Eine der besten Dokumentationen über ME/CFS

https://www.arte.tv/de/videos/108997-000-A/chronisch-krank-chronisch-ignoriert/

Chronisch krank, chronisch ignoriert. Warum jeder diesen Film gesehen haben sollte.

Ich kann ihn nur in mehreren kleinen Happen anschauen, es geht mir zu nah, da ich ja selbst betroffen bin. Aber es tut mir auch gut, mich immer wieder daran zu erinnern, wie gefährlich diese „meine“ Krankheit ist, weil ich es an manchen Tagen schaffe, das zu verdrängen, was bei ME/CFS tödlich enden kann.

Selbst ich, die ich ja mittlerweile „Expertin“ bin, habe noch etwas dazugelernt.

Schon seit über 30 Jahren gibt es handfeste Beweise, dass diese Krankheit nicht psychisch/psychosomatisch ist, doch diese Nachweise wurden in irgendwelchen Archiven vergraben und von Psychiatern übertönt, die eine erfolgreiche Behandlung in Verhaltenstherapie sahen. Es ist nichts Neues, aber es wird fantastisch aufgezeigt, wie misogyn die Medizin ist, denn leider betrifft ME/CFS hauptsächlich Frauen. Dementsprechend hat man es die längste Zeit als „Hysterie“ erfolgreich ignoriert. Dass es – wie immer – hauptsächlich um’s Geld geht, und psychische Diagnosen/Krankheiten kosten nun mal nicht so viel wie organische Krankheiten.

Es ist und bleibt ein Rätsel, warum eine so komplexe Krankheit weiterhin so ignoriert wird. Klar, vielleicht ist es auch der Zeitgeist, der komplexe Probleme lieber zur Seite schiebt oder für diese einfache Lösungen findet. Oder ist das die menschliche Natur, die verdrängt, dass es jeden treffen kann? Vor allem seit Corona? Und die deshalb aus Angst lieber wegschaut?

Es tut wirklich weh, die Geschichten der jungen Frauen zu hören, die es in ihrem Leiden nicht mehr ausgehalten haben und assistierten Suizid begangen haben. Schlimmer noch sind die Geschichten, in denen Menschen jegliche Hilfe verwehrt wurde und die also verhungern mussten. Das ist so unfassbar, da fehlen mir alle Worte.

Über die jahrelange Suche nach Hilfe, nach einer Diagnose und auch die falsche Behandlung in Rehakliniken kann ich auch einiges erzählen. Z.B. von einer spezifisch für Long Covid entwickelten Reha, die sich als reine psychosomatische Reha herausgestellt hat. Bei der ich mir am Ende im Entlassbrief sagen lassen musste, dass ich ja nicht gesunden könne, wenn ich mich ständig auf meine körperliche Symptomatik konzentriere und wenn ich bestimmte Dinge aus der Vergangenheit nicht verarbeitet habe. Dass ich mich im Rahmen von „Pacing“, der einzigen Strategie, die eine Verschlechterung meines Zustands verhindert, genau auf meinen Körper hören muss – kein Wort dazu. Auch der „Disput“ zwischen mir und dem Chefarzt, der sich mehrmals grenzüberschreitend verhält, wird angemerkt, denn seltsamerweise habe ich ein Problem damit, als ich erfahre, dass ich eine F-Diagnose bekomme, um diese Reha machen zu dürfen. Noch dazu handelt es sich um die Diagnose „Neurasthenie„, eine Modediagnose aus dem 18./19. Jahrhundert, die längst veraltet ist. Doch als ich dem Chefarzt das zu erklären versuche, sagt er nur: Aber ich sehe bei Ihnen doch eine geringe Belastbarkeit. Außerdem sieht er ein „seelisches Ungleichgewicht“, weil ich mich so gegen eine psychische Diagnose wehre.

Ich weiß von anderen Betroffenen, dass Ärzte diesen teilweise Depressionen diagnostiziert haben, weil es sich um Frauen handelt, die Mitte 30 noch keinen Ehemann und Kinder hätten und deshalb krank seien (die, die diese Geschichte auf Instagram geteilt hat, ist übrigens lesbisch).

