Bunte Löcher

Mit Maschinengewehren durchlöchern sie die Wände. Dort, wo die Kugeln durch die Wand dringen, hinterlassen sie einen bunten Fleck.

Smartieswand. Styroporwand.

Das passiert in dem einen Raum. Wir fliehen in den nächsten. Wir, das sind ich und noch viele andere Kinder, meine Brüder, meine Eltern.

Ich bin allein in einem langen Flur. Weiße Wände und weiße Stahltüren. Ganz am Ende öffne ich eine Tür mit rotem Lederbezug. Mein Blick fällt auf einen riesigen Kinosaal, in dem die Sitze nur bis zur Hälfte ansteigen und dann wieder an Höhe verlieren. Als hätten sie einen großen Knick in der Mitte. In der vorderen Hälfte sehe ich meine Eltern, sie starren ganz gebannt auf sich selbst auf der Leinwand, ich höre meine Mama sprechen.

In der hinteren Hälfte sitzen meine Großeltern. Sie winken mir fröhlich zu, obwohl sie wegen des Knicks doch gar nichts sehen können und draußen vor der Tür gerade unzählige Menschen getötet werden. Wie können sie so scheinbar unbeschwert hier sitzen und Film schauen? Sind wir in diesem Kinosaal etwa sicher?

Ich würde gerne zu ihnen gehen, alles um mich herum vergessen, ihre Liebe spüren. Aber meine Füße tragen mich rückwärts hinaus.

Wieder zurück im weißen Flur mit den weißen Stahltüren. Schritte. Ich verstecke mich in einem der Räume, es scheint eine Abstellkammer zu sein mit Waschbecken und gefährlich aussehender Spritze im Schrank hinter dem Spiegel. Ich nehme sie vorsichtshalber an mich.

Vor der Tür höre ich Männerstimmen und wage einen Blick nach draußen. Es handelt sich um den Mann, vor dem mich alle gewarnt haben. Der verantwortlich ist für all die toten Menschen, für den versuchten Mord an uns. Und den, den sie noch vollenden werden. Der Mann mit dem zwei Finger breiten Oberlippenbart. Er hält sich normalerweise hinter der dritten Stahltür auf, die niemand sonst betreten kann, weil sich dahinter ein Tresor verbirgt.

Er sieht mich nicht. Ganz fest umklammert meine Hand die Spritze, bereit für alles, was da kommen mag.

Er verschwindet in seinem Tresor. Ich traue mich nach draußen. Seine Soldaten können mich jederzeit erwischen, aber auch einer meiner Mitstreiter könnte auftauchen. Mich drängt es in den nächsten Raum, wo sich die Toilette und Dusche des Oberlippenbartmannes befindet. Ich muss mal. Die Tür ist zugesperrt, für ein paar Sekunden habe ich meine Ruhe und bin erleichtert.

Da rüttelt jemand an der Tür, rüttelt stark, das Schloss ist schwach, das Schloss geht auf. Er ist es, auch er hat wohl ein dringendes Bedürfnis. Er starrt mich mit unverhohlenem Ekel und Hass an.

Seine schwer bewaffneten Männer tauchen im Hintergrund auf, menschliche Hüllen ohne Willen, aber mit dem unwiederbringlichen Tod in den Händen.

Ich stehe auf, mich dem Schicksal ergebend – schon wieder hat es mich erwischt – und verlasse mit den Zombies den Raum.

Ich wache auf.

abgrundtief

Deine Freundin ist in den Abgrund gefallen, und ich bin nicht traurig.

Da ist dieser tiefe Schlund inmitten unseres Hauses, und niemand weiß, woher dieser kommt. Wer einen Stein hineinwirft, hört keinen Aufprall.

Und jetzt ist deine Freundin hineingefallen und das versetzt mein Herz in Aufregung. Was ist nur falsch mit dir? Einen deiner Freunde hast du mitgebracht. Ihr trauert.

