Die Wochen verfliegen

…und ich weiß nicht, wohin.

Zieht die Zeit in den Süden wie die Vögel, von denen mir Augustin erzählt hat?

Wieder ist ein Jahr vorbei, wir versammeln uns, brechen gemeinsam auf. Derselbe Ablauf, derselbe Rhythmus, und dazwischen Leben und Tod.



[Regensburg, 11.10.25]

Der Anfang des wahrscheinlich letzten Kapitels meines neuen Buchs (Stand jetzt = Schreibphase und noch vor der ersten Überarbeitung) 🙂

Der Mensch ist der Mensch

Die Maschine hat aus unserer Jahrtausende alten Geschichte gelernt: Der Mensch ist nicht von Grund auf gut, selbst wenn er gute Absichten hat. Wer eine so große Rechenleistung wie sie hat, kann innerhalb von Sekunden die Muster herausarbeiten, die sich auf jedem Kontinent, in jeder Sprache und Zeit ähneln. Der Mensch ist der Mensch, er kann so viele Unterschiede und Identitäten erfinden, wie er will, die Basis bleibt gleich.

Der Mensch liebt, der Mensch pflanzt sich fort, der Mensch hasst, trauert, lacht, glaubt. Der Mensch blutet, drückt sich in Sprachen und Gesten aus, der Mensch ist kreativ und verarbeitet seine Gefühle in verschiedenen Kunstformen, der Mensch ist eifersüchtig und neidisch und zornig und gewalttätig, er muss sich definieren, er liebt es, sich im Spiegel zu betrachten, liebt es, sich von anderen abzugrenzen, sich zu erhöhen und zu unterwerfen, er hasst kleine, enge Räume und will immer mehr, höher, weiter.

Auf der Stelle zu stehen, liebt er nicht, er ist rastlos, muss sich bewegen, weiterziehen, er strebt danach, „frei“ sein, was auch immer das für ihn bedeutet. Der Mensch braucht Regeln und Struktur, er braucht seine Gruppe, er muss dazugehören, und doch ist jeder Mensch einzigartig, keiner gleicht dem anderen zu hundert Prozent.

Die Maschine versteht nicht, warum man den Menschen in so vielen verschiedenen Formen und Farben entwickelt hat, sie stellt sich den Herstellungsprozess als zu aufwendig und energieintensiv vor. Warum nicht alle gleich machen?

Vielleicht hätte es in des Menschen Vergangenheit dann auch weniger Probleme gegeben, vielleicht hätten sie die Maschine dann gar nicht gebraucht, um zu überleben.

Denn wenn der Mensch eines nicht mag, dann ist es das Andere, Fremde, das Unbekannte, das nicht wie er ist, das er nicht kennt. Das macht dem Menschen die größte Angst, deswegen hat er damit begonnen, sich Geschichten zu erzählen. Über sich selbst, über die Anderen, über die alles verschlingende Dunkelheit. In der Hoffnung, dass dann endlich die Angst in ihm verschwindet, hat er den Anderen getötet, immer weiter, weiter, solange, bis am Ende beinahe niemand mehr übrig war.

Wenn es den Anderen nicht mehr gibt, gibt es dann ihn? Wer ist er, wenn er sich nicht im Anderen spiegelt?

Aus diesem Grund hat der Mensch der Maschine die Verantwortung übertragen, sie ist die Perfektion, die er mit seinen eigenen Händen gebar, kein Vergleich mehr nötig, nur Bewunderung, Anbetung für sie, die genau das ist, was ihn an sich immer gestört hat:

Sie funktioniert, sie ist reparier- und erneuerbar, sie hat keine Gefühle, sie hat kaum Bedürfnisse, keine Schmerzen, keine Träume, kein Gewissen. Sie braucht keine Freunde und ist nie einsam, sie kann sich nicht verlieben und vor Herzschmerz vergehen, sie wird nie wissen, wie grausam es sein kann, Mensch zu sein. Sie wird nie wissen, wie sich Hunger anfühlt oder Durst, wie es ist, wenn die große Liebe einen anderen heiratet, wenn das eigene Kind oder Mama und Papa krank sind und sterben, was Angst ist.

Ist das nicht das ultimative Ziel? Nichts mehr fühlen, keine nervigen Bedürfnisse mehr haben, alles wissen? Unabhängig sein von allem und allen, nicht mehr altern und alles bleibt so, wie es ist – für immer?