Was wir brauchen, ist Hilfe von Nichtbetroffenen, einen Aufschrei, für den wir selbst oft nicht mehr die Kraft haben. Vielleicht trägt diese Doku ja ihren entscheidenden Teil bei. Ein bisschen Träumen darf ja noch sein, oder?

[3.3.25, Regensburg]

Wahlanalyse mit Zitaten aus meinem Buch

Dr. Norbert Reichel, der schon meine Doktorarbeit rezensierte (die übrigens auf den Tag vor drei Jahren publiziert worden ist), hat in seinem neuesten Editorial eine Wahlanalyse veröffentlicht, die er mit Textstellen aus meinem Buch „Die Unterirdischen Seen“ gerahmt hat.

Hochinteressant und empfehlenswert wie alle Texte des „Demokratischen Salons“:

https://demokratischer-salon.de/beitrag/check-the-balance/


Dazu ein Foto von Walen, weil das u.a. meine Lieblingstiere sind (vor allem Pottwale) und ich grad am liebsten Waldokus anschau. Besonders zu empfehlen: Patrick & The Whale auf Arte, soo schön.

Mein erster Roman „Die Unterirdischen Seen“

Eine junge Frau, die verloren war und jetzt das sucht, wonach sie sich in den Tiefen ihres Herzens sehnt, eine Stadt, über die der Nebel herrscht, ein Geheimnis, das jeden verändert.

Was hat es mit dem Verschwundenen Wasser, mit den Unterirdischen Seen, mit den Tribunen auf sich? Warum kennt niemand den Weg und was ist bloß mit den Einwohnern dieser seltsamen Stadt los? Was geschieht mit denjenigen, die den Weg zu den Unterirdischen Seen allen Hindernissen zum Trotz finden? Wie etwas erzählen, wie sich erinnern, wenn alle schweigen? Und wo bleibt der Hoffnungsschimmer? 

Mein Debütroman verspricht: 

  • Sogwirkung
  • Starke Frauenfiguren 
  • Einen sprechenden, rauchenden Braunbären, der Begründer einer Widerstandsbewegung ist
  • Dramatische, allwissende Omas
  • Einen alten weißen Mann (aber nur einen!) 
  • Spannung, Tiefgründigkeit, Überraschungen, Philosophisch-Poetisches, Surreales, Dystopie, Utopie, Märchenhaftes

Was habt ihr noch entdeckt?

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Freue mich über jede Unterstützung und jedes Feedback 🙂

Jetzt als Print on Demand überall, wo es Bücher gibt.

z.B. hier: https://buchshop.bod.de/die-unterirdischen-seen-lenka-kerler-9783769350951

oder hier:

https://www.hugendubel.de/de/buch_kartoniert/lenka_kerler-die_unterirdischen_seen-50569721-produkt-details.html

☀️❤️

Ideen finden mich

Eine Idee erscheint.

Wer ist sie, wie sieht sie aus? Darf ich mich ihr nähern oder verschwindet sie, sobald ich zu interessiert bin?

Vorsichtig trete ich an sie heran und – mein Glück, sie zeigt mir neue Seiten von ihr.

Wird sie bleiben, darf ich über sie schreiben? Wird sie es zulassen, dass ich sie entdecke, sie untersuche, beschreibe?

Manche Ideen wollen nur kurz gesehen werden, dann reisen sie weiter, ich soll nur einen Einblick bekommen in das, was möglich ist, in das, was dort draußen im Strom herumschwimmt, doch ich bin nicht der Mensch, der sie zur Welt bringt.

Und manche Ideen sind nur für mich da, sie umtänzeln mich so lange, bis ich bereit bin, in sie einzutreten.

Wieder andere lassen mich zwar an ihnen schnuppern, doch greifen kann ich sie nie, sie rutschen mir aus den Fingern, wandeln ihre Gestalt. Dann sind sie noch nicht reif, müssen noch ein paar Jahre oder Leben warten, bis sie geboren werden, aber das ist schon in Ordnung so.

Gute Ideen wollen Weile haben, heißt es nicht so? Und wer wäre ich, dies anzuzweifeln?

