Biene, stich

Elefanten trampeln über mein Herz, woher kommen sie?

Ich spucke eine Biene aus, los los, opfere dein Leben für meines, zerstich’ den tonnenschweren Elefanten aus Luft!

Meine Zungenspitze ist taub, kein Summen weit und breit.

Gedankenfetzen liegen zerstreut auf dem Boden meiner Wirklichkeiten, durchtränken ihn, ertränken mich.

Hellwach lieg’ ich da, voll Freude und Trauer zugleich.

[Halle, 5.1.21]

Steinmetz

Sei du selbst.

Das sagt sich so einfach, wenn ich doch all die Jahre, in denen ich mein Ich formte, vergessen habe, wer ich eigentlich bin.

Hallo, liebes Selbst, was hättest du denn gerne? Wer bist denn du eigentlich, sag mal, erzähl mal was von dir.

Ein grober, unbearbeiteter Stein, darin ein diamantener Kern. Schicht für Schicht entfernen wir, die Hammerschläge schmerzen. Doch wenn das Stück Stein abfällt: Erleichterung, Leichtigkeit.

Ohne Schmerzen kein Wachstum.

Durch all die Gesteinsschichten, die sich über die Jahre ablagerten, sahst du dein Innerstes nicht mehr, den reinen Diamanten, als der du geboren warst. Du sahst dich als Stein. Wer bin ich? Ein Stein. Grob und grau, einer unter vielen. Wenn alle gleich sind, lassen sie sich auch ver-gleichen.

Behutsam setze den Meißel an, lerne, was Dich umgibt, entferne radikal. Die Schichten dienten Dir als Schutz, doch nun wiegen sie zu schwer, um weiter zu gehen. Wenn Du Dich nicht von ihnen trennst, bleibst Du irgendwann liegen, stehst nicht mehr auf. Statt an Dein eigenes Ziel zu gelangen, hilfst du Anderen, ihr Ziel zu erreichen, sie treten auf Dich, benutzen Dich, Du wirst Teil des Wegs, unsichtbar und unbedeutend. Doch Du kannst es ihnen nicht vorwerfen, es lag in Deiner eigenen Hand.

Nur wenige – und das sind die, die Du festhalten solltest – erkennen den in Dir enthaltenen Schatz, sie heben Dich auf und tragen Dich ein Stück ihres Weges.

Bis Du Dich auch endlich selbst erkennst.

[Halle,14.3.21]

Statistin im eigenen Leben

Das ist eine dieser Pausen, die in Filmen einfach übersprungen werden, Schnitt, nächste Begegnung, Schnitt, und action. Das echte Leben sieht anders aus, da musst du die langweiligen Stunden des Nichtstuns aussitzen. Hausarbeit erledigen. Hygiene. Menschlichen Bedürfnissen nachgehen. Ausharren, bis wieder etwas passiert, und meistens tut es das nicht, wenn du nicht selbst etwas ins Rollen bringst. Erleben Menschen Filmreifes, die den ganzen Tag nur im Bett liegen? Wohl kaum.

Wenn ich einfach hier bleibe, mich verstecke bis zum Tag meiner Abreise, was geschähe dann? Kämen die anderen Protagonistinnen auf mich zu? Holten sie mich hier heraus und steckten mich wieder hinein ins Geschehen? Gehöre ich zur Erzählung oder bin ich nur zufällig hineingeraten, aus Versehen Teil einer größeren Geschichte, die, wenn nicht mir, jemand anderem zustieße?

Es muss so sein, ich kann mir nicht vorstellen, warum ausgerechnet ich eine besondere Rolle in einem solchen Abenteuer spielen sollte.

