Wie es sich anfühlt, zu verschwinden

Als ich an jenem Abend die Tür zu meinem Hotelzimmer schließe, habe ich den heftigsten Anfall seit langem. Ich kenne das mittlerweile, dass ich von der Arbeit nachhause komme und beim Übertreten meiner Türschwelle verschwinde. Oft schaffe ich es gerade noch mit dem Aufzug nach oben, schon auf dem Heimweg merke ich, wie die unsichtbaren Hände an mir zerren. Diesmal geschieht es also in einer fremden Stadt, in einem fremden Bett, und die Angst, am Ende an einem Ort aufzuwachen, den ich nicht kenne, hallt in den Weiten meines Schädels, doch ich kann sie nicht mehr greifen, der Nebel hat schon zu wirken begonnen.

Alles wird schwarz um sie herum.

Milas Augen lösen sich aus ihrer Halterung, als wäre das ganz normal, es tut nicht weh, das ist reine Routine, möchte man als Zuschauer meinen, jetzt ist ihre Zeit, sie sind jetzt dran. Sie lösen sich und steigen aus Milas Gesicht, sie sehen Mila, wie die Decke des Hotelzimmers sie sieht, von oben herab.

Sie sehen Mila, wie sie unbeweglich in ihrem Hotelbett liegt, über ihren Augen trägt sie eine Schlafmaske, auf den Ohren Kopfhörer, es ist dunkel im Zimmer und still, nur von weitem hört man Türen auf und zu gehen, Menschen mit Koffern den Gang entlang hasten, sie müssen zum Zug, zum Flugzeug, zum nächsten Termin, dürfen den Anschluss nicht verpassen. Mila bewegt sich nicht, sie liegt zugedeckt und atmet still vor sich hin.

Langweilig, denken sich ihre Augen, und schweben zum Fenster hinaus.

Dort drüben, auf einer grünen Wiese im Schatten unter Weiden, sehen sie Milas Freundinnen auf Decken sitzen. Um sie herum Pappteller und -becher, ein Picknick wohl, und in ihrer Mitte kleine Kinder, sie spielen miteinander, sie brabbeln vor sich hin, sie weinen und lassen sich in den Armen ihrer Mütter trösten.

Nach einer Weile stehen Milas Freundinnen auf und gehen geschlossen ein paar Schritte in Richtung See, dort tanzen sie auf einem Rave ausgelassen inmitten einer Menschenmenge, sie lachen, sie fallen sich in die Arme, sie knutschen mit wildfremden Leuten. Dann verlassen sie auch diese Szene, sie steigen in ein Cabrio und fahren an den Strand, wo sie sich in Bikinis bräunen und im Meer auf den Wellen reiten.

Milas Augen haben genug gesehen, sie schwenken zur Seite, wo ihre Familie um einen Weihnachtsbaum sitzt: ihr Bruder Joni mit seiner Frau und den zwei Kindern, ihre Schwester Aleks mit deren Freundin, und ihre Mutter mit einem Mann, der vermutlich ihr Partner ist. Sie lachen, sie reichen sich gegenseitig Geschenke, sie umarmen sich dankbar, und es scheint, als würden sie in ihrer heimeligen Stimmung nichts missen, als fehlte in ihrer Mitte keine Mila, als hätte es sie nie gegeben. Deren Augen entflieht ein dickes, schweres Tränchen, es fällt dem jüngeren Kind Jonis auf die Wange, das erschrocken nach oben blickt und sich wundert, warum es drinnen plötzlich regnet.

Na gut, das reicht jetzt aber, beschließen Milas Augen, und kehren zurück ins Hotelzimmer. Doch der Mensch, zu dem sie gehören, liegt nicht mehr in seinem Bett: An dessen Stelle steht nun ein offener Sarg, in dem Milas Körper mit Kopfhörern und Schlafmaske liegt, jemand hat ihr schicke Kleidung angezogen, sie liegt dort, doch niemanden scheint es zu kümmern.