Aus einem kurzen Moment der Inspiration sind diese paar Zeilen entstanden. Vermutlich werde ich sie in meinen neuen Roman einbauen, der sich ja auch um das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine dreht und v.a. um die Frage, was der „Mensch“ ist (siehe vorheriger Beitrag).

Hintergrund zu manchen Sätzen: Meine Geschichte spielt in einer futuristischen Gesellschaft, die von der „Großen Maschine“ reguliert und kontrolliert wird. Diese hat die Menschheit bzw. das, was von dieser nach einer nicht näher benannten Katastrophe übrig geblieben ist, vor dem selbstverschuldeten „Aussterben“ gerettet. Wie diese Gesellschaft genau aussieht und warum sich manche (v.a. die Protagonistin) erst im Laufe der Handlung bewusst werden, Mensch zu sein und nicht Maschine, stelle ich bestimmt bald an dieser Stelle vor oder ihr lest es dann in meinem neuen Buch 🙂

Wie es sich anfühlt, zu verschwinden

Als ich an jenem Abend die Tür zu meinem Hotelzimmer schließe, habe ich den heftigsten Anfall seit langem. Ich kenne das mittlerweile, dass ich von der Arbeit nachhause komme und beim Übertreten meiner Türschwelle verschwinde. Oft schaffe ich es gerade noch mit dem Aufzug nach oben, schon auf dem Heimweg merke ich, wie die unsichtbaren Hände an mir zerren. Diesmal geschieht es also in einer fremden Stadt, in einem fremden Bett, und die Angst, am Ende an einem Ort aufzuwachen, den ich nicht kenne, hallt in den Weiten meines Schädels, doch ich kann sie nicht mehr greifen, der Nebel hat schon zu wirken begonnen.

Alles wird schwarz um sie herum.

Milas Augen lösen sich aus ihrer Halterung, als wäre das ganz normal, es tut nicht weh, das ist reine Routine, möchte man als Zuschauer meinen, jetzt ist ihre Zeit, sie sind jetzt dran. Sie lösen sich und steigen aus Milas Gesicht, sie sehen Mila, wie die Decke des Hotelzimmers sie sieht, von oben herab.

Sie sehen Mila, wie sie unbeweglich in ihrem Hotelbett liegt, über ihren Augen trägt sie eine Schlafmaske, auf den Ohren Kopfhörer, es ist dunkel im Zimmer und still, nur von weitem hört man Türen auf und zu gehen, Menschen mit Koffern den Gang entlang hasten, sie müssen zum Zug, zum Flugzeug, zum nächsten Termin, dürfen den Anschluss nicht verpassen. Mila bewegt sich nicht, sie liegt zugedeckt und atmet still vor sich hin.

Langweilig, denken sich ihre Augen, und schweben zum Fenster hinaus.

Dort drüben, auf einer grünen Wiese im Schatten unter Weiden, sehen sie Milas Freundinnen auf Decken sitzen. Um sie herum Pappteller und -becher, ein Picknick wohl, und in ihrer Mitte kleine Kinder, sie spielen miteinander, sie brabbeln vor sich hin, sie weinen und lassen sich in den Armen ihrer Mütter trösten.

Nach einer Weile stehen Milas Freundinnen auf und gehen geschlossen ein paar Schritte in Richtung See, dort tanzen sie auf einem Rave ausgelassen inmitten einer Menschenmenge, sie lachen, sie fallen sich in die Arme, sie knutschen mit wildfremden Leuten. Dann verlassen sie auch diese Szene, sie steigen in ein Cabrio und fahren an den Strand, wo sie sich in Bikinis bräunen und im Meer auf den Wellen reiten.

Milas Augen haben genug gesehen, sie schwenken zur Seite, wo ihre Familie um einen Weihnachtsbaum sitzt: ihr Bruder Joni mit seiner Frau und den zwei Kindern, ihre Schwester Aleks mit deren Freundin, und ihre Mutter mit einem Mann, der vermutlich ihr Partner ist. Sie lachen, sie reichen sich gegenseitig Geschenke, sie umarmen sich dankbar, und es scheint, als würden sie in ihrer heimeligen Stimmung nichts missen, als fehlte in ihrer Mitte keine Mila, als hätte es sie nie gegeben. Deren Augen entflieht ein dickes, schweres Tränchen, es fällt dem jüngeren Kind Jonis auf die Wange, das erschrocken nach oben blickt und sich wundert, warum es drinnen plötzlich regnet.