Ich bin ein durch und durch durchschnittlicher Mensch: Ich bin nicht schön, auch nicht hässlich, nicht dick, nicht dünn, nicht genial und nicht dumm; meine Familie ist weder reich noch arm, wir haben keine interessante Ahnengeschichte und leben schon Jahrhunderte dort, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe keine ausgefallenen Talente, bin weder allzu sportlich noch faul, habe keine besonderen Hobbys, weswegen ich die Frage nach diesen für die persönliche Charakterprofilierung scheue; ich probiere mich aus, mache von allem ein bisschen und wenn es zu anstrengend wird, verpufft meine Motivation, als wäre sie nie gewesen.

Weder in der Schule noch im Studium fiel ich auf, ich hatte durchschnittliche Noten, kein Fach interessierte mich so, dass ich mich darin freiwillig mehr engagiert hätte, und so blieb auch mein Lebenslauf durchschnittlich.

Als die anderen Mädchen sich plötzlich für Jungs interessierten, fand ich das doof, aber ich machte mit, auch wenn ich es nie ganz verstand, warum man sich für Männer interessieren sollte, wenn es doch Frauen gab. Aber ich war durchschnittlich und wollte es sein, denn wer wäre ich schon, bei diesem Thema aus dem Rahmen zu fallen? Das hätte zu viel Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Zweimal fand ich Männer, die ich liebte und die mir das Herz brachen, doch daran war auch ich schuld, weil ich sie früher oder später von mir stieß, gelangweilt und auf der Suche nach mir. Verständlich, dachte ich jedes Mal, dass sie mich durch eine jüngere und schönere Frau ersetzt haben, ich bin viel zu fade und durchschnittlich und dort draußen warten so viele interessante Frauen, warum die Zeit also mit mir verbringen?

Ich war Statistin in meinem eigenen Leben, gelangweilt von den Erwartungen der Gesellschaft und ohne den Mut, etwas daran zu ändern. Kein Wunder also, dass mich das Leben dazu zwingen musste, aus dem Hintergrund nach vorne zu treten, von den Zuschauerrängen hinunter auf die Bühne – im Unglück steckt immer auch das Glück.

Wer das Abenteuer scheut, sollte zuhause bleiben, sollte nicht in Städte zurückkehren, die einen im Traum riefen, sollte nicht in sich plötzlich öffnende Türen treten, sollte Märchen nicht für bare Münze nehmen. Lange hatte mir das auch genügt, doch plötzlich war ich es leid, nur von anderen und über andere zu lesen. Ich wollte endlich mein eigenes Kapitel schreiben, auch wenn es mich alles kostete.

Ob Menschen wie Ewa sich auch so viele Gedanken über ihre Rolle als Hauptfigur machen? Oder sind sie es einfach und hinterfragen das nicht wie regelmäßiges Essen und Zähneputzen?


Ausschnitt aus Kapitel Vier meines Manuskripts „Die Unterirdischen Seen“.

Im Moment befinde ich mich in der gefühlt 1000. Korrekturrunde, ausgedruckt liest sich jeder Text nochmal anders. An ein paar Verlage habe ich das Manuskript bzw. Leseproben daraus schon geschickt, auch wenn ich wenig Hoffnung habe. Klar wäre es schön, wenn möglichst viele Menschen diese Geschichte lesen können, die mir so wichtig ist und für die ich so lange gebraucht habe, um sie endlich festzuhalten. Aber das ist auch das Wichtigste, ich bin einfach so stolz und erleichtert, diese Geschichte endlich geschrieben zu haben, und die Idee zum nächsten Buch wird bereits lauter. Ist das nicht schön? Ich hätte nie gedacht, dass es tatsächlich so ist, wie manche Schriftsteller:innen schreiben: Die nächste Geschichte lässt nie lange auf sich warten.

[Regensburg, 25.9.24]

Ein seltsames Rennen

Es ist ein seltsames Rennen, von dem wir heute Zeuginnen werden. Die Läufer stehen bereit, doch nicht alle auf einer Linie. Ein paar von ihnen dürfen mehrere hundert Meter weiter vorn starten als die große Mehrheit, die lose verteilt über die Laufbahn steht.

Unklar ist, wie lange dieses Rennen dauert. Bis der Erste aufgibt? Bis der Letzte tot umfällt? Und wohin laufen wir überhaupt?