Wenn ich in eine Idee eintrete, sehe ich zunächst noch unscharf. Wer ist diese Person, von der ich schreiben soll? Ich versuche, mich ihr anzunähern, langsam, vorsichtig, um sie nicht zu verscheuchen. Jede Figur ist anders. Manche sind forsch und stellen sich mir selbstbewusst in all ihren Eigenschaften vor, sie sehe ich von vornherein bis ins Detail. Andere sind schüchtern, wollen unerkannt bleiben, wollen mich erst kennenlernen, bevor sie etwas von sich preisgeben. Manche bleiben bis zum Ende anonym, obwohl sie eine wichtige Rolle spielen, aber es ist ihnen lieber so. Wer weiß, was mit ihnen geschähe, wenn ich sie offenbarte, doch es kann nichts Gutes sein. Und so manche dann nimmt mich mit, tiefer hinein in den Kern der Idee. Ich folge ihr, gespannt, wem wir begegnen, was wir sehen und erleben dürfen.

Ich habe davon immer nur gelesen: Dass Schriftstellerinnen ihren Figuren folgen, dass sie nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht, sie sind nur die Chronistinnen. Letztes Jahr durfte ich das selbst erleben, und noch immer weiß ich nicht genau, was ich da eigentlich geschrieben habe, manches Mal war ich wie im Rausch, habe hier angefangen und bin dort drüben gelandet.

[Regensburg, 21.1.25]

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Wer wissen will, wohin mich meine letzte große Idee geführt hat: Das Buch „Die Unterirdischen Seen“ gibts jetzt unter meinem Pseudonym „Lenka Kerler“ als Print on Demand. 🙂

getroffen

Wie anstrengend muss ein Leben sein, wenn man sich von Feinden umzingelt und die Welt kurz vor dem Untergang sieht?

Wenn man bemerkt, dass der eigene Status des Unangreifbaren zu bröckeln beginnt, ja sogar Statuen des eigenen Spiegelbilds schon gefällt wurden?

Wenn man sich plötzlich gezwungen sieht, sich mit sich selbst, seinem Handeln und dessen Konsequenzen, nicht nur heute, sondern auch vor dem eigenen Dasein, auseinandersetzen zu müssen? 

Die Erbfolge wurde abgeschafft, doch gegen den Sturz kämpft der einst unangefochtene König wie ein verwundetes, im eigenen Blut liegendes, mit letzten Zuckungen sich gegen das Unvermeidliche wehrendes Tier…

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Inspiriert von den Weltereignissen erneut der Text „getroffen“ (erste Mal gepostet am 13.11.2020 und auch in meinem Buch „Die Unterirdischen Seen“ wiederzufinden)

Frau Zora und die größte Schatzsuche der Welt

Die Frau, deren Namen ich noch immer nicht weiß, ist an die fünfzig Jahre alt. Ihre großen, grünen Augen liegen in einem fein geschnittenen Gesicht mit tiefen Lachfalten. Ihre langen, grauen Haare sind zu einem Zopf geflochten, sie trägt weite grüne Hosen und ein grünes Hemd mit weiten Ärmeln. An den Händen trägt sie mehrere Ringe, einige mit grünen Steinen, und an ihren Ohren baumeln kunstvolle Ohrringe.

Toller Stil, ich liebe die Frau jetzt schon, denke ich, und blicke etwas beschämt auf mein eigenes, wenig originelles Outfit. Ich habe nur eine meiner älteren Jeans und einen weiten Pulli an, gemütlich muss die Kleidung sein, gerade, wenn ich den ganzen Tag unterwegs bin. Der Frau scheint das nichts auszumachen, wieso auch, sie blickt mich begeistert an.

„Alles gut, Liebes? Fühl dich ruhig wie zuhause, ich bin froh, endlich mal Besuch zu haben, ehrlich. Ach du meeine Güte, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt, nicht wahr? Ojejku! Also, du kannst mich, wie der Rest der Stadt, die ‚Grüne Frau‘ nennen, ist natürlich kein Name, mit dem man jemanden ansprechen mag. Ich erinnere mich, meine Mutter nannte mich einst Zora, auch ein schöner Name, findest du nicht? Bedeutet ‚Morgendämmerung‘, weil sie wohl die Hoffnung hatte, mit mir würde sich einiges ändern, hihi. Eine solche Bürde Kindern aufzulasten, also nein.“