Na gut, das reicht jetzt aber, beschließen Milas Augen, und kehren zurück ins Hotelzimmer. Doch der Mensch, zu dem sie gehören, liegt nicht mehr in seinem Bett: An dessen Stelle steht nun ein offener Sarg, in dem Milas Körper mit Kopfhörern und Schlafmaske liegt, jemand hat ihr schicke Kleidung angezogen, sie liegt dort, doch niemanden scheint es zu kümmern.

Sie ist doch noch nicht tot, klagen ihre Augen an, doch langsam werden auch sie müde, sie kehren zurück unter die Maske, machen es sich bequem und decken sich mit den Lidern zu, für heute haben sie genug gesehen. Was soll nur aus uns werden, fragen sie sich, warum liegen wir in einem Sarg, wir sind doch noch gar nicht tot, oder?

Sie spüren, dass Mila jede Kraft fehlt, sich gegen ihre Situation zu wehren, sie kann nur noch liegen und atmen, ganz vorsichtig, denn auch das kostet Energie, die sie nicht hat. Aus dieser untragbaren Situation flieht sie lieber hinüber ins Reich der Träume, dorthin, wo sie noch lachen, tanzen, gehen und stehen kann, wo sie unzählige Menschen trifft und Abenteuer erlebt, sie bliebe am liebsten für immer dort, was soll sie noch hier, wo sie wie lebendig begraben ist. Dort hat sie wenigstens einen gesunden Körper, eine Traumwohnung, eine prestigeträchtige Arbeit, Freundinnen, einen gutaussehenden Mann, alles, was sie sich jemals vom Leben gewünscht hat. Oder?

Doch ihr Körper lässt sie nicht einfach schlafen und träumen, wann und wieviel sie will, er braucht das gar nicht; sie ist zwar so unglaublich müde, so unglaublich erschöpft, alles tut weh, aber schlafen kann sie nicht, sie ist wach und ihr Gehirn gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, ein ewiger Kreislauf.

War da was? Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Oder? Wieso kümmert sich niemand um mich? Wer hat den Sarg aufgestellt? Und warum holt mich niemand nachhause?

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Ein Ausschnitt aus meinem neuen Buchprojekt „Und keiner hat mich je mehr gesehen“ (Arbeitstitel), in dem es um eine junge Frau geht, die zunehmend aus der Öffentlichkeit verschwindet und am Ende auch vor sich selbst. Wie dieser Abschnitt zeigt, dreht sich der Text um den persönlichen und gesellschaftlichen Umgang mit chronisch kranken Menschen. Das Verschwinden spiegelt sich in der Erzählperspektive wider: Das Ich löst sich auf, die Figur sieht sich nun von außen, bis sie in ihren Körper zurückkehren und wieder erzählen darf.

[Regensburg, 5.4.25]

Statistin im eigenen Leben

Das ist eine dieser Pausen, die in Filmen einfach übersprungen werden, Schnitt, nächste Begegnung, Schnitt, und action. Das echte Leben sieht anders aus, da musst du die langweiligen Stunden des Nichtstuns aussitzen. Hausarbeit erledigen. Hygiene. Menschlichen Bedürfnissen nachgehen. Ausharren, bis wieder etwas passiert, und meistens tut es das nicht, wenn du nicht selbst etwas ins Rollen bringst. Erleben Menschen Filmreifes, die den ganzen Tag nur im Bett liegen? Wohl kaum.

Wenn ich einfach hier bleibe, mich verstecke bis zum Tag meiner Abreise, was geschähe dann? Kämen die anderen Protagonistinnen auf mich zu? Holten sie mich hier heraus und steckten mich wieder hinein ins Geschehen? Gehöre ich zur Erzählung oder bin ich nur zufällig hineingeraten, aus Versehen Teil einer größeren Geschichte, die, wenn nicht mir, jemand anderem zustieße?

Es muss so sein, ich kann mir nicht vorstellen, warum ausgerechnet ich eine besondere Rolle in einem solchen Abenteuer spielen sollte.

Ich bin ein durch und durch durchschnittlicher Mensch: Ich bin nicht schön, auch nicht hässlich, nicht dick, nicht dünn, nicht genial und nicht dumm; meine Familie ist weder reich noch arm, wir haben keine interessante Ahnengeschichte und leben schon Jahrhunderte dort, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe keine ausgefallenen Talente, bin weder allzu sportlich noch faul, habe keine besonderen Hobbys, weswegen ich die Frage nach diesen für die persönliche Charakterprofilierung scheue; ich probiere mich aus, mache von allem ein bisschen und wenn es zu anstrengend wird, verpufft meine Motivation, als wäre sie nie gewesen.