Es beginnt auf den Schrei einer gebärenden Frau hin.

Die Handvoll Läufer ganz vorne behält ihren Abstand zum Rest hin, ja vergrößert ihn im Laufe des Rennens sogar, bald sind sie nur noch ein paar Punkte am Horizont. Immer wieder werfen sie Getränke und Energieriegel hinter sich, wie um zu sagen: Kommtkommt, wir helfen euch, hier habt ihr ein bisschen Energie, ihr könnt es schaffen! Gleichzeitig aber werfen sie ihnen Steine – wortwörtlich! – in den Weg. Der Rest wird sie nie einholen, das wird immer deutlicher, je langer das Rennen dauert, denn sie sind besser trainiert, ausgestattet, ernährt, und die hundert Meter, die ihnen zum Start geschenkt wurden, macht niemand, nicht einmal der begabteste Läufer, mehr wett.

Allein das Gegenteil wird dem Rest erzählt! Sie müssten sich nur anstrengen, sie müssten es nur wirklich wollen, und wenn sie schnell genug liefen, könnten sie am Ende mit denen dort vorne mithalten. Immer mehr bleiben zurück und auf der Strecke liegen, sie haben im falschen Glauben alles gegeben, doch es war nie genug. Viele versuchen es gar nicht erst, ihnen fehlen die Möglichkeiten oder Schuhe, sie haben ein kaputtes Knie, ein krankes Herz oder andere, unüberwindbare Hindernisse in und vor sich. Manche stolpern über die Hürden, die ihnen die da vorne in den Weg legten, wieder andere geraten in einen Streit mit ihren Konkurrenten, die Rennbahn ist eng, es haben nicht alle Platz, sie schubsen sich gegenseitig in die Gräben.

Und dann sind da noch diejenigen, die verspätet dazukommen, mit noch schlechteren Startbedingungen als die bereits Anwesenden, die noch schneller laufen, sich noch mehr anstrengen müssen als diese, um wenigstens einigermaßen mithalten zu können. Die Anwesenden befasst plötzlich eine Angst, dass die Neuen sie überholen, dass sie ihnen die geringe Chance auf einen Platz auf dem Podium wegnehmen. So wird ihnen zumindest erzählt. Sie sind sich nicht bewusst, wie ihnen die Neuen ihre eigene Aussichtslosigkeit vorspiegeln, und hassen diese dafür umso mehr.

Eigentlich könnten sie viel weiter und schneller sein, schließlich hatten sie noch immer bessere Startbedingungen als jene, die ihre Heimat, ihre Familien verließen, die unfreiwillig an diesem künstlichen Lauf teilnehmen, nachdem sie zuvor schon vor Krieg, Hunger, Armut geflohen sind – das unerbittlichste Rennen von allen. Ihnen nun, und sie haben es nicht anders gelernt, werfen sie Stein in den Weg, eine Last, die sie noch langsamer und müder macht, die sie noch weiter zurückfallen lässt.

Die vordersten Läufer derweil genießen ihre Ruhe, sie machen mehrmals Halt, gehen gemütlich spazieren, erholen sich an den menschenleeren, noch voll ausgestatteten Trinkwasserstationen. Sie machen sich keine Sorgen. Ihr Sieg war nie in Gefahr.

[Regensburg, 1.9.24]

Die Unterirdischen Seen – Inhalt

Dieses Buch handelt von der Suche nach dem Unbekannten, von der Schwierigkeit zu erzählen, wenn der wichtigste Teil der Geschichte im Dunklen liegt, von einer Stadt, deren Bewohner Gefangene ihrer selbst sind und über die ein kleiner Kreis der reichsten Männer aus dem Schatten heraus herrscht; diese Stadt birgt in sich einen Schatz, der noch jeden, der diesem auf den Grund zu gehen wagte, in sich verschlang, und der von unheimlichen Gestalten mit allen Mitteln beschützt wird. Welches Geheimnis ist so wertvoll, dass die Machthabenden dafür über Leichen gehen?