Sie ist doch noch nicht tot, klagen ihre Augen an, doch langsam werden auch sie müde, sie kehren zurück unter die Maske, machen es sich bequem und decken sich mit den Lidern zu, für heute haben sie genug gesehen. Was soll nur aus uns werden, fragen sie sich, warum liegen wir in einem Sarg, wir sind doch noch gar nicht tot, oder?

Sie spüren, dass Mila jede Kraft fehlt, sich gegen ihre Situation zu wehren, sie kann nur noch liegen und atmen, ganz vorsichtig, denn auch das kostet Energie, die sie nicht hat. Aus dieser untragbaren Situation flieht sie lieber hinüber ins Reich der Träume, dorthin, wo sie noch lachen, tanzen, gehen und stehen kann, wo sie unzählige Menschen trifft und Abenteuer erlebt, sie bliebe am liebsten für immer dort, was soll sie noch hier, wo sie wie lebendig begraben ist. Dort hat sie wenigstens einen gesunden Körper, eine Traumwohnung, eine prestigeträchtige Arbeit, Freundinnen, einen gutaussehenden Mann, alles, was sie sich jemals vom Leben gewünscht hat. Oder?

Doch ihr Körper lässt sie nicht einfach schlafen und träumen, wann und wieviel sie will, er braucht das gar nicht; sie ist zwar so unglaublich müde, so unglaublich erschöpft, alles tut weh, aber schlafen kann sie nicht, sie ist wach und ihr Gehirn gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, ein ewiger Kreislauf.

War da was? Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Oder? Wieso kümmert sich niemand um mich? Wer hat den Sarg aufgestellt? Und warum holt mich niemand nachhause?

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Ein Ausschnitt aus meinem neuen Buchprojekt „Und keiner hat mich je mehr gesehen“ (Arbeitstitel), in dem es um eine junge Frau geht, die zunehmend aus der Öffentlichkeit verschwindet und am Ende auch vor sich selbst. Wie dieser Abschnitt zeigt, dreht sich der Text um den persönlichen und gesellschaftlichen Umgang mit chronisch kranken Menschen. Das Verschwinden spiegelt sich in der Erzählperspektive wider: Das Ich löst sich auf, die Figur sieht sich nun von außen, bis sie in ihren Körper zurückkehren und wieder erzählen darf.

[Regensburg, 5.4.25]

„Die Unterirdischen Seen“ – ein ganz besonderes Buch

Für mich ist dieses Buch aus vielen Gründen besonders. Und warum eigentlich mein Pseudonym „Lenka Kerler“?

Die Idee zu den „Unterirdischen Seen“ ist in mir herangereift, seit ich 2014 im dunklen Winter durch die Straßen von Łódź gestreift bin, mit gebrochenem Herz, Musik im Ohr und Murakamis Bildern vor Augen. Damals schnappte ich in einem meiner Uni-Seminare die Geschichte eines unterirdischen Flusses auf, den es tatsächlich in dieser Stadt gab und gibt. Meine Fantasie malte aus dieser wenig mysteriösen Anekdote bunte Bilder, und die Lektüre Murakamis inspirierte mich, ebenso eine Geschichte zu schreiben, die so düster und magisch war, wie ich mich fühlte.

Immer wieder habe ich in den letzten Jahren den Versuch gestartet, in die Geschichte hineinzufinden, mein ganz eigenes Märchen endlich aufzuschreiben. In losen Fetzen kamen Bilder dabei heraus, die ich zum Teil auch eingebaut, von denen ich die meisten allerdings weggeschmissen habe. Wenn ich merke, dass ich zu viel über mich schreibe, zu sehr aus meinem Ego heraus, dann langweilt mich das. Und was mich langweilt, wird rigoros gelöscht.

Es waren auch erstmal andere Dinge wichtiger: Meine Praktika, wieder mal Liebeskummer, mein Umzug in eine neue Stadt, neue Freund:innen, meine Masterarbeit, meine Doktorarbeit, etwaige Fragen und Sorgen über meine Zukunft.

Und dann kam diese Krankheit, zunächst Long COVID und dann ME/CFS, und plötzlich waren alle Pläne und Vorstellungen stillgelegt. Was tun, wenn man all dessen beraubt wird, wovon man meinte, es mache einen aus? Zwei Jahre habe ich gebraucht, um mich einigermaßen mit der Vorstellung anzufreunden, sie zumindest zu akzeptieren, dass dieser Zustand erstmal dauerhaft ist, und ich aus dem, was ist, das Beste machen muss.

