. In den letzten zwei Jahren habe ich mich außerdem mit Arbeit zugehäuft, immer beschäftigt sein, immer irgendein Projekt in der Hinterhand haben, ja keinen Leerlauf. So konnte ich dieses Nichts um mich herum, die erdrückende Ungewissheit, diese ständig wachsende und sterbende Hoffnung besser ertragen.

Mich auf neue Leute einzulassen hat mir immer Spaß gemacht. Sie zusammenzubringen, Treffen zu organisieren. Doch beim letzten Mal, wo es doch so gut angefangen hat, ist es nicht schön geendet, und das wegen dieser vermaledeiten Pandemie. Unterschiedliche Herangehensweisen führten zu einem radikalen Schnitt, der meinetwegen nicht permanent gewesen sein müsste. Seitdem habe ich mich noch schwerer getan, mich auf neue Leute einzulassen, weil ich unsicher geworden bin. Ich kann meine Energie nicht für neue Leute verschwenden, die im nächsten Augenblick wegen einer Meinungsverschiedenheit keinen Kontakt mehr haben wollen.

Ich brauche meine Energie, um mit dieser ganzen Situation klarzukommen. Mit allem. Wie gern würde ich oft einfach wieder in den Mutterschoß zurückkriechen, und am Anfang der Pandemie habe ich genau das getan. Einfach im Elternhaus vor der Welt verstecken, es ist so wunderschön und einfach. Aber leider keine Lösung.
Während wir im Homeoffice sitzen, können wir nur die Nachrichten aus der Welt lesen, die von immer schwieriger werdenden Zuständen berichten, von 160 Millionen Menschen mehr in Armut, von reicher werdenden unfassbar Reichen; die einen bauen sich die größten Jachten der Welt und lassen dafür historische Brücken abbauen, die anderen verhungern zur selben Zeit millionenfach. Wie soll man das alles ertragen, ohne nicht absolut zu verzweifeln?

Ich suche mir nun mein nächstes Projekt, vielleicht ja das, das ich schon seit Jahren umgehe. Wenn es wieder möglich ist, will ich mir auch neue Gruppen von Menschen suchen, mit diesen Leidenschaften austauschen, entwickeln, ausprobieren. Die Hoffnung wächst immer wieder aus vermeintlich toter Wurzel, ein zartes Pflänzchen, das ich hege, und bei dem ich auch dieses Mal hoffe, dass es groß und stark wird. Man kann nie wissen, und jedem Anfang…

(Halle, 06.02.22)

Nackt

Mein Kern allein ist unveränderlich.

Die Frage bleibt, ob wir uns auch aller unserer Identitäten entledigen können, für die ich einmal die Metapher der Klamotten benutzt habe.

Wir kleiden uns in unterschiedliche Kleidungsstücke, um uns zu schützen, zu wärmen, zu verstecken, dazuzugehören. Den meisten Menschen ist gar nicht mehr bewusst, dass sie tausende Schichten tragen, ihr Innerstes ist nicht mehr sicht- und spürbar.

Würden wir uns Schicht um Schicht entledigen, uns entblößen, wäre das wohl für die meisten Menschen (oder alle?) unerträglich, sich gar in ihrer baren Nacktheit zu sehen.

Manche der Kleidungsschichten liegen uns so starr an, sie sind mit uns verwachsen, dass wir uns ohne sie nicht mehr denken können, ja sogar unser Denken darüber ausrichten.

Würden wir uns alle ohne Klamotten denken, also sagen wir mal, wir stellten uns alle gegenseitig nackt vor, so sähen wir uns in unserer Zerbrechlichkeit, unserer wahren Natur. Würden sich die Menschen selbst dann noch gegenseitig verurteilen, ab- und aufwerten? Wenn wir das wahre Gesicht, die wahre Gestalt des anderen sähen, würden wir dann anders mit ihm umgehen? Wie würden wir uns verhalten bar jeglichen Schutzes?

Fakt ist, wir brauchen Kleidung, denn ohne sie wird uns kalt, und es ist in unserer Welt nun mal Konvention, mindestens ein Stück Stoff über unseren intimsten Körperzonen zu tragen. (Was ist mit FKK-Bereichen?)

Wir brauchen die anderen in Identitäten gehüllt, um auch uns besser einordnen, sich gegenüber anderen abgrenzen oder zugehörig fühlen zu können.

Vermeintlich hatte ich mich schon jeglicher Kleidung entledigt. Immer wieder aber entdecke ich ein Stück Stoff an mir, das bestimmte Stellen verdeckt, sie beschützt oder versteckt und mich vom Nacktsein abhält.

Nacktsein kann ich nur mit Dir. 
Du siehst mich ganz,
auch ganz verhüllt,
vor Dir trau‘ ich mich zu entkleiden,
ohne alles steh‘ ich da.

Du nimmst mich,
wie ich bin.

Allein Dir blick‘ ich in die Augen,
dem Zugang zum Wesen unter
all den Hüllen.

