Das Feuer breitet sich aus
von den Fingern bis in die Ohrenspitzen.
Rot die ganze Welt.
Ich spucke Flammen, bis alles um mich herum verbrannt ist.
Schwarzes, unfruchtbares Land.
Was löst diese Wut aus?
Wie kann ich mich zähmen?
Ich verbrenne innerlich.
Keine Kraft mehr ständig gegen mich selbst zu kämpfen.
Wo ist das erlösende Wasser, das das Feuer für immer löscht?
Wie kann ich es als Quell der Wärme statt der Zerstörung nutzen?
Autor: lenkasause
Der Uterusaurus
Lange habe ich nach Worten gesucht, diesen dumpfen und teilweise stechenden Schmerz zu beschreiben. Ist es ein Elefant, der da einmal im Monat mit einem Fuss auf meinem Unterleib steht? Oder ist es eine Katze, die dort so lange auf der Stelle tritt, bis sie es sich dann doch anders überlegt und sich woanders breit macht? Das könnte alles sein, dachte ich mir, das sind schöne Vorstellungen.
Bis ich ihn kennenlernte. Er offenbarte sich mir eines Tages, als ich wieder einmal nur mit Wärmflasche im Bett liegen und keinen klaren Gedanken fassen konnte.
— Hallo, sagte er mit einer erstaunlich hohen, nasalen Stimme.
— Hallo?, antwortete ich und blickte verwundert fragend auf ihn.
— Ich bin’s, dein Uterusaurus, blinzelte er mich mit quietschvergnügten Augen an. Du kennst mich vielleicht schon, ich bin es, der jeden Monat auf deinem Unterleib steht. Ich würd ja sagen, es tut mir leid, aber das wär’ eher so ne Notlüge, weißt du. Ich kann ja auch nix für meine Natur.
Meine Fantasie musste mir einen Streich spielen, wahrscheinlich waren die Schmerzen mal wieder so groß, und sie half mir dabei, die Realität zu vergessen. Ich musste über mein Gehirn lachen.
— Hej, ignorier’ mich nicht, rief er ein wenig beleidigt und stampfte mit seinem rechten Fuß wütend auf. Die Schmerzen holten mich zurück in die Wirklichkeit. Tiief Luft holen, Atmen nicht vergessen.
— Ich entspringe nicht deiner Fantasie, die ja wirklich sehr reich ist, das muss ich schon zugeben, aber für mich reicht’s nicht. Ich hab’ mich dir einfach noch nie gezeigt, so in meiner ganzen Pracht, weil ich erstens noch nicht dazu bereit war, es hat auch einfach zeitlich nie gepasst, immer kam irgendwas dazwischen. Und dann, ja, ähm, dann schäme ich mich schon ein wenig, weil ich dir dann doch weh tue, und das jeden Monat. Das gibt man auch nich’ einfach so freiwillig zu, ne?
Er blickte mich ein wenig von unten, schüchtern und offensichtlich um Verzeihung bittend, an.
Und ich schaute zurück. Ich betrachtete ihn jetzt genauer, und erkannte seine körperliche Größe. Ja, ein Saurier war das augenscheinlich. Er hatte bunte Schuppen, die im Sonnenlicht leicht glitzerten. Ein harmlos wirkender Saurier von der Größe eines Babyelefanten saß da mit einem Fuß auf meinem Bauch und grinste mich an.
— Sehen die Uterusaurier anderer Frauen auch so aus wie du?, wollte ich wissen. Er wirkte ein wenig enttäuscht ob der Frage.
— Also erstens, niemand ist so wie ich, das ist ja wohl mal klar. Wir sind alle ziemlich einzigartig, so wie ihr halt auch. Die einen sind größer, die anderen noch kleiner, von unterschiedlichen Formen und Farben. Die einen sind besser gelaunt, die anderen schlechter. Das einzige, was wir gemeinsam haben, ist unsere Natur: Jeden Monat stehen wir an Ort und Stelle mit dem Fuss auf eurem Bauch. Eine Woche zuvor tasten wir uns schon mal ran, manche merken dann oft schon unsere Anwesenheit.
— Äh, und was ist bitte der Sinn davon? Und seh’ nur ich dich oder zeigen sich andere Uterusaurier ihren Frauen auch? Und tauscht ihr manchmal durch oder bleibt ihr ein Leben lang an unserer Seite? Und warum hab’ ich noch nie von deiner Art gehört?
Jetzt wollte ich gleich alles wissen.
— Eieidrachenei, langsam langsam. Ich bin ja nächsten Monat wieder hier, schon vergessen?