Und letztes Jahr, als ich eine Zeit lang bei meinen Eltern wohnte, bis ich in meine neue Wohnung in Regensburg ziehen kann, habe ich einfach angefangen. Mich hingesetzt und losgeschrieben, ins Blaue hinein. Nicht mehr lange gedacht, wie ich was am besten ausdrücke, sondern einfach losgeschrieben. Und das ist tatsächlich auch das „Geheimnis“: hinsetzen und machen. Nicht zu lange drüber nachdenken.

Das war auch das Einzige, was ich in meiner Situation machen konnte: Liegen (musste ich sowieso die meiste Zeit des Tages) und da mal zehn Minuten schreiben, dann wieder eine Viertelstunde. Zwar war das jedes Mal eine Kraftanstrengung, und geistige Konzentration ermüdet mich am meisten. Nach zehn Minuten schreiben muss ich manchmal eine Stunde schlafen oder zumindest in dunklem, stillem Raum mit Augen zu liegen, ohne Reize von außen. Aber es war das Befriedigendste, Erfüllendste, was ich seit langem gemacht habe, und es war so spannend zu sehen, wie das, wovon ich so oft gelesen habe, nämlich dass man einfach seinen Figuren folgt, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt, Wirklichkeit wurde.

Ich wusste nicht, wie die Geschichte ausgeht, ich hatte nur eine grobe Vorstellung, wem meine Protagonistin alles begegnen würde. Und ich fand auch die Frage unglaublich spannend, wer da eigentlich erzählte. Wer ist die Erzählerin? Und wie erzähle ich etwas, von dem niemand mehr erzählen kann? Diese Fragen tauchen auch im Buch auf, ganz explizit, und sie mögen bisweilen den Erzählfluss stören, aber das ist schon gewollt so. Dieses Durchbrechen des Augenscheinlichen, des Erwarteten, das ist, was mich an Geschichten reizt. Diese Frage: Was ist Wirklichkeit, was ist Traum? Was ist damals geschehen? Die Lücken, die man mit der eigenen Fantasie füllen muss, finde ich besonders wichtig, denn nichts langweilt mich mehr, als alles erzählt zu bekommen.

Diese Fragen schließen übrigens an meine Doktorarbeit an, auch dort habe ich, allerdings an den Texten anderer, untersucht, wie das Unerzählbare erzählt werden kann (im Kontext der Shoah, des Kriegs und allgemein Traumata). Wer erzählt, wenn man selbst nicht dabei war, und wenn sich niemand erinnern will oder kann? In „Die Unterirdischen Seen“ bin ich dem in der Praxis nachgegangen.

Und warum also „Lenka Kerler“?

Einfach aus dem Grund, weil ich einen Namen gesucht habe, der sich einfacher aussprechen lässt als „Schraml“, auch international. Ja, ich denke groß, aber Träumen darf man ja wohl noch 🙂 Ob sich das dann durchsetzt, werden wir sehen, meistens mach ich ja einfach und denk nicht allzu viel drüber nach.

„Kerler“ ist der Nachname meiner Großeltern mütterlicherseits, die mir sehr nahestanden und bei denen ich auch einen großen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Als ich zu Bachelor-Zeiten noch in Regensburg gewohnt habe, gab es immer einen Oma-und-Opa-Tag, an dem ich zum Mittagessen zu ihnen gefahren bin, dann haben Opa und ich abgespült und abgetrocknet und wir alle haben Mittagsschlaf gemacht. Manchmal bin ich bis abends geblieben, das waren die schönsten Tage.

Jetzt wohne ich nicht weit von ihrem ehemaligen Zuhause entfernt, gehe fast jeden Tag dort vorbei und kann nicht mehr klingeln. Manchmal tut das weh, aber oft denk ich einfach zurück an diese schönen Tage und dann wird mir warm ums Herz. Ja, und da die Kerlers immer eine Arbeiterfamilie waren, von den Nazis nie viel hielten und auch allgemein eine lustige Sippe sind/waren, ist mir der Name sehr sympathisch.