Zimmerservice

Er servierte mir seinen eigenen Kopf auf einem silbernen Rollwagen.

Gerade war ich dabei, mich in diesem seltsamen, mit dunklem Holz verkleideten Hotelzimmer einzurichten, als eine Tür aus dem Nichts aufschwang. Herein tanzten und räkelten sich nackte Frauen. Ihre Bewegungen verdeckten zunächst das, was sie in ihrer Mitte ins Zimmer schoben. Ich erschrak kurz, und doch war ich positiv überrascht ob der Mühe, die er sich gab.

Da lag auf einem Silbertablett auf einem silbernen Rollwagen, auf dem normalerweise in Hotels das Essen aufs Zimmer geliefert wird, der Kopf jenes Typen, den ich eine Stunde zuvor kennengelernt hatte.

Ich war mit meiner Familie unterwegs gewesen und meine Oma hatte Hunger gehabt. Das war gefährlich, denn wenn sie in Unterzucker kam, ging es ihr gar nicht gut. Es ging ihr sowieso nicht mehr gut. Im Traum davor hatte sie gerufen, sie sei eigentlich ganz froh, jetzt bald sterben zu dürfen.

Da stand ich also an einer Theke, es war eine Mischung aus Metzgerei und Bäckerei inmitten eines Volksfestes, und bestellte eine Breze, am besten mit Butter, wenn‘s geht. Der charmante – und ich muss zugeben, wirklich gutaussehende – Verkäufer gab mir eine große Scheibe Leberkäs dazu und reichte mir den Teller.

Geht aufs Haus! Sagte er und zwinkerte mir zu. Den Leuten neben mir schenkte er ihr Essen ebenfalls. Ich hätte daraus ja keine große Sache gemacht. Vielleicht hatte er die Not meiner Oma bemerkt, vielleicht war er einfach gut gelaunt, vielleicht gefiel ich ihm. Das Paar neben mir flüsterte: Da hat sie den Besitzer Altenburg gleich selbst erwischt, und wir haben auch was davon!

Das war also der Besitzer dieses Komplexes. Mitte 30, mit einem großen Selbstbewusstsein, was ich sehr anziehend finde, dunklen Locken und Dreitagebart. Er kam hinter der Theke hervor und ich dachte schon, er spricht mich gleich an. Doch er ging geradewegs zu meiner Familie, begrüßte meinen Vater und meinen Bruder mit Handschlag, machte eine leichte Verbeugung in Richtung meiner Mutter und meinen Großeltern. Natürlich kannten die sich, er war immerhin Besitzer einer Brauerei in der Gegend.

Er strahlte mich an. Ach, das ist eure Tochter? Wir kennen uns noch gar nicht! Thomas Altenburg mein Name, freut mich! Er reichte auch mir seine kräftige Hand, in seinem Blick eine Mischung aus Schalk und Begehren. Nein, das klingt zu billig. Es war vielmehr das Wissen, das uns etwas verband, dass uns hier und jetzt etwas zusammengeführt hatte. Klingt schon wieder zu klischeehaft, aber so war’s eben, was soll ich sagen. Wenn’s prickelt, dann prickelt’s. Ist es nicht schön, wenn es manchmal ganz kitschig wird? Wenn man seine eigene Hollywoodkomödie lebt?

Er verabschiedete sich, dringende Geschäfte.

Fragen Sie mich nicht wieso, aber ich musste daraufhin in das Hotel nebenan einchecken. Vielleicht war meine Familie weitergefahren, oder ich hatte hier zu tun. Die Beliebigkeit der Träume.

Ein wenig geschockt war ich schon, dass man mir ein Zimmer im Erdgeschoss zugeteilt hatte, in direkter Nähe zum Vergnügungssaal, in dem ich ältere Herrschaften zu Schlagermusik Standard tanzen sah. Aber es war nur für eine Nacht, und ich hatte sowieso das Gefühl, dass das hier Absicht war. Dass hier jemand noch Pläne mit mir hatte. Und irgendwie wünschte ich es mir auch.

Dann kam dieser Zirkus aus Frauenleibern und seinem Kopf herein. Ich betrachtete ihn amüsiert. Seine Augen blickten mich an. Willkommen in meinem Hotel, sagte er ein wenig blechern. Er zwinkerte mir zu.

(Halle, 13.01.2022)

Die Rächerin im weißen Kleid

Die ältere Dame legt letzte Hand an. Ein Krönchen auf meinem Kopf, das Prinzessinnenbrautkleid sitzt perfekt, alles ist bereit für die Zeremonie. Sie sieht mich erwartungsvoll an, als wüsste sie, was ich gleich sagen werde. Sie hat Angst davor.

— Hast du mein Schwert? Ich habe so eine Ahnung, dass ich es heute brauchen werde.
Flüstere ich mit gläsernem, von Vorahnungen getrübtem Blick.

Die Dame nickt.

— Also ist es wahr. Ich habe es schon befürchtet.