Er lachte, seinen eigenen Humor feiernd.
— Ich zeig‘ mich dir heute, damit du besser verstehst. Ich bin seit deinem zwölften Lebensjahr bei dir, da war ich aber noch ein kleines Baby. Ich bin sozusagen mit dir groß geworden. Das hast du wahrscheinlich allein daran gemerkt, dass die Schmerzen immer größer werden, je älter du wirst. Bisschen unangenehm, ich weiß. Ich achte auf mein Gewicht, wirklich!
Oh, uns gibt es schon sehr, sehr lange. So lange, wie es den weiblichen Uterus gibt. In alten Zeiten waren wir den Menschen auch noch bekannt, und wenn eine Frau sich mit uns zeigte, so musste sie, solange wir da waren, sich um nichts kümmern und durfte sich erholen. Heute werden wir in den meisten Gesellschaften der Erde nicht mehr als tatsächliche Lebewesen, nicht mal als Parasiten (das Wort mag ich aber nicht), anerkannt. Wir stehen ja auch der viel gerühmten Produktivität im Wege. Was soll ich denn da sagen, bitte?! Mein Lebenszweck ist es, mein Bein auf deinen Unterleib zu stellen, sehr produktiv, oder? Ha! Ich bin die Antiproduktivität in Person, und ich steh‘ dazu, jawohl. Unsere Wirtinnen müssen uns überall hin mitschleppen, und die gleiche Arbeit verrichten, als würden wir nicht halb auf ihnen sitzen und sie fast erdrücken.
Der Sinn unseres Daseins, ja, das kann man schon hinterfragen. Ich mach’ das lieber nicht, sonst stellte ich ja meine gesamte Existenz in Frage, das ist nicht gesund. Ich denke, es hat etwas mit dem Übergang zu einem neuen Kapitel zu tun, zu einer neuen Phase, ein Neuanfang, der oftmals mit Schmerzen verbunden ist. Wachstum bedeutet immer auch Leid, weil man sich vom alten, gewohnten Ich trennen muss, das einem schon so natürlich anhaftete. Auch, und das hast du wahrscheinlich ebenfalls gemerkt, wähne ich mich in der Position, dich immer wieder auf den Boden zurückzubringen, egal, in welcher Höhe du vorher schwebtest. Es wird dir niemals gelingen, völlig abzuheben, weil du nämlich mich hast. Ist das nicht toll?
Er versuchte wirklich sein Bestes, mich von seiner Nützlichkeit zu überzeugen.
— Betrachte mich doch einfach als natürliche Gegebenheit. Niemand kann etwas für seine Natur, sie ist ihm so mitgegeben, also kämpf’ nicht, akzeptier’ mich. Wir könnten beste Freunde werden! Was hältst du davon?
Ich nickte ergeben, für große Diskussionen hatte ich sowieso keine Kraft heute, und außerdem war ich in der Lage, wann es Sinn hatte zu kämpfen, und wann nicht. Die restlichen Fragen, die in mir aufploppten wie Popcorn, würde ich ihm aber definitiv später stellen.
— Willst du noch etwas Tee? Kuchen?
Lange Weile
Keine Lust mehr zu backen. Zu kochen. Spazieren zu gehen.
Keine Lust mehr zu lesen, Serien und Filme zu schauen, zu schreiben. Zu arbeiten.
Keine Lust mehr zu putzen, zu waschen, aufzuräumen.
Keine Lust mehr auf facetimen, skypen, telefonieren, chatten.
Keine Lust mehr, Andere zu fragen, wie es denn so geht, ob alles klar ist, wie sie sich die Zeit vertreiben; sich vorzustellen, wie das dann wird, wenn wir uns wieder treffen können. Ach, ich hab‘ gar keine Lust mehr, Leute zu treffen.
Eine einzige große Leere, in der alles langweilt, was ich tue und nicht tue. Ich kenne das eigentlich nur von früher, aus der Kindheit, als wir noch nicht so viele Möglichkeiten wie heute hatten, uns abzulenken.
Gerade in solchen Momenten, wenn wir es aufgaben, gegen das Nichts anzukämpfen, entstanden die besten Ideen für neue Spiele, Geschichten, Fantasiefiguren, Comics, Musicals, und was wir sonst noch alles kreiert haben.
Die Zeit wirkt quälend lange, bis sie wie eine Blase platzt und die Welt in neuem Licht erscheint.
Jetzt heißt es nur noch abwarten…
Jetzt Desinteresse, später Denkmäler
Was nützen all die antirassistischen, muslimfreundlichen Bekundungen, wenn doch die eigentliche Rhetorik der Regierenden dahin geht, die zu uns Flüchtenden wie Ungeziefer, wie eine Plage von uns fernhalten zu wollen?