So, und wers bis hierhin geschafft hat:

„Die Unterirdischen Seen“ sind jetzt als print on demand bestellbar!

Also loslos, unterstützt eine junge Schriftstellerin mit Träumen 😉 Wer kann schon behaupten, eine echte Schriftstellerin zu kennen, sie von Anfang an unterstützt und ihr erstes Buch gekauft zu haben, das sie damals noch im Selfpublishing veröffentlicht hat!

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Mein erster Roman „Die Unterirdischen Seen“

Eine junge Frau, die verloren war und jetzt das sucht, wonach sie sich in den Tiefen ihres Herzens sehnt, eine Stadt, über die der Nebel herrscht, ein Geheimnis, das jeden verändert.

Was hat es mit dem Verschwundenen Wasser, mit den Unterirdischen Seen, mit den Tribunen auf sich? Warum kennt niemand den Weg und was ist bloß mit den Einwohnern dieser seltsamen Stadt los? Was geschieht mit denjenigen, die den Weg zu den Unterirdischen Seen allen Hindernissen zum Trotz finden? Wie etwas erzählen, wie sich erinnern, wenn alle schweigen? Und wo bleibt der Hoffnungsschimmer? 

Mein Debütroman verspricht: 

  • Sogwirkung
  • Starke Frauenfiguren 
  • Einen sprechenden, rauchenden Braunbären, der Begründer einer Widerstandsbewegung ist
  • Dramatische, allwissende Omas
  • Einen alten weißen Mann (aber nur einen!) 
  • Spannung, Tiefgründigkeit, Überraschungen, Philosophisch-Poetisches, Surreales, Dystopie, Utopie, Märchenhaftes

Was habt ihr noch entdeckt?

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Freue mich über jede Unterstützung und jedes Feedback 🙂

Jetzt als Print on Demand überall, wo es Bücher gibt.

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☀️❤️

Ideen finden mich

Eine Idee erscheint.

Wer ist sie, wie sieht sie aus? Darf ich mich ihr nähern oder verschwindet sie, sobald ich zu interessiert bin?

Vorsichtig trete ich an sie heran und – mein Glück, sie zeigt mir neue Seiten von ihr.

Wird sie bleiben, darf ich über sie schreiben? Wird sie es zulassen, dass ich sie entdecke, sie untersuche, beschreibe?

Manche Ideen wollen nur kurz gesehen werden, dann reisen sie weiter, ich soll nur einen Einblick bekommen in das, was möglich ist, in das, was dort draußen im Strom herumschwimmt, doch ich bin nicht der Mensch, der sie zur Welt bringt.

Und manche Ideen sind nur für mich da, sie umtänzeln mich so lange, bis ich bereit bin, in sie einzutreten.

Wieder andere lassen mich zwar an ihnen schnuppern, doch greifen kann ich sie nie, sie rutschen mir aus den Fingern, wandeln ihre Gestalt. Dann sind sie noch nicht reif, müssen noch ein paar Jahre oder Leben warten, bis sie geboren werden, aber das ist schon in Ordnung so.

Gute Ideen wollen Weile haben, heißt es nicht so? Und wer wäre ich, dies anzuzweifeln?

Wenn ich in eine Idee eintrete, sehe ich zunächst noch unscharf. Wer ist diese Person, von der ich schreiben soll? Ich versuche, mich ihr anzunähern, langsam, vorsichtig, um sie nicht zu verscheuchen. Jede Figur ist anders. Manche sind forsch und stellen sich mir selbstbewusst in all ihren Eigenschaften vor, sie sehe ich von vornherein bis ins Detail. Andere sind schüchtern, wollen unerkannt bleiben, wollen mich erst kennenlernen, bevor sie etwas von sich preisgeben. Manche bleiben bis zum Ende anonym, obwohl sie eine wichtige Rolle spielen, aber es ist ihnen lieber so. Wer weiß, was mit ihnen geschähe, wenn ich sie offenbarte, doch es kann nichts Gutes sein. Und so manche dann nimmt mich mit, tiefer hinein in den Kern der Idee. Ich folge ihr, gespannt, wem wir begegnen, was wir sehen und erleben dürfen.