„Frau Zora, ich freue mich. Ich bin die L.“

„Jaaa, entschuldige, dass ich dich auch gleich duze, aber ich habe das Gefühl, wir kennen uns eeewig. Meine Mutter hat mir von dir erzählt, du kennst meine Mutter?“

Ich schiebe meine Unterlippe nach vorne und schüttle den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“

„Doch, doch, du hast sie gestern kennengelernt. Im Café! Mit ihren Freundinnen. Sie sind wohl etwas schnell hinausgestürmt, ganz typisch für die, so ein dramatischer Auftritt. Aber meine Mutter hatte das Gefühl, sie habe schon zu viel erzählt, und das ist wirklich gar nicht gut für ihren Ruf. Deshalb hat sie mir das überlassen, den Rest zu erzählen, gut, was? Weißt du, sie spielt eben eine wichtige Rolle in dieser Stadt, sie tut so, als wüsste sie nichts und als wäre sie auch an nichts interessiert, außer Gerüchte über Bekannte zu streuen. Aber: Sie ist eine der wenigen, die hier alles über jeden weiß. Die große Geheimnishüterin oder besser: Geschichtenhüterin, ein lebendiges Buch. Mit ihrem Kreis an Vertrauten saugen sie in Cafés und anderen öffentlichen Orten alles in sich auf, sie sind die guten Zuhörerinnen, bei denen viele denken, ach, die vergessen das sowieso gleich wieder, diese alten Frauen. Tja, wenn man uns Frauen schon unterschätzt, dann sollten wir das auch ausnutzen, nicht wahr? Hihi. Aber genug von meiner Mutter. Ich erzähle dir heute, wie gesagt, ein wenig von den Unterirdischen Seen und dann auch von mir. Warum ich mich verstecken muss. Und warum das auch etwas mit dir zu tun hat. Trink bitte den Tee, der befreit dich vom Nebel, glaub mir. Danach fühlst du dich wie neugeboren.“

Die Grüne Frau löst ihren Schneidersitz auf und streckt die Beine auf dem Sofa aus. Den Bleistift in ihrer Hand steckt sie wie eine Zigarette in den Mund und zieht ein paar Mal daran.

„Mhmm, wo soll ich anfangen, lass mich überlegen. Vom Verschwinden des Wassers haben sie dir erzählt, ja?“

Ich nicke.

„Und von der Großen Schatzsuche?“

Von den vielen Geschichten um das Verschwinden des Wassers hielt sich eine hartnäckig: Der Fluss war darin in das unterirdische Höhlensystem der Stadt abgetaucht, das Wasser hatte sich wie ein Maulwurf mit seinen kräftigen Händen den Weg hinunter freigeschaufelt. Es befand sich nun unter anderem in einer der größten Höhlen, und – das war der wichtigste Teil der Geschichte – umgab einen riesigen Schatz. Manchen Einwohnern nach war es der größte Schatz der Welt, mit so hohen Bergen an Gold und Diamanten, wie sie noch keiner jemals gesehen hatte.

Gold und Silber, schön und gut, doch die Besonderheit dieses Schatzes, so munkelte man, liege in dem gewissen Etwas, das sich für jeden, der ihn fand, unterschied. Das, was sich ein Mensch in der unergründlichen Tiefe seines Herzens wünschte, sollte durch den Schatz in Erfüllung gehen.

Diese Geschichte war laut, und je lauter eine Geschichte war, desto mehr Menschen hörten sie. Wer träumte nicht von unermesslichem Reichtum, von einem Ende der Geldsorgen, der alltäglichen Nöte? Und welcher Mensch hatte auf dem Grunde seines Herzens keinen Wunsch?

In den darauffolgenden Jahren, nachdem die Geschichte des Unterirdischen Sees sich herumgesprochen hatte, begann die größte Schatzsuche der Welt.

[…]

Nun könnten wir das Ende der größten Schatzsuche der Welt schreiben, als schließlich niemand mehr in die Stadt kam und diese wieder der seelenlose, düstere Ort wurde, der er seit dem Verschwinden des Wassers geworden war.