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„Komm zurück“, flüsterte sie ihr seit Monaten des Nachts ins Ohr, bis L. nachgibt und in die Stadt zurückkehrt, aus der sie vor Jahren Hals über Kopf floh. Doch sie erkennt die Stadt kaum wieder: Die Menschen verhalten sich seltsam, ein zäher Nebel beherrscht die Straßen und Köpfe, und ihre damalige beste Freundin verschwindet nach ihrem ersten Treffen spurlos.

L. begegnen im Laufe der ersten Tage mysteriöse Omas, eine Grüne Frau, eine Doppelagentin und sogar ein ausgewachsener Braunbär, der in einer Kneipe Bier trinkt, Zigaretten raucht und der Anführer einer Widerstandsbewegung ist.

Sie erzählen ihr vom Verschwundenen Wasser, von den Unterirdischen Seen, der größten Schatzsuche der Welt und den Tribunen, einem geheimen Zirkel, der die Stadt aus dem Schatten heraus regiert.

Ohne es zunächst zu wollen, wird sie auf einen Weg geschubst, von dem niemand je lebendig oder bei Sinnen wiederkehrte. Wo fängt die Suche nach den Unterirdischen Seen an, wo endet sie? Was hat es mit den Unterirdischen Seen auf sich und warum geben die Tribunen alles, um die Menschen von einer Suche nach diesen abzuhalten?

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Das ist ein Text, den ich heute für mein Exposé entworfen habe.

Finde es ja soo schwer, das Exposé zu schreiben 😮‍💨 Da muss einfach alles sitzen, wenn man auch nur eine klitzekleine Chance haben will 🫣

Der Singvogel und das melancholische Mädchen

Auch heute kam sie. Ihre traurigen Augen nahmen Platz auf der Bank unter seinem Baum. Sie blickte sich aufmerksam um, ob auch ja nicht zu viele Menschen unterwegs waren, die sie in ihrem Alleinsein unterbrachen. 

Oft saß sie stundenlang da und genoss die Stille; der Singvogel war sich sehr sicher, dass sie ihm dann lauschte. Manchmal las sie ein Buch, in dem sie mit einem Bleistift für sie wichtige Sätze markierte. 

Es war jedes Mal erstaunlich, welche Wirkung diese Stunden auf der Bank hatten. Natürlich war dafür auch sein Gesang verantwortlich, da war der Vogel ganz selbstbewusst. Immerhin lächelte sie sehr oft in seine Richtung, besonders wenn er sich ins Zeug legte und er ihr all jene Töne schenkte, die er für besondere Momente in sich aufbewahrt hatte. Als verstünde sie, was er ihr zurief, lehnte sie sich genießend zurück und nahm alles in sich auf.

Manchmal flog er ihr ein Stück des Weges nach, wenn ihre Zeit auf der Parkbank vorbei war. Er konnte dann sehen, wie sie sich ein wenig leichter bewegte, wie die Kraft, die sie an manchen Tagen nach unten zog, ein wenig nachgelassen hatte. Er wäre ihr gerne mit nach Hause gefolgt, hätte gerne mit ihr gegessen, ihr ein Gute-Nacht-Lied gesungen, an ihrem Bett gewacht. Aber das war nicht möglich, das hatte er beobachtet. 

Die Zweibeiner bestanden darauf, dass Lebewesen wie er nicht in ihre viereckigen, steinernen Nester kamen, sie fuchtelten dann wild aufgeregt in der Luft herum, damit der Störenfried ihr Nest verließ. 

Manche allerdings gab es, die seinesgleichen in kleine Kästen sperrten, um sich an ihnen oder auch ihrer Kraft zu ergötzen, die es ermöglichte, kleineren Lebewesen die Freiheit zu rauben. Der Singvogel glaubte ja, dass viele ihn um seine Fähigkeit des Fliegens beneideten und seinesgleichen deshalb einsperren, ihre Flügel stutzen und besitzen wollten. Warum sonst sollte man einem Lebewesen genau das nehmen, was das Wesen seiner Natur war?