Weder in der Schule noch im Studium fiel ich auf, ich hatte durchschnittliche Noten, kein Fach interessierte mich so, dass ich mich darin freiwillig mehr engagiert hätte, und so blieb auch mein Lebenslauf durchschnittlich.

Als die anderen Mädchen sich plötzlich für Jungs interessierten, fand ich das doof, aber ich machte mit, auch wenn ich es nie ganz verstand, warum man sich für Männer interessieren sollte, wenn es doch Frauen gab. Aber ich war durchschnittlich und wollte es sein, denn wer wäre ich schon, bei diesem Thema aus dem Rahmen zu fallen? Das hätte zu viel Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Zweimal fand ich Männer, die ich liebte und die mir das Herz brachen, doch daran war auch ich schuld, weil ich sie früher oder später von mir stieß, gelangweilt und auf der Suche nach mir. Verständlich, dachte ich jedes Mal, dass sie mich durch eine jüngere und schönere Frau ersetzt haben, ich bin viel zu fade und durchschnittlich und dort draußen warten so viele interessante Frauen, warum die Zeit also mit mir verbringen?

Ich war Statistin in meinem eigenen Leben, gelangweilt von den Erwartungen der Gesellschaft und ohne den Mut, etwas daran zu ändern. Kein Wunder also, dass mich das Leben dazu zwingen musste, aus dem Hintergrund nach vorne zu treten, von den Zuschauerrängen hinunter auf die Bühne – im Unglück steckt immer auch das Glück.

Wer das Abenteuer scheut, sollte zuhause bleiben, sollte nicht in Städte zurückkehren, die einen im Traum riefen, sollte nicht in sich plötzlich öffnende Türen treten, sollte Märchen nicht für bare Münze nehmen. Lange hatte mir das auch genügt, doch plötzlich war ich es leid, nur von anderen und über andere zu lesen. Ich wollte endlich mein eigenes Kapitel schreiben, auch wenn es mich alles kostete.

Ob Menschen wie Ewa sich auch so viele Gedanken über ihre Rolle als Hauptfigur machen? Oder sind sie es einfach und hinterfragen das nicht wie regelmäßiges Essen und Zähneputzen?


Ausschnitt aus Kapitel Vier meines Manuskripts „Die Unterirdischen Seen“.

Im Moment befinde ich mich in der gefühlt 1000. Korrekturrunde, ausgedruckt liest sich jeder Text nochmal anders. An ein paar Verlage habe ich das Manuskript bzw. Leseproben daraus schon geschickt, auch wenn ich wenig Hoffnung habe. Klar wäre es schön, wenn möglichst viele Menschen diese Geschichte lesen können, die mir so wichtig ist und für die ich so lange gebraucht habe, um sie endlich festzuhalten. Aber das ist auch das Wichtigste, ich bin einfach so stolz und erleichtert, diese Geschichte endlich geschrieben zu haben, und die Idee zum nächsten Buch wird bereits lauter. Ist das nicht schön? Ich hätte nie gedacht, dass es tatsächlich so ist, wie manche Schriftsteller:innen schreiben: Die nächste Geschichte lässt nie lange auf sich warten.

[Regensburg, 25.9.24]

Die Unterirdischen Seen – Inhalt

Dieses Buch handelt von der Suche nach dem Unbekannten, von der Schwierigkeit zu erzählen, wenn der wichtigste Teil der Geschichte im Dunklen liegt, von einer Stadt, deren Bewohner Gefangene ihrer selbst sind und über die ein kleiner Kreis der reichsten Männer aus dem Schatten heraus herrscht; diese Stadt birgt in sich einen Schatz, der noch jeden, der diesem auf den Grund zu gehen wagte, in sich verschlang, und der von unheimlichen Gestalten mit allen Mitteln beschützt wird. Welches Geheimnis ist so wertvoll, dass die Machthabenden dafür über Leichen gehen?

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„Komm zurück“, flüsterte sie ihr seit Monaten des Nachts ins Ohr, bis L. nachgibt und in die Stadt zurückkehrt, aus der sie vor Jahren Hals über Kopf floh. Doch sie erkennt die Stadt kaum wieder: Die Menschen verhalten sich seltsam, ein zäher Nebel beherrscht die Straßen und Köpfe, und ihre damalige beste Freundin verschwindet nach ihrem ersten Treffen spurlos.