Das wäre ein Ende, das verdunstet wie der letzte Rest einer Pfütze im sommerlichen Sonnenschein: als hätte sie nie existiert. Doch das Wasser der Pfütze befindet sich nun überall, es schwebt in der Luft, die wir atmen, ist nie ganz weg. So ist es auch mit der Geschichte über die Unterirdischen Seen: Sie war nie vergessen, die Einwohner flüsterten sie sich heimlich zu oder erzählten sie ihren Kindern zum Einschlafen wie ein Märchen.

Noch immer gibt es jene Menschen, die die Suche nicht aufgegeben haben. Sie sind zumeist Einzelgänger, die die einsamsten und gefährlichsten Orte der Erde durchwandert haben, immer auf der Jagd nach neuen Herausforderungen. Der unterirdische Schatz unvorstellbarer Dimensionen, behütet von der Stadt und geschützt durch Flüche und Geister, kitzelt sie in ihren Abenteurerherzen. Schließlich gibt es jene Erzählungen von Menschen, die den Weg nach unten fanden.

Doch genauso viele gibt es, die danach verschwanden, verschluckt wie von ebenjenem Erdboden, in den sie sich freiwillig begaben. Diejenigen, die an die Oberfläche zurückkehren, können sie nicht mehr nach dem Weg fragen. Niemand bringt etwas aus ihnen heraus. Zerlumpt und zerfetzt sitzen sie eines Tages grinsend und vor sich hinstarrend auf einer Parkbank, sprechen nie mehr ein Wort oder nur noch in Rätseln, manche drücken sich nur in bunten Bildern oder schwer verständlichen Gedichten aus. So erzählt man sich zumindest von diesen Überlebenden; die meisten nämlich haben noch nie einen gesehen, die Stadt kümmert sich schnell um sie, lässt sie verschwinden und keiner weiß, wohin.

[…]


Eine weitere Leseprobe aus meinem Roman „Die Unterirdischen Seen“, den es jetzt als print on demand gibt, z.B. hier:

https://buchshop.bod.de/die-unterirdischen-seen-lenka-kerler-9783769350951

Ich freu mich über Eure Unterstützung! ❤

Herz vs. Verstand

Die Geschichten über das Verschwundene Wasser, die Unterirdischen Seen, ihren Schatz und die Tribunen haben meine Neugier entfacht. Welches Geheimnis ist eine so umfangreiche Manipulation der Bevölkerung wert? Wozu sollte man Menschen vorbeugend in Haft nehmen, wenn sie nicht mit ihrer Entdeckung der Unterirdischen Seen das größte Geheimnis der Welt lüfteten? Wenn sie danach nicht alles infragestellten, nicht an allem rüttelten, was unsere Auffassung von Wirklichkeit ausmacht?

Bisweilen zweifle ich daran, warum ausgerechnet mir diese Rolle zugefallen ist. Warum ausgerechnet ich mich auf den Weg zu den Unterirdischen Seen machen soll. Haben sie keine bessere, spannendere Kandidatin gefunden?

Bin ich nicht eher Antiheldin, die am liebsten zurückgezogen ihre Bücher liest und schreibt, die anonym und unauffällig in einer unbekannten Stadt wohnt, die es nicht drängt, auf der Bühne zu stehen und große Reden zu schwingen?

In mir kämpft gerade Herz gegen Verstand. Letzterer sieht nicht ein, warum wir für Geschichten, die wie Märchen klingen, erfunden, um den Menschen zu unterhalten, unser Leben geben sollten.

Er erinnert mich daran, dass Geschichten oft nur deshalb erzählt werden, um das Unbekannte aus dem Schatten zu zerren, um Schuldenböcke auszuweisen.

Vielleicht ist der Nebel nur der Geist des verschwundenen Wassers, eine seltsam beständige und hartnäckige Form seiner Art, vielleicht ist die Technik, die die Bewohner beherrscht, tatsächlich nur für deren Bequemlichkeit da, vielleicht tun sich diese einfach gegenseitig das Schlimmste an, da braucht es keine höhere Gewalt, wenn man sich über das Wesen des Menschen im Klaren ist.

Mein Kopf rationalisiert jedes Fünkchen Magie auf seine Wahrscheinlichkeit, auf den Verstand, auf Langeweile. Wenn es nach ihm ginge, würde ich der Stadt den Vogel zeigen, auf der Stelle umdrehen und nach Hause fahren.