Es ist nicht erkennbar, dass Migranten egal welchen Jahrzehnts wirklich willkommen sind, wenn sie am besten doch „draußen“ blieben. Wenn jedes Kind, jede Frau zu viel ist, wenn sie ein „Problem“ darstellen, das in Talkshows und Zeitungskommentaren totdiskutiert wird. Alle Maßnahmen, die sowieso meist erst nach Anschlägen getroffen werden, sind reine Schönheits-OPs und oberflächliche Kurzzeitlösungen.
Aus historischer Perspektive — betrachten wir die Gegenwart aus zukünftiger Sicht — werden wir irgendwann mit tiefer Scham und Schuldgefühlen zurückblicken. Wir werden uns fragen: Wie konnte es soweit kommen? Wie konnten wir einfach zusehen, wie Hunderttausende Menschen aus der Not heraus zu uns fliehen wollten und wir sie entweder auf der anderen Seite von schnell hochgezogenen Mauern und Zäunen in der Kälte erfrieren oder im Meer ertrinken ließen. Wir sie lieber in Lager in Libyen und Marokko schickten — aus den Augen, aus dem Sinn und dem europäischen Kontinent. Wenn eigentlich klar war, was in diesen Lagern passierte – warum hat keiner reagiert? Warum hat keiner etwas unternommen?
Derweil führten wir Debatten darüber, ob man jetzt Schiffe zur Rettung losschicken sollte oder nicht. Lasst uns Schere, Stein, Papier um Menschenleben spielen.
Wir bauen Denkmäler, Mahnmale, sagen „nie wieder“ — doch was hilft es den Toten jetzt?
(geschrieben nach dem Anschlag von Halle am 9.10.2019)
Bonifaz
Mein ganzes halbes Leben warst Du uns der beste Mops, den wir uns wünschen konnten. Du warst immer mehr als ein Hund, Du warst Schweinchen, Alien, Robbe, Weißbrot, Weißwurscht, Frosch — unser Puggi eben. Du warst das gutmütigste, geduldigste, gemütlichste Lebewesen, das ich je kennenlernen durfte, und ganz im Gegenteil zur ersten elterlichen Befürchtung, Du würdest uns irgendwann langweilig werden, warst Du es nicht einen Augenblick. Immer hast Du für lustige Momente gesorgt, allein Deine Existenz, Dein Wesen, Dein Aussehen hat unser Leben freudvoller, schöner gemacht. Du warst der beste Freund und immer da, wenn ich mal Aufheiterung, ein wenig Liebe, ein paar Streicheleinheiten brauchte. Auf allen Partys in unserem Haus warst Du vertreten, immer dort, wo die meisten Menschen sich versammelten — ohne Mops ist eben nix los.
Wie schnell Kummer vergessen werden kann, wenn man nur ein paar Minuten ein so ruhiges, freundliches Tier wie Dich streichelt. So schön, nachhause zu kommen, und jemand freut sich über Dich mit dem ganzen Körper, von Kopf bis Ringelschwänzchen wackelnd und tanzend. Deine Falten, tief eingegraben in ihnen das Wissen der Welt, wie sonst hättest Du so ruhig, so gutmütig sein können? Allen Lebewesen der Welt von Grund auf aufgeschlossen gegenüber konntest du Dich höchstens über unsichtbare Gespenster, Krankenwagensirenen oder den Nachbarhund aufregen.
Unser Bonifaz, der einzige und wahre Mops, vierzehneinhalb Jahre unser Familienmitglied, für immer in unseren Herzen. Mögest Du im Mopshimmel in einem riesigen Mopsgewimmel Dich tummeln, schwarze, weiße, beige, graue, große und kleine Möpse, ein Riesengewusel, wo Dich keine Atemnot, keine Rückenschmerzen, keine Fußbeschwerden plagen, wo Du allein Deinem Mopsdasein frönen und nach Lust und Laune so viel essen, trinken, schlafen kannst, wie Du für immer möchtest.
In Liebe und Dankbarkeit
Deine Lena
Gleich geht es weiter
Wir sind die Maden in ihrem Speck,
so fett
so viel.
Irgendwann stellen wir fest:
Nichts als heisse Luft,
er verpufft und
wir fallen ins Nichts.
Sie retten sich den letzten Rest
echtes Fett,
madenfrei.
Keine Zukunft,
aber egal,
das Geschäft läuft und —
wir machen Werbung für sie.