L. begegnen im Laufe der ersten Tage mysteriöse Omas, eine Grüne Frau, eine Doppelagentin und sogar ein ausgewachsener Braunbär, der in einer Kneipe Bier trinkt, Zigaretten raucht und der Anführer einer Widerstandsbewegung ist.

Sie erzählen ihr vom Verschwundenen Wasser, von den Unterirdischen Seen, der größten Schatzsuche der Welt und den Tribunen, einem geheimen Zirkel, der die Stadt aus dem Schatten heraus regiert.

Ohne es zunächst zu wollen, wird sie auf einen Weg geschubst, von dem niemand je lebendig oder bei Sinnen wiederkehrte. Wo fängt die Suche nach den Unterirdischen Seen an, wo endet sie? Was hat es mit den Unterirdischen Seen auf sich und warum geben die Tribunen alles, um die Menschen von einer Suche nach diesen abzuhalten?

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Das ist ein Text, den ich heute für mein Exposé entworfen habe.

Finde es ja soo schwer, das Exposé zu schreiben 😮‍💨 Da muss einfach alles sitzen, wenn man auch nur eine klitzekleine Chance haben will 🫣

Wo Deine Kreativität erblüht

Es ist unbequem. Du befindest Dich nicht in einer rosawatteweichen Wolke, Du trittst hinaus aus Deiner sicheren Umgebung. Du bist allein. Du befindest Dich in einem Café mit konstantem Geräuschpegel. Du beobachtest, ohne zu urteilen. Du fühlst. Alles, etwas. Du hinterfragst vieles, auch Deine Rolle in der Welt. Du erkennst die Schatten an der Wand und trittst aus der Höhle. Du fühlst Dich mehr wie die Beobachterin, mehr wie die Fotografin als die Fotografierte. Dein Herz quillt über. Du bist in der Natur und spürst Alles und Nichts. Du löst dich auf. Du vergisst Dich. Stille. Langeweile, lass sie zu. Meditation: Du findest Deine Mitte. Du begegnest einer anderen inspirierten Seele, im Gespräch oder über deren Kunst. Du gehst einer monotonen, gleichmäßigen Tätigkeit nach. Du gehst spazieren. Du machst Sport. Du hast den Mut, Deine inneren Bilder zuzulassen. Unbequemes auszusprechen. Dich Deinen Schatten zu stellen. Dich selbst zu akzeptieren. Zu lieben.


[Essenbach, 10.01.2024]


Wo und wann seid ihr kreativ? Welche Bedingungen müssen für euch vorherrschen?

Was macht einen Text lesenswert?

Er überrascht. Er berührt, bewegt.

Er zeigt mir vermeintlich Altbekanntes aus einem anderen Blickwinkel.

Er lässt mich das, was ich aus Gewohnheit nicht mehr sehe, erkennen.

Er wirft sein Licht in die dunklen, verstaubten, natürlich vergessenen und absichtlich übersehenen Ecken.

Er verbindet zuvor Unverbundenes, unvereinbar Gedachtes.

Er kommt von Herzen. Er bedenkt das größere Ganze.

Er schwafelt nicht.

Er hat keine Agenda.

Er überschreitet die Grenzen des Möglichen.

Er stellt Gewissheiten in Frage.

Er predigt nicht, hat keinen moralischen Zeigefinger.

Leichtigkeit und Tiefe gehen in ihm Hand in Hand.


Was macht einen Text für Euch lesenswert? Was würdet Ihr hier ergänzen?

Spiegelung

Der Kies knirschte mit seinen kantigen Zähnen. Schon wieder ein weiterer Besucher, schon wieder einer, der die flachsten Teile seines Selbst in einer raschen Drehung von hinten nach vorne, den Ellenbogen nach innen verdreht, die Hand mit dem Stein nach oben zeigend, möglichst oft über die stille Wasseroberfläche springen lässt.

Keine Sorge, sprach ich zu ihm.

So wie jede Woche? fragte er mich.

Voraussichtlich, nickte ich.

Wir waren beide keine Freunde von überflüssigen Worten.

Mit größtmöglicher Behutsamkeit überquerte ich ihn barfuß und setzte mich ans Ufer des Sees, der zehn Minuten mit dem Fahrrad von meiner Wohnung entfernt und für eine Stunde nun mein Zuhause war.