Mein Herz dagegen steht für Fantasie und Romantik, für Mut und Furchtlosigkeit angesichts großer Abenteuer.

Mein Herz weiß: Etwas aus Angst nicht zu tun, kann niemals der richtige Weg sein. Es braucht Mut, um neue Wege zu betreten, die bisweilen im Dunklen liegen, vor allem am Anfang.

Doch bald wirst du auf eine Lichtung stoßen und wissen: Egal, wie dunkel der Wald ist, es gibt diese hellen Flecken, diese kleinen Paradiese, und dafür lohnt es sich.


Zu Weihnachten ein weiterer Ausschnitt aus Kapitel 5 der „Unterirdischen Seen“, dem Buchprojekt, das ich dieses Jahr nach zehn Jahren endlich „durchgeführt“, es also geschrieben habe. Ein großes Glück. Ich habe mich entschieden, es jetzt im Selbstverlag herauszubringen, denn es bedeutet mir zu viel, als dass ich es in der digitalen Schublade verstauben lasse. Bald könnt ihr es dann überall, wo es Bücher zu kaufen gibt, bestellen 🙂

Frohe, friedliche und besinnliche Weihnachten wünsch ich allen meinen Leser:innen, danke, dass ihr euch immer wieder auf meine Gedankenwelt einlasst. ❤

Warum eine Welt erfinden

Ich stelle mir vor, jeder Mensch hat im Laufe seiner Seele ein Leben, in der er vollkommen glücklich ist und alles perfekt läuft. Ein einziges unbeschwertes, voller Lachen und Freude, mit vielen guten Freunden, einer liebevollen Familie und der einen großen Liebe. Ein Leben bester Gesundheit, mit genug Geld und keinen echten Sorgen. 

Manchmal beobachte ich Menschen und denke, sie leben gerade genau dieses eine glückliche Leben. Ich freue mich für sie, denn ich weiß, ich hatte ein solches schon, und wenn nicht, dann kommt es noch. Und wie schön ist die Vorstellung, dass manche Menschen gerade ihr volles Glück leben?

Bin ich neidisch? Erstaunlicherweise nicht. Im Gegenteil, voller Vertrauen bin ich, dass mein Leben genau so sein soll, wie es ist, und Gedanken wie „Was hätte sein können?“ sind fatal und machen zutiefst unglücklich.

Es ist schon in Ordnung so.

Vielleicht lebt ja ein anderes Ich in einer Dimension links von mir gerade ihr bestes Leben? Vielleicht läuft sie gerade am Strand entlang, in ihrer Hand Frau und Kind und keinerlei Sorgen im Hinterkopf? Vielleicht ist das in der Dimension links von mir die bessere Welt, in der niemand verhungern oder verdursten, auf der Strasse leben oder in Kriegen sterben muss? 

Doch säße ich hier und erfände eine andere Welt, wenn ich in der meinen glücklich wäre? Wenn ich dort drinnen lebte und nicht hier draußen, in der Rolle der Beobachterin? Wie große Einsichten haben, wenn man nicht von außen hineinsieht, wie Zusammenhänge erkennen, wenn man mittendrin steckt? Oder wie es Erich Kästner formuliert hat: Der Fotograf ist nie mit auf dem Bild. 

Freilich, diese Theorien überdecken nur den Schmerz, sie helfen mir, meine Situation anzunehmen, da bin ich ganz ehrlich. Aber tun wir das nicht immer? Uns unsere Situation erklären, bis uns unser Herz endlich glaubt, und dann machen wir einfach weiter? Bestimmt. Wir Meister der Anpassung.

Ich für mich habe da zudem dieses Vertrauen in mir, und wenn ich still bin, kann ich es klopfen hören: 

Hey, ich bin immer noch da, solange es dich gibt, und das ist das Wichtigste. Dass es dich gibt. Alles andere sind nur Erzählungen, was ist schon „normal“, lass dir da nix einreden. Du bist du und das ist gut so, und jetzt mach das Beste draus mit dem, was dir gegeben wurde, und keine Sorge: Dein Leben ist nur ein klitzekleiner Ausschnitt eines viel größeren Bildes. 

[Regensburg, 11.12.24]