Die fehlende Tür
Ich wollte nur noch schnell die Schuhe meiner Freundin holen, die sie oben im dritten Stock liegen gelassen hatte. Anscheinend hatten wir so heftig gefeiert, dass alle ihre Schuhe ausgezogen hatten, ich erinnerte mich nicht. Also holte ich ihre Schuhe, aber statt der Schuhe stand dort nur eine Vase. Ich zuckte die Schultern, über den Geschmack anderer zu urteilen war nicht meine Sache, nahm sie und ging Richtung Ausgang.
Das Verzwickte nun war, dass es kein Treppenhaus gab. Wer in die unteren Stockwerke wollte, musste aus dem Fenster die Hauswand hinunter klettern. Kein Problem eigentlich, ich wusste, ich hatte das schon öfter getan, nur diesmal ging es nicht. Vielleicht lag es an der Vase, oder an den regennassen Wänden, es war einfach nicht möglich.
Da entdeckte ich auf der gegenüberliegenden Seite des Fensters eine Tür. Darauf war auf Deutsch und auf Französisch zu lesen: Achtung! Kein Zutritt! Prüfungssituation. Ich verstand, was sie mir sagen wollten, aber erst, nachdem ich schon durch die Tür getreten war und in einer völlig anderen Welt stand.
Ich fühlte mich auf der Stelle fehl am Platz, ganz fremd, obwohl das auch nur Menschen hier waren. Überall murmelte, flüsterte, zischte es Französisch, und wie in einem riesigen Hörsaal saßen junge Menschen in Schuluniform. Zwischen ihnen Plastiktrennwände. Okay, keine Panik, Lena, du musst hier nur die Treppe nach unten finden und so tun, als wärst du eine verwirrte, verplante Studentin, die keine Ahnung hat, wo sie in diesem überdimensionalen Audimax Platz finden soll. Das sollte dir eigentlich wirklich nicht schwer fallen.
Panik stieg in mir auf, denn es war weit und breit kein Ausgang zu finden. Immer schneller hetzte ich durch die Flure, immer neue Welten taten sich auf. Hinter der einen Tür war plötzlich ein Aquarium, das so groß war, dass darin sogar Wale Platz hatten. Hinter der anderen Tür befand sich ein Garten, in dem die Schüler zu lustwandeln schienen, Pause machten, sich die Zeit vertrieben. Nirgendwo eine Treppe in Sicht. Einen zugänglich aussehenden Jungen fragte ich nach dem Weg zum Ausgang, doch er blickte mich nur befremdet an, sagte, es gebe hier kein Entrinnen, wenn man nicht den Test bestanden habe. Französisch? Ich kann doch kein Französisch.
Irgendwann, nach der tausendsten Tür, gab ich auf, lieh mir eine dieser schwarz-weißen Uniformen, band mir das schwarze Tuch um den Hals, und verschwamm mit der Masse.
Mein ursprüngliches Ziel aber habe ich nie vergessen.
(Halle, 03.02.21)
Umwälzung
Die Getrenntheit der Menschen ist das Problem unserer Zeit.
Individualismus zerstört, wer hat uns diesen eingeredet? Der Mensch dreht sich um sich selbst, ist sich selbst der Nächste.
Jeder Mensch ist Teil eines größeren Ganzen, als der er auch etwas bewegen kann. Doch diese Erkenntnis ist uns verlustig gegangen, und in diesen Pandemie-Lockdown-Zeiten merken wir, wohin uns dieser Individualismus führt.
„Revolution“ bedeutet „Umwälzung“: Unten nach Oben, Oben nach Unten. Die große, dunkle Masse, die Vielen, kommt ans Tageslicht, wird nach oben gekehrt, die dünne Schicht obenauf, die Wenigen, nach unten, alles wird Eins.
Die Menschen sind taub, lethargisch, gleichgültig, die Welt ist ihnen zu schnell und groß geworden, etwas, das sie mit ihren Körpern, die sich seit Jahrtausenden nicht wirklich verändert haben, nicht verstehen. Sie reagieren mit Angst — ganz natürlich — auf den unsichtbaren Feind im Gebüsch. Sie erzählen sich Geschichten, um das Unfassbare greifbarer zu machen, um die Angst in bestimmte, geregelte Bahnen zu lenken. Geschichten wie Leitplanken, an denen sie sich orientieren können, aber aufgrund dieser sie auch den vorgezeichneten Wegen folgen.
Es gibt diesen Ausweg, doch er ist schmerzhaft, mit großen Verlusten verbunden, doch er beinhaltet den besten Freund, den man sich vorstellen kann: sich Selbst.