Ich habe davon immer nur gelesen: Dass Schriftstellerinnen ihren Figuren folgen, dass sie nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht, sie sind nur die Chronistinnen. Letztes Jahr durfte ich das selbst erleben, und noch immer weiß ich nicht genau, was ich da eigentlich geschrieben habe, manches Mal war ich wie im Rausch, habe hier angefangen und bin dort drüben gelandet.

[Regensburg, 21.1.25]

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Wer wissen will, wohin mich meine letzte große Idee geführt hat: Das Buch „Die Unterirdischen Seen“ gibts jetzt unter meinem Pseudonym „Lenka Kerler“ als Print on Demand. 🙂

getroffen

Wie anstrengend muss ein Leben sein, wenn man sich von Feinden umzingelt und die Welt kurz vor dem Untergang sieht?

Wenn man bemerkt, dass der eigene Status des Unangreifbaren zu bröckeln beginnt, ja sogar Statuen des eigenen Spiegelbilds schon gefällt wurden?

Wenn man sich plötzlich gezwungen sieht, sich mit sich selbst, seinem Handeln und dessen Konsequenzen, nicht nur heute, sondern auch vor dem eigenen Dasein, auseinandersetzen zu müssen? 

Die Erbfolge wurde abgeschafft, doch gegen den Sturz kämpft der einst unangefochtene König wie ein verwundetes, im eigenen Blut liegendes, mit letzten Zuckungen sich gegen das Unvermeidliche wehrendes Tier…

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Inspiriert von den Weltereignissen erneut der Text „getroffen“ (erste Mal gepostet am 13.11.2020 und auch in meinem Buch „Die Unterirdischen Seen“ wiederzufinden)

Herz vs. Verstand

Die Geschichten über das Verschwundene Wasser, die Unterirdischen Seen, ihren Schatz und die Tribunen haben meine Neugier entfacht. Welches Geheimnis ist eine so umfangreiche Manipulation der Bevölkerung wert? Wozu sollte man Menschen vorbeugend in Haft nehmen, wenn sie nicht mit ihrer Entdeckung der Unterirdischen Seen das größte Geheimnis der Welt lüfteten? Wenn sie danach nicht alles infragestellten, nicht an allem rüttelten, was unsere Auffassung von Wirklichkeit ausmacht?

Bisweilen zweifle ich daran, warum ausgerechnet mir diese Rolle zugefallen ist. Warum ausgerechnet ich mich auf den Weg zu den Unterirdischen Seen machen soll. Haben sie keine bessere, spannendere Kandidatin gefunden?

Bin ich nicht eher Antiheldin, die am liebsten zurückgezogen ihre Bücher liest und schreibt, die anonym und unauffällig in einer unbekannten Stadt wohnt, die es nicht drängt, auf der Bühne zu stehen und große Reden zu schwingen?

In mir kämpft gerade Herz gegen Verstand. Letzterer sieht nicht ein, warum wir für Geschichten, die wie Märchen klingen, erfunden, um den Menschen zu unterhalten, unser Leben geben sollten.

Er erinnert mich daran, dass Geschichten oft nur deshalb erzählt werden, um das Unbekannte aus dem Schatten zu zerren, um Schuldenböcke auszuweisen.

Vielleicht ist der Nebel nur der Geist des verschwundenen Wassers, eine seltsam beständige und hartnäckige Form seiner Art, vielleicht ist die Technik, die die Bewohner beherrscht, tatsächlich nur für deren Bequemlichkeit da, vielleicht tun sich diese einfach gegenseitig das Schlimmste an, da braucht es keine höhere Gewalt, wenn man sich über das Wesen des Menschen im Klaren ist.

Mein Kopf rationalisiert jedes Fünkchen Magie auf seine Wahrscheinlichkeit, auf den Verstand, auf Langeweile. Wenn es nach ihm ginge, würde ich der Stadt den Vogel zeigen, auf der Stelle umdrehen und nach Hause fahren.