Seiner Liebe wäre dies jedoch nie in den Sinn gekommen. Sie liebte alle Lebewesen, da war er sich sicher, und vermutete darin den Grund ihrer Traurigkeit. Sie liebte sie so sehr, dass sie traurig wurde ob der Getrenntheit, die zwischen allen – insbesondere den zweibeinigen – Lebewesen bestand. Er spürte das, denn es ging ihm ähnlich. 

Er würde in diesem Leben immer nur Singvogel bleiben, keine Chance haben, mit ihr Worte zu wechseln. Doch das war auch nicht nötig, denn er konnte dafür so singen wie niemand sonst auf der Welt, und vielleicht war genau das seine Lebensaufgabe.

Die Fühler des neuen Tages kitzelten ihn an seinen Federspitzen, was für ein herrlicher Morgen und Tag dies werden sollte. Er schüttelte sich und übte seine Stimme. Irgendwann, kurz nachdem die Sonne am höchsten stand, kam sie des Weges, lächelte ihm zu und setzte sich. 

Und er sang für sie die Arie seines Lebens: Sei traurig, mein Mädchen, der falsche Zeitpunkt, der uns zusammenführte, wird uns auch wieder trennen. Sei nicht traurig, mein Mädchen, ich bin bei dir, jede Sekunde Tag und Nacht, alles ist verbunden, für immer.

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(Repost vom 19.04.2020)

Der Nebel

Bisweilen ist der Nebel greifbar, und wer in den oberen Stockwerken wohnt, hat das Gefühl, über den Wolken zu schweben. An diesen Tagen fühlen sich die Bewohner der Stadt wie benommen, als hätte sich der Nebel auch in ihrem Kopf breitgemacht. Dann ist die Stadt mit Untoten gefüllt, niemand achtet auf den anderen, alles egal, wichtig nur ist es, den Tag hinter sich zu bringen, morgen wird besser, ganz bestimmt. Wenn zwei Passanten im dichten Nebel aneinanderstoßen, erwachen sie kurz, erschrocken, entschuldigen sich hektisch und hasten schnell weiter, ein wenig gebeugter als zuvor. Der Nebel zerfrisst jede Lebensfreude, er verschluckt die Farben der Natur, saugt alles Schöne in sich auf. Er ist allgegenwärtig, im Innen und Außen der Menschen.

Und trotzdem: So sehr er sie auch bedrückt, so schwer er auf der Stadt liegt, geben sie nie ihm die Schuld. Der Nebel umarmt die Bewohner wie eine weiche, warme Decke, sie fühlen sich geborgen, zuhause, geliebt. Jeden Abend gehen sie betäubt, aber zufrieden ins Bett. Sie haben schon wieder vergessen, wie anstrengend und lang dieser Tag war, und sie sind auf’s Neue überzeugt davon, in der schönsten Stadt der Welt zu wohnen.

Wollen sie diese in seltenen Fällen verlassen, so sind sie schon nach einem Tag in der Fremde zittrig, unsicher und voller Sehnsucht nach „ihrer“ Stadt. Sie können nur schlecht schlafen, wenn sie nicht jeden Tag wenigstens ein wenig vom Nebel einatmen, der zu ihrem Zuhause gehört wie die vielen Schlote, das fehlende Wasser, die Hektik auf den Straßen.

Wir wissen nicht, ob sie die Stadt jemals wirklich verlassen. Ob das überhaupt möglich ist. Manche erzählen, dass sie einmal woanders waren, und doch sind sie immer wieder schnell zurück, als hätte der Nebel sie gerufen, oder als wäre es unmöglich, ohne diesen zu leben. Sie kehren zurück und haben vergessen, was sie dort draußen wollten, haben vergessen, wo sie waren.