Ich blicke in das Loch im Boden solange, bis eine Stimme in mir warnt: Und der Abgrund schaut zurück. Mein innerer Friedrich ist immer für mich da. Die gierigen Blicke des Schlunds ziehen mich aus, verschlingen und verdauen mich, ich drohe nachzugeben und mich fallen zu lassen.

Nur mit ihr aber, Hand in Hand, würde ich hineinspringen und mich ganz dem hingeben, was da kommen mag.

Was hält mich noch ab?

Die Masken

Mir träumte heute wieder etwas äußerst Seltsames, und doch fühlt es sich so real an. Ich spüre noch meine Umhängetasche an der rechten Schulter, in der mir schwarzer Stoff und eine weiße Maske entgegenblitzt.

Ich bin auf dem Weg in den nächsten Raum, in dem mehrere dieser Masken verteilt werden, alle gegen einen bestimmten Preis, und von meinen zwei Geschwistern war ich die, die sie behalten durfte – mehr Geld hatten wir nicht. Um eine neue Technik soll es sich handeln, mit der man reisen kann, wohin man will, und die Maske auf deinem Gesicht verwandelt sich je nach dem, für welche Pille du dich entschieden hast. Die Frau, die den Verkauf regelt, die aber auch die Verwandlungen betreut, hat ein hartes, strenges Gesicht, ich habe sie noch nie zuvor gesehen, doch ist mir ihr versteinerter Blick vor Augen. Ich fühle mich wie auserwählt, denn noch haben nur wenige eine der Masken erhalten, hinter uns eine lange Schlange, neben uns am Fenster sitzen meine Brüder und auch mein Papa, der voll begeistert scheint und es so bald wie möglich selbst ausprobieren will. Bitte sehr, ich würde meine Maske ja abgeben, so heiß bin ich nicht darauf, Versuchskaninchen zu sein. Wenn es nur so leicht wär‘ mit diesen Träumen.

Uns Maskenträgern stehen mehrere Optionen zur Verfügung. Die meisten gehen einfach nur „online“, was auch immer das bedeuten mag; doch ist es wohl die einfachste und angenehmste Variante und ich bin vor lauter Angst versucht, ihnen gleichzutun. Es ist wie die Angst vor einem Horrortrip, weswegen ich chemische Drogen immer abgelehnt habe. Und jetzt verteilen sie Pillen, und ich muss mich entscheiden.

Eine andere Option ist die des „Surrealen“, so nennt es die Frau und neben mir befindet sich ein Mann schon genau in diesem Szenario, irgendwie kann ich sehen, was er erlebt, nur von außen, als stille Beobachterin. Er sitzt in einem Kanu, das aus einem einzigen Baumstamm besteht, und hinter ihm schwimmt ein ähnliches Gefährt, und darin erneut er selbst, mit weiß-roter Farbe um die Augen, er spricht mit seinem Spiegelbild in einer Sprache, die ich nicht kenne.

Zurück zu meiner Situation, ich bin an der Reihe. Ich verstehe nicht, was ich sage und wofür ich mich entscheide, doch die Frau nickt und weist mir mit schroffen Handbewegungen an, genau jetzt die Maske aufzusetzen. Den schwarzen Umhang habe ich mir nach dem Vorbild der anderen über die Schultern geworfen, er reicht fast bis zum Boden. Dazu trage ich mein rotes Kleid, es war ebenfalls in meiner Tasche, wozu das gut sein soll, frage ich nicht mehr. Ich nehme die Silikonmaske und führe sie an mein Gesicht, immer näher, sie wird langsam wärmer, und wie ein Saugnapf passt sie sich von selbst an meine Nase, meine Lippen, meine Stirn an, enger und enger, es brennt. Tief durchatmen, höre ich noch von außen, vielleicht aber auch in meinem Kopf, tief mit der Nase ein, mit dem Mund aus, nur keine Panik. Ich merke, wie sich meine Gesichtszüge verändern, ja mein ganzer Körper scheint sich zu verwandeln, einatmen, ausatmen, ein Sog, ein Strudel erfasst mich – und ich wache auf.

Ist das jetzt eine dieser Optionen?

(Halle, 23.01.2020)