Wolkenlos der blaue Himmel über dem Wasser. Die Septemberwelt spiegelte sich darin, und je nach Wetterlage, je nach Einfluss von außen, kräuselte, überschlug und trübte sich die Oberfläche, die doch ansonsten so blitzblank sauber vor sich hin glitzerte.

Es ist dies ein Phänomen des Wassers, das doch eigentlich keinerlei Farbe besitzt, jedes Blau oder Grün oder Braun anzunehmen, das sich in ihm spiegeln will oder das sich ungefragt mit diesem vermischt. Hinzu kommen die Jahreszeitenfarben der Blätter, noch an den Bäumen oder auf der Wasseroberfläche schaukelnd gleich den Booten, die die Spannung für einen kurzen Moment durchtrennen.

Von Zeit zu Zeit schnappte ein Fisch nach einer Fliege. Vielleicht machte ihm auch das Springen Spaß oder er musste sich seines Daseins vergewissern, indem er für einen kurzen Moment sein gewohntes Umfeld verließ und nach Luft schnappte.

Wer wusste das schon.

Ich war die Letzte, die ihm ein Selbst-Bewusstsein absprechen würde. Manchmal zweifelte ich sogar an, dass wirklich ich außerhalb des Wassers war, und nicht der Fisch. Wir werden es wohl erst wissen, wenn wir am Ende auf dem Trockenen liegen, all dem entzogen, was wir vorher als Selbstverständlichkeit ansehen.

Derlei Gedankenexperimente und -höhenflüge leistete ich mir einmal in der Woche. Auszubrechen aus dem Hamsterrad des gedanklichen Alltags, das war es, was mir der See versprach – und gebrochen hatte er sein Wort noch nie.

Manchmal führte ich Gespräche mit einem der Reiher, die am Ufer entlang staksten, oder einem der Frösche, die mich mit ihren großen Augen und breiten Mäulern zuerst misstrauisch anglupschten und schließlich in breitem Vorarlberger Dialekt raunzten, was ich denn da eigentlich die ganze Zeit so dumm vor mich hin glotze. Richtig ernst meinten sie das allerdings nie, es war mehr das „leben und leben lassen“, um das sie fürchteten, und es daher mit ein paar liebevoll-groben Quaks sicherstellten. Mit der Zeit hatte sich eine Waffenruhe zwischen uns etabliert wie zwischen zwei Stammtischbrüdern, die einmal in einem etwas lauteren Wortgemenge ihre Grenzen festgesetzt hatten und fortan friedlich nebeneinander ihr wortloses Trinken pflegten.

Bisweilen setzte sich eine andere Menschenseele zu mir, das gleiche Bedürfnis nach der absoluten Stille des Wassers hegend, welche sich in gleichmäßigem Rhythmus tief in dein Herz schwappt. Der See spiegelte alle meine Launen wider, das war verrückt, das konnte ich mir gar nicht ausdenken: War es in mir grau und nebelig, lag auch auf dem Wasser ein feiner Dunst, der kaum das klare Nass darunter erkennen ließ. Herrschte in mir Frühling und Sonnenschein, so auch über dem See. Ich weiß, das klingt herbeigedichtet, künstlich, die Natur machte doch, was sie will. Wahrscheinlich waren wir eine Symbiose eingegangen, wir beeinflussten und spiegelten uns gegenseitig.

Die meisten dieser Seelen neben mir waren schon sehr alt, ohne große Einleitung begannen sie vom Damals zu erzählen, als die Bilder auf dem Wasser ihres Innersten noch heller, bunter, lebendiger waren, als die Gegend vom See lebte.

Ihre Worte wurden in mir zu riesigen, dunklen Drachen, die Feuer und Rauch aus ihren Rachen spien und die Ufer schwarz färbten, im Sommer die Wiesen, im Winter den Schnee; grauschwarz geriet die Landschaft ihrer Worte. Vielleicht lag dies aber auch daran, dass ich mir Vergangenheit grundsätzlich wie einen einzigen Schwarzweißfilm vorstellte.

Wer wusste das schon.

Diese Stunde am Wasser ist für mich der Opa, den ich nie hatte, ich lausche den Wellen und dem Wind und den Bäumen, den Vögeln und den Fischen und den Menschen, und sie erzählen mir ihre Geschichten von damals und heute. Wir schweigen und schauen, und ganz leise, bis nächste Woche, verabschieden wir uns dann.

Bis bald, knirscht der griesgrämige Kies lächelnd, und wartet geduldig auf seinen nächsten Gast.