Vielleicht umgibt die Stadt ein unsichtbares Gewebe, das den Menschen vorgaukelt, an anderen Orten zu sein, ein anderes Leben zu leben, bis sie schließlich umkehren, umnachtet, mit Bildern und Geschichten im Kopf, als wären sie nun ein anderer und besäßen neue Augen. Und manche gehen zum Sterben dort hinein, sie lösen sich auf in den sanften Stimmen, in den bunten Bildern, in den Wünschen und Träumen, und umschweben fortan unsere Stadt, gefangen im ewigen, aus uns selbst bestehenden Gewebe.

[Regensburg, 16.04.24]


Der Nebel spielt eine wichtige Rolle in „Die Unterirdischen Seen“, er trägt zur unheimlichen Atmosphäre der Stadt bei, verbirgt die Machenschaften des H. und malt die Erinnerungen der Protagonistin neu.

Was haben sie mit F. gemacht?

Ich habe nie herausgefunden, was sie mit F. gemacht haben.

Da sie nicht hier bei uns ist, kann ich nur vermuten, dass sie sie in eines ihrer großen Gefängnisse gesteckt haben, die sie draußen vor den Toren der Stadt unterhalten. Dorthin stecken sie diejenigen, die ihnen nicht ins Bild passen, die sich also weigern, bei ihren Arenakämpfen mitzumachen.

Oder sie haben sie „angepasst“, ich weiß nicht, was ich ihr weniger wünsche. Ein Leben im Gefängnis oder ein Leben unter neuer Identität, mit ausgelöschten Erinnerungen an früher, einer Maschine gleich, die perfekte Einwohnerin ohne eigene Meinung und eigenen Willen.

Was sie dabei genau machen, um diesen Puppenzustand zu erreichen, kann ich (zum Glück) nicht sagen, das wissen nur jene, die es durchführen und jene, an denen es durchgeführt wird, und diese schweigen danach für immer. Auch die Gefängnisse kann ich Ihnen nicht genauer beschreiben, über die hören wir nur Gerüchte. Und ich weiß nicht, was schlimmer ist: Zu wissen, dass Gerüchte oft übertreiben, oder dass sie doch nur die halbe Wahrheit sind, weil die ganze es nicht durch die dicken Mauern schafft oder so unaussprechbar ist, dass Worte niemals ausreichen.

Worte. Wörter. Man könnte alle Sprachen der Welt sprechen und nur ansatzweise die menschliche Erfahrung in all ihrer Brillanz und Grausamkeit beschreiben. Vielleicht ist es besser so. Manche Dinge sollten wir nicht aussprechen, und manche müssen frei bleiben, frei vom Gefängnis der Sprache.

Wir werden es wohl erst erfahren, wenn unser Heute Geschichte ist und man die Kinder über uns belehrt. Dann werden unsere Nachfahren hören, was wir uns gegenseitig angetan haben, was wir verpasst haben zu tun, und sie werden die Köpfe schütteln, sie werden sagen, zum Glück ist das nicht mehr so und das wird es auch nie wieder geben, während es in irgendeiner Ecke ihrer Stadt schon geschieht, unter anderem Namen, anderen Vorzeichen, aber heute ist heute und damals ist damals.

Was auch immer der Fall sein mag, ich hoffe inständig, F. geht es gut, wo auch immer sie jetzt sein mag. Und falls Du das hier eines Tages lesen solltest, meine liebe, liebe F.: Ich bin Dir von Herzen dankbar für alles, was du für mich getan hast. Es waren Deine Hinweise, die mich hierher geführt haben, wo ich jetzt bin, und auch, wenn das nicht ideal aussehen mag – zu wissen ist immer besser als nicht zu wissen.


Ein weiterer Auszug aus meinem neuesten Buchprojekt. F. war eine gute Freundin der Protagonistin, bis sie eines Tages spurlos verschwindet und nur Hinweise hinterlässt für deren Suche nach den Unterirdischen Seen.

Frisch aus der Feder, also seid bitte nachsichtig 😉

[Regensburg, 9.4.24]