Sie dreht sich um und zieht ein diamantbesetztes Schwert hervor. Ich erkenne es. Es ist mein Schwert, das vor so vielen Jahren mein ständiger Begleiter war. Wenn ich es in der Hand halte, ist es erstaunlich leicht. Es ist biegsam und scheint für Kinder gemacht. Doch das Äußere täuscht wie immer. Weiß Gott, wie viele Menschen ich damit verletzt und getötet habe.
Doch das sind Szenen, die in meiner Erinnerung verschwimmen. Vielleicht war das gar nicht ich.

Ich muss lachen.

— Tja, dieses Kleid ist nicht für Frauen mit Schwertern gemacht. Wo stecke ich es denn jetzt hin?

Die Dame lächelt.

— Wunderschön siehst du aus. Mächtig. Furchteinflößend. Hier.
Sie reicht mir einen Gürtel passend zum Kleid, an dem eine Scheide befestigt ist.

Ich bete inständig, dass am Ende des heutigen Tages nicht alles rot sein wird.

So gut ich mich gerade fühle, so sehr ich mir meiner bedeutsamen Rolle bewusst bin und auch sicher weiß, dass dieses Kleid allein mir zusteht und ich die Menschen befreien kann – die Stimme meiner Selbstzweifel beginnt sich zu regen.
Sind sich die anderen wirklich sicher, dass genau ich in diesem Kleid stecken soll? Dass ich dieses Schwert tragen darf? Dass ich gleich in einer mystischen Zeremonie zur „Rasenden Retterin der Menschheit“ ernannt werde?

Was für ein unangenehmer Erwartungsdruck.

Ein kleiner, fieser Teil in mir hofft auf eine Verwechslung, auf einen Menschen, der kurz vorher noch dazwischenruft: Halt, ihr habt euch geirrt, ihr habt die falsche Frau, ich bin es doch! Dann würden wir Kleidung tauschen und ich meine Verantwortung an sie abgeben. Was für eine Erleichterung das wäre.

Aber das ist reine Fiktion. Das ist die Angst in meinem Kopf — mein Herz weiß es besser.

Ich trete in den Gang hinaus und gehe in Richtung des Zeremonienzimmers. Dort sehe ich schon ein paar mir liebe Menschen, alle in weiß gekleidet, erwartungsvoll auf mich wartend, sich an den Händen haltend.
Aber ich bin noch nicht soweit. Ich brauche noch einen kurzen Moment.

Als ich die Augen aufschlage, befinde ich mich an einem anderen Ort. Das Kleid ist noch dasselbe, doch von oben bis unten rot und braun. Ich will gar nicht wissen, warum.
Außerdem habe ich gerade andere Sorgen.

Mit einer Hand hänge ich an einer Wand über einem Abgrund. Oben auf dem Felsen stehen meine Mitstreiter und schreien mir etwas zu. Mit seltsamen, rhythmischen Bewegungen des ganzen Körpers ziehe ich die Erd- und Felsmassen nach oben und unten, wodurch sich eine Höhle zu öffnen scheint. Aus dieser fließen Unmengen an Wasser, weswegen ich vorhin dachte, unter mir sei ein Meer.
Die letzten Bilder sind verschwommen. Wir müssen in diese Höhle, das weiß ich noch. Aus welchem Grund, das nicht. Sie greifen uns an, wir kämpfen. Wir verstecken uns. Wir haben Angst, und sind uns doch unserer Stärke bewusst.

Wir haben mich.

Ich für euch, und wenn ich dabei zugrunde gehe. Wunderbarerweise glaubt ihr an mich. Die Verbindung zwischen uns ist so stark, sie ist mein Antrieb, und ich werde alles für euch geben.
Bei meinem diamantbesetzten Gummischwert und dem nicht mehr ganz so weißen, blut- und schlammverschmutzten Hochzeitsrächerinnenkleid. Ich verspreche es euch.

Dann springe ich.

wer wie was

Wieso weshalb warum.

Wie finde ich mich wieder?
Wie weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin?
Ist das nur eine Phase oder sollte ich mir ernsthaft Gedanken machen?
Wer bin ich eigentlich, und was will ich überhaupt?
Das Erreichte ist getan und in der Vergangenheit. Und jetzt?
Will ich so leben oder doch anders? Kommen diese Vorstellungen aus mir oder von außen? Ist das das Leben, das sich die Gesellschaft als „perfekt“ erträumt, oder das ich mir so ausmale? Woher weiß ich, was was ist?
Woher weiß ich, dass meine Geduld lediglich röchelnde, vor sich hin siechende Hoffnung ist? Die Träume, die ich einst hatte, sind sie überhaupt mit der Realität vereinbar? In der man Rechnungen zahlen muss, in der man muss, muss, muss? Was, wenn ich nicht alles so machen will, „weil man eben muss“, sondern was, wenn ich so leben will, dass es mein Herz erfüllt?
Hat jemand eine Antwort?