Mein Herz dagegen steht für Fantasie und Romantik, für Mut und Furchtlosigkeit angesichts großer Abenteuer.

Mein Herz weiß: Etwas aus Angst nicht zu tun, kann niemals der richtige Weg sein. Es braucht Mut, um neue Wege zu betreten, die bisweilen im Dunklen liegen, vor allem am Anfang.

Doch bald wirst du auf eine Lichtung stoßen und wissen: Egal, wie dunkel der Wald ist, es gibt diese hellen Flecken, diese kleinen Paradiese, und dafür lohnt es sich.


Zu Weihnachten ein weiterer Ausschnitt aus Kapitel 5 der „Unterirdischen Seen“, dem Buchprojekt, das ich dieses Jahr nach zehn Jahren endlich „durchgeführt“, es also geschrieben habe. Ein großes Glück. Ich habe mich entschieden, es jetzt im Selbstverlag herauszubringen, denn es bedeutet mir zu viel, als dass ich es in der digitalen Schublade verstauben lasse. Bald könnt ihr es dann überall, wo es Bücher zu kaufen gibt, bestellen 🙂

Frohe, friedliche und besinnliche Weihnachten wünsch ich allen meinen Leser:innen, danke, dass ihr euch immer wieder auf meine Gedankenwelt einlasst. ❤

Warum eine Welt erfinden

Ich stelle mir vor, jeder Mensch hat im Laufe seiner Seele ein Leben, in der er vollkommen glücklich ist und alles perfekt läuft. Ein einziges unbeschwertes, voller Lachen und Freude, mit vielen guten Freunden, einer liebevollen Familie und der einen großen Liebe. Ein Leben bester Gesundheit, mit genug Geld und keinen echten Sorgen. 

Manchmal beobachte ich Menschen und denke, sie leben gerade genau dieses eine glückliche Leben. Ich freue mich für sie, denn ich weiß, ich hatte ein solches schon, und wenn nicht, dann kommt es noch. Und wie schön ist die Vorstellung, dass manche Menschen gerade ihr volles Glück leben?

Bin ich neidisch? Erstaunlicherweise nicht. Im Gegenteil, voller Vertrauen bin ich, dass mein Leben genau so sein soll, wie es ist, und Gedanken wie „Was hätte sein können?“ sind fatal und machen zutiefst unglücklich.

Es ist schon in Ordnung so.

Vielleicht lebt ja ein anderes Ich in einer Dimension links von mir gerade ihr bestes Leben? Vielleicht läuft sie gerade am Strand entlang, in ihrer Hand Frau und Kind und keinerlei Sorgen im Hinterkopf? Vielleicht ist das in der Dimension links von mir die bessere Welt, in der niemand verhungern oder verdursten, auf der Strasse leben oder in Kriegen sterben muss? 

Doch säße ich hier und erfände eine andere Welt, wenn ich in der meinen glücklich wäre? Wenn ich dort drinnen lebte und nicht hier draußen, in der Rolle der Beobachterin? Wie große Einsichten haben, wenn man nicht von außen hineinsieht, wie Zusammenhänge erkennen, wenn man mittendrin steckt? Oder wie es Erich Kästner formuliert hat: Der Fotograf ist nie mit auf dem Bild. 

Freilich, diese Theorien überdecken nur den Schmerz, sie helfen mir, meine Situation anzunehmen, da bin ich ganz ehrlich. Aber tun wir das nicht immer? Uns unsere Situation erklären, bis uns unser Herz endlich glaubt, und dann machen wir einfach weiter? Bestimmt. Wir Meister der Anpassung.

Ich für mich habe da zudem dieses Vertrauen in mir, und wenn ich still bin, kann ich es klopfen hören: 

Hey, ich bin immer noch da, solange es dich gibt, und das ist das Wichtigste. Dass es dich gibt. Alles andere sind nur Erzählungen, was ist schon „normal“, lass dir da nix einreden. Du bist du und das ist gut so, und jetzt mach das Beste draus mit dem, was dir gegeben wurde, und keine Sorge: Dein Leben ist nur ein klitzekleiner Ausschnitt eines viel größeren Bildes. 

[Regensburg, 11.12.24]